Die letzten ihrer Art: „In unserem Oboen-Kosmos kennt jeder den Namen Kunibert Michel“
Verborgener kann ein Hidden Champion kaum sein. Eine Landstraße in Niedersachsen abseits des zu Neustadt am Rübenberge gehörenden Dörfchens Hagen. Wer an der Bushaltestelle aussteigt, steht erst einmal im Schlamm. Auf der anderen Straßenseite liegt eine Zweihundert-Quadratmeter-Halle, an der kein Name verrät, was hinter der nichtssagenden hellgrauen Fassade passiert. Understatement pur. „Aber einmal durch die Tür gegangen“, sagt Paulus van der Merwe, „spüre und sehe ich, dass es hier um Perfektion geht.“ Um Perfektion für eine kleine, feine Weltmarktnische: Das Unternehmen Kunibert Michel stellt Hobelmaschinen her, mit denen Oboisten die Mundstücke ihrer Instrumente präparieren. Van der Merwe ist einer von Ihnen. „In unserem Oboen-Kosmos“, sagt der gebürtige Südafrikaner, „kennt jeder den Namen Kunibert Michel.“
Höchstens fünf Konzerte, dann braucht der in Hamburg lebende Ausnahmekünstler ein neues Mundstück für sein Instrument. Zentrales Werkzeug bei der Bearbeitung des meist aus Südfrankreich kommenden Schilfrohrs ist für den international auftretenden van der Merwe seine 40 Jahre alte Hobelmaschine aus der norddeutschen Manufaktur. Auf die handliche Messing-Maschine schwört der NDR-Sinfonieorchester-Solist und Musik-Professor: „So ein Gerät hält eine Karriere lang. Damit bearbeitete Rohre sind von zuverlässig höchster Qualität.“ Immer gleiche Formen der Rohre sind wichtig, damit auch das Blasinstrument immer gleich klingt. „Das Rohr“, erklärt van der Merwe, „ist das Stimmband der Oboe.“
Den High-end-Ruf des niedersächsischen Betriebs begründete der 2015 verstorbene Namensgeber. Kunibert Michel spielte Klarinette im Symphonieorchester und begann in den 1960er-Jahren, die damals zu ungenau arbeitenden Hobelgeräte für die Oben-Kollegen- und Kolleginnen zu optimieren. Damit habe er die „Welt der Oboisten verändert“, schrieb ein Fan und Kunde dankbar an den charismatischen Michel. Auf einen hundertstel Millimeter genau reduzieren heutige Michel-Hobel das Rohr. „Ein Haar ist sechs hundertstel Millimeter dick“, sagt Charly Willig, um klarzumachen, wie fein der Messing-Hobel arbeitet.
Seine Frau Nicole Willig-Pachaly, 60 Jahre alt und gelernte Tischlerin, führt seit 2014 die Firma. Sie tüftelt ebenso an der Werkbank wie ihr Sohn Timo, ein 30-jähriger Feinmechanikermeister. Der Metallbauer Alexander Bibinger (im Aufmacherfoto ganz rechts) komplettiert die vierköpfige Belegschaft.
Der Rest ist Handarbeit. Fast alle Komponenten der Hobelgeräte produziert das Unternehmen selbst und kommt so auf beinahe hundert Prozent Fertigungstiefe. Tausende von Kleinstteilen liegen in Schubladen und auf Arbeitstischen. Dazwischen strolcht der weitgehend taube Familienhund Pauli umher.
