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Autozulieferer Leoni: Vom Glück der virtuellen Hauptversammlung

Leoni steht auf der Liste der größten Kapitalvernichter 2019 auf Platz drei. Quelle: dpa

Beim Autozulieferer Leoni würden sich Aktionäre bei einer „echten“ Hauptversammlung heute wohl Luft machen. Missmanagement und ein neues Vergütungssystem geben Anlass zu Kritik.

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So sehr die Folgen der Corona-Pandemie die Wirtschaft insgesamt beuteln - an manchen Tagen dürften nicht wenige Manager börsennotierter Unternehmen sogar ein bisschen dankbar sein für die Störung des üblichen Betriebs. Dann nämlich, wenn die jährliche Hauptversammlung ansteht. Virtuell und mit Kenntnis der zuvor von den Anlegern schriftlich eingereichten Fragen lassen sich Kritiker in diesem Sommer sehr viel eleganter abschmettern als Auge in Auge vor vollen Sälen.

Auch bei dem Nürnberger Autozulieferer Leoni wäre es an diesem Donnerstag sicher hoch her gegangen. Obwohl es bei dem Hersteller komplexer Bordsysteme bereits vor Corona Spitz auf Knopf stand, der Aktienkurs nur noch ein Schatten seiner selbst ist, und das Unternehmen vor wenigen Wochen einen staatliche garantierten Kredit von 330 Millionen Euro brauchte, sollen die Festbezüge des Vorstands künftig steigen. Der Vorstandsvorsitzende Aldo Kamper darf sogar mit 150.000 Euro jährlich mehr rechnen. Sein fixes Salär beträgt künftig 900.000 Euro. „Das ist eine deutliche Anhebung,“ sagt Christiane Hölz. Sie ist Vergütungsexpertin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die Leoni auf der Liste der größten Kapitalvernichter 2019 auf Platz drei führt. „Muss man das in solchen Zeiten tun?“, fragt Hölz rhetorisch. „Ist eine Erhöhung das richtige Signal?“

Einen „Reparationsanspruch“ an den Vorstand für erlittene Aktienkursverluste gebe es nicht, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Probst auf entsprechende Forderungen von Anlegern. Probst war bis 2015 selbst Vorstandsvorsitzender von Leoni. Die Vergütung liege zudem im Marktmedian und sei „angemessen“. Kamper habe die ihn ihn gestellten Erwartungen bisher „voll erfüllt“.

Bei der Ausgestaltung des neuen Systems hatte sich das Unternehmen für 33.000 Euro die Unterstützung von Vergütungsexperten gesichert. Dennoch votierten am Ende – für Hauptversammlungen nicht eben berauschende – knapp 90 Prozent der online zugeschalteten Aktionäre dafür. Nur 137 Aktionäre, also etwas mehr als ein Viertel des stimmberechtigten Kapitals, hatten sich überhaupt die Mühe gemacht, der Veranstaltung beizuwohnen. Zu Gute halten die Aktionärsschützer der Unternehmensführung, dass das Vergütungssystem insgesamt künftig sehr viel einfacher und transparenter strukturiert ist. So entfällt etwa die variable Vergütungskomponente für mittelfristige Ziele. Abgesehen vom Jahresbonus soll mit Long Term Incentives (LTI) nach Unternehmensangaben die langfristige Entwicklung der Firma gefördert werden und „Anreize für ein nachhaltiges Vorstandshandeln“ gegeben werden.

„Das ist ein Schritt in die richtige Richtung,“ lobt Davide Brancaleoni von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Allerdings sei „problematisch“, dass die Hälfte der Langfrist-Boni in Aktien ausbezahlt werden solle, für die eine Haltefrist von lediglich einem Jahr bestehe. „Drei Jahre sollten es mindestens sein, sonst ist das nicht nachhaltig,“ kritisiert er. Nach Meinung der DSW-Expertin Hölz ist der Bemessungszeitraum für die Langfrist-Boni mit drei Jahren zu kurz: „Das sind im Grunde verkappte Midterm-Incentives.“

Für Stirnrunzeln sorgt ebenfalls die durchaus üppige Altersversorgung der Vorstände. Sie soll 30 Prozent der Festvergütung betragen.

Beim DSW betrachtet man Altersversorgungssysteme für Vorstandsmitglieder ohnehin kritisch und dringt seit Jahren darauf, solche Pensionszusagen komplett aus dem Vergütungsrepertoire zu streichen. „Da habe ich ein Störgefühl. Der Vorstandsverdienst reicht aus, um die Altersvorsorge aus eigener Tasche zu finanzieren,“ sagt Expertin Hölz. „Das ist eine künstliche Erhöhung der Festvergütung,“ moniert auch Brancaleoni von der SdK. „Fünf Prozent wären ok, 30 Prozent sind zu viel.“

Über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat waren sich die Stimmrechtsberater uneins. So empfahl der einflussreiche Stimmrechtsberater Glass Lewis ein positives Votum, die deutsche Tochter Ivox stemmte sich dagegen: Es könnten „durchaus Zweifel bestehen, ob die Kontrollfunktion des Gremiums einwandfrei ausgeübt wurde“, heißt es in der Empfehlung. „Es sollte darauf hingewiesen werden, dass bereits vor der Coronakrise die finanzielle Situation aufgrund möglicher Verfehlungen in der Vergangenheit bereits bedenklich war.“ Ivox riet vorsorglich, die Entlastung sowohl des Aufsichtsrats als auch des Vorstands zu verweigern - oder sich zur Not zu enthalten.

