Nordatlantik-Geschäft: Lufthansa steuert auf unsicheren Sommer zu
Man fühle sich „gut vorbereitet für einen sicherlich sehr verkehrs- und passagierstarken Sommer“, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Dienstag. Und doch: „Wir sind nicht naiv. Wir sind natürlich wachsam im Blick auf das geopolitische und makroökonomische Umfeld.“
Sorgen bereitet Europas größter Airline-Gruppe vor allem der Blick auf die USA. Das Nordatlantik-Geschäft ist der wichtigste Gewinnbringer der Passagier-Airlines der Gruppe. Ein Viertel des Umsatzes und der gesamten Kapazität entfällt auf den Markt.
Zwar lagen die Ticketverkäufe hier zuletzt sogar über dem Vorjahr. Es gebe aber seit vier Wochen „erste Anzeichen einer leichteren Abschwächung, was die Buchungseingänge angeht“. Die hätten sich vor allem in den günstigen Preisklassen zuletzt verlangsamt, so Spohr. Es sei jedoch „verfrüht, von einer strukturellen Abkühlung der Nachfrage zu sprechen“. In volatilen Zeiten wie diesen werde „durchaus kurzfristiger gebucht“.
An ihrer Prognose vom März hielt die Lufthansa am Dienstag aller Unwägbarkeiten zum Trotz fest. Und doch: Seit der Veröffentlichung dieser Prognose habe die Unsicherheit im Markt klar zugenommen, sagte Finanzvorstand Till Streichert. Insbesondere die Genauigkeit der Prognosen für das dritte Quartal sei „aktuell noch begrenzt“, teilte der Konzern mit. Man habe „eine Taskforce eingesetzt, um die aktuellen Entwicklungen genau zu beobachten und gegebenenfalls schnell und flexibel auf eine etwaige Nachfrageabschwächung zu reagieren, beispielsweise durch Kapazitätsanpassungen“.
Verschiedene Szenarien
Ein Schritt, der schon beschlossen ist: Zum Jahresende will die Lufthansa-Gruppe ihr Angebot in die USA nicht mehr so schnell ausbauen wie zuletzt. Das Wachstum solle im vierten Quartal von sechs auf drei Prozent reduziert werden, teilte Spohr mit. Und je nach Nachfrageentwicklung könne diese Maßnahme auch auf den Sommer vorgezogen werden: „Sollte es zu einer weiteren Eskalation bei den Zöllen kommen und damit in Konsequenz zu einer Abkühlung der Weltwirtschaft, werden wir schnell reagieren“, kündigte Spohr an. Man arbeite derzeit – „wie übrigens auch unsere amerikanischen Partner oder Wettbewerber“ – mit jeweils verschiedenen Szenarien, abhängig von der geopolitischen Entwicklung.
Der Konzern ist trotz deutlich höherer Einnahmen erneut mit tiefroten Zahlen ins Jahr gestartet. Im ersten Quartal stieg der Umsatz im Jahresvergleich um zehn Prozent auf 8,1 Milliarden Euro. Der um Sonderposten bereinigte operative Verlust (bereinigtes Ebit) verringerte sich um 15 Prozent auf 722 Millionen Euro. Im Passagiergeschäft vergrößerte sich das Minus auf 934 Millionen Euro. Unterm Strich wuchs der Fehlbetrag des Konzerns um mehr als ein Fünftel auf 885 Millionen Euro an.
Dass es nicht noch schlimmer kam, verdankt die Lufthansa den Gewinnen ihrer Töchter. Die Frachtsparte Lufthansa Cargo kehrte mit einem bereinigten operativen Gewinn von 62 Millionen Euro in die schwarzen Zahlen zurück. Die Wartungssparte Lufthansa Technik nahm mit einem entsprechenden Gewinn von 161 Millionen Euro so viel wie noch nie in einem ersten Quartal ein. „Die im Vergleich zu Wettbewerbern deutlich breitere Aufstellung unseres Portfolios ist in dieser Situation zunehmend stabilisierend“, sagte Spohr. Die Zahlen des ersten Quartals zeigten eindeutig, „wie wichtig Lufthansa Cargo und Lufthansa Technik für die Entwicklung unseres Konzerns sind“.
Auch sonst gab sich der Lufthansa-Chef zweckoptimistisch: „In einer Welt, die wir als zunehmend volatil wahrnehmen, erweist sich ausgerechnet der Luftverkehr als relativ stabiler Anker“, gelobte Spohr etwa. Auch deshalb, weil „die Engpässe bei den Herstellern alle Airlines zu einer Kapazitätsdisziplin zwingen, die es historisch so noch nie gegeben hat“. Glück im Unglück also.
Schweiz als Zoll-Ausweg?
Ob dieser stabile Anker auch bleibt, wenn sich die Zollkonflikte doch noch einmal verschärfen sollten? „In der Branche sind sich alle einig, dass potenzierte Zölle auf Flugzeuge und Triebwerke die amerikanischen Hersteller mehr treffen würden als die jeweiligen europäischen Wettbewerber“, sagte dazu Spohr.
Es gebe „keine Airline der Welt, die 20 Prozent Zölle auf Flugzeuge verträgt. Das lassen die Margen unserer Branche einfach nicht zu.“ Deswegen, „auch weil die Bedrohung asymmetrisch für Boeing und Airbus ist“, gehe er davon aus, dass es noch viele Diskussionen zu Zöllen und potenziellen Gegenzöllen geben werde. „Für unsere Branche ist sehr offensichtlich, dass beide Seiten verlieren würden, aber die Amerikaner noch mehr als die Europäer“, so Spohr.
Derzeit fehlen dem Konzern 41 Boeing-Maschinen, die längst ausgeliefert sein sollten. Spohr rechnet für den Sommer mit ersten 787-Dreamlinern, die im dritten Quartal in Betrieb genommen werden sollen – und auf die nun Zölle drohen. In Medienberichten war diesbezüglich zuletzt von einem möglichen Szenario zu lesen, die Dreamliner statt nach Deutschland in die nicht zur EU gehörende Schweiz zu importieren. Spohr bestätigte diese Überlegungen. Lufthansa sei aber „noch nicht so weit, uns hier öffentlich zu äußern zu wollen“, sagte der Manager.
Klar sei jedenfalls eines: „Wir müssen uns mit Möglichkeiten beschäftigen, diese mögliche Kostenlast zu reduzieren.“
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