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US-Zölle„Amerika ist abhängiger von Europa, als man uns vormachen will“

Der Zolldeal ist ein schlechtes Ergebnis: Europas Interessen verscherbelt, Wachstum verschenkt, Überzeugungen über Bord geworfen – ohne Not! Eine Kolumne.KOMMENTAR von Herbert Diess 19.08.2025 - 13:24 Uhr
Treffen in Turnberry im Juli: US-Präsident Ursula von der Leyen und Donald Trump im Gespräch. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Das bisherige Ergebnis des Handelsstreits zwischen den USA und Europa kann nicht zufriedenstellen. Europa wurde dabei vertreten von einer Garde naiver, nostalgisch verklärter Transatlantiker, die weiter beschwichtigen und in wehmütiger Erinnerung das alte Lied des Westens singen. Dabei unterwerfen sie sich einem Land, das heute ganz klar mehrheitlich gegen die europäischen Werte von Demokratie, Vielfalt, Meinungsfreiheit und Verantwortung für die Welt und Umwelt agiert.

Die US-Politik orientiert sich heute ausschließlich an den Interessen der US-amerikanischen Industrie: Öl, Waffen, Daten, Finanzinvestments – ohne Verantwortung für den Zustand der Welt. Dabei ist sie nicht unwissend, sondern sucht bewusst den kurzfristigen eigenen Vorteil, zulasten der Zukunft und zulasten von knapp acht Milliarden Nichtamerikanern. Vielleicht sogar zum einzigen Nutzen einer kleinen amerikanischen Minderheit, also unter dem Strich zum Nachteil von 99 Prozent der Erdbevölkerung.

Der Handelsdeal zwischen der EU und den USA ist vor diesem Hintergrund ein Armutszeugnis. Besser verhandeln derzeit China (viel besser), Russland, Japan, … nahezu alle. Schlechter – weil wahrscheinlich mit schlechteren Karten – trifft es derzeit nur die Schweiz und einige kleine, durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit stark ausgelieferte Länder.

Zu dieser Kolumne
Herbert Diess war bis Mitte 2022 Vorstandschef von Volkswagen, davor unter anderem Vorstandsmitglied bei BMW. Derzeit ist er Aufsichtsratschef des Chipkonzerns Infineon und Vorsitzender des Verwaltungsrats von The Mobility House, einem Anbieter von Ladeinfrastruktur für Elektroautos.
... Ex-VW-Chef Herbert Diess, die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, dm-Geschäftsführer Christoph Werner und die ehemalige Cum-Ex-Ermittlerin Anne Brorhilker.

Die Amerikaner agieren rücksichtslos. Man will, um mehr Öl und Gas zu verkaufen und die Abhängigkeit vom US-Imperium zu vergrößern, den Klimawandel beschleunigen, die Armut in der Welt vergrößern und mehr Plastik in die Weltmeere kippen. Und als würde dieser Raubbau am Planeten nicht genügen, wollen die USA einen höheren Tribut für „Sicherheit“ und Währung nehmen. Die Welt soll Amerika – genauer gesagt einer kleinen Minderheit von Amerikanern – gehören.

Die Kultur soll amerikanisch, ja neu-amerikanisch sein: rechts, konservativ, rückwärtsgewandt, wissenschaftsfeindlich, undemokratisch. Diktaturen hat Amerika unter dem Vorwand des Kampfes gegen Sozialismus und Kommunismus schon oft gestützt. Jetzt will man offen eine Welt von Diktatoren und Populisten, die sich Amerika unterordnen.

Die Stärke der „Magnificent Seven“ speist sich auch aus EU-Daten

Doch Europa muss diese Entwicklung nicht ohnmächtig mitansehen: Das neue Amerika ist viel abhängiger von Europa, als man uns vormachen will. Wir denken immer noch in Handelsströmen, in Produkten wie Autos, Spirituosen, Motorrädern und Stahl. Dabei sind in Wirklichkeit Daten die Werte dieser neuen Welt.

