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Werner knallhart

Karstadt ist nicht mehr zu retten!

In knapp vier Wochen beginnt die neue Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt offiziell ihren Job. Probeweise eingekauft hat die Schwedin dort schon. Trotzdem hat sie noch nicht hingeworfen. Die Frau hat Nerven.

Foto einer Karstadt-Filiale Quelle: dpa

"Das ist nicht mein Tisch." Diesen Spruch habe ich in einem Restaurant bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gehört. Bei Karstadt gibt es ihn noch. Zumindest sinngemäß. Kürzlich stand ich bei Karstadt vormittags an einer der Doppelkassen, von der aber nur eine geöffnet war. Ich wollte Clipverschlüsse für Gefrierbeutel kaufen. Damit halte ich meine Cornflakes frisch. Vor mir standen rund sieben Kunden. Bei der Kundin ganz vorne funktionierte etwas mit der Kartenzahlung nicht. Da hatte ich eine geniale Idee: "Können Sie bitte noch eine Kasse aufmachen?"

Die Dame an der Kasse blickte über ihre Lesebrille mit Kordel: "Wie Sie sehen, bin ich alleine."

Ich deutete in Richtung der Badezimmerteppiche. Dort stand eine Verkäuferin in Gedanken versunken und pulte an ihren Fingernägeln.

"Die Kollegin kann da nicht weg. Die muss in der Abteilung bleiben." Weit und breit kein Kunde dort. Da fiel mir ein: Am Eingang zur U-Bahn gab es doch einen dm-Drogeriemarkt. Also kaufte ich da. Für einen Einkauf bei Karstadt hatte ich einfach keine Zeit.

Bei dm gibt es übrigens eine Klingel. Wenn man dort an der Leine zieht, machen die meist sofort eine weitere Kasse auf.

Eine Freundin brachte es kürzlich auf den Punkt: "Zur Not gucke ich bei Karstadt." Da dachte ich mir: Das ist es: das Karstadt-Problem. Es gibt große Kreise in unserer Gesellschaft, die kämen nicht im Traum auf die Idee, ohne Not, einfach mal so zu Karstadt zu gehen. Die gehen zu Karstadt, weil es gerade nicht anders geht. Aber mal zum Gucken, zum Bummeln? Hilfe, nein. Allerdings ist die Not bei vielen Kunden meist nicht groß genug, wie es Karstadt zum Überleben bräuchte. Sjödtedt sagt es selber: "Karstadt ist nicht profitabel. Und das muss sich schnell ändern." Ach nee. Aber wie? Es ist doch so schrecklich aussichtslos.

