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Erbsünden der Familienunternehmen Wie große Mittelständler sich selbst zerfleischen

Bei den Vorzeigefirmen Coppenrath & Wiese, Oetker und Tönnies fetzen sich die Unternehmerclans. Auslöser sind Sünden, die Mittelständler immer wieder in Bedrängnis bringen: Machthunger, Gier, Stolz, Eifersucht.

Ein Beil zerteilt das Fleisch Quelle: Getty Images

Ihre Torten fehlen in keiner Tiefkühltruhe, ihr Puddingpulver in keinem Küchenschrank, ihre Koteletts in keiner Fleischtheke. Sie gelten als Inbegriff der Solidität erfolgreicher deutscher Familienunternehmen. Und doch droht ihnen Ungemach – durch sich selbst.

Denn wovon anonyme Aktiengesellschaften in der Regel verschont bleiben, bricht sich in den drei Unternehmen gerade auf beinahe zerstörerische Weise Bahn: der Bazillus der Blutsverwandtschaft.

Ob beim Tiefkühltorten-Champion Coppenrath & Wiese mit Sitz im niedersächsischen Osnabrück, beim Pudding- und Pizza-Imperium Oetker im westfälischen Bielefeld oder 20 Kilometer entfernt beim deutschen Schlachtprimus Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: In allen drei Firmen streiten sich die Familienmitglieder, die durch Erbschaft zu Unternehmern geworden sind, wie die Kesselflicker – um die Nachfolge, um die Macht oder um den Nachlass.

Das Geheimnis der Unternehmerfamilien
Die reichsten deutsche Unternehmerfamilien in Deutschland konnten ihr Vermögen in den vergangenen zehn Jahren weiter steigern: Seit 2001 wuchs ihr Vermögen um fünf Prozent auf 320 Milliarden Euro im Jahr 2012. Das belegt eine Studie des Center for Family Business (CFB) der Universität St. Gallen. Nicht nur die Quandt-Erbin Susanne Klatten (Foto) war mit ihren Beteiligungen erfolgreich. Quelle: AP
Die größten Wertsteigerungen können die Familien Jacobs, Herz, Reimann, Kühne (im Bild: Klaus-Michael Kühne) und Hopp vorweisen, die ihr Vermögen jeweils um mehr als drei Milliarden Euro steigern konnten. Quelle: dpa
Die Unternehmen der Familienmitglieder müssen laut Studie nicht immer rechtlich mit einander verbunden sein - auch mit den familiären Bunden alleine lässt sich ein gutes Geschäft machen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Kooperation der beiden Beteiligungen der Quandt-Erbin Susanne Klatten, BMW und SGL Carbon, die beim Bau der Elektroautos i3 und i8 kooperieren. BMW-Großaktionärin Klatten hält über ihre Beteiligungsgesellschaft Skion knapp 27 Prozent der SGL-Anteile, BMW zusätzlich knapp 16 Prozent. Quelle: Reuters
Die erfolgreichsten Familiendynastien sind nach Ansicht der Forscher im Mittel 80 Jahre alt. Eine weitere Gemeinsamkeit der Erfolgreichen: etwa zwei Drittel ihres Vermögens investieren sie nach wie vor in das Ursprungsunternehmen. In weit mehr als der Hälfte aller Familien ist nicht ein Einzelunternehmer, sondern sind fünf oder mehr Familienmitglieder unternehmerisch tätig. In ihrem Besitz befinden sich im Schnitt 75 Unternehmen. Bei der Quandt-Familie (im Bild: Sefan Quandt, seine Mutte Johanna Quandt und seine Schwester Susanne Klatten) sind es sogar 22 Mitglieder, die Beteiligungen an 316 Unternehmen halten. Quelle: AP
Doch auch die größten Dynastien können ins Wanken geraten: Nur 65 der Unternehmerfamilien, die 2001 in der Liste der 100 reichsten geführt wurden, sind auch 2012 in der Rangliste vertreten. In 13 Familien sind die Gründe dafür finanzielle Probleme - wie beispielsweise in den Familien Kirch oder Merckle (Foto), die neben ihrem Patriarchen auch weite Teile ihres Vermögens verloren. Acht Familien verlagerten ihren Wohnsitz, fünf verwässerten durch Erbschaft ihr Vermögen, vier Unternehmer starben ohne Erben. Quelle: AP
Im Unterschied zu Private-Equity-Unternehmen investieren die Unternehmerfamilien aber oft langfristiger oder sogar unbegrenzt. Das kann sich auch auszahlen: Aus einer 100-Prozent-Beteiligung an Benckiser (bekannte Marken: Calgon, Calgonit), die rund zwei Milliarden Euro wert war, hat die Familie Reimann nach Fusion mit Reckitt im Jahr 1999 und dem folgenden Börsengang ein Unternehmen mit einem Wert von 4,8 Milliarden, an dem die Unternehmerfamilie immer noch zehn Prozent der Anteile hält. Quelle: PR

