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Industrie„Es muss vielleicht nicht jedes Stahlwerk überleben“

Die deutsche Industrie muss den Kohlendioxidausstoß reduzieren. Sie muss aber auch wettbewerbsfähig bleiben. Hoffnung, dass der Spagat gelingt, knüpft die Branche an die neue Regierung.Clara Thier, Lisa Ksienrzyk 13.05.2025 - 08:11 Uhr
Stahlcoils stehen im Lager von ThyssenKrupp fertig zum Versand. Ob die Erzeugung jemals ohne CO2 möglich ist? Foto: imago images

Unternehmer Caspar Brockhaus ist grundsätzlich kein Freund staatlicher Eingriffe, weder in seiner, noch in einer anderen Branche. „Stahlwerke mit Subventionen zu retten, ergibt keinen Sinn“, sagt Brockhaus. Er spielt damit auf die fast sieben Milliarden Euro an, die großen deutschen Stahlherstellern gewährt wurden. Die grüne Transformation dürfe nicht durch den Staat finanziert werden, sondern müsse durch Nachfrage und Wirtschaftswachstum gelingen, argumentiert der Familienunternehmer im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“.

Wird das gelingen? Kann das gelingen?

Die große Frage, die sich nicht nur Brockhaus, sondern die deutsche Industrie insgesamt stellt, lautet: Ist eine grüne Stahlproduktion bis 2045, jenem Jahr, in dem Deutschland klimaneutral sein will, möglich? Oder ist bis dahin nichts mehr übrig von der deutschen Stahlindustrie?

Podcast Chefgespräch

Brockhaus-Group-Chef: „Wir sind sicherlich keine Dinosaurier“

09.05.2025 von Varinia Bernau
Abspielen 48:13

Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage und der zusätzlichen Herausforderung, die Industrie zu dekarbonisieren, rechnen viele mit einer Konsolidierung der Branche. „Wir müssen zusehen, dass wir in Europa weiterhin eine Stahlindustrie haben“, sagt Brockhaus und ergänzt: „Es muss vielleicht nicht jedes Stahlwerk die Möglichkeit haben, zu überleben.“

Die diversifizierte Unternehmensgruppe Brockhaus Group mit Sitz in Plettenberg ist unter anderem im Stahlgeschäft tätig. Caspar Brockhaus leitet sie in der sechsten Generation. Die Stahlsparte von Brockhaus verarbeitet Stahl weiter zu Bandstahlprodukten für die Automobilindustrie, den Maschinenbau oder die Agrarwirtschaft.

Damit gehört Brockhaus zu den Kunden einer Branche, die sich derzeit in einer tiefen Krise befindet: Die Stahlhersteller produzieren unter ihren Kapazitäten, schreiben Verluste. Die deutsche Rohstahlproduktion ist im Jahr 2024 erneut gesunken, auf nur noch 37,2 Millionen Tonnen. Das sind fast 20 Millionen Tonnen weniger, als die Branche produzieren könnte. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht: Laut Wirtschaftsvereinigung Stahl wurden im ersten Quartal 2025 insgesamt 12,5 Prozent weniger Rohstahl produziert als im Vorjahreszeitraum. „Die Rohstahlerzeugung in Deutschland könnte wegen der hohen Energiekosten und bei fehlendem Außenhandelsschutz weiter zurückgehen“, sagt Stahl-Experte Nils Naujok von der Beratung Oliver Wyman.

Auch auf dem Weltmarkt gibt es massive Überkapazitäten. Die EU versucht mit einer Reihe von Schutzmaßnahmen die heimische Stahlindustrie vor Billigimporten aus China zu schützen, denn Stahl gilt als strategisch wichtiger Rohstoff für viele weitere Branchen. Im April hat sie die Importquoten erneut verschärft und gesenkt.

