Konjunktur: Pssst... das wird doch wohl kein Aufschwung sein?

Wenn Fakten und Einstellungen nicht zusammenpassen, dann wird es für den Menschen kompliziert. Kognitive Dissonanzen nennen Psychologen diese Erfahrung. Und sie haben längst herausgefunden, wie die Menschen darauf zumeist reagieren: mit Verleugnung. Bis die Realität irgendwann mit umso größerer Wucht in ihr Leben einschlägt. Möglicherweise steht solch ein Moment bald bevor. Und zwar, das liegt an dieser Stelle in der Natur der Sache, ganz anders, als man derzeit erwarten mag.
Offiziell befindet sich die Weltwirtschaft derzeit in einem Modus der Schockstarre. Der Zollstreit zwischen China und den USA hält Konzerne in Atem, Schreckszenarien werden diskutiert, Prognosen korrigiert oder gleich ganz kassiert. Nicht abzusehen sei es, wie schlimm das alles noch werde. Nur dass es schlimm werde, daran gebe es doch wirklich keinen Grund zu zweifeln, so der Tenor. Wirklich?
Mehrere Indikatoren im Plus
Hier nur ein kleiner Abriss jüngst veröffentlichter Konjunkturdaten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Die Investitionen im Baugewerbe ziehen langsam an, das zeigt sich etwa im Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, der dank guter Daten aus der Bauindustrie im April zulegte.
Auch die Aufträge im verarbeitenden Gewerbe stiegen im März überraschend deutlich um mehr als drei Prozent. Im März stiegen zudem die Exporte gegenüber dem Vormonat und dem Vorjahresmonat an. Auch die Produktion und die Auftragslage in der Industrie und im Maschinenbau verbesserten sich im März deutlich, stiegen jeweils um mehr als drei Prozent.
Das wird doch wohl kein... Aufschwung sein? Für diese Diagnose ist es tatsächlich noch zu früh. Und doch messen derzeit viele Unternehmen, was die Bosch-Technologiechefin Tanja Rückert im Interview sehr zurückhaltend so formuliert: „Wir haben im ersten Quartal erste Anzeichen einer Stabilisierung gesehen. Wir müssen das zweite Quartal abwarten, ob wir daran ein erstes Wiederanziehen der Konjunktur festmachen können.“ Auch andere Konzernchefs berichten von Zahlen, die ein zartes Wachstum verheißen – und ihrem Hadern im Umgang damit: Sie trauen den Zahlen schlicht nicht so recht, wo die Gesamtlage doch so chaotisch ist.
Die Fakten aber sind, wie sie sind: Es gibt erste Tendenzen, die nach Jahren der Stagnation Anlass zur Hoffnung geben. Trotz aller globalen Unwägbarkeiten ist es nun auch an der neuen Regierung, diese Signale zu lesen – und zu nutzen. Denn in diesem Hauch von Optimismus steckt ein Vertrauensvorschuss: Wenn sich an all den Schwächen des Standorts wirklich etwas ändern sollte, dann kann es tatsächlich wieder aufwärtsgehen. Aber auch nur dann.
Noch ist dieses Aufschwüngchen nur ein zartes Glimmen, das nach zwei Rezessionsjahren in kürzester Zeit wieder erkalten kann. Um daraus ein wärmendes Feuerchen zu machen, müssen all die Wachstumsimpulse, die Sonderabschreibungen, Investitionen und die bürokratischen Vereinfachungen nun auch wirklich kommen.
Lesen Sie auch: Die fünf Phasen der Zoll-Trauer
Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.