WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Handelsstreit Schiffsbauer und Schweinezüchter – die Opfer der Strafzölle

Die Welt überzieht sich gegenseitig mit Strafzöllen. Verlierer sind aber nicht die Staaten oder die Großunternehmen. Es trifft vor allem kleine Unternehmen.

US-amerikanische Schweinebauern sind von den Strafzöllen betroffen. Quelle: dpa

WashingtonEin Bootsbauer in Florida muss einen Verlust von vier Millionen Dollar verkraften - und das ist nur der Anfang. Ein Schweinezüchter aus Ohio hat den Zugang zu einem extrem wichtigen Exportmarkt verloren und befürchtet, dass der Schaden noch über Jahre anhalten wird. Und in einem Motorradladen in Köln fragt man sich, ob man überhaupt noch eine Zukunft hat. Der Handelsstreit, den die USA mit ihren Strafzöllen losgetreten haben, zeigt erste schmerzhafte Auswirkungen.

Als Reaktion auf die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium belegte die Europäische Union am Freitag US-Produkte mit Abgaben in Milliardenhöhe - angefangen von Whiskey über Motorräder bis hin zu Erdnüssen und Cranberries. China, Indien und die Türkei hatten bereits begonnen, amerikanische Güter mit zusätzlichen Gebühren zu verzollen.

„Wir bluten schon ziemlich stark“, sagt Jim Heimerl aus Johnstown, Ohio. Schweinezüchter wie er leiden bereits jetzt unter sinkenden Einkommen, weil die Preise gefallen sind. China hat nun 25 Prozent Strafzoll auf Schweinefleisch aus den USA verhängt.

Wenn sich der Handelsstreit nicht verschärfe, werde der Schaden für die Gesamtwirtschaft wahrscheinlich überschaubar bleiben, sagt Mark Zandi, Chefvolkswirt bei Moody's Analytics. Aber niemand könne sagen, dass der Schaden für die Wirtschaft schnell vorbei sein werde.

Heimerl, Präsident des US-Verbandes der Schweinefleischproduzenten, verweist darauf, dass es Jahre gedauert habe, bis sich die amerikanischen Bauern von dem in den 80er Jahren von Präsident Jimmy Carter verhängten Getreideembargo gegen Russland erholt hätten, weil damit ein Kernmarkt abgeschnitten worden sei.

Heute seien die Mitglieder seines Verbandes stark von dem wachsenden Markt in China abhängig. „Sie nehmen uns auch eine Menge von Produkten ab, die die Amerikaner nicht essen - so wie Herzen, Lungen, Därme, Mägen oder Köpfe“, sagt Heimerl.

In der nächsten Runde des Streits plant China Zwangsabgaben auf amerikanisches Soja. Das ist eine lebenswichtige Exportquelle vor allem für die Bauern im Mittleren Westen, unter denen sich zahlreiche Unterstützer Trumps befinden.

Möglicherweise ebenfalls politisch kalkuliert sind die Strafzölle der EU auf Bourbon aus Kentucky, dem Heimatstaat des republikanischen Mehrheitsführers im Senat, Mitch McConnell, sowie auf Motorräder aus Wisconsin, jener Staat, der vom Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, vertreten wird.

Aber die schmerzhaften Auswirkungen der 25 Prozent Strafzoll auf US-Motorräder sind auch auf der anderen Seite des Atlantiks zu spüren. Andy Müller, der in Hürth bei Köln Boss-Hoss-Motorräder verkauft, kann ein Lied davon singen.

„Die Zölle wirken sich auch auf bereits abgeschlossene Geschäfte aus“, sagt er. „Wir haben kürzlich eine Reihe von Motorrädern gekauft. Sie wurden bereits von Kunden bestellt und sind unterwegs. Jetzt müssen wir den Kunden erklären, dass sie einen zusätzlichen Preis bezahlen müssen“, sagt er. Denn die Zölle werden auf die ursprünglichen Kosten aufgeschlagen. „Wir können verkaufen, was wir haben. Aber wir können keine neuen Einheiten ordern“, sagt Müller. Für die Zukunft sieht er schwarz: „Boss Hoss hat sich sicher erledigt für Europa.“

Ebenfalls im Fadenkreuz der EU: die weltweit starke, amerikanische Freizeitboot-Industrie. Dort sind rund 650.000 Menschen beschäftigt. Es sei kein Zufall, dass die EU Motorboote, Segelschiffe und Jachten mit einer Abgabe von 25 Prozent belege, sagt Nicole Vasilaros vom Verband der Nationalen Schiffsproduzenten. Auch Kanada hat einen Zoll von 10 Prozent ab 1. Juli vorbereitet.

Die Industrie sei „ein Ziel geworden für alle, die diesem Präsidenten die Meinung sagen“ wollten, sagt Vasilaros. „Es ist wirklich eine Industrie, die noch in den USA produziert“, sagt sie. Das sei eine Ausnahme in einer Zeit, in der sonst nicht mehr viel in den USA hergestellt werde.

Die Firma Bertram Yachts in Tampa in Florida bemüht sich um die Rettung ihres Geschäfts. Vergangene Woche machte ein Kunde aus Monaco den Kauf einer 20-Meter-Jacht für vier Millionen Dollar rückgängig - mit Verweis auf die zusätzlichen Zollkosten. CEO Peter Truslow will den Deal retten, indem er für eine Aufhebung der Zölle auf das Boot sorgt.

Ob das überhaupt möglich ist, steht in den Sternen. „Das kann innerhalb von einem Tag sein, es können aber auch Jahre sein“, sagt er.

Vor Einführung der Strafzölle wuchs Bertram schnell. Europa machte rund 15 Prozent des Geschäfts aus. Die Belegschaft mit 90 Mitarbeitern sollte aufgestockt worden. Jetzt liegt das alles auf Eis.

„Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist, dass hier ein paar reiche Jungs in schicken Jachthäfen herumhängen“, sagt Truslow. „Aber 90 Prozent der Leute, die im Jachtgeschäft arbeiten, verlegen Glasfaserkabel und installieren Hardware. Das sind hart arbeitende Männer, die gleichen, die man auch bei Autoherstellern findet. Das sind diejenigen, die betroffen sind.“ Deswegen ist für ihn auch klar, wer die eigentlichen Verlierer sind: „Die kleinen Jachtbauer und die Angestellten.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%