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Nachfolge in Krupp-StiftungDie unterschätzte Rolle der Hannelore Kraft

Die Zukunft der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung wird jetzt auch maßgeblich von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bestimmt.KOMMENTAR von Andreas Wildhagen 01.08.2013 - 15:01 Uhr
Die Zukunft der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung wird jetzt auch maßgeblich von  Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bestimmt. Foto: dpa

Berthold Beitz

Der Vorsitzende der Krupp-Stiftung hätte am 26. September 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert, doch er starb Ende Juli in seinem Ferienhaus auf Sylt. Sein wichtigster Mann im Konzern war über viele Jahre Gerhard Cromme, zunächst als Vorstandsvorsitzender von Krupp und ThyssenKrupp, später als Aufsichtsratschef. Cromme sollte auch den Stiftungsvorsitz übernehmen, wenn Beitz einmal nicht mehr sein sollte. Doch im März 2013 war plötzlich alles aus. Cromme trat von allen Ämtern zurück. Zuvor hatte es Razzien wegen des Verdachts auf Kartellabsprachen bei Karosseriestahl gegeben. Cromme fiel bei Beitz in Ungnade.

2011 erschien eine Biographie über Beitz, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist dort nun wenig Kritisches zu lesen. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das Leben, indem er sie als Direktor der Karpathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrte.

Foto: dpa

Berthold Beitz, Alfried Krupp

Berthold Beitz zusammen mit Alfried Krupp. Das Tandem war ein wichtiger Motor zur Rettung des schwer beschmutzten Namens Krupp nach dem Krieg. Als Waffenschmiede hat das Unternehmen international einen zweifelhaften Ruf erworben. Alfried Krupp wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher (Krupp hatte 25.000 Zwangsarbeiter beschäftigt) verurteilt und 1951 begnadigt. Danach suchte er sich einen Testamentsvollstrecker, den er in dem fast vierzigjährigen ehemaligen Ölmanager Berthold Beitz fand. Er lernte ihn bei einer Vernissage auf Sylt kennen. Beitz war im Ruhrgebiet Außenseiter und nutzte diese Position für einen Neustart für Krupp, der das Unternehmen vollständig wandelte. Seinen Vorschlag, Krupp an Volkswagen zu beteiligen, lehnte Alfried Krupp jedoch ab ("wir sind ein Stahlunternehmen"). Krupps Sohn Arndt, der am Unternehmen kein Interesse hatte, sondern als eine Art Playboy das Leben lieber genoss, entlockte Beitz den Verzicht auf das Erbe. Somit war Beitz der unumschränkte Herrscher über das Krupp-Unternehmen, das er zusammen mit Gerhard Cromme 1999 in die Fusion mit Thyssen steuerte und somit vor der Pleite rettete. Da es bei Thyssen keinen beherrschenden Aktionär gab, nahm die Krupp-Stiftung diese Rolle fast mühelos und wie selbstverständlich ein. Damit war das Erbe von Alfried Krupp ehrenvoll gerettet.

Foto: ThyssenKrupp AG

Villa Hügel - das Stammhaus der Familie Krupp, das sie bis Kriegsende auch bewohnte. Heute ist die Villa Hügel ein Ort für Ausstellungen, wie etwa zum 200. Firmengeburtstag, oder von Konzerten. Gelegentlich findet hier auch eine Aufsichtsratssitzung statt, dafür sorgte Berthold Beitz, der dieses Traditionssymbol bewusst einsetzt. Auch Treffen von ehemaligen Krupp-Direktoren findet auf Villa Hügel statt. Das leicht muffig riechende Haus ist ein Paradebeispiel für den Lebensstil einer großen Industriellenfamilie im 19. Jahrhundert. Schloß Landsberg, ebenfalls im Ruhrgebiet, war die Residenz von August Thyssen. Sie ist heute auch noch Ort für Konzerntagungen und nimmt sich gegen die Villa Hügel fast bescheiden aus.

Foto: AP

Er trieb das Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Größe. Schon vor Bismarck erfand er ein Sozialsystem für "seine" Arbeiter, das allerdings mehr der Gesundheit und damit der Arbeitsfähigkeit der Krupp-Beschäftigten diente als reiner Menschenliebe. Auch sollten Kruppianer von dem Beitritt zur Sozialdemokratischen Partei abgehalten werden. Politisieren war nicht nur während der Arbeit, sondern auch in der Freizeit verboten.