Einzelhandel mutiert zur Krisenbranche
Weltbild VerlagDas insolvente Medienunternehmen bekommt einen neuen Investor. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gab dem Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group den Zuschlag und brach die Verhandlungen mit dem Münchner Finanzinvestor Paragon Partners ab. Gemeinsam werde man die Sanierung mit dem geplanten Abbau von Stellen und Buchläden fortsetzen: "Die Restrukturierung für sich ist noch nicht abgeschlossen." Droege zeichnet eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro und erhält im Gegenzug eine 60-prozentige Beteiligung. Die übrigen 40 Prozent hält Geiwitz für die Gläubiger. Nach den bisherigen Plänen sollen 167 Filialen erhalten bleiben, die Zahl könnte aber weiter schrumpfen. Weltbild hatte am 10. Januar 2014 Insolvenz beantragt. Der Aufsichtsrat sah keine Finanzierungsmöglichkeit für eine Sanierung. Noch sind 2100 Mitarbeiter bei Weltbild beschäftigt. Der Augsburger Verlag war eines der größten Medienhäuser in Europa und gehörte zwölf katholischen Diözesen in Deutschland, dem Verband der Diözesen Deutschlands sowie der katholischen Soldatenseelsorge in Berlin. Weltbild litt zuletzt auch unter der Konkurrenz des US-Giganten Amazon. Konkreter Auslöser für die aktuellen Schwierigkeiten war nach Unternehmensangaben ein Umsatzrückgang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14. Quelle: dpa
KarstadtKarstadt-Investor Nicolas Berggruen möchte sich endgültig von den Warenhäusern trennen - das berichtet die Bild-Zeitung. Er verhandele mit der österreichischen Investorengruppe Signa des Unternehmers René Benko. Benko hatte im vergangenen Herbst bereits die drei Premium-Häusern und 28 Sportwarenhäusern der Kette gekauft. Die Berggruen-Holdings ist bisher noch mit einem Anteil von 24,9 Prozent an beiden Geschäftsbereichen beteiligt, außerdem gehören ihr noch die 83 Warenhäuser der Karstadt-Gruppe. Diese könnten nun - so die Bild - für nur einen Euro den Besitzer wechseln. Auch Berggruen hatte seiner Zeit nur einen symbolischen Euro für die marode Warenhaus-Gruppe gezahlt. Erst vor wenigen Tage hatte Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt nach nur wenigen Monaten im Konzern hingeschmissen. Quelle: ddp
KarstadtDer Warenhauskonzern Karstadt will bis Ende 2014 insgesamt 2000 Stellen abbauen. Die Branche leidet unter massiven Überkapazitäten außerdem wandern immer mehr Kunden ins Internet ab. Der Stellenabbau soll so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden und primär über Frühpensionierungen, Nichtverlängerung von befristeten Verträgen sowie freiwilligen Austritt erfolgen. Die Gewerkschaften werfen Karstadt-Investor Nicolas Berggruen vor, nicht genug zu investieren. Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Lage bei Karstadt abermals verschärft, das Umsatzziel für das Geschäftsjahr wurde bereits um 230 Millionen Euro auf 3,1 Milliarden Euro herunterkorrigiert. Quelle: dpa
Strauss InnovationDie angeschlagene Warenhauskette hat am 22. April mit dem Räumungsverkauf begonnen. Ende März hatte das Unternehmen bekanntgegeben, mehr als jede fünfte der insgesamt 96 Filialen schließen und 200 Mitarbeiter entlassen zu wollen. Strauss-Läden gibt es in 59 deutschen Städten. Durch ein zügiges Insolvenzverfahren will man die restlichen 1200 Arbeitsplätze erhalten. Der größte Teil der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren, soll die Möglichkeit bekommen, für sechs Monate in eine Qualifizierungsgesellschaft zu wechseln. Die Warenhauskette Strauss Innovation hat am 30. Januar 2014 beim Amtsgericht Düsseldorf einen Antrag auf Eröffnung eines Schutzschirmverfahrens eingereicht. Schuld an der Misere sollen die Wetterkapriolen im vergangenen Jahr sein. Das Frühjahr war zu kalt - Gartenmöbel & Co. blieben stehen - der Winter zu mild - auch die warmen Socken und Daunenjacken blieben hängen. Das Unternehmen gehört dem US-Investor Sun Capital, dem auch der Traditionsversandhändler Neckermann gehörte. Quelle: Screenshot
StrenesseDas Modeunternehmen geht auf Investorensuche. Die Nördlinger Designer hatten am 16. April einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Dabei bleibt der bisherige Vorstand im Amt, der externe Sachwalter wird der Geschäftsführung jedoch zur Seite gestellt. Zusätzlich wurde der Sanierungsexperte Michael Pluta in den Vorstand berufen. Vorstandschef Luca Strehle sagte, der Geschäftsbetrieb gehe uneingeschränkt weiter. „Ich bin immer noch überzeugt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Der jetzige Schritt ist eine Zäsur, um die Sanierung voranzutreiben, ohne den Mühlstein der Altlasten mitschleppen zu müssen.“ Durch die Insolvenz gewinne man enorm an Liquidität. Strenesse gehört seit rund 65 Jahren der Familie Strehle. In den vergangenen Jahren hatte man jedoch mit sinkenden Umsätzen und tiefroten Zahlen zu kämpfen. Erst im Februar stand Strenesse vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Inhaber einer Schuldverschreibung über zwölf Millionen Euro entschieden, dass Strenesse drei Jahre Luft bekommt und das Geld erst 2017 zurückzahlen muss. Strenesse beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und unterhält 15 eigene Geschäfte sowie Showrooms in München, Düsseldorf, Mailand, New York und Tokio. Im Geschäftsjahr 2011/2012 betrug der Umsatz des Konzerns 66,5 Millionen Euro. Quelle: Screenshot
Abercrombie & Fitch Der US-Modekette Abercrombie & Fitch bricht das Geschäft immer weiter weg. Der Umsatz fiel im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar, der Gewinn stürzte sogar um 58 Prozent auf 66,1 Millionen Dollar ab. Abercrombie & Fitch - auf Jugendliche spezialisiert und für seine leicht bekleideten Modelle bekannt - verliert seit längerem Kunden an Konkurrenten wie Zara, Forever 21 oder H&M. Sie wechseln ihre Kollektionen öfter und sind zudem günstiger.  Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Trade und Retail und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein prognostizierte auf WirtschaftsWoche Online bereits Ende vergangenen Jahres: „Ich glaube nicht, dass es Abercrombie & Fitch noch lange in Deutschland geben wird. Ihr Geschäftsmodell ist zu angreifbar und kippt gerade in den USA, so dass es höchstwahrscheinlich bald zum Rückzug aus Übersee kommt.“ Quelle: REUTERS
Die Baumarkt-Kette Max Bahr mit ehemals bundesweit 132 Standorten wird zerschlagen. Die Übernahmegespräche mit der Hellweg-Gruppe über die verbliebenen 73 Märkte waren Mitte November gescheitert; Ende November scheiterte dann auch eine Übernahme durch Globus. Am 28. November wurde dann bekannt, dass die Mannheimer Baumarktkette Bauhaus 24 Standorte des insolventen Konkurrenten übernimmt. Damit sollen rund 1300 der noch verbliebenen 3600 Arbeitsplätze abgesichert sein. Max Bahr hatte am 26. Juli 2013 die Eröffnung von Insolvenzverfahren wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit beantragen müssen. Mutterkonzern Praktiker hatte am 11. Juli den Gang zum Insolvenzrichter absolviert. Quelle: dpa

