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Drogenpolitik„Markt für Medizinalcannabis in Deutschland könnte um die Hälfte einbrechen“

Die Euphorie unter den Cannabis-Start-ups verdampft. Gesundheitsministerin Nina Warken plant massive Einschränkungen. Die Branche wehrt sich.Jürgen Salz 17.11.2025 - 09:40 Uhr
Die Cannabis-Pflanze kann auch heilsame Wirkungen entfalten. Foto: IMAGO/Pond5 Images

In der Cannabis-Branche wächst der Widerstand gegen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Mehr als 57.000 Menschen haben inzwischen eine Petition mit dem etwas sperrigen Namen „MedCanG“ (Medizinisches Cannabisgesetz) unterzeichnet. Falls die Pläne von Warken Wirklichkeit würden, wäre die medizinische Versorgung von Hunderttausenden Patienten und Patientinnen in Deutschland gefährdet, warnen die Initiatoren der Petition. Zu ihnen zählt David Henn, CEO des Cannabis-Herstellers Cannamedical. „Wir brauchen ein Gesetz, das die Versorgung mit medizinischem Cannabis verbessert – nicht verschlechtert“, sagt Henn.

Was die Branche so aufregt, sind Warkens Pläne, den Bezug von medizinischem Cannabis zu erschweren. Bislang ist es relativ einfach, ein entsprechendes Rezept zu erhalten. Ein kurzes Videotelefonat mit einer Ärztin oder einem Arzt reicht. Anschließend kann das Cannabis bequem nach Hause geliefert werden. Manche Firmen warben derart aggressiv damit, mit nur wenigen Klicks an Cannabis zu kommen, dass dies die Ministerin auf den Plan rief.

Künftig darf Cannabis nur nach einem persönlichen Erstkontakt in der Arztpraxis verschrieben werden – und muss dann in der Apotheke abgeholt werden. Nun fürchtet die Branche, dass sich viele Patientinnen und Patienten von dem komplexeren Verfahren abschrecken lassen.

Hilft gegen Schmerzen und Schlafstörungen

Finn Age Hänsel, Chef des Cannabisunternehmens Sanity Group, rechnet mit massiven Konsequenzen: „Wird der Entwurf in der jetzigen Form Gesetz, wird der Markt für Medizinalcannabis in Deutschland um die Hälfte einbrechen“, erklärt der Unternehmer. Eine „Wachstumsbranche mit Tausenden Arbeitsplätzen“ werde so ausgebremst. Insgesamt setzt die Cannabis-Branche laut Schätzungen rund eine Milliarde Euro um.  Cannamedical-CEO Henn erklärt, dass die Reform „vor allem Menschen mit eingeschränkter Mobilität und in ländlichen Regionen“ treffen werde. Also dort, wo Ärztinnen und Apotheker eher rar sind.

Podcast Chefgespräch

Cantourage-Chef Schetter: „Selbst in Berlin wissen überraschend wenige, dass es medizinisches Cannabis gibt“

07.11.2025 von Konrad Fischer
Abspielen 50:51

Die Euphorie unter den Gründern ist längst verflogen. Seit 2017 können Patientinnen und Patienten in Deutschland Cannabis zu medizinischen Zwecken erhalten. Hanf kann durchaus bei vielen Krankheiten wirken, vor allem bei chronischen Schmerzen, aber auch etwa bei Schlafstörungen oder Epilepsie. Jahr für Jahr kamen immer neue Unternehmen hinzu, die Cannabis anbauen und züchten oder aus dem Ausland importieren und dann in den Vertrieb bringen. Die geplante Reform aus dem Bundesgesundheitsministerium könnte ein großer Einschnitt sein.

Konsum unter Jugendlichen sinkt

Es sei eine „schwierige Diskussion“, sagt Philipp Schetter, CEO des Cannabis-Start-ups Cantourage im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“, zum aktuellen Stand der Diskussion. Immerhin: Eine Abgabe über die Apotheke findet Schetter „grundsätzlich okay“. Eine entsprechende Beratung sei wichtig: „Ob dann die Beratung der Apotheke wirklich physisch vor Ort sein muss oder ob das auch über andere Wege geht, darüber kann man auch trefflich streiten.“

Natürlich gebe es schwarze Schafe, heißt es in der Cannabis-Branche. Also solche, die gerne auch den sogenannten Freizeitmarkt mitbedienen – Cannabis-Freunde, bei denen keine medizinische Indikation vorliegt. Aber deswegen gleich eine ganze Branche abstrafen?

Die nächsten Wochen werden entscheidend. Dann wird der Gesetzentwurf im Bundestag diskutiert. Die Medizincannabis-Branche hofft da vor allem auf die Hilfe des Koalitionspartners SPD.

Um den Politikprofis die Angst vor dem Cannabis etwas zu nehmen, verweisen die Initiatoren der Cannabis-Petition auf eine Studie, die kürzlich von Suchtforschern, etwa vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, publiziert wurde: Trotz der Teillegalisierung von Cannabis ist der Konsum von Jugendlichen seit Jahren rückläufig.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 9. November 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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