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Problemsparten Windräder stehen Siemens im Weg

Der Münchner Industriekonzern präsentiert ein schwaches Quartal und muss seine Gewinnprognose senken. Vor allem die Windkraft bereitet Siemens Probleme. Die Baustellen des Konzerns.

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Siemens Vorstandschef Peter Löscher zieht Bilanz:

Für den drastischen Gewinneinbruch im abgelaufenen Quartal sorgte vor allem die Sparte Stromübertragung. Fast 170 Millionen Verlust fuhr der Bereich Power Transmission, wie die Sparte bei Siemens heißt, zwischen Januar und März ein. Eine Summe, die Vorstandschef Peter Löscher nur mit einer drastischen Kostenreduktion in den Griff bekommt. Deshalb will er bei der Neuordnung des Bereichs will nun „konsequent und zügig durchgreifen“. Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern bei Siemens dürften schon bald beginnen, und sie werden nicht einfach werden. Denn ohne einen deutlichen Stellenabbau, heißt es im Konzern hinter vorgehaltener Hand, dürfte die strukturelle Neuordnung der Division Stromübertragung nicht zu bewältigen sein. Insgesamt schrumpfte der Gewinn des Technologiekonzerns im zweiten Quartal des Geschäftsjahres um zwei Drittel auf nur noch 1,1 Milliarden Euro. Für das gesamte Geschäftsjahr erwartet Siemens jetzt einen Gewinn in Höhe von 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro. Bisher lag die Prognose bei sechs Milliarden Euro. „Das zweite Quartal war wie erwartet nicht einfach“, so Löscher.

Konkurrenz aus China

Die Probleme der Division Stromübertragung sind größtenteils hausgemacht. Löscher und sein Finanzchef Joe Käser verweisen auf die immer schärfere Konkurrenz aus Fernost, vor allem beim Bau von Trafos und Hochspannungsschaltanlagen. In diesem Bereich drohen bei Siemens die größten Jobverluste. Doch dass Anbieter aus China mit ihren qualitativ immer besseren und preiswerten Anlagen auf den Weltmarkt drängen, ist seit Jahren bekannt. Ausbaden müssen die Fehleinschätzung nun die Arbeiter in den Siemens-Trafo-Fabriken. Insgesamt 100 Millionen Euro will der Münchner Technologiekonzern in dem Bereich einsparen.

Die zweite größte Baustelle von Siemens ist die Windkraft. Die Probleme beim Anschluss der Anlagen ans Stromnetz sorgten bei Siemens im zurückliegenden Quartal für Belastungen von 278 Millionen Euro. Schon zwischen Oktober und Dezember fielen hier 203 Millionen Euro an Belastungen an.  Der Windpark Borwin 2 vor Borkum geht wie auch Helwin 1 vor Helgoland ein Jahr später als geplant ans Netz. Die Trafo-Plattform und die 240 Windräder hätten eigentlich bis September 2012 ins Meer gebaut werden sollen. Ab nächstem Jahr hätte Borwin 2 grünen Strom für 1,5 Millionen Haushalte im Emsland ins deutsche Stromnetz einspeisen sollen. Doch auch die Schwierigkeiten bei der Anbindung der Offshore-Windparks in der Nordsee sind so überraschend nicht.

Anders als etwa in Großbritannien stehen in Deutschland die Windparks  mehr als 100 Kilometer vor der Küste in der so genannten ausschließlichen Wirtschaftszone, wo sich weder nistende Seevögeln noch Touristen daran stören können. Doch dass die See dort rauer und tiefer ist, der Anschluss der Windmühlen ans Stromnetz mithin ungleich komplizierter, war von Anfang an erkennbar. Jetzt muss Siemens Vertragsstrafen an den Netzbetreiber zahlen und neue Mitarbeiter einstellen, um den Rückstand nicht noch größer werden zu lassen. Zum Teil sind die Probleme hausgemacht, zum Teil treffen sie auch Wettbewerber wie ABB. Geeignete Unterseekabel für den Anschluss der Windkraftanlagen auf hoher See werden mit dem wachsenden Ausbau der Windkraft knapp, ebenso ist es schwierig qualifiziertes  Personal für diese Aufgaben zu bekommen, so Fraser Johnston, Windkraftanalyst von Bloomberg New Energy Finance.

