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Flugzeugabsturz WashingtonEine Katastrophe mit Ansage?

Das Flugzeugunglück in Washington ist keine Ausnahme. Eine exklusive Statistik zeigt: Mehrmals im Monat wird es trotz Warntechnik gefährlich eng.Rüdiger Kiani-Kreß 30.01.2025 - 17:47 Uhr
Foto: WirtschaftsWoche

Als Militärflug PAT 2-5 gestern Abend in die Nähe des Washingtoner Innenstadtflughafens Ronald Reagan kam, schien erstmal alles Routine zu sein. „Sehen Sie den CRJ-Regionaljet?“, fragt der Fluglotse den Hubschrauberpiloten und gibt dann eine Anweisung. „Fliegen Sie an dem CRJ vorbei.“ Kurz darauf bestätigt der Hubschrauberpilot: „Wir sehen das Flugzeug“. Dann erbittet er, auf Sicht vorbeisteuern zu dürfen. Doch wie ein Video zeigt, fliegt der Hubschrauber stattdessen in gerader Linie auf den CRJ zu, bis beide zusammenstoßen. Trotz intensiver Suche gibt es kein Lebenszeichen von den 67 Flugzeug- und Hubschrauber-Passagieren.

Der Crash über der amerikanischen Hauptstadt ist der erste Unfall in den USA mit Toten seit Jahren. 2009 war zuletzt eine Passagiermaschine nahe der Niagarafälle abgestürzt. 50 Menschen im Flugzeug und am Boden starben. Und der letzte größere Zusammenstoß in der Luft, eine Kollision in Brasilien im Jahr 2006 mit 154 Toten, ist noch länger her.

Ein Aufruf zu handeln

Doch für Branchenkenner ist der Vorfall von Washington ein Warnzeichen für den weltweiten Passagierverkehr. Denn eine Statistik der Flugunfalldatenbank Jacdec aus Hamburg für die WirtschaftsWoche zeigt, dass sich derzeit trotz immer besserer Technik weltweit mehrmals im Monat Flugzeuge gefährlich nahekommen. Solche Beinahekollisionen seien „ein Alarmzeichen und ein Aufruf zu handeln“, warnte eine Studie zur Flugsicherheit von Airbus bereits im vergangenen Jahr. „Washington wirkt angesichts der vielen Fast-Crashs wie eine Katastrophe mit Ansage“, sagt ein führender Manager der Branche, der wegen der vielen offenen Fragen lieber anonym bleiben will.

Washington DC Flugzeugabsturz

Wohl 67 Tote bei Flugzeugunglück in Washington

Was Branchenkenner wie den Hamburger Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt beunruhigt, ist zum einen, wie viele Fälle es sind und dass es immer mehr werden. Laut den Jacdec-Daten näherten sich allein im vergangenen Jahr mindestens 37 Mal in der Luft bis auf wenige Meter. Darunter waren sechs Fälle in den USA. In Europa wurde es allein 2024 mindestens fünfmal extrem eng. Seit 2020 gab es 32 solcher registrierten Fälle.

Laut Experten dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen, weil Piloten nicht jeden „Near Miss“ melden. Dazu kommen ein paar Dutzend Fälle, in denen sich Maschinen am Flughafen gefährlich nahekamen, aber immer jemand den Fehler in letzter Sekunde bemerkte und Schlimmeres verhinderte.

Selbst die bekannten Fast-Crashs machten meist kaum Schlagzeilen und die bekannten Unfälle gingen in der jüngeren Vergangenheit vergleichsweise glimpflich aus. Das galt etwa beim Zusammenstoß eines Großraumjets von Japan Airlines (JAL) mit einem Kleinflugzeug der Küstenwache am Flughafen Tokio-Haneda im Januar 2024. Hier ging die Nachricht von den fünf Toten fast unter, weil die zehn JAL-Flugbegleiter trotz blockierter Notausgänge alle 367 Reisenden in letzter Minute aus dem Jet brachten, bevor dieser verbrannte.

Beunruhigende Gründe

Was letztlich zum Crash in Washington geführt hat, wird erst feststehen, wenn die amerikanische Flugsicherheitsbehörde NTSB in ein bis zwei Jahren ihren Abschlussbericht vorlegt. „Klar ist nur: Bei den Flügen war alles Standard bis zum Crash“, sagt der gerade erst vereidigte neue US-Verkehrsminister Sean Duffy.

Doch bei den anderen Fällen gibt es oft ein Muster: überfordertes Personal. Selbst in großen Ländern wie den USA fehlen seit Jahren Lotsen, sodass die verbliebenen oft mehr arbeiten müssen. Schon vor der Coronapandemie fiel es der Branche schwer, ausreichend Nachwuchs zu finden. In der Pandemie wurde das Problem größer, weil die Unternehmen sparen mussten. Darum, warnte Airbusvorstand Christian Scherer bereits im vorigen Jahr, „hat unsere Branche, wie auch die Wirtschaft insgesamt, eine Schicht von Experten verloren, die nicht mehr zurückkommen.“

Und das Problem werde noch eine Weile anhalten, so Scherer. „Diese Expertise wieder aufzubauen dauert.“

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