Deren Wert ist für viele noch immer schwer zu greifen, dabei zeigt sich ihr Gewicht in der Marktkapitalisierung der US-amerikanischen Tech-Giganten, vor allem der sogenannten Magnificent Seven. Ihre Stärke speist sich aus den Abermillionen an Informationen, die ihre Nutzer liefern. Diese treiben auch die Neubewertung ihrer Aktien im Zuge der Revolution durch Künstliche Intelligenz.

Doch woher kommt der Rohstoff für diesen Erfolg? Ein Großteil der weltweiten Werbeausgaben fließt diesen Unternehmen auf der Basis ihrer teilweisen Monopolstellungen zu. Dabei stammen nur 350 Millionen Kundendatensätze aus den USA. Die größere Wertbasis liegt in Europa mit mehr als 450 Millionen Datensätzen.

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Mit anderen Worten: Europa könnte aus einer Position der Stärke heraus verhandeln. Man stelle sich nur einmal vor, die USA müssten für diese Daten zahlen. Oder Europa würde – so wie China – innerhalb von fünf Jahren eigene Alternativen zu Suchmaschinen, sozialen Netzen, Online-Händlern und Cloud-Diensten aufbauen! Das Einstiegsfenster wäre genau jetzt, in Zeiten des KI-Umbruchs. Jetzt, wo auch die Monopole neu geordnet werden.

Die Dominanz von Akteuren wie Google darf man getrost infrage stellen. Sicher suchen auch Sie nicht mehr exklusiv mit Google – bei mir sind es derzeit vielleicht noch zehn Prozent meiner Suchanfragen.

Europa sollte sich nicht länger unterordnen. Der Zugriff auf Kundendaten und Wissen ist neu zu verhandeln. Nicht mehr Warenströme beschreiben die neuen Machtverhältnisse, sondern Daten und Wissen. Die Magnificent Seven stehen für 30 Prozent der Marktkapitalisierung des gesamten US-Aktienmarkts. Im Handelsstreit an dieser Schraube zu drehen, hätte eine Wirkung, die sehr viel größer wäre als zusätzliche Öl- und Gasverkäufe nach Europa.

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Auch sonst sollte die EU in der aktuellen Situation viel stärker auf die sich bietenden Chancen der aktuellen US-Politik schauen und diese für sich nutzen. Mit der offenen Diskriminierung von exzellenter Forschung in bestimmten Fachgebieten bieten sich unglaubliche Gelegenheiten: Schon heute sind in der Spitzenforschung europäische Universitäten alles andere als abgehängt – sichtbar zum Beispiel an der Anzahl der Nobelpreise, beim Quantencomputing, in der Fusionsforschung, in der synthetischen Biologie und neuerdings auch bei Ausgründungen in Start-ups. Darauf sollten wir aufbauen: Leichter als jetzt wird es wohl kaum, erstklassige Forscher nach Europa zu holen, wo sie Forschungsfreiheit genießen und nicht politisch eingeschränkt und gegängelt werden.

Europa könnte der lachende Dritte sein im Streit zwischen USA und China

Auch die existenzielle Auseinandersetzung der USA mit China um die technische Vorherrschaft in einer von KI völlig veränderten Welt kann ein Vorteil sein. Aktuell ist Europa insbesondere Anwender. Das muss wirtschaftlich kein reiner Nachteil sein, solange es einen intensiven Wettbewerb unter den Anbietern gibt. Egal ob beim chinesischen Überraschungserfolg DeepSeek oder beim Platzhirsch ChatGPT: Das Ziel muss sein, die neuen KI-Tools zu vergleichen und sicherzustellen, dass der Kunde mehr profitiert als der Anbieter.