Foto: ThyssenKrupp AG

Margarethe Krupp, Bertha Krupp

Sie ließ eine Mustersiedlung für Krupp-Arbeiter in Essen errichten, die noch heute zur einen der Sehenswürdigkeiten gehört, die Essen zu bieten hat. Sie richtet die Villa Hügel nach dem Geschmack der Zeit liebevoll ein. Die Unternehmergestalt in der Familie ist Bertha Krupp (links), die 1902 kurzzeitig den Konzern leitet und das Unternehmen mit Hilfe ihrer Berater zu einer Aktiengesellschaft umwandelt.
Krupp bekommt damit Zugang zum Kapitalmarkt und leitet damit einen weiteren gigantischen Wachstumsschub auf dem Markt der Waffenherstellung ein. Die Kanone, die Krupp herstellt, wird - nicht nur liebevoll - "Dicke Bertha" genannt.

Foto: unbekannt, ThyssenKrupp AG

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach

Alfried Krupp war ein Übergangspatriarch, dessen Leistung es war, das Unternehmen in eine Stiftung umzuwandeln und damit zukunftssicher machte. Seine große Entdeckung war Berthold Beitz, der sich heute als eine Art "letzter Krupp" fühlt.
Versuche von einzelnen Familienmitgliedern, sich mit Hilfe von Büchern Gehör zur Geschichte der Familie und zur Unternehmensgeschichte zu verschaffen, bekämpft Beitz, wo er nur kann. Nach ihm soll es keinen mehr geben, der Willen und Geist von Alfried Krupp interpretiert oder einfordert.

Foto: dpa

Radreifen-Skizze von Alfred Krupp

Das Produkt Radreifen machte Krupp groß. Es waren vor allem Radreifen für Eisenbahnwaggons, die Krupp nahtlos schmiedete (im Bild eine eigenhändige Skizze Alfred Krupps) und für die es im 19. Jahrhunderts einen riesigen Bedarf gab. Überall in Europa wurde das Eisenbahnnetz ausgebaut.

Foto: ThyssenKrupp AG

Gerhard Cromme

1989 wurde Gerhard Cromme Chef bei Krupp. 1992 wurde unter seiner Regie der Dortmunder Konkurrenten Hoesch übernommen, 1999 folgte die Fusion von Krupp und Thyssen zur ThyssenKruppAG.

Foto: AP

Nirosta

Der rostfreie, hochglänzende Stahl ist eine Erfindung von Krupp-Ingenieuren zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Heute soll der Bereich verkauft werden. Es gibt enorme Überkapazitäten im Edelstahl in Europa. ThyssenKrupp bekommt das Nirosta-Geschäft nicht in den Griff - und will verkaufen.
Konzernchef Heinrich Hiesinger (Foto) sah Nirosta nicht mehr als Kernkompetenz von ThyssenKrupp an. Im Dezember 2012 kauft der finnische Konzern Outokumpu die Edelstahl-Sparte.

Foto: AP

Lastkraftwagen Titan

Krupp investierte in der ersten Zeit des jungen Konzernchefs Berthold Beitz in das Geschäft von Schwerlastwagen mit klingenden Namen wie zum Beispiel Krupp Titan. MAN war noch eine kleine Nummer im Geschäft, es gab einen großen Bedarf an Brummis.
Mit dem Ausbau der Autobahnen in der Nachkriegszeit wuchs das Speditionsgeschäft und damit die Kundschaft für solche rollenden Giganten. Heute noch treffen sich in regelmäßigen Abständen die Brummi-Oldtimerfahrer mit ihren Schätzchen vor der Villa Hügel zur Parade.

Foto: CC

Flachstahlfertigung in Alabama (USA)

Der Versuch die Stahlkocherei um 2001 an die Börse zu bringen und sich langsam davon zu lösen, scheiterte am Widerstand der Mitarbeiter und der bei ThyssenKrupp sehr einflussreichen Arbeitnehmerbank. Das defizitäre Stahlwerk in Alabama will ThyssenKrupp seit 2012 ebenso loswerden wie den Hochofen in Brasilien.

