Er kommt von 1&1: Jan Oetjen wird neuer Chef bei AVM
Jan Oetjen wird neuer CEO beim FRITZ!Box-Hersteller AVM.
Foto: AVM GmbHWas sich am Montag, dem 30. September, beim Berliner Kommunikationsspezialisten AVM vollziehen wird, ist zwischen Wachwechsel und Zeitenwende anzusiedeln. Nachdem die Gründer des Unternehmens fast 40 Jahre lang die Fäden des FritzBox-Herstellers in den Händen hielten, wird nun erstmals ein externer Manager die Geschicke lenken.
Jan Oetjen, seit fast 16 Jahren im United-Internet-Konzern tätig, war zuletzt Vorstand bei der Konzerntochter 1&1 Mail & Media Applications. Nun löst er zum Monatswechsel AVM-Mitgründer Johannes Nill auf dem Chefsessel ab. „Es ist mir eine große Freude, die Geschäftsführung an Jan Oetjen zu übergeben“, betont Nill in einer ersten Stellungnahme.
Zugleich rückt Jan-Christian Werner als Finanzchef in die neue Geschäftsleitung auf. Er war zuletzt für die Reiseplattform HRS Group tätig. Als einziger der zuletzt noch drei im Unternehmen aktiven Firmengründer bleibt Peter Faxel als Technologiechef im Vorstand aktiv. Nill, der bisherige Sprecher der Geschäftsleitung, und Mitgründer Ulrich Müller-Albring wechseln zum 1. Oktober in den neu geschaffenen Unternehmensbeirat.
Bereits vor gut drei Jahren hatten die AVM-Gründer intern angekündigt, dass sie „ohne Zeitdruck“ nach Lösungen für den langfristigen Weiterbestand ihrer Firma suchen wollten. Mitte Juli hatte die WirtschaftsWoche berichtet, dass der Käufer feststeht. Imker Capital Partners (ICP), das europäische Family Office der niederländischen Familie van Rappard um den Manager Rolly van Rappard, den Mitgründer und Chairman des Finanzinvestors CVC, ist künftig über ein mehrstufiges Beteiligungskonstrukt Mehrheitseigner des Berliner Mittelständlers.
Welchen Preis ICP für AVM zahlt, geben die Unternehmen nicht bekannt. Der Verkauf dürfte sich für die Gründer aber gelohnt haben. Das Unternehmen hat nach letztverfügbaren Daten im Jahr 2019 einen Jahresüberschuss von knapp 20 Millionen Euro erwirtschaftet (nach knapp 30 Millionen im Jahr 2018), sowie 2023 rund 580 Millionen Umsatz erzielt. Dem Vernehmen nach hatten die Gründer, die inzwischen mehrheitlich auf die 70 zugehen, einige lukrative Angebote für die AVM-Übernahme.
Generationswechsel bei AVM
Wenn nun mit Oetjen ein 51-Jähriger das Ruder übernimmt, ist das im wahrsten Wortsinn ein Generationswechsel an der AVM-Spitze. Zumal unter vermeintlich völlig inkompatiblen Vorzeichen. Dass mit ICP der Gründer eines Finanzinvestors Eigner der verschworenen Berliner Techniktruppe wird, die bis heute im Kern eine Art technikfokussierter Familienbetrieb war, scheint für externe Betrachter noch immer schwer vorstellbar.
Bedeutet der Eigentums- und Führungswechsel das Ende der seit Jahren überaus kundenorientierten Produkt- und Servicekultur der Berliner? Wird Oetjen vor allem Vollstrecker eines primär gewinnorientierten Finanzinvestors? Wie geht es am Firmensitz in Berlin-Moabit weiter?
Nill zumindest ist optimistisch. „Wir freuen uns, Imker als neuen Investor zu begrüßen“, kommentiert Co-Geschäftsführer Nill den Verkauf. ICP verfolge langfristige Ziele mit dem Einstieg bei AVM, heißt es aus dem Unternehmensumfeld. „Sie teilen unsere Vorstellungen zur Zukunft von AVM“, betont Nill. Tatsächlich, heißt es aus dem Unternehmen, sei es den Gründern nicht um eine Maximierung des Verkaufserlöses gegangen, sondern um eine Nachfolgelösung, die sowohl die Kultur des Unternehmens erhalte als auch neue Impulse für strukturiertes Wachstum gebe.
Oetjen gilt als Digital-Experte
Impulse soll – neben dem neuen Eigner – auch Oetjen als Stratege an der Spitze geben: „Mit seiner Vision und Erfahrung wird er AVM als innovatives, technologieorientiertes Unternehmen zu neuen Erfolgen führen“, gab sich Nill am Freitag gegenüber seinen Beschäftigten überzeugt.
An Expertise im Digitalen fehlt es Oetjen nicht. In seiner Rolle als Vorstandschef der 1&1-Produkttochter Mail & Media verantwortete er eines der Kerngeschäftsfelder der United-Internet-Gruppe, die E-Mail- und News-Portale Web.de, GMX und mail.com sowie den Werbevermarkter United Internet Media. Damit ist der studierte Wirtschaftswissenschaftler insbesondere in der für AVM bisher essenziellen deutschen Internetszene exzellent vernetzt. Zudem war er zuvor bereits im EU-Ausland tätig, unter anderem beim französischen Reisetechnologiedienstleister Sabre.
Noch hat sich Oetjen nicht öffentlich zu seinen Zukunftsplänen bei und mit AVM geäußert. Kenner des Unternehmens aber erwarten, dass der neue Spitzenmann dem Berliner Mittelständler und deutschen Marktführer für Internetzugangstechnik bei Privatkunden insbesondere erstmals eine konsistente Wachstumsstrategie mindestens für das europäische Ausland verpassen dürfte. So verkauft AVM seine Fritzboxen sowie weiteres Zubehör neben Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen unter anderem in den Benelux-Staaten sowie in Nord- und Südeuropa. Doch bisher lief die Expansion mehr gelegenheitsgetrieben als strukturiert ab.
„Als klassisch ingenieurgetriebenes Unternehmen lag der Fokus der Gründer bisher mehr auf der Produkt- als auf der Internationalisierungsstrategie“, kommentiert ein langjähriger Kenner des Berliner Unternehmens. „Hier etwa könnte Oetjen sich echte Meriten verdienen und zusätzliches Wachstum erschließen.“ Das dürfte dann nicht bloß dem neuen Eigner ICP gefallen, sondern auch den verbliebenen Unternehmensgründern, die als Minderheitsaktionäre der Berliner ICP-Tochtergesellschaft, der AVM nun gehört, auch zukünftig am Unternehmen beteiligt bleiben.
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