Kettensägen: Stihl: Schwäbisch, amerikanisch – und jetzt in der Trump-Falle
Magnesium ist für den schwäbischen Kettensägen-Hersteller Stihl ein Supermittel: einfach aus dem Meer zu beschaffen, leicht im Gewicht. Ideal für tragbare Kettensägen. Kaum ein anderes Material nutzt Stihl häufiger. Das Unternehmen gießt daraus eigene Kolben für den Benzinmotor und eigene Motordeckel, jährlich eine Millionenstückzahl. Ja, das Material ist so wichtig, dass Stihl am Stammsitz in Waiblingen bei Stuttgart seit Jahrzehnten mehrere eigene Fabrikanlagen für Magnesium betreibt, neben denen von Volkswagen sind es die größten Magnesiumanlangen in Europa. Von hier verschickt Stihl Teile in sämtliche Fabriken der Welt.
Das Magnesiumwerk von Stihl ist ein Alleinstellungsmerkmal, kein Konkurrent bietet das. Aber ein Vorteil? Im Zollwirrwarr von US-Präsident Donald Trump geraten selbst die lange gehegten Überlegenheiten zum Nachteil. Plötzlich sind auf importierte Magensiumkolben zusätzliche Abgaben fällig, die günstige Eigenproduktion wird zur Last. Und das ist bei Stihl besonders schmerzvoll.
Kaum ein anderes großes deutsches Industrieunternehmen ist so abhängig vom US-Geschäft. Fast ein Drittel seines Umsatzes erwirtschaftet Stihl in den USA. Seit den 1970er-Jahren ist man dort, Stihl-Vorstandsvorsitzender Michael Traub sieht das Unternehmen als „Teil der US-Community, fast ein amerikanisches Unternehmen“. Droht Stihl deshalb ein besonderes Trump-Problem?
Bei der Bilanzkonferenz am Dienstag versucht die Führungsriege um Traub, diesem Eindruck zuvorzukommen. Das vergangene Geschäftsjahr sei „positiv“, man selbst „profitabel“, der Umsatz leicht auf 5,33 Milliarden Euro gestiegen, der Eigenkapitalanteil auf fast 70 Prozent, so die Firmenführung. Konkrete Angaben zu Marge und Gewinnanteil hält das Unternehmen seit Jahren zurück.
Dass nicht alles rund läuft, wird dennoch deutlich. Auch Stihl fährt Kostensparprogramme, will Leute entlassen. In Deutschland soll eine „niedrige dreistellig Zahl“ von Stellen gekürzt werden, im Ausland 500 Stellen. Stihl sei während der Pandemie stark gewachsen und hätte „Hoffnungen“ gehabt, die „so nicht eingetreten sind“, gesteht das Management.
Wie die gesamte Branche sieht sich Stihl inmitten einer Transformation, ähnlich der im Automobilsektor: Der Umstieg vom Verbrennermotor auf Akkubetrieb erfordert neue Fähigkeiten und Lieferketten. Das Unternehmen will den Anteil der Akkugeräte bis 2027 von heute 25 auf 35 Prozent steigern.
Stellenstreichung in Deutschland
In Deutschland bräuchten die Beschäftigten deshalb wohl neue Aufgaben. Die Batterieproduktion sei hierzulande „nicht wettbewerbsfähig“, sagt Traub. Bislang produziert Stihl im Heimatland vor allem Benzinmotoren. Wie viele der fast 6000 Stellen in Deutschland in Zukunft entfallen könnten, ist offen. Der Umstieg auf die Batterietechnologie bei Kettensägen, Laubbläsern und Co. werde „im Unterschied zum Auto länger dauern“, sagt Produktionsvorstand Martin Schwarz. Die Kernkundschaft, also vor allem viele Förster und Landschaftsgärtner, seien von der Akkualternative noch nicht richtig überzeugt. Bei der Leistung und Betriebszeit gebe es noch Unterschiede, so Schwarz.
Und dennoch will das Unternehmen weiterwachsen, auch Trump zum Trotz. „Wir sehen uns gut aufgestellt“, findet Geschäftsführer Traub. Wie viele Mittelständler überdenkt auch Stihl die globalen Lieferketten, erhöht die regionalen Produktionen vor Ort, um von Zöllen und Lieferhürden unabhängiger zu werden. Für Europa baut man in Rumänien mit 700 zusätzlichen Beschäftigten eine neue Batterieproduktion. In eine solche hat man auch in den USA vor kurzem investiert.
Klar, findet Traub, „im Moment“ könne man kaum verlässliche Entscheidungen treffen, die Lage sei zu volatil. „Wir kennen heute ja nicht einmal die richtigen Zolltarifnummern.“ Das wäre aus Sicht von Traub nötig, um Waren nach Gruppen einzuteilen und sie zu verzollen. Doch auch hier ändert die US-Administration des Öfteren die Bedingungen.
Kaffee trinken und abwarten? Ein bisschen schon. Man analysiere, heißt es vom Unternehmen. Und man beobachte die Konkurrenz. Die habe es ja noch schwerer als Stihl, glaubt die Geschäftsführung: Die mächtiger werdenden Wettbewerber aus China könnten wegen der Zölle kaum in Amerika verkaufen. Und der größte US-Konkurrent im Profi-Bereich, der schwedische Kettensägenhersteller Husqvarna, müsse die gleichen Abgaben stemmen wie Stihl. Da sei man mit einer Produktionstiefe von knapp 60 Prozent der Teile, die man selbst in den USA produziere, im Vorteil.
Und das Magnesium-Problem, so hört es sich an, kann Stihl dann auch noch irgendwie stemmen.