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Metro trennt sich von Supermarktkette Real: Einmal drin, alles hin

Seit Jahren kämpft Real mit Gegenwind im Geschäft. Quelle: dpa

Real soll weg: Warum Metro-Chef Olaf Koch die schwächelnden Märkte wirklich loswerden will.

Krise? Welche Krise? Der Real-Markt in Düsseldorf Bilk ist gut besucht an diesem Freitag. Eine junge Mutter schiebt ihren prall gefüllten Einkaufswagen nebst zwei Kindern im Schlepp in Richtung Kassenzone. Vor dem Brotstand betrachtet eine Gruppe Rentner die Brötchenvielfalt und diskutiert angeregt über deren geschmackliche Qualität.

Der Düsseldorfer Markt läuft, was im Real-Reich längst keine Selbstverständlichkeit ist. Seit Jahren gilt die Kette mit 282 Standorten und mehr als 30.000 Mitarbeitern als Dauerbaustelle und Sanierungsfall – nun will der Mutterkonzern Metro Real loswerden. Metro-Chef Olaf Koch kündigte den Verkauf an.

Das Problem: Anders als der Bilker Markt liegen viele der riesigen SB-Warenhäuser fern der Innenstädte. Doch die Zeiten sind vorbei, als der Familieneinkauf mit dem Auto ein wöchentliches Großereignis war und im Einkaufswagen nicht nur Lebensmittel landeten, sondern auch Bücher, CDs oder Sportartikel. Seit Jahren kämpft Real daher mit Gegenwind im Geschäft.

Dass Metro-Chef Koch die Kette verkaufen will, kommt daher kaum überraschend. Möglicherweise ist der Verkauf auch Teil eines größeren Konzernumbaus. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge prüft Metro aktuell auch verschiedene Optionen für das China-Geschäft, darunter den Verkauf von Anteilen, die Suche nach einem strategischen Partner oder die Gründung eines Joint Ventures. Ein Komplettverkauf sei aber nicht vorgesehen.

Erst im vergangenen Jahr hatte sich der Metro-Konzern aufgespalten. In der neuen Metro wurden damals das Großhandelsgeschäft Cash & Carry sowie Real gebündelt. Die Unterhaltungselektronik mit den Marken Saturn und Media Markt wurde in der neuen Ceconomy zusammengeführt. Kochs Ziel: Er will Metro auf das Großhandelsgeschäft konzentrieren.

Der Verkauf von Real ist dafür der nächste und zugleich letzte große Schritt. Ende 2012 hatte er bereits die Real-Töchter in Ost- und Südosteuropa an die französische Auchan-Gruppe abgegeben. Seither spekuliert die Branche regelmäßig über eine Trennung von Real Deutschland. Nun macht Koch ernst: Binnen sechs bis acht Monaten soll Real einen neuen Eigentümer finden, kündigte er in einer Telefonkonferenz an. Der Prozess stehe zwar ganz am Anfang. Doch Real soll möglichst im Gesamtpaket veräußert werden.

Real: Befreiungsschlag für Olaf Koch

Für den Metro-Chef, der wegen der Kursentwicklung der Aktie bei Investoren zuletzt in der Kritik stand, soll die Real-Veräußerung ein Befreiungsschlag werden. Das Problem dabei: die dauermalade Kette gilt nicht gerade als Perle im deutschen Lebensmittelhandel. Von vielen Kunden werden Märkte, die mit dem Slogan „Einmal hin. Alles drin“ werben, oft als zu groß und unübersichtlich empfunden. „Einmal drin. Alles hin“, lautet ihre Version des Werbespruchs.

Auch in der Finanzszene hält sich die Begeisterung über Real bisher in Grenzen. Ein Frankfurter Banker bezeichnete Real kürzlich gar als „nicht verkaufsfähig“. Zumal aus wettbewerbsrechtlichen Gründen vor allem Finanzinvestoren als Bieter infrage kommen. Um an diese zu verkaufen, muss Koch noch Überzeugungsarbeit leisten.

So schwärmte der Metro-Chef bereits Mitte Juli im Interview mit der WirtschaftsWoche über die digitalen Fortschritte der Kette: „Real.de bietet über zwölf Millionen Artikel an und wird dieses Jahr den Umsatz auf nahezu 300 Millionen Euro verdoppeln“, sagte Koch. „Zudem haben wir weitere Akquisitionen vorgenommen, um das Digitalgeschäft auszubauen.“ Die Läden verfügten über „das größte Sortiment im Lebensmitteleinzelhandel“, lobt Koch.

Doch auch der Metro-Anführer weiß, dass das auf Dauer kaum ausreichen wird, um gegen Preiskämpfer wie Aldi und Lidl zu bestehen und zugleich Online-Player abzuwehren, die das einst margenstarke Nonfood-Geschäft der SB-Warenhäuser kapern.

Und ein hochgelobtes neues „Markthallen“-Konzept, bei dem Real auf mehr Gastronomie und Service setzt, ist allenfalls für einen Bruchteil der Läden eine Option. Mittelfristig würden sich nur „rund 30 unserer deutschlandweit rund 280 Standorte für das Markthallen-Konzept eignen“, räumte Koch im Interview ein.

Im Düsseldorfer Hauptquartier rechnen daher viele damit, dass ein künftiger Käufer darauf drängen wird, die Kosten weiter deutlich zu senken, womöglich sogar einzelne Standorte auszumustern.

Die Grundlagen dafür hat Koch gelegt, als er jüngst den Tarifvertrag mit Verdi kappte. Zunächst führt der Schritt paradoxerweise zwar zu deutlich höheren Ausgaben. Denn mit dem Ausstieg aus dem Sanierungstarifvertrag fallen alle mit der Gewerkschaft vereinbarten Lohnzugeständnisse für die 34.000 Beschäftigten weg. Auf Dauer jedoch sinken die Personalkosten, zudem können Filialen im Zweifel geschlossen werden.

Sollte ein Finanzinvestor zum Zuge kommen, wäre im zweiten Schritt auch eine komplette Zerschlagung des Unternehmens denkbar. Einzelne Filialen oder Standort-Pakete könnten dann an Wettbewerber wie Kaufland, Globus, Rewe oder Edeka abgegeben werden.

Die Pläne zum Real-Verkauf kamen an der Börse gut an: Der Metro-Kurs stieg auf über 14 Euro – das ist der höchste Wert seit fünf Monaten. Im April hatte der Konzern seine Gewinnprognose gesenkt, was den Aktienkurs abstürzen ließ. Der Kurs hat seit der Abspaltung – ebenso wie der von Ceconomy – massiv verloren. Bei Metro lag der Wertverlust der Aktie seit vergangenem Sommer zwischenzeitlich bei etwa 40 Prozent.

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