Vier Windparks doch zuviel?

Die größten Anlagenbauer
NordexNach zwei verlustreichen Jahren und vielen Einsparungen lief es 2013 für Nordex wieder besser. Der Windturbinenbauer kehrte in die Gewinnzone zurück. In der Vergangenheit trennte sich Nordex unter anderem verlustreichen Produktionsstätten in den USA und China und konzentrierte sich ganz auf den Bau von Onshore-Anlagen. Mit der Strategie konnte das Unternehmen in Deutschland Marktanteile gewinnen. 2012 kam Nordex auf 3,5 Prozent, 2013 waren es im On- und Offshore-Bereich zusammen bereits sieben Prozent. Auch die Aussichten sind gut: Für 2014 rechnet der Vorstand mit neue Aufträge im Umfang von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Siemens WindenergiesparteSiemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern und dominiert auch in Deutschland diesen Bereich. Hierzulande kommt das Unternehmen in dem Segment auf 52,1 Prozent Marktanteil. Im On- und Offshore-Bereichen zusammen hatte Siemens Wind Power 2013 einen Anteil von 9,8 Prozent und liegt damit auf Platz vier. Nach dem Verkauf der gefloppten Solarsparte will sich Siemens künftig noch mehr auf die Energie aus Wind und Wasser zu konzentrieren. Das Geschäft lief zuletzt insbesondere im Ausland gut. Im Dezember 2013 erhielt das Unternehmen mehrere Großaufträge in den USA. In Deutschland gibt es aber auch Probleme: Bei der Anbindung von vier Offshore-Windparks in der Nordsee liegt Siemens dem Zeitplan um mehr als ein Jahr hinterher. Die Verzögerungen sollen Siemens bereits mehr als 600 Millionen Euro gekostet haben. Quelle: dpa
SenvionDas Hamburger Unternehmen Senvion ( ehemals Repower) ist eine Tochter des indischen Windkraftkonzerns Suzlon. Wie Nordex ist es auch dem Hamburger Unternehmen gelungen, Marktanteile zu gewinnen. 2013 installierte Senvion Anlagen mit rund 484 Megawatt und nun einen Markanteil von insgesamt 13,5 Prozent. Im Onshore-Bereich sind es sogar 16,2 Prozent. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Deutschland hat das Unternehmen nach eigenen Angaben nun eine Gesamtleistung von 2,8 Gigawatt installiert. Im März 2014 hat Senvion die Schwelle von 10 Gigawatt weltweit installierter Leistung überschritten. In der Vergangenheit hatte das Unternehmen allerdings auch mit deutlichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. Quelle: dpa
VestasDer weltgrößte Windturbinenhersteller Vestas hatte in Deutschland 2013 einen Marktanteil von 16,7 Prozent (Onshore 20 Prozent). Damit hat der Anlagenbauer zwar rund sechs Prozent an die kleineren Mitbewerber verloren, liegt aber weiterhin klar auf Platz zwei. Allein 2013 stellte das dänische Unternehmen Anlagen mit einer Leistung von 598,9 Megawatt in Deutschland auf. Wirtschaftlich ist Vestas offenbar auf einem guten Weg: Nach massiven Sparmaßnahmen in den Vorjahren hat das Unternehmen im letzten Quartal 2013 erstmals seit Mitte 2011 wieder einen Gewinn erwirtschaftet. Der Jahresverlust lag bei 82 Millionen Euro, nach 963 Millionen Euro 2012. Quelle: ZB
EnerconDas vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland (49,6 Prozent Marktanteil). Onshore-Anlagen mit einer Leistung von 1.484,6 Megawatt hat Enercon allein 2013 aufgestellt. Auf dem Gesamtmarkt musste der Windanlagenbauer allerdings Verluste hinnehmen. Lag der Markanteil 2012 bei 54,3 Prozent, betrug er zuletzt noch bei 41,4 Prozent. Weltweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 20.000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 28 Gigawatt installiert. Laut den Wirtschaftsforscher von Globaldata liegt Enercon im globalen Vergleich damit auf Platz. Geschlagen werden die Ostfriesen von der dänische Konkurrenz Vestas. Quelle: dpa

