Online-Modehändler: Wieso der Verkauf von About You überfällig war
Zalando will sämtliche Aktien des kleineren Konkurrenten About You übernehmen. Den Großteil haben die Berliner schon sicher.
Foto: imago imagesDer Hamburger Handels- und Logistikkonzern Otto verkauft seinen Online-Modehändler About You an den Branchenriesen Zalando. Das Berliner Unternehmen bietet 6,50 Euro je About-You-Aktie, das sind zwei Drittel mehr als der Schlusskurs vom Montag. Insgesamt wird About You damit auf Basis der ausstehenden Aktien mit 1,13 Milliarden Euro bewertet. Die Berliner finanzieren den Zusammenschluss mit bestehenden Mitteln, eine Kapitalerhöhung ist laut eigenen Aussagen nicht nötig.
73 Prozent der Anteile hat Zalando schon sicher. Die Otto Group, die insgesamt 37 Prozent hält, Gesellschafter Heartland A/S, die Beteiligungsgesellschaft der skandinavischen Modekette Bestseller-Gruppe, sowie die About-You-Vorstände haben bereits zugesagt, ihre Anteile an Zalando zu verkaufen.
Weitere große Aktionäre sind etwa die ProSiebenSat.1-Tochter Seven Ventures und German Media Pool. Beide Investoren sind vor dem IPO im Rahmen eines Mediendeals eingestiegen, der dem Onlineshop Werbung im Gegenzug für Geschäftsanteile versprach. „Wir hier im Vorstand sind überzeugt davon, dass das ein attraktives Angebot für unsere Gesellschafter ist“, sagte About-You-Gründer Hannes Wiese in einem Gespräch mit Analysten. Was passiert, sollten die übrigen 27 Prozent der Anteilseigner diesem Cash-Angebot nicht zustimmen, bleibt unklar.
Im kommenden Sommer soll der Deal abgeschlossen sein, prognostizieren beide Parteien. Den Zusammenschluss nennen die Unternehmen „Project Pearl“, unter dem Begriff restrukturierte jüngst auch der Verlag Gruner + Jahr seine Organisation um. Kartellrechtliche Probleme erwarten die Modehändler nicht.
„About You war der Kern von Ottos Zukunftsstrategie“
Die beiden Marken Zalando und About You sollen nach der Fusion bestehen bleiben. Zalando richtet sich weiterhin an Kunden, die auf bestimmte Marken setzen. About You möchte eine jüngere Zielgruppe ansprechen.
Auch die About-You-Gründer und gleichzeitig Co-CEOs Tarek Müller, Sebastian Betz und Hannes Wiese werden ihre Arbeit fortsetzen, heißt es. Sie erhalten im Gegenzug Aktien an Zalando. Gegenüber der WirtschaftsWoche gab Müller zu verstehen, dass der Vorstand sich über die Fusion und die gemeinsame Zukunft freue.
Wie lange im Voraus die Übernahme geplant war, bleibt geheim. Die Tech-Szene wurde von der Ankündigung am Mittwochmorgen überrascht, selbst langjährige Vertraute der beiden Gründerteams seien nicht eingeweiht worden: „Nicht einmal auf der Otto-Weihnachtsfeier am Samstag war das Thema“, heißt es von einem Branchenkenner. Der Zeitpunkt kam unerwartet, die Nachricht an sich nicht.
Die Gründer und Co-CEOs von About You, Hannes Wiese, Tarek Müller und Sebastian Betz bleiben im Unternehmen.
Foto: PRLaut Berater und Branchenexperte Achim Berg war die Konsolidierung in diesem Marktsegment längst überfällig. Das Geschäft der Onlinehändler sei bei Weitem nicht so profitabel wie es die Investoren erwarten. Daher seien auch die Bewertungen in der Folge massiv eingebrochen. „In dieser Phase zeigen sich die Probleme der Branche deutlich: Zum einen gibt es große Überkapazitäten, zum anderen differenzieren sich Plattformen kaum. Die großen, angesagten Marken findet man fast auf jeder Plattform. Die Konkurrenz ist somit groß.“ About You sei nur ein kleiner Spieler im Markt gewesen und hätte daher auch größere Schwierigkeiten.
„About You wurde als Zalando-Herausforderer gegründet. Das hat in den ersten Jahren auch noch wunderbar funktioniert“, sagt Alexander Graf, E-Commerce-Experte und Wegbegleiter von Tarek Müller. „Otto braucht kurzfristig die beste finanzielle Aufstellung und hat dem Verkauf deshalb wahrscheinlich zugestimmt. Aber der Verkauf stellt Otto vor erhebliche strategische Herausforderungen: About You war der Kern von Ottos Zukunftsstrategie, wenn es um die Ansprache der jungen Konsumenten ging. Dafür haben sie nun keine Marke mehr.“
Otto hatte seine Beteiligung vor dreieinhalb Jahren an die Börse gebracht, damals zu einem Ausgabepreis von 23 Euro. Es hieß, dass die Gründer ihre Firma lieber fernab der Börse groß machen wollten, der Konzern aber auf den IPO drängte. Die Marktkapitalisierung lag im Juni 2021 bei rund 3,9 Milliarden Euro – ein Vielfaches dessen, was Zalando jetzt bereit ist, zu zahlen.
