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SamsungDas Wunder von Seoul

Ein Debakel mit brennenden Handys, der Vizevorsitzende sitzt im Gefängnis – und der Samsung-Konzern boomt trotzdem? Die Lösung des koreanischen Rätsels hat auch mit deutschen Ingenieuren zu tun.Lea Deuber, Matthias Kamp, Astrid Maier 20.09.2017 - 19:36 Uhr

Läuft (noch) gut: Samsung ist Südkoreas wertvollster Konzern. Selbst das Desaster mit dem brennenden Galaxy Note 7, dem Vorgänger des hier beworbenen Note 8, trübte nicht die Bilanz.

Foto: AP

Es ist noch gar nicht lange her, da jettete Lee Jae-yong im Privatflieger von Kontinent zu Kontinent. Und wenn er dann doch mal zu Hause in Seoul war, fuhr er in seinem Ferrari durch die Stadt. Inzwischen ist die Welt des Samsung-Erben und Vizekonzernvorsitzenden auf 6,5 Quadratmeter geschrumpft: In seiner Einzelzelle im Gefängnis muss sich Lee seit einer spektakulären Verurteilung am 25. August mit Futon, Tisch, Stuhl, Waschbecken, Toilette und Fernseher begnügen. Einen Computer oder ein Smartphone gibt es hier nicht, immerhin darf der 49-Jährige mehrmals täglich mit seinen Anwälten die Strategie für sein Berufungsverfahren beraten. Dies wird im September beginnen, der genaue Termin steht noch nicht fest. Nur eines ist sicher: Lees neuer Chefanwalt soll dafür sorgen, dass die fünfjährige Haftstrafe, die der Samsung-Obere wegen Bestechung und anderer Vergehen erhielt, aufgehoben wird.

Privilegien genießt der Mann im Gefängnis offenbar nicht, Besuch ist nur für 30 Minuten am Tag erlaubt. Das ist insofern erstaunlich, als dass die Lees immer die mächtigsten Unternehmer Südkoreas waren. Kein Ziel schien zu hoch gegriffen für den Clan, alles machbar für die angriffshungrigen Samsung-Herrscher. Ein Viertel des gesamten Bruttosozialproduktes Südkoreas erwirtschaftet das Lee-Imperium, zu dem auch Computerchips, Versicherungen, ein Freizeitpark, Werbeagenturen, Elektrobatterien und Schiffswerften gehören.

Doch nun steht die Dynastie zum ersten Mal in ihrer Geschichte ohne ein Familienmitglied im Führungsgremium da; Junior Jae-yong sitzt eben im Gefängnis, und Patriarch Kun-hee hat sich nach einem nie bestätigten Herzinfarkt vor drei Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im vergangenen Jahr erlitt Samsung Electronics, das internationale Vorzeigegeschäft der Lees, zudem den größtmöglichen Image-Gau, als seine Flaggschiff-Smartphones explodierten.

Samsung Electronics

Vakuum an der Spitze

von Martin Fritz

Das Unternehmen aber eilt von Rekord zu Rekord, überflügelt selbst den ewigen Konkurrenten: Im vergangenen Quartal verdiente Samsung Electronics mit 8,7 Milliarden Euro erstmals mehr als Apple. Und das neu vorgestellte Handy, das Galaxy 8, ist ein mit neuesten technischen Raffinessen ausgestatteter Alleskönner, der auch für die neue iPhone-Jubiläumsausgabe X eine Bedrohung ist. Erfolg mitten in der Führungskrise, das Mysterium lässt sich aufklären: Bei der Behebung des Problems mit den brennenden Handys halfen nicht zuletzt deutsche Ingenieure. Und der Konzern ist straff organisiert, Hierarchien so zementiert, dass er im Autopilotmodus funktioniert, einer Armee von aggressiven Duracell-Häschen gleich.

48. Platz: Bayer

Das führende private Wirtschaftsforschungsinstitut der Schweiz, Bakbasel, hat mit Hilfe des Schweizer Patentamts und dessen globalen Datensätzen die Qualität der weltweiten Patente gemessen – und nach Regionen, Ländern und Unternehmen gerankt. Bayer hat insgesamt 2830 solcher Weltklassepatente. Die Leverkusener fokussieren sich immer stärker auf pharmazeutische Produkte. Der Chemieanteil wird dementsprechend kleiner.