Koalitionsvertrag: Grüne Leitmärkte als Chance

Der neue Koalitionsvertrag stimmt die Stahlbranche immerhin hoffnungsvoll. „Eine gelungene Grundlage, um den Industriestandort Deutschland zu stärken“, kommentiert Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Als wichtigsten Punkt hebt sie die vorgesehene Senkung der Stromkosten hervor. Die Aussicht, dass für den Wasserstoffhochlauf nicht nur grüner, sondern auch anderer, weniger klimafreundlicher Wasserstoff genutzt werden solle, lobt sie als „pragmatisch“.

Die Umstellung von Kohle auf Erdgas (mittelfristig) und grünen Wasserstoff (langfristig) ist die zentrale Strategie, mit der die Branche klimafreundlicher werden will. Schließlich ist die Stahlherstellung ein echter Klima-Killer, sie ist für rund sieben Prozent der gesamten deutschen CO₂-Emissionen verantwortlich. Doch noch ist Wasserstoff teuer und fast nicht verfügbar, grüner Stahl aus kleineren Pilotprojekten dementsprechend teuer.

Laut Koalitionsvertrag will die neue schwarz-rote Bundesregierung nun  „Leitmärkte für klimafreundliche beziehungsweise klimaneutrale Produkte schaffen, zum Beispiel durch Quoten für die emissionsarme Herstellung von Stahl, eine Grüngasquote oder vergaberechtliche Vorgaben.“ So könnte der Markt für grünen Stahl angekurbelt werden, indem beispielsweise bei öffentlichen Bauaufträgen grüner Stahl aus Deutschland oder Europa eingekauft wird. Ein erstes Pilotprojekt könnte laut Koalitionsvertrag die Deutsche Bahn sein. Ein wichtiger „Anschubimpuls“, sagt Brockhaus im WiWo-Podcast, betont aber: Es solle keine Quoten für Industrieaufträge geben.

Das Konzept der grünen Leitmärkte findet bei vielen Experten Anklang. So sagte beispielsweise der Ökonom Jens Südekum im Gespräch mit der WirtschaftsWoche, er halte das Instrument „für sehr gut und vielleicht sogar wichtiger als einige der Subventionen, die an die Stahlindustrie ausgezahlt wurden“. Aktuell sei grüner Stahl jedoch sehr teuer. Damit der Markt für grünen Stahl in Gang kommt, brauche es den entsprechenden Nachfrageimpuls.

Es muss vielleicht nicht jedes Stahlwerk die Möglichkeit haben, zu überleben.
Caspar Brockhaus
CEO der Brockhaus Group

Die neue Regierung unter Merz plant zudem, sich für eine effektive Nachfolgelösung für die 2026 auslaufenden EU-Schutzregeln für europäischen Stahl einzusetzen – ein Punkt, der für die Stahlindustrie von geradezu essenzieller Bedeutung ist: Jede dritte Tonne Stahl in der EU stammt heute aus dem nicht-europäischen Ausland. Dieser Anteil könnte in Zukunft wachsen, denn die US-Zölle auf chinesischen Stahl könnten dafür sorgen, dass mehr davon in Europa auf dem Markt kommt.

Unternehmer Caspar Brockhaus sieht in der grünen Transformation mehr zu gewinnen als zu verlieren. Er selbst will die CO2-Emissionen der Brockhaus-Gruppe weiter reduzieren. Dafür investiert er gerade 2,2 Millionen Euro in eine Elektrolyseanlage, die mit erneuerbarem Strom grünen Wasserstoff produzieren soll. In seinem Kaltwalzwerk wird aktuell grauer Wasserstoff und Erdgas verwendet, um die Stahlspulen für die Weiterverarbeitung zu erhitzen. In Zukunft kann er dann den grauen Wasserstoff, hergestellt aus Erdgas, durch eigenen grünen Wasserstoff ersetzen. Noch könne man in Deutschland kein Geld mit Wasserstoff verdienen. Das Unternehmen plant jedoch, Elektrolyseanlagen an weitere Abnehmer zu verkaufen, sobald das Konstrukt fertig ist.

Eigentlich hätten sie für den Bau staatliche Subventionen beantragen können, Caspar Brockhaus hat sich allerdings dagegen entschieden: „Das war so lächerlich wenig, sodass wir entschieden haben, dass es der bürokratische Aufwand nicht wert war.“

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