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San Francisco Juuls Kampf ums E-Zigaretten-Verkaufsverbot

Ein Verkäufer in San Francisco zeigt eine Packung Juul-Pods. Quelle: AP

Stoppen San Franciscos Bürger das rigorose Verkaufsverbot von E-Zigaretten in ihrer Stadt? Der ins Visier genommene Marktführer Juul hat überraschend seine Unterstützung für die Kampagne zurückgezogen. Doch die versöhnlichen Töne kommen spät.

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Als Lokalpolitiker ist Shamann Walton mit Kompromissen vertraut. Aber für den Ratsherrn von San Francisco gibt es Themen, bei denen er zu keinerlei Zugeständnis bereit ist. „Ich kämpfe seit vielen Jahren dafür, den Gebrauch von Nikotin einzudämmen“, sagt der ehemalige Chefaufseher der Schulbehörde von San Francisco. E-Zigaretten sind für den 44j-ährigen Familienvater nur eine neue Verpackung für Nikotin und wegen ihres hippen Aussehens und Marketings eine Einstiegsdroge.

Mit Erfolg: Seit Juli ist San Francisco wegen Waltons Beharren die erste Stadt in den USA, die den Verkauf von E-Zigaretten komplett verboten hat. Zumindest solange, bis die US-Arzneibehörde ihre Schädlichkeit gründlich untersucht hat. Händler haben bis Ende Januar Zeit, ihre Restbestände zu verkaufen. Was besonders pikant ist, denn der E-Zigaretten-Marktführer Juul hat sein Hauptquartier in San Francisco und beschäftigt mehrere tausend Mitarbeiter. Walton fühlt sich erst recht bestätigt, seit die US-Bundesbehörde für Seuchenbekämpfung (CDC) über 500 Fälle von Lungenschäden dokumentiert hat, die sich wahrscheinlich auf den Gebrauch von E-Zigaretten zurückführen lassen. Juul steht als bekannteste Marke im Kreuzfeuer der Kritik.

Um den rigorosen Eingriff der Stadt ist eine millionenschwere Medienschlacht entbrannt. Die Tabakbranche will sich den Eingriff der Politik nicht gefallen lassen. Anfang November werden die Wähler von San Francisco abstimmen, ob sie das generelle Verbot kippen wollen. Die Unterschriftensammlung dafür wurde von einer Juul-Managerin gestartet, 19 Millionen Dollar hat allein Juul zugesagt. Damit das Begehren überhaupt eine Chance hat, wirbt es dafür, nur den Verkauf an Jugendliche einzuschränken.
Aber nun macht Juul einen Rückzieher. Der neue Juul-Chef K.C. Crosthwaite, der im Auftrag des Gesellschafters Altria das ins Trudeln geratene Jungunternehmen retten soll, hat als eine seiner ersten Amtshandlungen die Unterstützung für die Kampagne gestoppt. Er setzt lieber auf Dialog. „Wir müssen das Vertrauen der Gesellschaften zurückgewinnen, in denen wir tätig sind“, schlägt er versöhnliche Töne an.

Die Abstimmung ist nicht mehr zu stoppen. Aber die Chancen für den Erfolg an der Wahlurne standen schon zuvor schlecht. Hinter der Gegenkampagne „San Francisco Kids gegen Big Tobacco“ steht unter anderem der frühere New Yorker Bürgermeister und Multimilliardär Michael Bloomberg. Er ist der bislang größte Spender mit 1,6 Millionen Dollar.

Mehr noch: Im vergangenen Jahr lehnten die Wähler ab, das Verkaufsverbot von Tabak mit Geschmacksverstärkern in San Francisco, ebenfalls das erste in den USA, wieder zu kippen. In dem aktuellen Streit geht es nicht nur darum, wie gesundheitsschädlich E-Zigaretten tatsächlich sind, sondern auch um den Ruf der Stadt als Magnet für aufstrebende Tech-Unternehmer. Denn Juul hat sein Hauptquartier im sogenannten Dogpatch-Viertel südlich des Hafens von Francisco bezogen, beschäftigt am ehemaligen Arbeiterquartier mehrere Tausend Leute, wächst stark und will im nächsten Jahr direkt ins Stadtzentrum ziehen. In diesem Jahr verdoppelte sich seine weltweite Mitarbeiterzahl auf rund 4000.