Quelle: Bakbasel, IGE

Foto: REUTERS

45. Platz: Volkswagen

Die Wolfsburger sind mit 3037 Patenten der innovativste Autobauer, wenn es um Weltklassepatente geht. Aber die Nummer eins ist VW nur in Deutschland. Andere Hersteller wie Toyota, Nissan, Honda, ja sogar GM und Ford haben sehr viel mehr Weltklassepatente, als Volkswagen.

Foto: REUTERS

43. Platz: Continental

Reifen sind noch immer das Brot-und-Butter-Geschäft des Autozulieferers. Doch Continental hat sich frühzeitig auf hoch-elektronische Systeme rund ums Auto konzentriert und mischt beim autonomen Fahren, den Hybrid- und Elektroantrieben und der wichtigen Batterietechnik mit. Zahl der Weltklassepatente: 3169.

Foto: dpa

33. Platz: Siemens

Der Münchener Elektronikkonzern meldet zwar deutschlandweit die meisten Patente an, ist aber mit 4356 Patenten auf Weltklasseniveau „nur“ die Nummer drei in Deutschland.

Foto: dpa

22. Platz: BASF

Der Chemiehersteller hat seinen Schwerpunkt in der branchenübergreifenden Grundchemie und entwickelt neue Materialen beispielsweise in der Batterietechnik, der Carbon- und Nanotechnologie. Mit 5076 Weltklassepatenten ist BASF die Nummer zwei in Deutschland.

Foto: AFP

10. Platz: Bosch

Innovativstes europäisches Unternehmen ist Bosch mit 8827 Weltklassepatenten. Der Zulieferer dominiert nicht nur in der Automobilindustrie, beispielsweise mit Benzin-Einspritzpumpen und optischen Sensoren, wie sie in Windschutzscheiben eingebaut werden, sondern auch in der Vernetzung von Haus (Smart House) und Städten (Smart City), bei Haushaltsgeräten wie Kühlschränken und Waschmaschinen. Weit vorne mischt Bosch auch in der Batterieforschung mit, etwa bei Systemen, die sich im laufenden Betrieb austauschen lassen.

Foto: REUTERS

9. Platz: Intel

Der Halbleiterhersteller ist vor allem durch seine PC-Microprozessoren bekannt – der Weltmarktanteil liegt bei 80 Prozent. Intel stellt Microchips für Computer her, zum Beispiel Chipsätze für Mainboards, WLAN und Flash-Speicher. Zahl der Weltklassepatente: gut 9000.

Foto: dpa

8. Platz: Panasonic

Erste Produkte des japanischen Elektronikkonzerns waren Doppelfassungen für Glühlampen. Heute forscht und entwickelt Panasonic vor allem an intelligenten Haushaltsgeräten. Mit fast 10.000 Weltklassepatenten zählt Panasonic zu den ganz Großen.

Foto: REUTERS

7. Platz: LG

Nach Samsung ist der Elektronikkonzern die Nummer zwei in Südkorea und wie alle koreanischen Konzerne stark globalisiert. LG verfügt über mehr als 10.000 Weltklassepatente.

Foto: REUTERS

6. Platz: General Electric

Nicht Apple, auch nicht Alphabet, sondern GE ist die Nummer Drei in Amerika, wenn es um die Zukunft geht: Über 10.000 Weltklassepatente bürgen dafür. Der Grund: GE mischt in allen Branchen mit und ist weltweit der Inbegriff eines Mischkonzerns.

Foto: AP

5. Platz: Microsoft

Der Dino unter den IT-Konzernen wird oft unterschätzt, was die Zukunft samt Forschung und Entwicklung angeht. Zu Unrecht. Microsoft überzeugt mit über 10.000 Weltklassepatenten.

Foto: AP

4. Platz: Canon

Der weltweit größte Kamerahersteller vertreibt auch Ferngläser, Kopiergeräte, Sonnenkollektoren – und entwickelt hochtechnische 3D-Drucker. Mit über 11000 Weltklassepatenten rangiert Canon auf Rang vier.