Wem ein Knopf abfällt oder wer Garn braucht, um Socken zu stricken, der flitzt schnell mal zu Karstadt rein. Aber wer bei Klamotten die großen angesagten Designer sucht, der klappert die Fußgängerzonen oder Einkaufszentren ab. Oder geht zu Peek & Cloppenburg. Dort gibt es neben den großen Marken auch Mal ein paar Geheimtipps und neue Ideen. Karstadt hingegen hat den Schnäppchenmarkt.

Wem zuhause eine Glühbirne durchbrennt, der geht zu Karstadt. Aber wann waren Sie zum letzten Mal in der Karstadt-Lampenabteilung? Dort kommt es einem doch hoch. Kennen Sie einen Menschen, der von sich sagt: "Diesen Fluter habe ich von Karstadt"?

Eine Tischsteckdose kriegt man bei Karstadt. Aber die große Auswahl an Elektronik vom Toaster bis zum iPad, das erwarten wir doch bei Saturn oder Promarkt. Karstadt hat nur von allem ein bisschen.

Wer einen billigen Sudoku-Sammelband braucht, der geht zu Karstadt. Wer ein gutes Buch sucht, der lässt sich in einem gut sortierten Buchgeschäft beraten. Dort kann er auch schmökern und bekommt einen Espresso.

Neulich räumte ich im Kollegen-Kreis ein, im Bistro bei Karstadt einen Salat gegessen zu haben. "Was, du gehst bei Karstadt essen?" Ich musste mich entschuldigen. Karstadt finden die Leute peinlich.

Bei was aber ist Karstadt spitze? Wo ist Karstadt erste Adresse? Wenn Sie mich fragen: bei Schreibwaren und Ledergeldbeuteln. Und manchmal bei Haushaltswaren, okay. Neulich wollte ich zwei Weingläser nachkaufen. Es waren welche auf einer sehr gelungenen Party zu Bruch gegangen. Die zwei Gläser kosteten bei Karstadt rund 39 Euro. Bei Amazon rund 35 Euro. Ich sagte zur Verkäuferin: "Wenn Sie mir den Amazon-Preis anbieten, kaufe ich bei Ihnen." Ihre Antwort: "Nein."

Ich zuckte nur zweimal: zum einen mit den Schultern, zum anderen mit dem rechten Daumen auf meinem Telefon. Gekauft bei Amazon. War auch praktischer. Da musste ich die Gläser nicht nach Hause tragen. Das Gleiche gilt für Koffer, Druckerpapier, Parfum, Uhren, Bücher und und und. Das Internet setzt die Maßstäbe. Karstadt schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Bei Saturn bekommt man den Artikel übrigens zum Amazonpreis. Man muss nur drum bitten. Die haben es begriffen.

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