Die Akribie in der unaufgeräumten erscheinenden Werkstatt faszinierte den Virtuosen van der Merwe, als er vor einem Jahr das Michel-Team besuchte. Der Künstler, der auch Außenhobel und Rohr-Guillotine von Kunibert Michel besitzt, lässt hier bei Bedarf Kugellager erneuern und Messer schärfen. „Jeden Tag trudeln zwei, drei Maschinen zur Reparatur bei uns ein“, berichtet Willig-Pachaly, „manche der Geräte sind 50 Jahre alt und funktionieren mit erneuerten Teilen wieder tadellos.“
Sydney, New York, Moskau, Tokio, Santiago de Chile – die Pakete, die in der nordwestdeutschen Provinz mit Reparaturaufträgen ankommen und die Willig-Pachaly retour an die Koryphäen des globalen Oboenwesens adressiert, legen lange Wege zurück. „Die Beziehungen zu Japan wollen wir auffrischen“, sagt die Unternehmerin. Gatte Charly reiste deshalb – und fürs Sightseeing – im Oktober für zwei Wochen nach Japan, um dort unter anderem in Fachgeschäften vor Ort Michel-Geräte zu reparieren
Der Asien-Trip als Langfrist-Investment soll Schwierigkeiten mit einem anderen Land ausgleichen. Denn seit dem Brexit „kommt kaum noch ein Paket aus England bei uns an. Und von uns nach England gesendete Pakete kommen zurück, weil der Zoll etwas nicht akzeptiert“, klagt Willig-Pachaly: „Irgendwas ist immer verkehrt mit den geänderten und unverständlichen Formularen.“
Unterm Strich aber läuft es unaufgeregt gut bei dem winzigen Juwel des deutschen Mittelstands. Der Umsatz steigt seit zehn Jahren stetig, sagen Charly und seine Frau. Die Handwerker aus Neustadt am Rübenberge bedienen – mit Reparaturservice – verlässlich und in persönlicher Verbundenheit mit vielen Kunden ihre globale Marktnische.
Mit knapp 1800 Euro sind die teuersten Michel-Hobel nicht einmal teurer als Konkurrenzprodukte. Neue Käufer gewinnt Kunibert Michel auch über die Online-Plattform oboe-shop.de. Kunden wie van der Merwe sind über Jahrzehnte ideale Multiplikatoren. Der 64-Jährige leitet Kurse und Meisterklassen für Oboe und Kammermusik in ganz Europa, Japan, USA und in Südafrika. Viele seiner Studenten bekleiden heute hoch dotierte Stellen in deutschen Sinfonieorchestern. Natürlich steht auch in der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, wo er lehrt, ein Kunibert-Michel-Hobel.
Welche Hobelmaschine die beste ist, das gehört zum Smalltalk der Oboisten und Oboistinnen. Die Alternative zum eigenen Oboen-Hobel wäre, vorgefertigte Mundstücke zu kaufen. Aber die sind auf lange Zeit „sehr teuer, weiß van der Merwe, das rechnet sich nicht“.
Eine hübsche Anekdote ist, wie Nicole Willig, genannt Nici, zum Team stieß und dessen Chefin wurde. „Eigentlich habe ich ja nur meinen Charly des Öfteren von der Arbeit abgeholt“, berichtet sie. Irgendwann habe Kuni – Kunibert Michel, insgeheim auf Suche nach einem Nachfolger – angefangen zu fragen, ob sie nicht mal einen Messerkopf schleifen wolle. „Ich dachte nur, was soll das? Aber er ließ nicht locker und nervte mich förmlich damit, und irgendwann habe ich es tatsächlich gemacht. Kuni hat sich das Messer angeschaut, eingetütet und an einen Kunden verschickt. Eigentlich war damit schon alles besiegelt.
Bedingung war, dass die damals noch in Hannover beheimatete Werkstatt an den Wohnort der neuen Eigentümer umziehen würde, also nach Neustadt am Rübenberge unweit des Binnensees Steinhuder Meer. So kam es. Familie Willig lebt im Bauernhof direkt neben der Halle am Ortsrand, gegenüber der sumpfigen Bushaltestelle.
Oboe spielen die Willigs und Mitarbeiter Bibinger nicht. Nicole legte nach zwei Jahren Üben das Instrument wieder zur Seite. Es selber zu beherrschen, darauf kommt es aber auch nicht an. „Wir Musiker brauchen keinen Techniker, der so gut spielt wie wir“, sagt Paulus van der Merwe, „sondern einen, der in seinem eigenen Metier Meisterschaft erreicht.“
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