Foto: REUTERS

3. Platz: Sony

Der IT-Riese ist nach Hitachi und Panasonic „nur“ der drittgrößte japanische Elektronikkonzern – doch mit rund 12.400 Weltklassepatenten die Nummer eins im Land. Hauptprodukte sind Fernseher, Digital-Kameras und Mobiltelefone.

Foto: AP

2. Platz: Qualcomm

Auf Rang zwei mit gut 13.000 Weltklassepatenten liegt das in Deutschland kaum bekannte Unternehmen Qualcomm. Der Halbleiterhersteller und Spezialist für globale Vernetzungstechnologien forscht ebenso wie Samsung in fast allen Zukunftstechnologien. Das im kalifornischen San Diego beheimatete Unternehmen liefert sich immer wieder rechtliche Auseinandersetzungen um Patentverletzungen. Jüngst forderte der iPhone-Riese Apple eine Milliarde Dollar und klagte, dass Qualcomm zu viel Geld für seine Patentlizenzen bei Speicherchips fordert.

Foto: REUTERS

1. Platz: Samsung

Die Südkoreaner sind mit Abstand das innovativste Unternehmen mit 20.533 Weltklassepatenten. Flaggschiff des Mischkonzerns mit seinen knapp 500.000 Mitarbeitern ist die Elektronikgruppe mit Smartphones, Flachbildschirmfernsehern und Speicherchips. Groß und umsatzstark sind auch viele Tochtergesellschaften im Maschinen- und Schiffbau, der Schwerindustrie, in Finanzdienstleistungen bis hin zur Bekleidung, Hotellerie und Sicherheitsdiensten. Es gibt praktisch keine Branche, in der Samsung nicht mitmischt.

Die komplette Analyse zur Verteilung der Weltklasse-Patente lesen Sie hier.

Foto: REUTERS

Lee Jae-yong ist ein hagerer Mann mit Seitenscheitel und randloser Brille, der in Harvard studiert und viel Zeit im Ausland verbracht hat. Eigentlich sollte er den Bestand der Familienhistorie garantieren, indem er die Modernisierung vorantreibt. Stattdessen wurde Südkorea aus dem Verhandlungssaal 417 im Bezirksgericht von Seoul in den vergangenen Monaten wöchentlich mit peinlichen Details über seine Führungsfehltritte versorgt: wie Lee Regierungsbeamte bestach, um eine Fusion voranzutreiben. Wie er der Tochter einer Freundin von Expräsidentin Park Geun-hye ein umgerechnet 670.000 Euro teures Rennpferd spendierte.

Vor allem aber: Wie er 31 Millionen Euro an eine Stiftung der inzwischen zurückgetretenen Präsidentin überwies, damit diese per Gesetz dafür sorge, dass seine Anteile bei der Fusion nicht verwässert würden.

Abgestürzt: Samsungs Vize-Chairman Lee Jae-yong wird nach seiner Verurteilung wegen Bestechung am 25. August abgeführt.

Foto: REUTERS

Der Konzern ist der einflussreichste Chaebol im Lande, so heißen die mächtigen südkoreanischen Familienkonglomerate. Und dass Koreas Chaebols, zu denen auch LG oder Hyundai gehören, korrupt sind, gehörte lange zum Land dazu. Schon Lees Vater wurde verurteilt, später aber begnadigt. Too big to fail – die Devise gilt in dem Land aber unter dem neuen Präsidenten Moon Jae-in nicht mehr. Der Prozess gegen den jungen Lee gilt als „Jahrhundertverfahren“, er steht für den Neustart eines ganzen Landes.