Foto: ThyssenKrupp AG

Rolltreppe von Thyssen

Rolltreppen und Aufzüge verbindet Otto-Normalverbraucher mit dem Namen Thyssen. Der Schriftzug steht auf vielen Kaufhaus- und U-Bahntreppen. Krupp geriet an dieses lohnende Wartungs- und Dienstleistungsgeschäft mit der Quasi-Übernahme von Thyssen.

Foto: AP

Der Tod von Berthold Beitz wirft bei ThyssenKrupp viele Fragen auf: Wie sortiert sich der Hauptaktionär, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung neu? Wer wird bestimmenden Einfluss auf die Stiftung und damit auf den Konzern ThyssenKrupp haben? Bisher war es so, dass nur einer das Sagen hatte im Kuratorium der Stiftung: Professor Berthold Beitz persönlich, der diesen Einfluss nicht nur über die Stiftung, sondern auch informell über viele Kanäle bis hinein in Vorstandsangelegenheiten des Stahl- und Technologiekonzerns geltend machte. Eine solche bestimmende Figur, die sich aus der Historie und aus dem persönlichen Kontakt mit dem 1967 verstorbenen Alfried Krupp herleitete, gibt es nun nicht mehr. Über ein halbes Jahrhundert lang waren diese Wege zwischen Beitz via Stiftung und Unternehmen eingeübte Praxis. Nun ist ein Vakuum entstanden.

 

Die Satzung der Stiftung wurde 2010 auf moderne Maßstäbe angepasst. Es wurde zwischen Vorstand und Kuratorium der Stiftung unterschieden, wobei, anders als bei der benachbarten RAG-Stiftung, der Vorstand der Krupp-Stiftung nur eine untergeordnete Rolle spielt. Maßgeblich war das Kuratorium und da auch nur neben Beitz drei Personen, die auch Gewicht hatten und haben: Diese sind Kersten von Schenck, ein Vertrauter von Beitz, Susanne Henle, die Tochter von Beitz und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Das Land hat die Aufsicht über die Stiftung, deren Satzung nichtöffentlich ist und wie ein Augapfel gehütet in einem Tresor des Düsseldorfer Innenministeriums ruht.

 

Zum Tode des großen alten Mannes vom Hügel

Der letzte Patriarch Beitz ist tot

von Andreas Wildhagen

Das Kuratorium wählt aus seiner Mitte den Vorsitzenden, wenn aber ein Mitglied stirbt, kann es auch von außen ein oder zwei neue Mitglieder berufen. Die Kompetenzen des Kuratoriums richten sich nicht allein auf Wohltätigkeiten, beispielsweise die Finanzierung des Krupp-Krankenhauses in Essen oder des Folkwang-Museums. Die Stiftung muss auch auf die Werterhaltung seiner Industriebeteiligung achten, um ihren Stiftungszweck zu erfüllen. Und genau darauf ist besonders die Landesmutter Kraft erpicht. Denn in ihrer eigentlich widersprüchlich anmutenden Doppelfunktion von Regierungschefin und Kuratoriumsmitglied muss sie sowohl für den Erhalt der Stahlstandorte Duisburg mit ihren 20 000 Stahlarbeiterin achten als auch auf die Werterhaltung von ThyssenKrupp. Beides unter einen Hut zu bekommen geht eigentlich nicht gleichzeitig, denn ThyssenKrupp steht wegen seiner finanziellen Schieflage vor einem gigantischen Arbeitsplatzabbau und einer Loslösung, möglicherweise in Teilen und Schritten, vom Stahl. Es wird nach einem Investor auch für den deutschen Stahl gesucht.

 

"Stammhaus" und Schmelzbau um 1819.

Foto: WirtschaftsWoche

Friedrich Krupp um 1820.

Foto: PR

"Vom Stammhaus zum Quartier": Ein Gemälde von Julius Grün, es zeigt Alfred Krupp in den 1880er-Jahren.

Foto: PR

Ein Plan der Gussstahlfabrik, 1889

Foto: PR

Innerer Bereich der Gussstahlfabrik in Essen, 1864

Foto: PR

Friedrich Alfred Krupp seiner Verlobte und Margarethe von Ende 1882

Foto: PR

Die Friedrich-Alfred-Hütte in Rheinhausen ca. 1910

Foto: PR

Ein Foto aus dem Bandagenwalzwerk,1900

Foto: PR

Die Villa Hügel kurz nach Fertigstellung (rechts das "Kleine Haus"), 1873

Foto: PR

Trauerzug für Friedrich Alfred Krupp mit Kaiser Wilhelm II., 26. November 1902

Foto: PR

Siedlung Margarethenhöhe, 1912

Foto: PR

Die Familie Krupp im Jahr 1930 - ein Gemälde von George Harcourt.

