Warenhaus-Drama: Galeria Karstadt Kaufhof meldet zum dritten Mal Insolvenz an
Galeria hat Anfang Januar einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Essen gestellt. Es ist die dritte Insolvenz innerhalb von dreieinhalb Jahren.
Foto: dpa Picture-AllianceAuf dem Boden liegen Kleiderbügel, in den Regalen klaffen Lücken. Und im Abstand von einem Meter hängen grell leuchtende Plakate über den Gängen des Galeria-Warenhauses am Berliner Leopoldplatz: „Wir schließen diese Filiale“ steht darauf, „Großer Sortimentsabverkauf“. Und: „Alles muss raus“. Kurz nach Weihnachten ist der Andrang in der früheren Karstadt-Filiale so heftig wie selten zuvor in der Geschichte des Hauses. 20, 30 Meter lang sind die Warteschlangen an den Kassen. In den nächsten Tagen werden hier die letzten Unterhosen, Hausschuhe und Kissen mit bis zu 80 Prozent Rabatt verramscht. Selbst Schaufensterfiguren und Schließfächer stehen zum Verkauf. Dann ist Schluss. Nicht nur im Berliner Wedding. Im ganzen Land schließen im Januar unrentable Galeria-Warenhäuser. So war es im Rahmen des letzten Insolvenzverfahrens vereinbart worden, um das Unternehmen als Ganzes zu erhalten. Doch ob das gelingt, ist spätestens seit heute mehr als fraglich: Kaum ein halbes Jahr nach dem Abschluss des letzten Insolvenzverfahrens, hat das Management des Unternehmens am Dienstag beim Amtsgericht Essen erneut Insolvenzantrag gestellt.
Als vorläufigen Insolvenzverwalter setzte das Gericht den Hamburger Juristen Stefan Denkhaus ein. Denkhaus ist Partner der Kanzlei BRL Boege Rohde Luebbehuesen. Er war bereits bei zahlreichen Restrukturierungen als Insolvenzverwalter, Berater und Sanierer im Einsatz, unter anderem bei Unternehmen wie KTG Agrar, Abellio, den MV Werften und der Flensburger-Schiffbaugesellschaft. Seit vergangenem Jahr ist er zudem Sprecher des Gravenbrucher Kreises, ein Zusammenschluss von Vertretern führender Insolvenzkanzleien.
Schon ab April 2020 sowie ab Oktober 2022 hatte Galeria zwei Insolvenzverfahren durchlaufen, damals als Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung. Diesmal wurde hingegen ein Regelinsolvenzverfahren beantragt, das die Kompetenzen und Mitsprachemöglichkeiten der Geschäftsführung deutlich stärker beschneidet. Die bisherigen Geschäftsführer Guido Mager und Olivier Van den Bossche sollen dem Vernehmen nach bis auf weiteres jedoch an Bord bleiben.
Trotz aller Einschnitte und Umsatzrückgänge in den vergangenen Jahren sind die Filialen des Unternehmens nach wie vor ein wichtiger Anlaufpunkt in vielen Innenstädten. Galeria betreibt deutschlandweit aktuell noch 92 Warenhäuser. Das Unternehmen mit Sitz in Essen beschäftigt derzeit rund 12.500 Mitarbeiter. Sie werden in den nächsten drei Monaten voraussichtlich Insolvenzgeld erhalten. Der Geschäftsbetrieb in den Filialen und Online dürfte so zumindest bis Ende März normal fortgeführt werden.
Untergang oder Befreiungsschlag?
Ob und wie es für Galeria langfristig weitergeht, wird davon abhängen, ob es Denkhaus gelingt, einen Investor zu finden, der Galeria als Ganzes übernimmt, oder zumindest den Unternehmenskern erhält. Die Aussichten werden recht unterschiedlich bewertet. „Die thailändische Central-Gruppe hat womöglich Interesse an einigen Galeria-Standorten, auch für Händler wie Breuninger könnten einzelne Filialen eine Option sein“, sagt etwa Johannes Berentzen, Chef der Handelsberatung BBE. „Aber ein Investor, der Galeria komplett übernimmt? Dafür fehlt mir die Fantasie.“ Eine Zerschlagung sei das wahrscheinliche Szenario: „Es würde mich überraschen, wenn mehr als 20 Galeria-Häuser überleben“, so Berentzen.
Er habe bereits Gespräche mit möglichen Interessenten geführt. Namen wollte Ettl nicht nennen. Er erklärte jedoch, es sei auch ein Konsortium denkbar, an dem sich etwa Lieferanten beteiligen könnten.
