Stahlindustrie: Ex-Salzgitter-Chef sieht Übernahme als „Chance auf etwas sehr Gutes“
WirtschaftsWoche: Herr Fuhrmann, als Chef der Salzgitter AG wollten Sie die Dekarbonisierung der Stahlindustrie noch aktiv vorantreiben. Inzwischen blicken Sie pessimistischer auf die Zukunft des „grünen Stahls“. Wie kommt’s?
Heinz Jörg Fuhrmann: Als Olaf Scholz noch Finanzminister war, habe ich ihm als seinerzeitiger Salzgitter-Chef einmal gesagt: Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass wir die Transformation in Richtung Wasserstoffdirektreduktion nur dann hinbekommen werden, wenn wir für die nächsten zwei Jahrzehnte über große Mengen an Erdgas verfügen. Und zwar zuverlässig und zu weltweit wettbewerbsfähigen Preisen. Scholz stimmte mir damals zu. Das war vor vier Jahren. Nun: Wo stehen wir heute?
Es gibt heute jedenfalls kein günstiges Erdgas mehr.
Eben. Je nach Weltanschauung kann man dafür Herrn Putin, Herrn Selenskyj oder Herrn Biden verantwortlich machen. Fest steht: Die Verhältnisse haben sich geändert. Und die Perspektiven für CO2-freien Stahl haben sich stark eingetrübt. Weswegen ich heute sage: Ich glaube an den grünen Stahl nach deutschem Reinheitsgebot genauso viel und ebenso wenig wie an die Unfehlbarkeit des Papstes.
Das heißt, wir bleiben bei der dreckigen Kohle?
Nein. Aber wir müssen uns von diesem Absolutheitsanspruch lösen. Wir müssen bereit sein, auch Stahl mit 60 oder 70 Prozent weniger CO2 als „grünen Stahl“ zu akzeptieren. Zumindest für eine Weile. Wir müssen technologieoffener werden, um eines Tages vielleicht günstigen Atomstrom mit Small Modular Reactors erzeugen zu können. Und wir müssen über CCS in der Stahlherstellung nachdenken, also die Abscheidung und Speicherung von CO2 aus Erdgas oder Kohle.
Mehr Technologieoffenheit allein wird die Stahlindustrie in Deutschland aber kaum langfristig retten, oder?
Nein. Was völlig klar ist: Wenn wir kurzfristig, inmitten dieser Transformation, der freien Wildbahn des globalen Wettbewerbs ausgesetzt wären, könnten wir nicht bestehen. Insofern muss die notwendige Frage lauten: Was ist dem Staat diese Industrie wert?
Offenbar einiges: Ihr ehemaliger Konzern Salzgitter hat ja schon eine Milliarde Euro an Subventionen erhalten für eine klimafreundliche Direktreduktionsanlage.
Energieintensive Unternehmen brauchen allzumal inmitten der Energiewende eine gewisse staatliche Hilfe. Ich verstehe jedoch nicht die meines Wissens völlig disproportionale Höhe der Fördersummen: Salzgitter bekommt eine Milliarde Euro für knapp 2 Millionen Tonnen Jahreskapazität. Thyssen-Krupp dagegen zwei Milliarden für 2,5 Millionen Tonnen und Saarstahl/Dillingen 2,6 Milliarden für 3,5 Millionen Tonnen.
Und dann gibt es noch eine zweite Art der Wettbewerbsverzerrung: Mittelständische Langprodukthersteller praktizieren schon seit 100 Jahren das ewige Recycling von Schrott im Elektro-Lichtbogenofen. Die werden vielleicht zukünftig verschwinden, weil sie mit solchen Stahlkonzernen konkurrieren, deren Umstieg auf die Elektrostahl-Route massivst subventioniert werden soll. Das ist doch nicht nur ökonomisch ein Riesenrückschritt, sondern auch ökologisch.
Es wird aber ja noch weitere Hilfestellung geben. In der vergangenen Woche hat die EU-Kommission einen Aktionsplan Stahl vorgestellt. Auch die vermutlich nächste Bundesregierung hat mit ihrem Sondervermögen Infrastruktur Hoffnungssignale an die Branche gesendet.