Der Nutzen von Künstlicher Intelligenz ist in vielen Unternehmen bereits greifbar und wirksam. Die Milliardeninvestitionen der Techkonzerne müssen sich dagegen erst noch rentieren. Ein neues Monopol – wie Google bei der Internetsuche – erscheint aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. (Ich habe mich bei ChatGPT schon wieder abgemeldet.) Auch historisch betrachtet ist nicht gewiss, dass die Investoren in die neue Technologie auch ihre größten Profiteure sein werden.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist die Eisenbahn. Diese hat für dramatische Effizienzsteigerungen im Transportsektor gesorgt. Genutzt hat das vor allem den Kunden, nur wenige private Eisenbahngesellschaften überlebten hingegen den Wettbewerb. Die Potenziale für die Steigerung der Produktivität lockten fast unbeschränkt Kapital an, was zu vielfältigen Überkapazitäten und einem letztlich ruinösen Kostenwettbewerb führte. Unsere Aufgabe in Europa ist es daher, europäisches Wissen zu sichern und einen Wettbewerb um die neuen Wissensdienste zu entfachen!

Die EU-Kommission ist zu mutlos

Europa muss sein Schicksal zügig selbst in die Hand nehmen. Eigentlich hat die Politik das schon erkannt, auch Bundeskanzler Friedrich Merz. Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt muss Verantwortung übernehmen und Orientierung geben. Das sieht auch die Mehrzahl der EU-Mitgliedsländer so.

Die derzeitige EU-Kommission ist zur Neuaufstellung zu mutlos, zu anlehnungsbedürftig, zu schwach. Zugleich ist die Liste der Aufgaben lang: die Schaffung eines gemeinsamen Kapitalmarkts, die Verteidigung der Ukraine und der Ostgrenze, die Wiederbelebung einer starken, unabhängigen Rüstungsindustrie.

Die europäische Führung muss in der Welt für unsere Werte werben und mit ihnen durchaus auch Geschäfte machen: Offenheit, Vielfalt, Toleranz, Wissenschaft, Demokratie, Kooperation, Frieden und Koexistenz – die Welt außerhalb der USA und Chinas wartet darauf.

Vielleicht sollten wir Eintrittsgeld von Besuchern nehmen – und von US-Bürgern vielleicht ein wenig mehr
Herbert Diess
WirtschaftsWoche-Kolumnist

Natürlich können wir das in einer Übergangsphase nicht ohne die USA, und davon profitieren die Amerikaner: Der Ukrainekrieg beflügelt die US-Waffenindustrie, zudem schwächt er den „Systemfeind“ – oder besser den Wettbewerber im Öl- und Gasmarkt – Russland. Und das kostengünstig und ohne das Leben von US-Bürgern aufs Spiel zu setzen.

Viel Veränderung bei Einstellung, Haltung und Selbstverständnis ist gefragt. Für einige Politiker ist das offenbar eine zu große Herausforderung.

Dabei liegen in der Anwendung von Künstlicher Intelligenz neue Chancen, für deren Ergreifung Europa die besten Voraussetzungen bietet: Die europäische Vielfalt, zum Beispiel bei Sprachen und Regularien, wird durch KI-Tools überwindbar. Sprachbarrieren – ein bisher großer Nachteil unseres Wirtschaftsraums – wird es in wenigen Jahren absehbar nicht mehr geben. Die möglichen Vorteile im Bereich von Kunst und Kultur könnten im globalen Wettbewerb sogar noch wichtiger werden, beispielsweise in der Ästhetik von Produkten und Marken.

Und: Europa ist der beste Platz auf diesem Raumschiff Erde – nun mit großem Abstand. Viele wollen kommen. Vielleicht sollten wir Eintrittsgeld von Besuchern nehmen – und von US-Bürgern vielleicht ein wenig mehr. Vor allem dann, wenn sie uns mit Zöllen und dem Zwangskauf von fossilen Kraftstoffen oder Zwangsinvestitionen in die USA demütigen wollen.

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