Foto: PR

Die Lokomotivfabrik im Jahr 1954

Foto: PR

Hydraulische 5.000 Tonnen-Schmiedepresse, um 1930

Foto: PR

Schäden im Werk durch Luftangriffe, 1943/44

Foto: PR

Die Lokomotivfabrik im Jahr 1954

Foto: WirtschaftsWoche

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und Berthold Beitz am 31.10.1961.

Foto: PR

Großraumbagger im rheinischen Braunkohlentagebau

Foto: PR

Roheisenmischer im Hüttenwerk Rheinhausen, 1961

Foto: PR

Turm- und Blattlager für Offshore-Windenergieanlagen, 2011

Foto: PR

Krupp-Stiftung

Hier herrschte Berthold Beitz

von Andreas Wildhagen

Dieser neue Investor wird sich nicht so einfach mit der Politik an einen Eichentisch setzen wie er in der Stiftung auf dem Essener Hügel steht. Dort gab es bisher nur einen, der redete: Berthold Beitz, gelegentlich unterbrochen von Hannelore Kraft und seiner Tochter Susanne Henle. Dividendenausschüttungen (wenn es welche gibt), Personalpolitik, Standortpolitik, da war bisher eine Sache zwischen Beitz, Cromme und Kraft. Es war kein Zufall, dass stets der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen einen Sitz in der Stiftung hatte. Das sind immer größere Posten gewesen als es die Formalie vermuten ließ. Offiziell stimmten sie über die Finanzierung von Kunstaustellungen und Musikfestivals ab. Inoffizielle einigten sie sich über „Strukturpolitik“ im Stammland von Kohle und Stahl. Und hinter diesem Wort verbirgt an Rhein und Ruhr eine gigantische Kungelei um Posten und Pfründe.

 

Nur wer die Interessen des Unternehmens vertrat, hatte hier einen Sitz. Das waren in der Vergangenheit Strippenzieher wie Friedel Neuber, früher Chef der untergangenen WestLB und Johannes Rau, Ministerpräsident von NRW und später Bundespräsident. Rau hatte bei der feindlichen Übernahme von Thyssen durch Krupp den Plan an die Gewerkschaften weitergegeben, hieß es. Das war für Beitz Verrat. Dass Rau als „Landesvater“ auch den Thyssen-Arbeitern gegenüber verantwortlich war, galt nicht in der Krupp-Stiftung. Rau schied aus, als er Bundespräsident wurde. Obwohl er sich nach seiner Amtszeit wieder um ein Mandat bei seinem vermeintlichen Freund Beitz bemühte, war ihm die Rückkehr in die Stiftung verwehrt. Beitz wollte ihn nicht, weil er nicht sein Gefolgsmann war.

 

Umgekehrt war Beitz auch der Politik verpflichtet. Das Zusammenwachsen der fusionierten Konzernteile von Thyssen und Krupp wurde von der Stiftung aus torpediert, weil es die Aufgabe von Standorten bedeutet hätte. Und daran war die Politik nicht interessiert. Also unterblieb es. Basta, sagte Beitz.

 

Wenn das so weitergehen soll im Konsensland Nordrhein-Westfalen muss Hannelore Kraft schnell handeln und einen industriell versierten Gewährsmann der Industriepolitik in der Stiftung installieren, am besten einen aus dem Aufsichtsrat eines NRW-Unternehmens. Werner Müller, früher parteiloser, aber der SPD nahestehender Wirtschaftsminister unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) fällt schon einmal weg. Er ist Chef einer anderen Stiftung in Essen, der RAG-Stiftung, die sich gerade zu einer industriepolitischen Plattform ausbaut. Ein zweites Standbein in der Krupp-Stiftung könnte da nicht schaden, neben der RAG-Stiftung wäre das eine solide Basis für die Konsens- und Standortsicherung an Rhein und Ruhr in bewährter Manier.

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