Einem einzelnen Investor oder Konsortium kann Galeria laut Betriebsratschef Ettl zwischen sechs und siebzehn Prozent Rendite bieten. „Garantieren können wir in schlechten Zeiten drei Prozent und in guten Zeiten mindestens sechs.“ Dafür müssten unter anderem die Mieten an den Signa-Standorten auf ein marktübliches Niveau gesenkt werden. In der Essener Unternehmenszentrale sei zudem wohl ein weiterer Arbeitsplatzabbau kaum zu vermeiden. Auch in der Logistik dürften weitere Einschnitte drohen. „Für mich als Betriebsrat ist das hart“, sagt Ettl. „Ich möchte gerne jeden Arbeitsplatz erhalten. Aber in unserer Lage darf es auch für Betriebsräte keine Denkverbote geben.“
Hohe Mietzahlungen an Signa
Hintergrund: Zur Signa-Gruppe gehören neben Galeria auch viele Immobilien, die an Galeria vermietet sind. Diese Kombination war in der Vergangenheit für Galeria nicht nur vorteilhaft. Ein besonders umsatzstarkes Haus wie das in Köln etwa führe rund 35 Prozent seines Umsatzes als Miete ab. Die Frankfurter Filiale komme auf 25 Prozent. „Das führt dazu, dass unsere besten Filialen kaum oder gar keinen Beitrag zum Ergebnis leisten. Das ist bei den Mietkosten auch gar nicht möglich“, sagte Ettl. Das Jahresergebnis von Galeria könne um 60 bis 80 Millionen Euro höher liegen, wenn die Mieten auf ein adäquates Niveau gestutzt würden. „Galeria würde dann auch Gewinn erwirtschaften.“
„Mietsenkungen allein würden den Niedergang von Galeria vielleicht etwas verlängern, aber ihn am Ende nicht stoppen“, meint dagegen Handelsexperte Berentzen. „Dafür stehen die klassischen Warenhäuser zu stark unter Druck.“
Offiziell versucht man die Insolvenz derweil als eine Art Befreiungsschlag zu deuten. Durch die Mittel des Insolvenzrechts können nun teure Miet- und Dienstleistungsverträge mit Signa gekappt und neu verhandelt werden. Operativ sieht sich das Management bereits auf Kurs.
Im Oktober und im November seien die Umsätze in den Filialen verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres im Schnitt um 8,5 Prozent gestiegen, was sich auch positiv auf das Ergebnis ausgewirkt habe, hieß es intern. Auch insgesamt sollen die Umsätze im letzten Quartal über Vorjahr gelegen gelegen haben. In vielen Filialen bewegten sich die Verkaufszahlen wieder auf dem Niveau vor Corona. Nur: Um eine Insolvenz zu vermeiden, hat das allerdings nicht ausgereicht.
Nach Informationen der WirtschaftsWoche laufen seit Wochen die Vorbereitung für das nunmehr dritte Insolvenzverfahren seit 2020. Jedes der bisherigen Verfahren zählte nach einer Statistik der Unternehmensberatung Falkensteg zu den größten Handelsinsolvenzen seit 2019.
Der entscheidende Auslöser war diesmal die Krise des österreichischen Galeria-Eigentümers Signa. Die Holding des von René Benko gegründeten Handels- und Immobilienkonglomerats hatte am 29. November in Wien Insolvenz angemeldet. Durch diesen Schritt sind Finanzierungszusagen für Galeria hinfällig geworden, wodurch die Tochtergesellschaft in die Überschuldung rutschte. Für einen Insolvenzantrag blieben dem Management in der Folge exakt sechs Wochen Zeit. Hinzu kommt, dass in den nächsten Tagen Umsatz- und Lohnsteuerzahlungen anstehen. Schon um eigene Haftungsrisiken zu vermeiden, musste die Geschäftsführung demnach die Reißleine ziehen.
Dem Vernehmen nach war allerdings bis zuletzt umstritten, ob die Insolvenz im Rahmen einer Regelinsolvenz oder als so genanntes Eigenverwaltungsverfahren durchgeführt werden soll. So soll es zuletzt unter anderem von der Bundesagentur für Arbeit (BA) Vorbehalte an einem weiteren Eigenverwaltungsverfahren gegeben haben. Die BA ist eine zentrale Gläubigerin, über sie werden die Insolvenzgeldzahlungen an die Beschäftigten abgewickelt. Am Ende entscheidet allerdings weniger die Verfahrensart über die Rettungsperspektiven, sondern schlicht die Frage, ob sich ein Käufer findet.
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