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Werner knallhart
Cookies sammeln Informationen über uns, dass es einen erschaudern lassen kann. Quelle: dpa

Verbietet die Schnüffel-Cookies! Für mehr Daten-Lockerheit

Auf uns persönlich zugeschnittene Werbung ist doch vor allem deshalb so lästig, weil sie uns zeigt, was wir online ungewollt über uns preisgeben. Wenn die kreuz und quere Datensammel-Wut verboten würde, wäre passgenaue Werbung doch Luxus. Ein Kompromiss-Vorschlag aus Verbrauchersicht: Das Kundenkonto.

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Stellen Sie sich mal vor, Sie checken in ein Hotel ein und freuen sich, dass während des Eincheck-Prozederes sich ein Mitarbeiter schon einmal Ihres Gepäcks erbarmt und es auf Ihr Zimmer bringen möchte. Er fragt: „Darf ich das so erledigen wie bei uns üblich?“ „Aber selbstverständlich, vielen Dank“, sagen Sie entzückt.

Was Sie aber nicht ahnen ist, dass „wie bei uns üblich“ bedeutet: Auf dem Weg nach oben wühlt der Page Ihren Rucksack mit den Akten durch, macht Fotos von Mietwagenrechnung, den Markenlabeln Ihrer Unterwäsche, Ihren Kosmetikprodukten und den Bildern Ihrer Kinder, überprüft, welche Seiten Ihrer Tageszeitung besonders zerlesen wirken, entdeckt Ihre Konzertkarten, einen Proteinriegel und einen Aufbewahrungsbehälter für Kontaktlinsen. Und weiß jetzt, wie Sie reisen, was Sie sich leisten, dass Sie Familienmensch sind, was Sie nachrichtlich reizt, dass Sie kulturell interessiert sind, sich zumindest einbilden, auf Ihre Ernährung zu achten. Und dass Sie eine Sehschwäche haben. Und zu guter Letzt steckt der Page noch einen GPS-Tracker in das Innenfutter Ihrer Tasche, damit das Hotel künftig weiß, wo Sie sind. Falls diese Informationen mal jemand gebrauchen kann. Das Hotel selbst oder externe Unternehmen gegen Geld.

Sie können sich denken, worauf ich hinaus will: Wenn Sie das gruselig finden, dann werfen Sie Ihr Handy jetzt sofort ganz weit weg. Okay. Vielleicht machen all die Websites, auf denen wir eben mal schnell den Cookies zustimmen, nicht unbedingt Fotos von unseren Kindern. Aber sie sammeln Informationen über uns, dass es einen erschaudern lassen kann. Nicht, weil diese Informationen für uns peinlich wären. Es verunsichert schlicht, wenn wir zwischendurch irgendwie mal erfahren, was alles technisch geht, wovon wir aber nichts wissen, es nicht richtig verstehen oder es wieder vergessen und vor allem, von dem wir das Gefühl haben, es nicht verhindern zu können.

Bei Mietverträgen werden unklare Klauseln immer wieder zu Gunsten des Mieters als der meist schwächeren Partei für unwirksam erklärt.

Wenn Banken das Schweigen ihrer Kunden zu Preiserhöhungen als Zustimmung werten, fliegt denen das um die Ohren: Das dürft ihr so nicht machen.

Im Online-Handel dürfen Privatleute noch zwei Wochen nach Zustellung der bestellten Ware zum Verkäufer sagen: Ich will es doch nicht haben, nimm es zurück.

Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die so überraschend und ungewöhnlich sind, dass der Vertragspartner mit ihnen nicht zu rechnen braucht, werden laut § 305c BGB nicht Vertragsbestandteil. Obwohl man sie ja hätte lesen können. Aber wer tut das schon?

Alles Regelungen zugunsten von uns Verbrauchern. Weil die Kunden und Kundinnen die Macht über ihr Geschäftsgebaren behalten sollen. Die Verbraucher sind eben oft Laien, keine Experten. Und werden davor geschützt, von den Profis übervorteilt zu werden.

Man mahnt uns beim Einsteigen in den Zug per Durchsage zur Vorsicht an den Türen, auf Kaffeebechern steht „Achtung heiß!“, Straßenschilder warnen uns davor, wenn auf Wegen „kein Winterdienst“ erfolgt, weil uns offenbar nicht zugetraut wird, den Schnee vor unseren Füßen mit eigenen Augen zu erkennen. Und im Bus steht: festhalten. Aber das mit den komplizierten Cookies sollen wir alles selbst regeln. Das ist Augenwischerei zugunsten der Werbewirtschaft.

Da ploppt ein Fenster auf und wir müssen Regler schieben, ohne klar erkennen zu können, was da schon von vorne herein aktiviert ist und was nicht, irgendwas mit essenziell, Statistik, Marketing. Wow, die freie Auswahl. Und nun?