Juul hat das Zeug zum Weltkonzern. Dachte zumindest der Marlboro-Produzent Altria, als er im Dezember vergangenen Jahres für 12,6 Milliarden Dollar 35 Prozent an dem Unternehmen erwarb.

Der im Dezember 2017 verstorbene San Franciscoer Bürgermeister Ed Lee hatte gezielt aufstrebende Tech-Unternehmen mit Steuererleichterungen in die Stadt gelockt, Twitter ebenso wie Pinterest und anfangs auch Regelverstöße von Uber und Airbnb geduldet.

Doch das Tischtuch zwischen der Stadt und Juul ist zerschnitten, für Crosthwaite wird es schwer, nur ansatzweise Vertrauen zu gewinnen. Walton redet erst gar nicht drum herum. „Ich möchte Juul nicht in der Stadt haben“, sagt der Politiker. „Looks like Tech, works like poison“ (Sieht aus wie Tech, wirkt wie Gift) lässt die kalifornische Gesundheitsbehörde in Städten wie San Francisco plakatieren.

„Die langjährige Philosophie der Tech-Branche, einfach mal alles zu versuchen und dann zu schauen, was davon funktioniert, klappt so ohne Weiteres nicht mehr“, sagt Olaf Groth, CEO der Denkfabrik Cambrian Futures und Professor an der Hult International Business School in San Francisco. Bei Software und Sozialen Medien hätte man dies anfangs noch tun können. Auch der Eingriff in die Privatsphäre im Tausch gegen freie Dienstleistungen wurde zuerst hingenommen. „Aber beim Körper, bei der Gesundheit, wird die Toleranzgrenze ganz sichtbar überschritten, spätestens seit dem Theranos-Skandal“, sagt Groth. Das Silicon-Valley-Unternehmen hatte verkündet, mit einem winzigen Blutstropfen eine Vielzahl von Gesundheitstest vornehmen zu können und bei seinen Patienten höchstwahrscheinlich fehlerhafte Resultate hingenommen. Die Gründer von Juul, zwei Stanford-Studenten, hatten ebenfalls vorgegeben, die Welt mit einer „gesünderen Alternative“ zur herkömmlichen Zigarette zu verbessern. Das ist gründlich nach hinten losgegangen.

Der neue Juul-Chef hat zumindest Erfahrung mit Regulierung. Als Strategiechef von Altria hat er jahrelang erfolgreich Verkaufsverbote von herkömmlichen Zigaretten verhindern können. Der verunsicherten Belegschaft kündigte er an, stärker in Auslandsmärkte zu expandieren. Doch das wird schwer. In China hat Juul bislang nicht Fuß fassen können. Indien hat den Verkauf von E-Zigaretten verboten. Zum Managementwechsel bei Juul wollte sich Ratsherr Walton gegenüber der WirtschaftsWoche nicht äußern. Aber er verriet, dass sich nicht nur andere US-Städte wie Seattle und Long Beach bei ihm wegen des E-Zigaretten-Banns erkundigt hätten, sondern auch internationale Metropolen wie Sydney.

Nicht nur die Landespolitiker in den USA sind alarmiert, sondern auch die Regierung in Washington. Dort sind die schwerwiegenden Folgen beim laxen Umgang mit Oxycontin mittlerweile bewusst. Das Schmerzmittel wird in den USA als Ursache für eine grassierende Suchtwelle gesehen wird, die nicht nur arme Bevölkerungsschichten trifft, sondern auch Mittelklassefamilien. Der Trend bei E-Zigaretten ist eindeutig besonders bei jungen Konsumenten. „Im vergangenen Jahr nutzen 3,6 Millionen junge Menschen, darunter einer von fünf Highschool-Studenten und einer von zwanzig Mittelschüler E-Zigaretten“, sagt Jerome Adams, Surgeon General der USA, in Deutschland mit dem Rang eines Staatssekretärs im Gesundheitsministerium vergleichbar ist. „Es ist eine Epidemie.“

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