UhrenWoche: Taylor Swift im siebten Himmel – mit Cartier am Handgelenk

Die Pfade der Liebe sind verschlungen und ihre Beständigkeit bekanntermaßen schwer vorhersehbar. Über die auf Instagram bekannt gegebene Verlobung der US-Pop- und Country-Sängerin Taylor Alison Swift ist hinreichend geschrieben worden.
Und ein charmantes Detail dieses Posts, der mit 36 Millionen Likes auf dem Weg ist zum meistgesehenen der Geschichte zu werden, hat für ein regelrechtes Erdbeben in Uhrensammler-Kreisen gesorgt: Ausgerechnet auf dem Bild, auf dem ihr Verlobungsring zu sehen ist, stiehlt eine auffällige Cartier-Uhr dem Ring mit einem kissenförmigen Diamanten des New Yorker Juweliers Artifex Fine Jeweller die Show.
Es handelt sich bei dem pièce de resistance um die 2004 herausgebrachte Armbanduhr Santos Demoiselle von Cartier. Bei den 282 Millionen Followern von Taylor Swift auf Instagram wundert es natürlich niemanden, dass die Suchanfragen nach genau diesem Modell im Netz explodierten. Das Problem: Die Produktion wurde bereits vor zehn Jahren eingestellt.
Selbst Chrono24, mit rund einer halben Million gelisteten Uhren der mit Abstand größte globale Online-Luxus-Marktplatz für gebrauchte Uhren, verzeichnet in den ersten zwei Tagen einen Nachfrageschub von 2000 Prozent.
Doch auch dort: Keine Swift-Santos: Kurz nach Veröffentlichung des Posts waren die einzigen zwei Modelle aus Hongkong längst verkauft. Die US-Business-Plattform Watchpro berichtete, dass Vintage-Händlern, denen die wenigen Modelle aus den Händen gerissen wurden, inzwischen lange Wartelisten führen.
Was sagt uns das: Gegen Frau Superstar Swifts‘ Fangemeinde ist eben selbst der König der Juweliere ein Zwerg: Die derzeit unter Uhrenfans sehr gehypte Luxusmarke mit 3,35 Milliarden Umsatz (laut Morgan Stanley) verfügt über gerade einmal 15,7 Millionen Fans.
Zum anderen spricht es aber vor allem für den Uhrengeschmack von Taylor Swift, da es sich nicht, wie man natürlich sofort vermuten würde, um einen sorgfältig geplanten PR-Coup handelt. Cartier bestätigte gegenüber der WirtschaftsWoche, dass Taylor Swift keine Markenbotschafterin sei.
Das Charmante an der ganzen Sache ist die Geschichte hinter der Uhr: Taylor Swift zeigt sich geschichtsfest und bedient sich selbstbewusst eines überaus männlich aufgeladenen Statussymbols: Der Name „Santos“ stammt von Alberto Santos Dumont, dem Sohn eines brasilianischen Kaffeebarons, der für Luftschlösser ganz anderer Art berühmt wurde.
Er gilt als Luftfahrtpionier, experimentierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Heißluftballonen, baute 14 Luftschiffe und die allerersten Flugzeuge: Bis zum Bekanntwerden des Erstflugs der Gebrüder Wright Brüder 1908 galt er sogar als Erfinder dessen.
Die von Swift getragene Cartier Santos Demoiselle ist zudem nicht nur irgendein Uhrenklassiker. Es handelt sich um den legitimen Nachfolger der ersten Serienarmbanduhr der Welt aus dem Jahr 1904. Louis Cartier, Sohn des Firmengründers, hat die erste Armbanduhr mit modernen Bandanstößen für Herrn Dumont persönlich entworfen, der im Luftschiff die Hände freihaben wollte und keine der damals üblichen Taschenuhren gebrauchen konnte.
Der Begriff Demoiselle ist nicht nur ein heute seltener verwendeter französischer Begriff für junge Frau, sondern beschreibt das zweite Flugzeug des Brasilianers, mit dem er 1907 über die Seine in Paris flog.
Armbanduhren galten zu der Zeit für Männer eher als verstörend und wurden als Schmuck überwiegend an zierlichen Armbändern von Frauen getragen, denen in ihren Röcken schlicht die Taschen fehlten.
