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Chinesischer Investor Midea „Ein Abzug von Kuka aus Deutschland würde Midea nur schaden“

Kuka: Warum ein Abzug aus Deutschland Midea schaden würde Quelle: Bloomberg

Der chinesische Eigentümer des Roboter-Herstellers Kuka, Midea, hat Vorstandschef Till Reuter vorzeitig entlassen. Max Zenglein vom Merics-Instituts über die Zukunft Kukas und einen härteren Umgang mit China.

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Herr Zenglein, die Übernahme von Kuka durch Midea im Jahr 2016 wurde intensiv beobachtet und stark kritisiert. Der Vorstandsvorsitzende Reuter hat sie klar befürwortet, nun verlässt er vorzeitig das Unternehmen. Hat Sie das überrascht?
Dieser Fall steht unter besonderer Beobachtung, weil er als Auslöser stärkerer chinesischer Investitionsaktivitäten angesehen wird. Unter normalen Umständen, wenn man diese Gegebenheiten außen vorlässt, ist es ja nicht ungewöhnlich, wenn nach einer Übernahme nach einer Zeit der Vorstandschef vorzeitig geht. Insofern ist es schwierig zu sagen, dass ich besonders überrascht sei. Andererseits sind die Details unklar, die zu dieser Entscheidung geführt haben.

Beäugen die Deutschen alles, was mit chinesischen Übernahmen zu tun hat, besonders argwöhnisch oder ist die Skepsis angebracht? Investoren aus anderen Ländern wie den USA haben deutschen Unternehmen teils viel empfindlichere Veränderungen ins Haus gebracht.
Es gibt strategische Unterschiede. Wir hatten in Deutschland viele Debatten über US-amerikanische Finanzinvestoren, die als „Heuschrecken“ agieren. Da hat man relativ schnell die Konsequenzen gespürt in den Unternehmen, da es darum geht, dass die Investoren die Profite maximieren wollen. Und das geht einher mit Sparmaßnahmen und Entlassungen. Der signifikante Unterschied der chinesischen Investoren – egal ob staatlich oder privat – dazu ist, dass es in deren Strategie darum geht, die eigene Industrie in dem jeweiligen Bereich zu stärken. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Max Zenglein ist Leiter des Programms Wirtschaft am Mercator Institute for China Studies (MERICS). Das 2013 gegründete Institut mit Sitz in Berlin ist eines der größten der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung. Quelle: PR

Die Sorge bei der Übernahme war ein Technologietransfer wichtiger Schlüsseltechnologien nach China. Auch wegen eines Ungleichgewichts – chinesische Unternehmen kaufen europäische, zeitgleich dürfen die in China nicht eigenständig handeln. Allianz und BMW sind nur prominente Ausnahmen. Wird da auf absehbare Zeit eine Änderung eintreten?
Nein, das sehe ich keiner Form. Diese beiden Beispiele Allianz, BMW aber auch BASF, die ohne Joint Venture im chinesischen Markt agieren dürfen, das sind sehr selektive Beispiele. China macht immer genug, um den Eindruck zu erwecken, man öffne sich – und das tun sie auch. Allerdings ist es sehr selektiv und sehr vorsichtig. Überlegen Sie sich mal, ein deutsches Unternehmen möchte eines der inzwischen sehr innovativen Unternehmen in China kaufen. Unmöglich. Unvorstellbar. Jetzt vermeldet man es schon als Erfolg, wenn China diesen sehr ausgewählten Prozess angeht. Wo öffnen sie sich? In den Bereichen, wo sie ihre eigenen Industrien als wettbewerbsfähig genug sehen. Für die Allianz wird es sicher Möglichkeiten eröffnen, aber den Marktanteil, der sich für ausländische Finanzunternehmen bietet, betrachte ich als stark eingeschränkt.

Viele fordern eine Reform des Außenwirtschaftsgesetzes, um hiesige Unternehmen zu schützen - was bei unfairen Bedingungen nicht abwegig ist. Was muss genau dafür passieren?
Es ist ein ganz netter Versuch mit neuer Gesetzgebung da vorzugehen. Aber das geht so: Sie haben jemanden, der seine Profite vor dem Finanzamt verstecken möchte oder wenig Steuern zahlen möchte. Sie können die Schlupflöcher schließen, seine Zielsetzung ändert der aber trotzdem nicht. Selbst wenn es eine Anpassung der Gesetze gibt, die zudem Jahre dauert – die Ausrichtung chinesischer Unternehmen an neue Technologie zu kommen, bleibt die gleiche. Die Strategie wird geändert, aber nicht ihr Ziel und es wird versucht werden, auf anderen Wegen, wie Lizenzen oder gemeinsame Forschung an Technologie zu kommen.

Muss die Politik etwas tun und wenn ja, was?
Es gibt Bedarf, etwas zu unternehmen. Aber es sind grundsätzliche Fragen, wie man mit China als Wirtschaftsland umgehen möchte. China hat ein Wirtschaftssystem, das von einer Industriepolitik geprägt ist, dem ein staatliches System unterliegt. Diese Idee, dass sich China marktwirtschaftlich ausrichten wird, ist momentan nicht realistisch. Man muss China deutlich klarmachen, dass wenn es weiterhin partnerschaftlich mit der EU zusammenarbeiten will, es einer Bewegung auf der chinesischen Seite bedarf. Das kann in Form von Investitionsabkommen sein, bei der wir in der gut zwanzigsten Verhandlungsrunde sind. Es muss fairer und offener werden, denn auch diese erwähnten Öffnungsprozesse stehen im Kontrast zu einer Ausweitung der staatlichen Kontrollmechanismen. Denken sie an Cybersecurity-Gesetzgebung, die den chinesischen Behörden weitreichende Freiheiten gibt, auf Daten zuzugreifen, die auch bei ausländischen Unternehmen in China generiert werden. Oder an die Ausweitung der Parteizellen auch in ausländischen Unternehmen – das sind Bewegungen, die nicht kompatibel sind mit einer europäischen Marktwirtschaft.

Und was erwarten Sie, was bei Kuka passiert? Wird das Unternehmen nach Ablauf der Standort-Zusicherungen 2023 komplett abgebaut?
Nein, das glaube ich nicht. Mit dem Aufkauf eines Unternehmens, erhält man ja auch den Status Quo der Technologie. Da kann das Unternehmen noch so führend sein, die Institutionen, die hinter den Innovationen stehen, können sie nicht einfach so nach China übertragen. Was passieren kann: Man lässt das Unternehmen in Deutschland auf diesem Stand und die eigentlichen Wachstumsaktivitäten finden in China statt. Man setzt die ersten Pflöcke, um das Know-how und auch das Fundament desselben nach China zu verlagern. Mit einem kompletten Abbau würde Midea seinen strategischen Absichten nur schaden.

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