Fehler bei der Einschätzung der Komplexität der Projekte in der Nordsee räumt nun auch der Siemens-Vorstand ein. Vielleicht hätte man statt vier Windparks zunächst besser einen oder zwei Parks gemacht, heißt es. Die so gewonnenen Erfahrungen hätte man dann für spätere Projekte nutzen können. Den betroffenen Arbeitnehmern nützt die späte Einsicht wenig. Der erste hochrangige Kopf rollte bereits. Der zuständige Manager Udo Niehage wird abgelöst. Neuer Leiter der Stromübertragungssparte mit einem Jahresumsatz von mehr als sechs Milliarden Euro wird ab 1. Mai Karlheinz-Springer. Er stammt aus der Kraftwerkssparte. Niehage geht in der Berliner Verbindungsbüro und wird den Dialog zur Energiewende mit Politik und Verbänden weiterführen.

Löscher – ein Fan der Energiewende

Siemens-Chef Löscher war einer der ersten Vertreter der Industrie, der die Energiewende befürwortete. „Die Energiewende wird ein Erfolg“, ließ er auf ganzseitige Anzeigen in allen großen deutschen Tageszeitungen drucken. Das Projekt werde – auch bei unübersehbaren Problemen in der Umsetzung – gelingen. „Wenn wir die passenden Antworten geben. Heute.“

Man hat den Eindruck, dass Löscher bis heute einige Antworten zu fehlen scheinen. Etwa auf das Problem, das Niehage den Job kostete. Wie soll der Strom, der auf hoher See gewonnen wird, seinen Weg ans Festland finden und wie soll er von dort in die ganze Republik verteilt werden? Der Ausbau der Netze kommt nur schleppend voran. Herman Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE) nennt den Netzausbau gar die „Achillesferse der Energiewende“. Netzbetreiber wie Tennet, die die Windparks von RWE, E.On und Siemens mit dem Festland verbinden sollen, kommen nicht hinterher. Lex Hartmann, Mitglied der Geschäftsführung beim Netzbetreiber Tennet TSO, sagte kürzlich dem Handelsblatt, die Übertragungsnetzbetreiber fühlen sich mit der Energiewende finanziell überfordert. „Die Errichtung von Anschlussleitungen für Offshore-Windparks lässt sich nicht in der bisherigen Form aufrecht erhalten. Es gibt einen Tsunami von Anfragen, die wir unmöglich alle gleichzeitig abarbeiten können.“

Wo bleibt das Netz?

Netzbetreiber wie Amprion und Tennet sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Offshore-Anlagen in ihrem Netzbereich ans Festnetz anzuschließen, doch die Vergütung für die Netzbetreiber ist gering und die nötigen Investitionen hoch.  Hartmann: „Tennet in Deutschland hat einen Wert von einer Milliarde Euro. Wir haben aktuell Investitionsentscheidungen über 5,5 Milliarden getroffen. Es werden voraussichtlich mindestens weitere 15 Milliarden Euro auf uns zu kommen. Dieser riesige Kapitalbedarf ist kaum mehr zu bewältigen.“ Tennet, Amprion und Transet arbeiten zudem an Höchstspannungsnetzen, dem so genannten „Ultranet“. Wenn 2017 und 2019 die Meiler Philippsburg und Gundremmingen vom Netz gehen, soll das südwestdeutsche Stromnetz mit Windstrom aus dem „Ultranet“ gespeist werden. Die Kosten dafür gehen in die Milliarden.

Windkraft bleibt tragende Säule

Viele Probleme und klar ist, dass auch einer Konzernriese wie Siemens die Probleme der Energiewende nicht im Alleingang lösen kann. Er besitzt aber das nötige Kapital, um die holprige Anfangsphase relativ unbeschadet zu überstehen und natürlich hofft Löscher bei allem Sand im Getriebe letztendlich auf das große Geld. Die Windkraft ist eine tragende Säule beim Atomausstieg, bisher stammen 7,6 Prozent des deutscher Energiemix aus Windkraftanlagen – der größte Anteil der erneuerbaren Energien. Und er soll weiter wachsen. Bis 2020 will die Bundesregierung Anlagen mit einer Leistung von insgesamt zehn Gigawatt in der Nord- und Ostsee installieren lassen. Die Energiebranche will, das teilte der Branchenverband BDEW auf der Hannover Messe mit, 23 große Offshore-Anlagen bauen – bisher hat das deutsche Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie 29 Offshore-Windparks genehmigt, 25 davon speisen schon Strom ein.