Ja, absolut. Wobei: Sondervermögen ist ja ein ziemlicher Euphemismus. Es sind Sonderschulden, die von unserem kommenden Bundeskanzler Friedrich Merz unter Beachtung eines Spruches von Konrad Adenauer durchgewunken wurden: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Mir wäre es lieber gewesen, wir wären mit etwas mehr Disziplin und Augenmaß vorgegangen.
Als jemand, der der Stahlbranche seit Jahrzehnten verbunden ist, werden sie aber doch auch ein bisschen Freude empfinden.
Für die Stahlindustrie bedeutet das Sondierungspapier eine sehr positive Botschaft, ja. Übertragungsnetzentgelte halbieren, zum Beispiel. Das ist die einfachste Möglichkeit, die Strompreise in eine positive Richtung zu bewegen, auch wenn sie im Weltmaßstab sicher immer noch nicht wettbewerbsfähig werden. Ich bin außerdem der Auffassung, dass Übertragungsnetze der Daseinsvorsorge der Gesellschaft dienen und eigentlich nicht in Privathand gehören.
Sie wünschen sich also eine Verstaatlichung der Übertragungsnetze?
Ja, ich würde eine Verstaatlichung unterstützen. Netzbetreiber sind keine dynamisch am Markt agierenden Unternehmen. Stromnetze sind Basis-Infrastruktur, wie Wasserleitungen, die werden auch von kommunalen Regieunternehmen betrieben. Wieso sollte der Steuerzahler für die nahezu risikofreie Rendite privater Netzbetreiber aufkommen müssen? Dann lieber direkt verstaatlichen.
Apropos Eigentumsverhältnisse: Sie sind Chefaufseher der Günter Papenburg AG, die zusammen mit der Familie Rethmann Salzgitter übernehmen möchte. Ist das der richtige Weg, um ihr früheres Unternehmen zu retten?
Salzgitter muss nicht gerettet werden.
Aber langfristig profitabler aufgestellt werden...
Genau. Ich sehe es so: Das Bessere ist der Feind des Guten. Und hier besteht eine Chance auf etwas sehr Gutes. Bei richtiger Kommunikation zwischen den Share- und Stakeholdern kann eine Übernahme mehr Chancen als Risiken für Salzgitter beinhalten. Schon deshalb, weil einem mitbestimmten, börsennotierten Unternehmen wie Salzgitter der unverstellte Blick erfolgreicher Privatunternehmer wie Papenburg und Rethmann nicht schaden kann.
Erwarten Sie Synergieeffekte?
Die Rethmann-Gruppe ist der größte deutsche Schrotthändler. Sie ist absolut führend in Herstellung und Entwicklung hochreiner Einsatzmaterialien. Und die Papenburg AG besitzt großes Know-how im ressourcenschonenden Recycling von Reststoffen auch aus der Stahlproduktion. Inklusive der Beteiligung am Kupfer- und Metallproduzenten Aurubis, die ich auch nicht unerwähnt lassen möchte, bedeutet das strategisch eine Riesenchance.
Es gibt häufiger die Unterstellung, dass Sie vielleicht auch einer der Strippenzieher dieses Übernahmeangebots sind…
Wer das behauptet, der weiß nicht, wie Familienunternehmen ticken. Solche Entscheidungen fallen im Familienkreis. Und das ist ja auch verständlich, die Papenburgs haben mehrere hundert Millionen Euro in die Salzgitter AG investiert. Natürlich bin ich in die Kommunikation eingebunden gewesen und habe meine Einschätzung eingebracht.
Die offenbar positiv ausfiel.
Die aus den genannten Gründen positiv ausfiel, richtig. Was ich aber nicht verhehlen will: Es gibt auch Risiken einer solchen Übernahme. Jedenfalls aus Sicht der Salzgitter AG. Ich sage jetzt nur einen Satz dazu: Ich könnte schwer damit leben, wenn das mit so viel Geschick und Fortune von meinem Vorgänger und mir gemeinsam aufgebaute, diversifizierte Unternehmen Salzgitter AG nach einer Übernahme filetiert würde. Das täte mir sehr leid.
Also: Möglichst nichts verkaufen?
Möglichst sollte man andere Wege finden, als Tafelsilber zu verkaufen.
Das letzte Übernahmeangebot der beiden Unternehmerfamilien lag bei 18,50 Euro pro Aktie. Inzwischen liegt der Salzgitter-Kurs bei circa 24 Euro pro Aktie. Ein neues Angebot müsste also viel höher sein.