Gemeinsam ist ihnen nur die räumliche Nähe, die Region Ostwestfalen und das angrenzende Niedersachsen. Die ländliche Gegend stand bisher eigentlich für die stille Schaffenskraft der Provinz mit Aushängeschildern wie Haushaltsgerätehersteller Miele, Kaffeeröster Melitta oder dem Medienriesen Bertelsmann. Daraus ist durch die drei Ausreißer nun ein Pfuhl aller Sünden geworden, zu denen Familienunternehmen neigen, wenn durch Geburt Zusammengeschweißte der zersetzenden Kraft persönlicher Animositäten erliegen statt unternehmerischer Rationalität.

Tönnies: Enttäuschter Metzgersohn

Die Streithähne

Beim Schlachtriesen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ficht der Sohn gegen den Bruder des Firmengründers. Der Sprössling fühlt sich von dem Onkel persönlich hintergangen. Zielscheibe der Vorwürfe ist der 58-jährige Clemens Tönnies, der Chef des gleichnamigen Fleischkonzerns und im Nebenjob Boss des Fußballclubs Schalke 04. Er steht vor dem Landgericht Bielefeld, weil sein 36-jähriger Neffe Robert Tönnies sich von ihm nichts mehr gefallen lassen will. Robert ist einer von zwei Söhnen des 1994 verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies. Seit dessen Tod leitet sein Bruder Clemens den Konzern, der wie sein Neffe Robert 50 Prozent am Unternehmen hält. Robert hat sich Ende 2013 aus dem Tagesgeschäft verabschiedet und bombardiert seitdem seinen Onkel Clemens mit Klagen.

Die Streitgründe

In der Fehde der beiden geht es um nicht weniger als die Macht im größten deutschen Fleischkonzern mit mehr als 8000 Mitarbeitern und rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz. Robert hatte Onkel Clemens 2008 fünf Prozent am Unternehmen geschenkt und ihn damit zum gleichberechtigten Miteigentümer gemacht. Das bereut Robert nun. Deshalb will er die Schenkung rückgängig machen und begründet dies, der Onkel habe sich ihm gegenüber undankbar verhalten. Die Liste der Vorwürfe reicht von übler Nachrede, arglistiger Täuschung bis zu wirtschaftlicher Schädigung. Clemens hält dagegen, sein Bruder Bernd habe ihm mehrfach vor seinem Tod die Gleichberechtigung am Konzern versprochen. Im Testament ist dies jedoch nicht erwähnt.

Die Eskalation

Aus Tönnies gegen Tönnies ist mit dem Gang vor Gericht ein öffentlicher Schlagabtausch geworden. Der Ton zwischen den Kontrahenten ist mittlerweile schärfer als ein Metzgermesser und unter der Gürtellinie angekommen. So kamen bei der Vernehmung von Zeugen pikante Details aus dem Leben des Firmengründers ans Licht, zum Beispiel eine angeblich heimliche Geliebte.

Die Entscheidung

Robert verlangt von Onkel Clemens, sich binnen weniger Monate aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Dazu ist der aber keinesfalls bereit. Die Entscheidung fällt aber keiner der beiden Streithähne, sondern der Vorsitzende Richter der 9. Zivilkammer am Landgericht Bielefeld, Jörg Schröder. Er will am Nachmittag des 9. Februar verkünden, ob er Roberts Anfechtungsklage gegen die Schenkung folgt oder ob er erneut in eine Beweisaufnahme gehen will.

Die Lösung

Bei Tönnies haben die Beteiligten „so kräftig an der Eskalationsspirale gedreht, dass es kaum noch ein Zurück gibt“, sagt Peter May, Jurist und auf Familienunternehmen spezialisierter Berater aus Bonn. May prognostiziert eine Trennung von Neffe und Onkel, „wahrscheinlich noch in diesem Jahr“. Robert könnte als Mehrheitsgesellschafter den Vorsitz in einem neu zu bildenden Unternehmensbeirat übernehmen. Clemens verlässt das Unternehmen und kümmert sich um seine privaten unternehmerischen Engagements wie die Wurstfabriken Könecke, Böklunder und Gutfried unter dem Dach der Zur-Mühlen- Gruppe. Im Tönnies-Konzern übernähme ein familienfremder Manager die Führung.

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