Das Votum der Aktionäre für jedes einzelne Mitglied der Gremien schwankte schließlich zwischen 90 und 93 Prozent. „Uns ist bewusst, dass die Entwicklung des Unternehmens Ihr Vertrauen hart belastet habt,“ räumte Vorstandschef Kamper ein. Eine „zu aggressive Wachstumsstrategie“ habe die Unternehmensführung in früheren Jahren „überfordert“, übte er indirekt Kritik an seinen Vorgängern. Auch die kostenintensive Transformation der Automobilbranche hin zu mehr Elektromobilität kann nicht von schweren Managementfehlern der vergangenen Jahre ablenken.

„Gerade weil Leoni so schnell gewachsen ist, wären Beratung und Kontrolle besonders wichtig gewesen,“ sagt Brancaleoni von der SdK. Er sieht Verfehlungen insbesondere beim Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Probst, der bis 2015 selbst Vorstandschef war. Von 2002 bis 2015 führte er das Unternehmen auf einem starken Expansionskurs. „Er hat eine gewisse operative Verantwortung.“

Der aktuellen Unternehmensführung unter dem seit Herbst 2018 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Aldo Kamper hält Brancaleoni zwar ebenso wie Ivox Glass Lewis zu Gute, dass sie erst seit kurzem an Bord ist. Für einen Vertrauensvorschuss sei es aber zu früh: „Man muss auf die Resultate der Maßnahmen warten, um die Leistung des neunen Vorstand zu beurteilen.“

Kamper hatte bereits wenige Monate nach seinem Antritt in Nürnberg dem für die schwächelnde Bordsystem-Sparte zuständigen Vorstand Martin Stüttem die Zügel abgenommen. Missmanagement und Betrug bei neuen Werken etwa in Rumänien und Mexiko waren Leoni teuer zu stehen gekommen. In Rumänien will Leoni deshalb sogar mit Hilfe der Justiz Schadenersatz bei einem ehemaligen Geschäftsführer und einer weiteren Mitarbeiterin eintreiben. Ob auch gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dieter Bellé wegen Verletzung der Aufsichtspflicht vorgegangen wird, wird noch geprüft. Insgesamt geht es in Rumänien um Betrugsschäden von 40 Millionen Euro, teilte Leoni den Aktionären mit. Bei einem weiteren Großprojekt verlegte der Kunde die Fertigung in ein anderes Land, zum Schaden von Leoni. Dagegen hatte man sich nicht abgesichert. Leoni musste Rückstellungen in Höhe von 80 Millionen Euro bilden und 20 Millionen Euro abschreiben. Zum Jahresende 2020 wird Stüttem das Unternehmen nun „im gegenseitigen Einvernehmen“ verlassen, wie es offiziell heißt.

Wegen all dieser Schwierigkeiten streicht Leoni 2000 Stellen und plante mit seinem Restrukturierungsprogramm Value21 bereits vor der Coronakrise, ab 2022 jährlich 500 Millionen Euro einzusparen. Die kleinere, aber finanziell stabilere Kabel-Sparte von Leoni steht zum Verkauf. Das Unternehmen will sich künftig voll auf die Bordnetze konzentrieren. Aber erst nach einem 4,2 Millionen Euro teuren Sanierungsgutachten, mit dem sich Banken gegen etwaige spätere Vorwürfe absichern, sie hätten einem vor der Insolvenz stehenden Unternehmen noch Darlehen gegeben, hatten Kreditinstitute den Nürnbergern im Winter noch einmal zu Liquidität verholfen. Das Gutachten war dann auch hilfreich, als der Ruf nach Staatshilfe laut wurde.

Das erste Quartal 2020 gab Anlass zu Optimismus, doch dann trafen die Folgen der Pandemie Leoni mit voller Wucht. Nun hofft, Kamper, dass das zweite Quartal den Tiefpunkt dieses Jahres markiert - und keine zweite Corona-Welle kommt. DSW-Expertin Hölz mahnt den Leoni-Aufsichtsrat dennoch, die Hürden für den Vorstand nicht zu niedrig zu legen. Wenn Kamper die gesteckten Ziele über Soll erfüllt und dafür inklusive Boni bis zu 3,5 Millionen Euro im Jahr erhalte, dann solle das Geld auch wirklich verdient sein.

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