China holt auf

Quelle: dpa

Das bedeutet Großaufträge für Turbinen und Windkraftanlagenbauer wie Siemens und die Konkurrenz – etwa den dänischen Hersteller Vestas oder chinesischen Produzenten Sinovel. Doch auch wenn der Ausbau der Windenergie weitergeht, der Markt wird schwieriger. „Die goldenen Zeiten sind für die Hersteller von Windkraftanlagen erst einmal vorbei“, fassen die Experten der Managementberatung Oliver Wyman die Ergebnisse ihrer aktuellen Untersuchung zusammen.

Entwicklung der größten Windkraftanlagenbauer

Die Preise sind bereits deutlich gefallen und Konkurrenz aus China wird immer besser. Noch fehlt den Asiaten die Langzeiterfahrung mit der Offshore-Technologie, doch Manfred Bayerlein, Chef des TÜB-Rheinlands sind eine wachsenden Konkurrenz. „In der Technologie liegt die chinesische Windkraftindustrie  einige Jahre zurück, aber die Produkte sind jetzt schon wirtschaftlich“, warnt er. Der Markteintritt chinesischer Anbieter hat einen Preisverfall ausgelöst, der Firmen wie Vestas oder Nordex in die roten Zahlen gedrückt hat. Seit 2008 sanken die Preise um rund ein Viertel. „Selbstverständlich werden die Chinesen bald internationale Player, einige von ihnen sind es schon“, sagte Nordex-Chef Jürgen Zeschky der Financial Times. Aufträge erhielten sie etwa in Osteuropa und der Türkei, sofern die Finanzierung auch aus China komme.

Siemens hat sich bereits mit einem Joint-Venture mit Shanghai Electric den Zugang zum chinesischen Windmarkt gesichert. China dürfte in den nächsten Jahren der größte Markt für erneuerbare Energien werden. Die Regierung hat im letzten Fünf-Jahresplan, der 2011 in Kraft trat, 540 Milliarden Euro für alternative Energien vorgesehen, allein die Windkraft soll von 16 Gigawatt im Jahr 201 auf 150 Gigawatt bis 2020 ausgebaut werden. Im Sommer 2011 konnte sich Siemens den ersten Auftrag für einen Offshore-Windpark in China sichern. Sollten weitere folgen, sind die aktuell vorgelegten schlechten Zahlen nicht mehr als ein Zwischentief. Ein Sturm tobt hingegen in einem anderen Geschäftsbereich von Siemens.

