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Tönnies Die Extrawurst

Nordrhein-Westfalen gewährte in Abstimmung mit dem Kreis Gütersloh Tönnies Ausnahmen von Abstandsregeln. Quelle: dpa

Abstandsregeln galten für andere. Was für Restaurants und Einzelhändler im Kreis Gütersloh und anderswo Vorschrift war, musste der Schlachtbetrieb Tönnies wegen einer Ausnahmegenehmigung nicht einhalten.

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Normalerweise gelten Strom- und Wasserversorgung, Polizei, Feuerwehr und Krankenhäuser als kritische Infrastruktur. In Krisenzeiten gehörte dazu auch die Lebensmittelindustrie mit Zulieferern und Logistikern. Mit der Begründung, dass „Tönnies einen Versorgungsauftrag als Unternehmen mit kritischer Infrastruktur hat“, gewährte das Land Nordrhein-Westfalen in Abstimmung mit dem Kreis Gütersloh dem Unternehmen Ausnahmen von den Abstandsregeln. Das geht aus einem Antwortschreiben der Stadt Rheda-Wiedenbrück auf eine Anfrage der städtischen Bündnis90/Die Grünen-Fraktion hervor. Die Fragen der Grünen wurden von der Stadt zur Beantwortung an Tönnies weitergeleitet. Die Antwort der Stadt bestand vor allem aus Aussagen, die diese von Tönnies bekommen hatte.

Da konnte man unmissverständlich lesen, dass es für den Fleischer eine Extrawurst gab. Ein Mindestabstand von 1,50 Metern hätte dort offenbar dazu geführt, dass es nicht möglich gewesen wäre, „die notwendige Produktion fortzusetzen“, hieß es in dem Schreiben, in dem die Fachbereichsleitung Soziales und Bürgerservice der Partei am 23. April auf Fragen antwortete.

Aber wenn es kein Fleisch gegeben hätte: Brot und Torten wären genug dagewesen, die Versorgung der Bevölkerung wäre nicht zusammengebrochen. Etwa zu Ostern war auch bei der Großbäckerei Coppenrath & Wiese in der Tortenproduktion Hochbetrieb, dort werden verderbliche Waren eingesetzt und müssen zügig produziert werden. Aber das Unternehmen hatte auch damals eigenen Angaben zufolge mit schärferen Hygiene-Maßnahmen auf die Corona-Situation reagiert. In der Produktion sei der Abstand zwischen den Mitarbeitern auf mindestens 1,50 Metern vergrößert worden. Ausnahmegenehmigungen von diesen Abstandsregeln, auf die sich das Land und der Kreis Gütersloh bei Tönnies geeinigt hatten, gab es nicht. Auch in anderen Betrieben der Tiefkühlindustrie, die sich zu Coronazeiten zu einem wichtigen Teil der Lebensmittelversorgung entwickelt hatte, waren Ausnahmen von den Abstandsregeln nicht nötig. Man passte sich an. An den Bändern arbeiten allerdings stets wenige Menschen, vieles ist automatisiert – stärker, als bei Tönnies.

Auch beim Großbäcker Harry wurden Abstandregeln eingehalten. Auf Grund eines hohen Automatisierungsgrades seien dort die Produktionsanlagen nur mit wenigen Mitarbeitern besetzt. Für Schichtbeginn und -ende arbeitete man nach eigenen Angaben mit versetzen Zeiten, so dass sich die Anwesenheit von Mitarbeitern auch in den Umkleide- und Hygieneräumen entzerrte.

Doch warum war das, was in der Torten- und Brotproduktion mit Abstand funktioniert hat und auch bei anderen Tiefkühlproduzenten normal war, den Politikern von Land und Kreis eine Ausnahme wert? Konnte Tönnies nicht einfach seine Produktionsbänder etwas langsamer laufen lassen und die Schweine, die er nicht schlachten konnte, auf den Feldern rund um seinen Betrieb warten lassen? Ganz so einfach ist es nicht, denn das überleben die hochgezüchteten Schweine auch nicht.

Eine Entlastung von ihren Knochenjobs hätte aber auch den Angestellten in der Coronakrise gutgetan. Zumal sie dann, wenn alle Schichten in normaler Stärke arbeiteten, schon beim Transport zur Fabrik eng zusammengepfercht in den Fahrzeugen sitzen mussten. Vom Betrieb kam die Mahnung, dabei einen Mundschutz zu tragen. Die bei Tönnies damals installierten Wärmebildsensoren, die die Körpertemperatur der Mitarbeiter beim Betreten der Gebäude messen sollten, schienen zuletzt auch nicht funktioniert zu haben. Sie hatte das Unternehmen als Teil der Corona-Präventionsmaßnahmen angekündigt.

Das Schreiben der Stadt Rheda-Wiedenbrück entlarvt die unglückliche Verquickung der Kontrollbehörde mit dem größten Betrieb im Ort. Erfreut hatte die Stadt noch am 23. April über Facebook mitgeteilt, dass mit Beginn der Corona-Pandemie Clemens Tönnies einen Corona-Hilfsfonds mit einer Spende von 500.000 Euro durch das Unternehmen ins Leben gerufen hatte. Die Freiwillige Feuerwehr Rheda-Wiedenbrück erhielt von den Geldern 1500 wiederverwendbare Mund- und Nasenschutzmasken. Familien bekamen Lebensmittelgutscheine – die Verteilung der Gelder allerdings übernahm nicht der Hilfsfonds selbst, sondern die Stadt Rheda-Wiedenbrück.


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Sarah Dhem ist Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie. Im Interview spricht sie über Produktionsbedingungen, bekannte Missstände und die eigenen Erfahrungen während der Coronakrise. Das ganze Interview lesen Sie hier.

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