Das ist keine Lösung, um über unsere Daten selbst bestimmen zu können: Pop-ups, die wir mit einer schnellen Zustimmung zur voreingestellten Maximalforderung eilig wegklicken, weil wir schnell surfen wollen. Es ist doch klar, dass kaum einer weiß, was er damit auslöst.



Wenn wir aber allem zustimmen, dann passiert Ähnliches wie in unserem Hotel anfangs. Mitunter mehrere hundert Cookies werden uns in unsere Rechner und Telefone reingesetzt, wenn wir eine Seite öffnen. Da verlieren selbst die Seitenbetreiber die Übersicht, was das noch alles soll. Irgendwelche Drittanbieter bekommen irgendwelche Daten von deren Kunden (uns!), wissen dann, auf welchen Seiten wir sonst noch so surfen, und basteln sich so ihr Bild über uns: Geschlecht, Interessen, sexuelle Vorlieben, Job, Einkommensniveau, Urlaubsorte, Wohnort und so weiter. Unser virtueller Daten-Klon.

Der Witz ist: Das wäre ja alles halb so schlimm, wenn wir als Verbraucher den Überblick hätten.

Wenn wir in ein Restaurant kommen, und der Kellner sagt: „Guten Abend, schon einmal ein Glas Ihres Lieblingsweins?“, dann fühlen wir uns als Stammgäste gut umsorgt und denken nicht an Datenschutz. Weil wir beim letzten Mal unsere Vorlieben gerne mitgeteilt haben.

Deshalb habe ich auch gar nichts dagegen, wenn Amazon sich merkt, was ich alles so kaufe und angucke und doch nicht kaufe. Und mir beim nächsten Besuch Passendes vorschlägt.

Wenn ich bei einem Online-Reisebüro buche, freue ich mich über gute Ideen fürs nächste Mal.

Wenn ich bei Rewe Lebensmittel bestelle, dann ist es sehr hilfreich, wenn sich die Supermarktkette merkt, was, damit ich künftig schneller an die Kasse komme, denn ich habe meine Gewohnheiten und Vorlieben.

Ich möchte aber wissen, warum jemand etwas über mich weiß. Weil ich die Daten selbst freiwillig rausgegeben habe. Geht es Ihnen nicht auch so? Der Kompromiss könnte also sein, dass nur diejenigen mit den Informationen über uns arbeiten dürfen, denen wir gerne etwas über uns preisgeben. Welche Rückschlüsse sie daraus ziehen, etwa auf die Kaufkraft je nach Wohnadresse, ist dann deren Sache. Das alles lernen Dienstleister und Verkäufer, wenn sie den Geschäftskontakt zu uns pflegen, etwa über Kundenkonten. In einem geschlossenen System statt durch wilde Datensammel-Cookies auf freier Flur.

Schluss mit der Datenangst aus Kontrollverlust. Schluss mit diesem Angstgefühl, Spielball anderer zu sein. Wir als Kunden sind König und der König will selbst über sein Schicksal entscheiden.

Beschränken wir Cookies also auf das technisch Essenzielle und verbieten wir Datenabsaug-Cookies. Das neue Schlagwort hieße dann Log-in. Wenn der Kunde reinkommt und weiß, dass er drin ist und von den Dienstleistern und Verkäufern erkannt wird. Fast wie im analogen Leben, wo unser Gesicht uns ausweist, wenn wir zur Tür reinkommen.

Aber Achtung: Die neue Datengoldgrube wären dann große Sammel-Kundenkonten, hinter deren Log-in viele Anbieter oder ein großer Kundenkonten-Verwalter gebündelt über viele Facetten unserer Gewohnheiten, Vorlieben und sozialen Umstände Bescheid wüssten. Für uns Verbraucher verführerisch einfach. Ein Kundenname und ein Passwort für alles. Siehe Google schon heute. Aber eben das nächste Einfallstor für eine geballte Daten-Flut – ganz ohne Cookies.

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Wenn wir es hier dann gemeinsam (per Gesetz) hinkriegen, dass wir auch innerhalb eines großen Kundenkontos entscheiden dürfen, wie die Daten zwischen den einzelnen Anbietern unter einem Dach des Hauptanbieters verteilt werden dürfen, dann würde ich persönlich mich ziemlich wohl fühlen. Sie auch? Weil wir Menschen dann doch wieder eine echte Kontrolle hätten. Die Zeit, in denen die den Ton vorgeben, die die ganze Werbetechnik entwickeln und dann auch noch Geld im Zusammenspiel mit den Werbetreibenden verdienen, muss vorbei sein. Damit Werbung nicht mehr misstrauisch macht. Das dürfte doch auch dem Marketing nutzen. Sag ich mal so als Verbraucher.

Mehr zum Thema: Marcus Werner schreibt über die alltäglichen Nebensächlichkeiten in der Wirtschaft, die es wert sind, liebevoll aufgeblasen zu werden. Hier finden Sie seine Kolumnen-Übersicht.

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