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Maschinenbauer Trumpf "Veränderung ist wichtiger als Wachstum"

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"Wenn man die Industrie als Ganzes betrachtet, haben wir aber die besseren Karten als die USA"

Wie wichtig ist Standardisierung bei Industrie 4.0?

Kammüller: Wenn sich verschiedene Player bei der IT zusammenschalten, muss es natürlich Standards geben, damit es funktioniert. Aber derzeit gibt es da eigentlich keine Probleme.

Erdrücken wir Deutschen wir mit dem Streben nach Normen nicht Innovation?

Leibinger-Kammüller: Die Gefahr sehe ich. Das ist in der Tat sehr deutsch. Hier in Deutschland feilen wir noch an den Standards für Elektroautos, während die Amerikaner einfach schon mal Hunderttausende auf die Straße bringen. Wissen Sie, mein Mann ist ein absoluter Standardisierungs-Freak. Deshalb wundere ich mich gerade ein bisschen, dass er das mit der Standardisierung bei Industrie 4.0 so gelassen sieht ...

Kammüller:

Kammüller: Wenn man etwas Neues macht, darf man sich nicht durch die Frage nach Standards behindern lassen. Das ist klar. Aber irgendwann braucht man sie dann schon.

Leibinger-Kammüller: Also die Fahrradkleidung meines Mannes ist jedenfalls hochgradig standardisiert...

Kammüller: Ich fahre halt gern Rennrad. Und da habe ich das Problem, dass es unangenehm ist, wenn man auf dem Rad zu warm oder zu dünn angezogen ist. Deshalb habe ich ein Schema gemacht, alle Bekleidungsstücke aufgeschrieben und dann die Temperaturen, zu denen sie passen. Danach habe ich meine Rennrad-Kleidung nach Temperaturen im Schrank geordnet und auch beschriftet. So bin ich für alle Temperaturen immer perfekt angezogen.

Leibinger-Kammüller: Er wollte sogar die Schubladen in der Küche beschriften. Da habe ich gesagt, jetzt reicht’s!

Kammüller: Es ist doch unpraktisch, wenn ich erst die Schublade aufmache und dann feststelle, dass es die falsche war. Also muss man den Inhalt außen draufschreiben. Aber damit konnte ich mich leider nicht durchsetzen und deshalb (lacht) kann ich leider nie Geschirr aufräumen.

Leibinger-Kammüller: In der Fabrik optimieren wir ja ständig die Wege, die Mitarbeiter gehen müssen...

Kammüller: ...auch Spaghetti-Diagramme genannt...

Leibinger-Kammüller: ...ja, und deshalb habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Geschirrspülmaschine aufräume und die Sachen wegsortiere. Weil ich denke, dass ich vielleicht völlig unnötig einen Weg doppelt gehe (lacht).

Leibinger-Kammüller:

Sich immer vom Effizienzgedanken leiten zu lassen kann auch Kreativität zerstören.

Leibinger-Kammüller: Auf jeden Fall. Wir haben schöne Begegnungsstellen im Unternehmen, etwa Kaffeeküchen, unsere Kantine, die als eine der schönsten in Deutschland gilt, oder auch Sitzbänke draußen im Freien. Allerdings trauen sich die Mitarbeiter oft gar nicht, sich dann auch wirklich mal in Grüne zu setzen und miteinander ein Schwätzchen zu halten. Da muss ich mich erst mal selbst eine halbe Stunde lang hinsetzen, dann traut sich einer. Eine kreative Pause, so was ist leider immer noch verpönt. Dabei entsteht aber ganz arg viel. Die Zeit dafür kann man sich allerdings nur nehmen, wenn man den eher stupiden Teil der Arbeit standardisiert hat.

Die USA gelten als schlagkräftiger bei digitalen Innovationen. Ist die Wahrnehmung richtig?

Leibinger-Kammüller: Mein Eindruck ist, dass Industrie und Politik in den USA den Vorsprung bei IT als nationale Aufgabe sehen und entschlossener daran arbeiten, dass sie eine Führungsrolle innehaben.

Kammüller: Wenn man die Industrie als Ganzes betrachtet und nicht nur IT-losgelöst, haben wir aber die besseren Karten als die USA. Den USA fehlt die richtige industrielle Basis. Wenn wir bei der IT nichts verschlafen, haben wir alles, was wir für die optimale digitale Entwicklung brauchen.

Wir haben die Chance eines digitalen Wirtschaftswunders?

Leibinger-Kammüller: Ja, wenn wir schnell genug sind. Allerdings sind wir natürlich im Moment mit ganz anderen Dingen befasst.

Sie meinen die Flüchtlingsdebatte?

Leibinger-Kammüller: Ja.

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