Die Uhr atmet zudem den Geist von Paris, die ja bekanntlich als Stadt der Liebe gilt: Die eckige Gehäuseform der Santos steht abstrahiert für die Pfeiler des Eiffelturms, der damals als imposantestes Bauwerk seiner Zeit galt und den Santos Dumont in einem Flug-Wettbewerb, den er gewann, mit einem seiner Luftschiffe umrundet hatte. Louis Cartier griff diese Vogelperspektive auf, die Alberto Santos-Dumont von seinem Luftschiff aus gehabt haben muss.
Die Uhr avancierte über ein Jahrhundert lang bis heute zur Stilikone und zum männlichen Statussymbol. Umso spannender, dass Taylor Swift sie nun zum Modell für moderne Frauen macht. Sie scheint auf jeden Fall wie geschaffen für Überflieger: Im Film Wall Street von 1987 trägt Michael Douglas als Bankier Gordon Gekko eine goldene Santos Goldausführung zum Anzug mit Hosenträgern und Krawatte.
Für Taylor Swift sind ja inzwischen selbst Finanzhaie eher kleine Fische: Im Oktober 2023 erreichte sie als zweite Sängerin überhaupt den Milliardärsstatus. Stand Juni 2025 schätzt Forbes ihr Vermögen auf 1,6 Milliarden US-Dollar, womit sie die reichste Musikerin der Welt ist. Und das übrigens nicht mit Werbeverträgen: Sie gilt als erste Pop-Milliardärin, deren Vermögen in erster Linie auf ihren Songs und Auftritten basiert, wobei der Großteil ihres Vermögens aus Tantiemen und Tourneen stammt.
Es wundert daher nicht, dass Swift groß auffährt zur Verlobung: Aber beim Hype um die Uhr fällt auf, dass die im Vergleich zum Verlobungsring fast bescheiden günstig wirkt: Das 26-Millimeter große Gelbgold-Modell mit Diamant-Lünette liegt gebraucht preislich bei etwa 30.000 Euro, wenn man denn eins findet. Das zwischen 7 und 13 Karat geschätzte Schmuckstück am Finger wird hingegen von Experten immerhin auf bis zu 500.000 Euro geschätzt.
Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass es in den USA als selbstverständlich gilt, dass ein Verlobungsring das Brutto-Monatsgehalt des Mannes kostet. Swifts zukünftiger Ehemann, Footballstar Travis Kelce, wird mit etwa 17 Millionen Dollar Jahresgehalt taxiert.
Die große Frage bleibt: Suchen nun selbstbewusste Frauen genau die Uhr, die Taylor trägt, für sich selbst oder wollen damit smarte Männer ihren Taylor-Swift-liebenden Frauen einen besonderen Antrag machen?
Doch Vorsicht: Uhren gelten nicht in allen Kulturen als gute Geschenke: Im Chinesischen klingt der Begriff „eine Uhr schenken“ fast genauso wie „jemanden zu Grabe tragen“. Laut einem alten russischen Brauch (aus der Zeit unpräziser Mechanik) soll man auf keinen Fall eine Uhr verschenken: Danach halten solche Beziehungen nur so lange, bis die Uhr stehen bleibt. Das ist bei einer batteriebetriebenen Quarz-Uhr, wie im Fall von Taylor Swift, tatsächlich eines Tages der Fall.
Kennern sei daher die mechanische Alternative empfohlen, wie sie auch Santos-Dumont trug. Das Original ist zwar verschollen, aber solche Uhren werden Uhrmacher auch in 100 Jahren noch reparieren können und sie zeigen sich deutlich wertstabiler.
Das Schwestermodell der Santos Demoiselle, die Referenz 2960, hat sich in den letzten fünf Jahren allein um 160 Prozent auf Chrono24 im Wert gesteigert. Der Hype um die legendären Santos-Uhren von Cartier war also schon vor Taylor Swift da. Wer ein ganz ähnliches Modell sucht, sollte sich die aktuelle Cartier-Kollektion Panthere anschauen.
Swift verhilft der von Frauen selbst gekauften Damenuhr vielleicht zu ganz neuen Höhenflügen. Wie singt sie doch so schön in ihrem am häufigsten, über zwei Milliarden Mal gestreamten Song Cruel Summer: „bad, bad boy, shiny toy with a price, You know that i bought it.“
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