„Die gute Performance spiegelt sich jedoch seit Jahren bedauerlicherweise nicht im Aktienkurs wider“, heißt es in einer Mitteilung der Otto Group. Man habe sich darüber hinaus „sehr bewusst gegen eine weitere Beteiligung am neuen Unternehmen entschieden“. Der Otto Group sei es wichtig, bei Joint Ventures im Kerngeschäft relevanten Einfluss nehmen zu können. In der neuen Konstellation sei das so nicht möglich.
E-Commerce-Tool im Fokus
Bestandteil des Zalando-Deals ist auch das E-Commerce-Tool Scayle, eine Ausgründung von About You. Der Hamburger Modehändler hat sein eigens programmiertes Shopsystem im vergangenen Jahr ausgegliedert, sodass auch andere Händler wie Deichmann und Fielmann die Technologie nutzen können. Eine lukrative Entscheidung.
Im ersten Geschäftsjahr wirtschaftete Scayle profitabel– das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag bei 25 Millionen Euro, der Umsatz bei 47 Millionen Euro. Der Vorstand des Modehändlers kündigte im November noch ambitionierte Wachstumsziele an, außerdem wollte man die Kennzahlen künftig losgelöst vom Modegeschäft veröffentlichen. Ziel war es, volle Aufmerksamkeit auf die Tech-Lösung zu lenken.
Die bekommt nun vor allem Zalando. Scayle soll zukünftig das Programm Zeos ergänzen. Laut About-You-Chef Wiese nutzen einige Kunden bereits beide Tools, weil die Anbieter auf beiden Portalen gelistet sind. Mittelfristig wolle Zalando seine Bezahloptionen und Daten zu Größe und Form in Scayle integrieren, sodass die Zeos-Kunden die Funktionen ebenfalls nutzen können.
„Für Zalando dürfte Scayle der Kern der Transaktion sein“, sagt E-Commerce-Experte Graf. Es sei sinnvoll, dass Scayle künftig auch als Dienstleister für die Marken von Zalando arbeite. Vorteile des Deals gebe es viele: „Es gibt nun einen Wettbewerber weniger im Markt“, gibt Graf zu bedenken. Das wirke sich positiv auf die Werbepreise aus. Zudem habe man als gemeinsames Unternehmen eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber der Marken. Noch dazu könne man sich bestimmte Abteilungen sparen: „Das sind viele Dutzende Rollen, die dann gar nicht mehr gebraucht werden“, sagt Graf.
In einer Telefonkonferenz mit Analysten sagte Zalando-Co-Chef David Schröder, dass der Zusammenschluss nur begrenzte Auswirkungen auf die Mitarbeiter habe. Die Hamburger beschäftigen derzeit rund 1250 Personen, allein bei der Tochterfirma Scayle arbeiten 300 Menschen. Deren Job ist mutmaßlich gesichert. Bei Zalando sind es etwa 15.000 Angestellte.
Druck von Temu und Shein
About You ist vor allem auf dem deutschen Markt stark, hat dort die Hälfte der Erlöse generiert. Im vorigen Jahr waren das mehr als 1,9 Milliarden Euro, der Verlust lag bei 650 Millionen Euro. Zalando ist weltweit bekannt.2023 erreichte der Berliner Konzern einen Umsatz von 10,1 Milliarden Euro, unterm Strich verbuchte Zalando einen Gewinn von 83 Millionen Euro.
Beide Unternehmen erwarten bis zum Jahr 2028 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von fünf bis zehn Prozent beim Umsatz und dem Bruttowarenvolumen. About-You-Chef Wiese rechnet auf Seiten seiner Marke mit einem Wachstum im einstelligen Prozentbereich, sagte er in einem Investorengespräch.
Auch die Branchenexperten halten die Übernahme aus finanzieller Sicht für sinnvoll. „Wenn Zalando About You nicht übernommen hätte, wer hätte es sonst gemacht? Vielleicht Temu oder Shein”, gibt Berg zu bedenken. Diese Möglichkeit hätte Zalando im Heimatmarktwohl nicht gefallen. „Der Deal wird nicht das Ende der Konsolidierungen in der Branche sein“, prognostiziert der Berater. Die Frage sei bloß, wer wen als nächstes übernimmt. Zalando habe sich offenbar für eine Konsolidierung im deutschsprachigen Markt entschieden. Als nächstes könne eine britische Lösung folgen. Die Marken Asos oder Boohoo etwa.
Lesen Sie auch: Textil-Recycling boomt – wären da nicht Temu und Shein