WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Manager im Justizvollzug Middelhoffs hartes Leben in U-Haft

Seit dem 14. November ist das Leben von Thomas Middelhoff ein anderes. In der U-Haft ist jede Minute bestimmt. Wie Middelhoffs Alltag in der JVA aussieht.

Seit Mitte November sitzt Thomas Middelhoff in U-Haft – das könnte auch noch eine Weile so bleiben Quelle: dpa

Um wieviel Uhr der berühmte Thomas Middelhoff frühstückt, was er mittags isst, wohin er geht, mit wem er spricht, wann er duscht, zu welcher Tageszeit er einen Spaziergang macht (und vor allem: wo!) – das und sehr vieles mehr bestimmt seit dem 14. November nicht mehr der berühmte Thomas Middelhoff selber, sondern der völlig unbekannte Alfred Doliwa.

Ein Mann wie Doliwa rangierte in der Werteskala des abgestürzten Management-Stars bisher weit unten. Ein Beamter des Landes Nordrhein-Westfalen, stellvertretender Leiter der JVA Essen – im bisherigen Kosmos des Bertelsmann- und Arcandor-Ex-Chefs Middelhoff vermutlich keine relevante Größe. Nun leitet Doliwa – weil in der JVA Essen die Stelle des Anstaltsleiters derzeit vakant ist – die JVA im netten Stadtteil Essen-Rüttenscheid und bestimmt über jede unfreie Minute im Leben des aktuell prominentesten Untersuchungshäftlings Deutschlands. Angeblich wird Middelhoffs Einzelzelle Tag und Nacht alle 15 Minuten überprüft – weil Doliwa offenbar Sorge hat, der Manager könnte sich unter seiner Obhut etwas antun.

Der Middelhoff-Prozess von A bis Z

Seit dem 14. November weiß Middelhoff, was Freiheitsentzug tatsächlich bedeutet. Das Landgericht Essen hat den 61-Jährigen an diesem Tag zu einer überraschend harten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Wegen des drohenden Freiheitsentzugs und weil – unter anderem wegen seines französischen Wohnsitzes und wegen weiterer strafrechtlicher Ermittlungen – Fluchtgefahr besteht, schickte der Richter den frisch Verurteilten in die sofortige U-Haft. Ein Milieuwechsel sondergleichen. Fremdbestimmung in Maximalform. "Ich fand das unheimlich demütigend", sagt Kinowelt-Gründer Michael Kölmel über die zwei Tage, die er 2002 in Untersuchungshaft verbrachte.

Middelhoff lebt derzeit auf zehn Quadratmetern

Middelhoffs Hoffnung, sich so schnell wie Kölmel wieder frei im gewohnten Milieu von Villa, Fünf-Sterne-Hotel und Airport-Lounge zu bewegen, erfüllte sich nicht. Ein Haftprüfungstermin verlief erfolglos. Am 25. November haben Middelhoffs Anwälte Beschwerde eingelegt gegen die U-Haft.

Entscheiden darüber werden in Kürze die Oberlandesrichter in Hamm. Aus den ersten Tagen in der 10-Quadratmeter-Zelle wurde jedenfalls eine Woche, sind zwei Wochen geworden und können – vielleicht ist es Middelhoff inzwischen klar geworden – Monate werden, sogar Jahre.

Der Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach etwa sitzt seit dem 11. Juni wegen Betrugsverdacht in U-Haft – wie Middelhoff in der JVA Essen. Ein halbes Jahr – länger soll eine U-Haft eigentlich nicht dauern. Aber die Ausnahme wird gerade bei den komplizierten Wirtschaftsstrafsachen mit langen, aufwändigen Ermittlungsverfahren längst zur Regel.

Der frühere Internetstar Alexander Falk verbrachte vor seiner Verurteilung 2008 wegen Kursmanipulation 22 Monate in Hamburg in U-Haft. Bei Helmut Schelsky – dem Mann, der im Siemens-Auftrag und mit Siemens-Geld eine Scheingewerkschaft gegründet hatte – waren es 25 Monate, die er in der JVA Nürnberg verbrachte.

Freispruch nach langer U-Haft ist die Ausnahme

Vier Jahre Untersuchungshaft kamen auch schon vor: in den 1960er-Jahren bei einem später zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilten Finanzmakler und Autohändler. Und Ende der 1980er-Jahren bei einem Berliner Elektronik-Unternehmer, der wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verdächtigt, aber nie verurteilt wurde.

Freispruch nach langer U-Haft ist die absolute Ausnahme und in jedem einzelnen Fall natürlich ein Justizskandal. Im Normalfall aber bestätigt sich der Verdacht, und es folgt eine Verurteilung zu einer Haftstrafe, die über die U-Haft-Dauer hinaus geht und mit dieser verrechnet wird. Rund 24.000 Mal im Jahr wird in Deutschland Untersuchungshaft angeordnet.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%