Wie sich Samsungs Debakel mit dem Note 7 2016 entwickelte
Samsung stellt das „Phablet“ mit der Bildschirm-Diagonale von 5,7 Zoll vor. Das Vorzeigemodell soll im oberen Preissegment spielen, in dem Apple mit seinen iPhones stark ist. Der Finanzdienst Bloomberg berichtet später, Samsung habe sich beeilt, es deutlich vor dem September-Marktstart des iPhone 7 auf den Markt zu bringen.
Das Galaxy Note 7 kommt in mehreren Ländern in den Handel. Nach und nach gibt es Berichte von Nutzern über brennende oder zumindest überhitzte Telefone. Ein Überblick über das Ausmaß des Problems fehlt zunächst.
An dem Tag, an dem das Note 7 unter anderem auch in Deutschland breit in den Handel kommen sollte, gibt Samsung eine weltweite Rückrufaktion bekannt. Zunächst ist von 35 bestätigten Zwischenfällen die Rede.
Die US-Flugaufsicht FAA und dann auch ihr europäisches Pendant EASA verbieten, Geräte des Modells in Flugzeugen zu nutzen oder aufzuladen. Sie dürfen auch ausgeschaltet nicht ins aufgegebene Gepäck.
In den USA gibt es auch einen offiziellen Rückruf über die Verbraucherschutz-Behörde CPSC. Dabei werden deutlich mehr Fälle bekannt. Allein in dem Land seien demnach 26 Verbrennungen und 55 Fälle von Sachbeschädigung gemeldet worden.
Samsung leitet den Austausch der Geräte in Deutschland ein. Zugleich wird der Verkauf von Beteiligungen an anderen Tech-Unternehmen im Wert von rund einer Billion Won (etwa 800 Mio Euro) bekannt. Die Kosten des Rückrufs für Samsung werden auf mindestens eine Milliarde Dollar (rund 900 Millionen Euro) geschätzt.
Die südkoreanische Behörde für Technologie und Standards (KATS) fordert von Samsung vor der Wiederaufnahme des Verkaufs zusätzliche Sicherheitsprüfungen. Unter anderem solle jede Batterie für das Gerät einem Röntgentest unterzogen werden.
Samsung kündigt an, dass das Note 7 in Europa am 28. Oktober wieder regulär in den Handel kommen soll.
Ein gerade ausgeschaltetes Note 7 gerät in einem Flugzeug, das vor dem Abflug noch am Gate steht, in Brand. Nach Darstellung des Besitzers ist es bereits ein Austauschgerät.
Es werden vier weitere Fälle bekannt, in denen US-Verbraucher von Bränden mit Ersatzgeräten berichten. Zwei davon füllen demnach in der Nacht ein Schlafzimmer mit Rauch. Ein Telefon soll sich in den Händen eines 13-jährigen Mädchens in einer Schule entzündet haben. Die Mobilfunk-Anbieter AT&T, Verizon und T-Mobile US geben an ihre Kunden gar keine Note 7 mehr heraus.
Mehrere Medien berichten, Samsung setzte die Produktion des Geräts erneut aus. Vom Unternehmen heißt es dazu nur, die Produktionsplanung werde „vorläufig angepasst“.
Samsung stoppt den Verkauf des Note 7 erneut. Kunden werden aufgefordert, auch die Ersatzgeräte nicht mehr zu benutzen. Samsung ermutigt sie zudem, ihre Geräte gegen andere Modelle einzutauschen oder sich den Kaufpreis zurückerstatten zu lassen.

1938 beginnt die Samsung-Saga mit einem kleinen Handelsbetrieb, den Großvater Lee Byung-chull gründete. Zum Weltkonzern und Apple-Angreifer baute dessen Sohn Lee Kun-hee Samsung auf. Die Manager sollten alles ändern „bis auf ihre Ehefrauen und Kinder“, gab der Anfang der Neunziger als Unternehmensdevise aus. Statt billiger Fernseher und Waschmaschinen sollten Qualität und Innovationen zählen. Und als Beweis, wie ernst er es damit meinte, ließ er 150.000 Telefone vor seiner Belegschaft verbrennen.

Samsungs Erfolgsformel seitdem: Der Konzern investiert in Forschung und Entwicklung und schlägt die Konkurrenz durch das hohe Tempo bei der Optimierung neuer Technologien. Den Weltmarkt für Speicherchips etwa eroberte Lee Kun-hee mit der riskanten Strategie, während der oft brutalen Abschwungphasen der Branche riesige Summen in die nächste Generation zu stecken. Im nächsten Boom kann Samsung dann als einziger Anbieter die starke Nachfrage bedienen.