Die Stärken und Schwächen des Siemens-Konzerns
Stärke 1: Solide Kapitalstruktur mit geringen Schulden - damit ist Siemens gut für einen Abschwung gerüstet. Die Nettofinanzverschuldung sank im Geschäftsjahr 2010/11 um zehn Prozent auf knapp fünf Milliarden Euro – bei Zahlungsmitteln in Höhe von 12,5 Milliarden Euro. So gut stand der Konzern seit Jahren nicht da. Quelle: dpa
Im Verhältnis zum Eigenkapital machen die Nettoschulden nur knapp 16 Prozent aus. Rechnet man die Finanzdienstleistungssparte heraus und addiert die Pensionsverpflichtungen hinzu, ergibt sich sogar ein Nettofinanzguthaben von 1,5 Milliarden Euro. Daher verwundert es nicht, dass die Ratingagenturen dem Siemens-Konzern Bonitätsnoten im Investmentgrade-Bereich zugestehen: Standard & Poor’s und Fitch vergeben ein Rating von A+, Moody’s von A1. Quelle: dapd
Aber auch die europäischen Konkurrenten weisen starke Bilanzen auf: Während Siemens – inklusive der Finanzsparte – eine Konzerneigenkapitalquote von 31 Prozent hat, kommen die beiden Unternehmen Philips und ABB ohne Finanztöchter sogar auf noch höhere Werte von 47 und 41 Prozent. Der US-Konzern General Electric hingegen erreicht inklusive der Finanzsparte lediglich eine Eigenkapitalquote von 16 Prozent. Bei Philips haben sich die Nettofinanzschulden im Jahr 2011 zwar erhöht. Ende September lagen sie bei 1,2 Milliarden Euro nach nur 80 Millionen im Vorjahr. In Relation zum Eigenkapital waren das aber nur neun Prozent. Quelle: dpa
Stärke 2: Neue Aufträge sorgen für stabile Umsätze. Die Zahlen sind beeindruckend: Zum Ende des Geschäftsjahres 2010/11 hatte Siemens einen Rekordauftragsbestand von 96 Milliarden Euro in den Büchern. In den Monaten davor waren neue Aufträge von 86 Milliarden Euro hinzugekommen. Damit stieg der Eingang im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent und wuchs damit doppelt so schnell wie der Umsatz. Getrieben wurde das Auftragswachstum vor allem von den beiden größten Geschäftsbereichen Industrie und Energie. Quelle: dpa
Siemens profitierte in der Industriesparte vom kurzzyklischen Geschäft und vom größten Auftrag für Züge, den der Konzern jemals verzeichnet hat. In der Energiesparte legten sogar alle Divisionen zu. Siemens rechnet damit, etwa 40 Milliarden Euro der Aufträge bereits im laufenden Geschäftsjahr in Umsatz ummünzen zu können. Das bedeutet: Selbst wenn der Konzern 2012 keine neuen Aufträge mehr an Land ziehen würde, wäre schon mehr als der halbe Jahresumsatz in trockenen Tüchern. Zuletzt hat der Konzern einen Umsatz von 73,5 Milliarden Euro erzielt. Quelle: Reuters
Die hohen Auftragsbestände sind ein gutes Polster. Denn Finanzchef Joe Kaeser (rechts) hat vor Kurzem angedeutet, dass sich die schwache Konjunktur in Europa auf das Neugeschäft auswirkt. Ein ähnlich hoher Auftragseingang dürfte 2012 daher kaum zu erreichen sein. Quelle: Reuters
Stärke 3: Hohe Liquidität ermöglicht Milliarden-Investitionen. Siemens hatte gegenüber den Konkurrenten zuletzt einen entscheidenden Vorteil – den hohen operativen Cash-Flow. Zwar ging dieser im Vorjahresvergleich etwas zurück. Gleichwohl hat das Unternehmen mehr Spielraum für Investitionen als seine wichtigsten Konkurrenten. Kein vergleichbarer Konzern schafft es, so viel Umsatz in tatsächlichen Mittelzufluss umzumünzen wie der bayerische Traditionskonzern. Die Cash-Flow-Umsatzrendite von Siemens lag zuletzt bei elf Prozent. Quelle: dapd

Baustelle Nokia Siemens Networks

Angesichts der Probleme von Siemens im Windenergiesektor sprechen einige Kommentatoren von Lehrgeld, dass der Münchner Industriekonzern zahlen muss. Was die Großbaustelle Nokia Siemens Networks (NSN) angeht, kann davon allerdings keine Rede mehr sein. Seit der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens mit Nokia zur Errichtung von Mobilfunknetzen im Jahr 2007 beschert NSN dem Siemens-Konzern Verluste. Und in diesem Quartal ist es besonders schlimm: 640 Millionen Euro beträgt der anteilige Verlust für Siemens. Seit 2007 hat Siemens bereits 1,25 Milliarden Euro in die Tochter gepumpt. Im Vorjahr hatten die Münchner noch einen Verlust von 107 Millionen Euro durch NSN erlitten. Die deutlich höheren Verluste waren allerdings für dieses Quartal erwartet worden. Der Telefonnetz-Ausrüster leidet unter Preiskämpfen mit aufsteigenden chinesischen Wettbewerbern. Für Nokia und Siemens hat sich NSN längst zum Milliardengrab entwickelt.

Insgesamt hatte NSN Belastungen von 772 Millionen Euro an Siemens gemeldet, anlässlich der Nokia-Zahlen war von einem operativen Verlust von 1,01 Milliarden Euro die Rede. Grund dafür ist ein großes Restrukturierungsprogramm, mit dem NSN-Chef Rajeev Suri das Unternehmen endlich in die Erfolgsspur bringen will. Von den weltweit rund 74.000 Beschäftigten sollen 17.000 gehen. Deutschlandweit will NSN 3000 der insgesamt 9100 Arbeitsplätze streichen. Rund 100 Millionen Euro will NSN durch die Schließung von Standorten einsparen, weitere 150 Millionen Euro durch geringere Reisekosten und den Verzicht auf externe Dienstleister.