Vermutlich. Es ist in allererster Linie Aufgabe der Unternehmensspitzen von Rethmann und Papenburg, dies zu bewerten.
Ist eine Übernahme dann überhaupt noch attraktiv?
Das hängt davon ab, wie man die Zukunft von Salzgitter und die eigene unternehmerische Zukunft einschätzt. Und da lassen sich Familienunternehmen nur begrenzt in die Karten schauen. Das verstehe ich auch, sie machen es mit eigenem Geld.
Aurubis haben Sie vorhin schon angesprochen. So mancher stellt sich die Frage: Warum übernehmen Papenburg und Rethmann nicht einfach direkt Aurubis?
Zeitweise war der Börsenwert von Salzgitter geringer als der anteilige Börsenwert der Aurubis-Beteiligung. Das hat sich ja Gott sei Dank wieder geändert. Aber strategisch lohnt es sich dennoch, über das Hier und Jetzt hinauszudenken. Salzgitter, Aurubis, Papenburg und Rethmann könnten eine starke, hochintegrierte, innovative metallproduzierende Gruppe formen. Heraus käme ein weltweit tätiger Multi-Metal-Konzern – das klingt doch nicht gerade verkehrt? Dies ist aber jetzt ausschließlich meine persönliche Ansicht!
Herr Papenburg wird Sie als Aufsichtsratsvorsitzenden aber doch sicher auch konsultieren diesbezüglich, oder?
Wir reden regelmäßig miteinander. Wäre ja auch schlimm, wenn wir es nicht täten.
Sind Sie sich da sehr uneinig, was das Thema Salzgitter-Übernahme angeht? Wird da sehr kontrovers diskutiert?
Nein, wir sind uns bei diesem Thema sehr einig.
Grundsätzlich, aus Ihrer persönlichen beruflichen Historie heraus: Was liegt Ihnen mehr am Herzen, Salzgitter oder Papenburg?
Am Herzen liegt mir natürlich nach wie vor das Unternehmen, bei dem ich 26 Jahre und davon 25 im Vorstand gearbeitet habe. Und ich wünsche mir ebenfalls, dass dieses gewiss wirtschaftlich kalkulierte, gleichzeitig ein bisschen patriotisch angelegte Engagement der Papenburgs am Ende ein Erfolg wird. Das sind keine Raider. Es sind Familienunternehmer. Die ticken anders als ein börsennotiertes Unternehmen – aber auch zutiefst sozial.
Sozial auf eine andere Art als Salzgitter.
Das stimmt, es ist patriarchalischer.
Auf Seiten der Salzgitter-Belegschaft sorgt man sich um die Montanmitbestimmung.
Unnötigerweise.
Ja?
Ja. Ich bin der Letzte, der nicht auch die eine oder andere Frage nachvollziehen kann, welche die Arbeitnehmerseite bei Salzgitter gerne vor einer Übernahme geklärt hätte. Aber die IG Metall ist schon jetzt in zig großen Familienunternehmen vertreten, speziell in Süddeutschland. Auch dort funktioniert es ja offenbar.
Wenn die besprochene Übernahme nicht klappen sollte: Zuletzt wurden auch wieder Forderungen nach einer Konsolidierung in der Stahlbranche laut, danach, eine große Deutsche Stahl-AG zu gründen, um international wettbewerbsfähiger zu werden. Sie haben das in Ihrer Zeit an der Salzgitter-Spitze immer abgelehnt.
Richtig.
Hat sich daran irgendetwas geändert?
Nein. Ich lehne das ja nicht prinzipiell ab, sondern ich stelle eine ganz einfache Frage: Welchen Mehrwert bringt eine solche Fusion der Salzgitter AG und ihren Stakeholdern, inklusive Shareholdern? Durch Fusionen wird der Kranke nicht gesünder. Und es gibt Unternehmen, die müssen erstmal eine Art Exorzismus durchlaufen.
Sie spielen auf Thyssenkrupp an.
Eine Fusion mit einem Unternehmen, das seine inneren Themen und Probleme nicht gelöst hat, zieht ein noch intaktes Unternehmen wie Salzgitter in die Tiefe. Egal, wie es heißt.
Ihr Nachfolger, Gunnar Groebler, scheint das ja bisher recht ähnlich zu sehen.
Richtig. Und das begrüße ich sehr.