Alle hören auf ein Kommando

Samsung ist ein straff geführtes Regiment, in dem jeder Manager seinen Platz hat und ausführt, was immer von oben befohlen wird. Zwei Männer sind in dem System derzeit die wichtigsten Köpfe: Kwon Oh-hyun, 64-jähriger Elektronikingenieur mit einem Doktortitel aus Stanford, leitet seit fünf Jahren das Komponentengeschäft, das den Großteil des Gewinns beisteuert. Es ist dieser nach außen kaum bekannte Kwon, der dem Verwaltungsrat vorsitzt und der der heimliche Chef ist, seit die Familie ausgefallen ist. Der zweite Mann ist Samsung-Mobile-Chef DJ Koh.

Der Vorteil des streng reglementierten Geflechts: Wer immer der Ranghöchste im Dienst ist, kann sofort alles und jeden in Gang setzen, wenn Gefahr in Verzug ist. So wie zuletzt, als die Galaxy- 7-Smartphones zu brennen begannen. Als sich diese Meldungen im September 2016 überschlugen, richtete der Konzern sofort einen Krisenstab ein. Drei Monate lang traf sich der jeden Morgen um sieben Uhr. Hunderte Ingenieure wurden für die Ursachenforschung beauftragt, eingesperrt in einer riesigen Fabrik. Die Aufsicht hatte Koh.

Samsung

Chef legt Berufung gegen Korruptionsurteil ein

Geld, so berichtete der neulich, habe keine Rolle gespielt. Schätzungsweise fünf Milliarden Dollar gab der Konzern für die Jagd nach der Ursache aus. Ende des Jahres kamen die Ingenieure dann einem Samsung-Zulieferer auf die Spur, der die fehlerhaften Akkus produziert hatte. Als im Konzern noch alles kopfstand, wählten die Koreaner eine Nummer in Deutschland. Knapp 9000 Kilometer westlich, in Nürnberg, wurde der Anruf an Stephan Scheuer, zuständig für die Produktzertifizierung des TÜVs Rheinland, weitergeleitet. Der Auftrag: Der TÜV Rheinland, in Asien eine Kontrollinstanz, sollte herausfinden, ob nicht auch andere Modelle betroffen sein könnten. 40 seiner besten Leute setzte Scheuer auf das Projekt. Drei Monate dauerten die Tests. „Wir haben alles auseinandergenommen“, sagt Scheuer.

Vor allem den Einbau der Akkus nahmen sich die Deutschen vor. Der wird zu einem großen Teil in Hanoi in Vietnam abgewickelt. Kommen die Paletten mit den Batterien dort an, nimmt Samsung zunächst die übliche Wareneingangskontrolle vor. Am Ende, wenn die Handys wieder ausgefahren werden, gibt es erneut eine Kontrolle. Das Problem lag aber genau zwischen den beiden Prüfungen. „Die Batterien werden zu den Arbeitern gefahren“, sagt Scheuer. Auf dem Weg zu ihnen könnten schnell mal ein paar Akkus auf den Boden fallen. Nach der Prüfung schickte TÜV-Experte Scheuer gleich eine ganze Liste mit Empfehlungen nach Seoul, Fehler bei den anderen Modellen fanden die Deutschen aber nicht. Als der sonst so verschwiegene Konzern Anfang des Jahres zu einer großen Pressekonferenz lud, sprach auch einer von Scheuers Chefs auf der Bühne. Als die Nachricht verkündet wurde, dass alles wieder unter Kontrolle sei, alle Handymodelle sicher, stand der Deutsche sogar mit in der ersten Reihe.