Unübersichtliche Strukturen

Vor Nokia Siemens Networks steht die Ampel auf rot Quelle: REUTERS

Bei NSN erscheinen viele Probleme ebenfalls hausgemacht, vor allem in der Unternehmensstruktur liegt einiges im Argen. Suri hat etwa den 13-köpfigen Vorstand entmachtet und dessen Arbeit auf die Langzeitstrategieentwicklung beschränkt. Im Tagesgeschäft entscheidet nun ein dreiköpfiger Vorstand. NSN soll so handlungsfähiger werden. Zusätzliche Komitees sollen zudem Fehler der Vergangenheit vermeiden helfen: Das Restrukturierungskomitee wacht über den Fortschritt der Sanierungsmaßnahmen, ein Preiskomitee soll darauf achten, dass die Aufträge künftig so kalkuliert werden, dass Profitabilität gewährleistet ist. Dass es dazu ein eigenes Komitee braucht, ist schon schlimm genug. Dass Siemens in seinem Quartalsbericht die Steigerung der Profitabilität von NSN als unsicher bezeichnet und in den nächsten Quartalen weiter mit starken Schwankungen – was auch Verluste bedeuten kann - in diesem Bereich rechnet, ist allerdings ein Trauerspiel.

Berichte, nach denen das Joint-Venture noch in diesem Jahr schwarze Zahlen schreiben will, bestätigte NSN bislang nicht. "Wir haben keine neuen Ziele veröffentlicht", hieß es bei NSN. In einem Brief an die Mitarbeiter appellierte NSN-Chef Suri, den Ernst der Lage zu erkennen. "Wir haben begonnen, uns die schlechte Leistung einzugestehen, die Notwendigkeit von Wandel begriffen und kommen voran."

Aber vielleicht nicht schnell genug. Bei Siemens verliert der Vorstand angesichts der hohen Verluste allmählich die Geduld mit der schwierigen Tochter. Siemens-Finanzchef Joe Kaeser hatte Suri bereits öffentlich klar bemacht, dass der Spielraum für Fehler sei sehr klein geworden sei. Der Betriebsrat fordert längst Suris Rauswurf.

Aktie dennoch auf Kurs

Die insgesamt wenig erfreuliche Entwicklung in den Problemfeldern des Konzerns, die sinkenden Auftragseingänge und die Gewinnwarnung ließen die Börse indessen kalt: Siemens-Aktien legten bis zum frühen Nachmittag um mehr als ein Prozent zu. Die schlechten Nachrichten waren also erwartet worden, zumal die Aktie bereits in den Wochen zuvor rund zehn Prozent ihres Wertes eingebüßt hatte und zu den schwächeren Dax-Titeln des Jahres zählt. Anleger können auf Nachholbedarf in der Börsenbewertung hoffen.

Für einige Analysten ist die Gewinnwarnung daher die Gelegenheit, die Aktie zum Kauf zu empfehlen. Denn abgesehen von den großen Problemfeldern entwickeln sich die Geschäfte von Siemens gut, der Konzern ist solide kapitalisiert und nicht überschuldet. Im abgelaufenen Quartal stieg auch der freie Cash-flow, also der freie Mittelzufluss aus den Geschäftsbereichen, um 26 Prozent auf 446 Millionen Euro. Genug, um auch mal ein gescheitertes Experiment zu bezahlen.

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Das Fernziel von Konzernchef Löscher, den Konzernumsatz von rund 75 auf 100 Milliarden Euro zu steigern, ist also noch nicht vom Tisch. Allerdings darf weiter bezweifelt werden, dass Siemens dies ohne spektakuläre Übernahmen oder Beteiligungen schafft. Also darf weiter spekuliert werden, ob und mit wem sich Siemens künftig zusammentut. ThyssenKrupp, die nach Fehlinvestitionen und aufgrund des schwierigen Stahlgeschäfts nicht so gut aufgestellt sind wie Siemens, aber gute Schnittstellen in den Geschäftsbereichen bieten, ist da nach wie vor ein spekulativer, aber heißer Kandidat.

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