Teure Schokolade: „Beschäftigte müssen sich die Produkte, die sie herstellen, im Handel leisten können“
Ist die Produktion von Schoko-Weihnachtsmännern in Gefahr?
Foto: imago imagesWährend die meisten Deutschen im August noch Eiscreme essen und an Meer und Strand denken, bereiten sich in dieser Zeit viele Unternehmen bereits auf Weihnachten vor. In der Süßwarenindustrie beginnen viele Betriebe schon ab Mai, Schokoweihnachtsmänner und Co. herzustellen. In diesem Jahr könnte die Herstellung sich allerdings verzögern, denn die Mitarbeitenden von Süßwaren-Unternehmen wie Lindt, Storck und Lambertz könnten die Produktion in den kommenden Wochen lahmlegen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat in Nordrhein-Westfalen im August zum Streik aufgerufen. Der Auftakt war am 24. Juli, wo bereits die Produktionsbänder von insgesamt fünf Unternehmen stillstanden.
Der Grund: Die Tarifverhandlungen für die Süßwarenindustrie in NRW mit dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) sind für die mehr als 17.000 Beschäftigten zuletzt ins Stocken geraten und endeten bisher ohne Ergebnis. Die Gewerkschaft fordert, dass die Löhne um 9,9 Prozent steigen, mindestens aber um 360 Euro pro Monat für jeden Beschäftigten. Außerdem sollen die Auszubildenden 190 Euro mehr im Monat bekommen.
Isabell Mura, die stellvertretene Landesbezirksvorsitzende der NGG in NRW, begründet diese Forderungen mit der hohen Inflation und dem Kaufkraftverlust, den die Beschäftigten in den letzten Jahren hinnehmen mussten. „Es muss sichergestellt werden, dass die Beschäftigten sich die Produkte, die sie herstellen, im Handel leisten und ihre Familien vernünftig versorgen können“, kommentierte Mura im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.
Der BDSI bezeichnet die aktuellen Warnstreiks als „vollkommen unbegründet und restlos überzogen“. Die Unternehmen kämpften aktuell mit Herausforderungen wie den gestiegenen Rohstoff-, Energie- und Logistikkosten und den in Deutschland standortbedingt hohen Belastungen durch Steuern, Arbeitskosten und Bürokratie, heißt es vonseiten des BDSI.
Tatsächlich sind die globalen Preise für Kakao seit Jahresbeginn wegen der verheerenden Ernten in Ghana und beim Hauptproduzenten Elfenbeinküste steil gestiegen. Die beiden Länder trugen bislang zusammen rund 60 Prozent zur weltweiten Versorgung bei. Schon Ende März erreichten die Kakaopreise neue Rekordhöhen, einzelne Firmen erhöhten kurz vor Ostern die Preise für Schoko-Osterhasen um bis zu 20 Prozent. Aktuell zahlen Schokoladenhersteller für Kakao immer noch weit mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. Im Juni 2024 lag der durchschnittliche Preis von Kakaobohnen im Welthandel bei rund 8380 Dollar pro Tonne – ein Jahr zuvor waren es noch 3124 Dollar.
In Westafrika machen ungünstiges Wetter, Pflanzenkrankheiten und Schmuggel der Kakaoproduktion seit Monaten zu schaffen. Ghana verzeichnete bis Ende Juni nur Erträge von 429.323 Tonnen, wie aus Daten der heimischen Kakao-Behörde Cocobod hervorgeht. Das ist weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Haupternte, deren Großteil bis Ende Juni erzielt wird.
Viele Hersteller warnen deshalb immer lauter: Wenn die Kosten weiter steigen und die Bürokratie noch mehr zunimmt, bleibt nicht viel übrig vom deutschen Mittelstand im Süßwarengeschäft. Denn Süßigkeiten sind ein deutscher Exportschlager. 54 Prozent der hierzulande produzierten Süßwaren gingen im vergangenen Jahr ins Ausland. Und die Branche wächst: Ihre rund 50.000 Beschäftigten stellten 2023 4,27 Millionen Tonnen Snacks her, zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor.
„Die Beschäftigten können nicht das unternehmerische Risiko auf ihre Schultern nehmen und dafür aufkommen, dass der Kakaopreis durch die Decke geht“, sagt Mura, „das müssen die Unternehmen wuppen“. Bei den ersten Verhandlungen haben die Arbeitgeber „kein brauchbares Angebot gemacht“.
Lindt, dessen Mitarbeitende in Aachen ebenfalls höhere Löhne fordern und am Streik teilnehmen, hat die gestiegenen Kosten zumindest teilweise an die Kunden weitergegeben: Preiserhöhungen im mittleren einstelligen Bereich zum Ausgleich höherer Kakaopreise hätten neben einem höheren Absatz zu einem Umsatzplus geführt.
Am 3. September findet die zweite Verhandlungsrunde statt. Bis dahin sollen nach und nach Betriebe bestreikt werden. „Der August wir noch mal heiß“, kündigt Mura an.
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