Zahlen und Fakten zum Mobilfunk-Markt
Im vergangenen Jahr wurden rund 1,5 Milliarden Smartphones verkauft. Das war ein Wachstum von zwei bis fünf Prozent im Vergleich zu 2015 - die Berechnungen einzelner IT-Marktforscher weichen etwas voneinander ab.
Noch im Jahr davor war der Absatz um mehr als zehn Prozent gewachsen. Als zentrale Auslöser für die Abkühlung gelten die wirtschaftlichen Turbulenzen im größten Smartphone-Markt China sowie anderen Ländern wie Russland.
Samsung blieb auf das gesamte Jahr gerechnet der größte Smartphone-Anbieter mit einem Marktanteil von gut 20 Prozent, Apple ist die Nummer zwei mit knapp 15 Prozent.
Im Weihnachtsgeschäft wurden die Apple-Verkäufe aber vom iPhone 7 beflügelt und bei Samsung schlug das Batterie-Debakel beim Galaxy Note 7 auf den Absatz. Im Ergebnis schob sich Apple in dem Quartal mit 78,3 Millionen verkauften iPhones knapp an Samsung vorbei.
Anbieter aus China haben sich - vor allem dank der Größe des heimischen Marktes - weltweit in die Spitzengruppe vor. Die drei Hersteller Huawei, Oppo und BBK schließen nach Samsung und Apple die globale Top 5 ab und kamen zusammen auf gut 20 Prozent Marktanteil.
Bei den Smartphone-Betriebssystemen dominiert Googles Android-Software mit einem Marktanteil über 80 Prozent. Den Rest füllt weitgehend das iOS von Apples iPhones aus. Andere Betriebssysteme wie Windows Phone oder Blackberry OS sind inzwischen praktisch bei Null angekommen. Dabei wurde mit ihnen einst die Hoffnungen verbunden, dass sie zur starken Nummer drei im Markt werden könnten.
Im vergangenen Jahr gab es nach Berechnungen von Experten weltweit rund 7,4 Milliarden Mobilfunk-Anschlüsse. Zum Jahr 2020 dürfte ihre Zahl auf knapp 8,4 Milliarden ansteigen, prognostiziert der IT-Marktforscher Gartner.

„Nie wurde die Stärke des Unternehmens deutlicher als in dieser Krise“, sagt Daniel Gleeson, Analyst beim Beratungshaus Ovum und langjähriger Samsung-Beobachter. Die größte Stärke ist aber auch seine gefährlichste Schwäche. Worüber heute niemand mehr gerne bei Samsung spricht: Das Topmanagement wollte mit dem Galaxy Note 7 dem neuesten iPhone zuvorkommen – keiner der Mittelmanager traute sich, nach oben zu melden, dass dies nicht zu schaffen sei. „Die Kontrollsysteme versagten, weil die Angestellten Angst hatten“, attestiert Gleeson.

Dabei bemüht sich Samsung schon lange, die auf Befehl und Gehorsam basierende Arbeitskultur zu lockern. Gezielt wurden in jüngster Zeit Ausländer und mehr Frauen eingestellt, legere Kleidung statt Anzug erlaubt, gleitende Arbeitszeiten eingeführt und die für Asien typischen abendlichen Trinkgelage mit dem Chef eingeschränkt.

Vor allem Kronprinz Lee Jae-yong führte den Versuch der Verwandlung an. Sein Ziel: „Startup Samsung“ zu schaffen, in dem sich Mitarbeiter nicht mehr mit ihrem Titel oder Position anreden, frei von Hierarchiezwang denken und Jüngere ihre Meinung sagen.

Viel Zeit für die Neuerfindung bleibt indes nicht. Chinesische Konkurrenten werden immer besser. „Und bei Software hängt das Unternehmen dem Silicon Valley hinterher“, sagt Sea-Jin Chang, Samsung-Experte an der Universität Singapur. Auch der auf künstlicher Intelligenz basierende Sprachassistent Bixby hechelt den US-Konkurrenten hinterher.

Ist der Kronprinz im Gefängnis jetzt jener Steuermann, der den Koloss in sicheres Fahrwasser führt? Auch ohne Freispruch könnte Lee Jae-yong wichtige Entscheidungen vom Gefängnis aus treffen, andere koreanische Vorstände haben das vorgemacht. Dann ziehen die Berater einfach in die Nähe der Haftanstalt und lassen entscheidende Unterlagen in die Zelle reichen.

Bei Lees Prozess im August aber trugen ein paar junge Koreaner ein Protestschild vor sich her: „Schickt Jae-yong ins Gefängnis. Er ist der wahre Schuldige in dem Skandal“. Ein Neustart für Samsung könnte auch Loslassen für die Lees bedeuten.

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