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Nachhaltige Unternehmensfinanzierung Warum grüne Kredite oft an Daten scheitern

ESG: Hohe Hürde bei Kreditvergabe. Quelle: Marcel Stahn

Kredite, die an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft sind, sollen nach dem Willen der EU-Kommission der neue Finanzierungsweg für Unternehmen werden. Doch der Aufwand gerade für mittelständische Firmen ist immens.

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Derk Wetzold ist bei Henkel eigentlich nicht der Mann fürs Grobe. Als Leiter für Treasury Management ist er unter anderem für das finanzielle Risikomanagement, die Finanzierung von Übernahmen und für das Bankenmanagement zuständig. Im Dezember 2018 musste er dann aber doch zu Spitzhacke und Schaufel greifen – zumindest im übertragenen Sinne.

Bei Henkel wollten sie zu dieser Zeit einmal so richtig vorweg gehen, Pionierarbeit leisten. Eine neue Kreditlinie zur Absicherung für wirtschaftlich schwere Zeiten musste her, aber keine gewöhnliche, sondern über einen „ESG-Linked Loan“, ein Finanzierungsinstrument, dessen Konditionen sich an der Nachhaltigkeitsperformance des Unternehmens orientieren. „ESG“ steht dabei für die entsprechenden Kriterien: Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (gute Unternehmensführung). Gleich mehrere Banken musste das Unternehmen dafür organisieren, drei ESG-Ratingagenturen brauchte es zusätzlich. Das Gesamtvolumen der Kreditlinie: 1,5 Milliarden Euro, Laufzeit: sieben Jahre. Das Problem: In Deutschland war und ist dieser Finanzierungsweg noch ziemliches Neuland.

ESG-Linked Loans sind ein Finanzierungsweg, den künftig viele Unternehmen anstreben sollten, zumindest wenn es nach dem Willen der EU-Kommission geht. Die Maßnahmen sollen der EU helfen, bis 2050 zum ersten klimaneutralen Wirtschaftsraum zu werden – also nicht mehr CO2 auszustoßen, als sich auf anderem Wege auch wieder ausgleichen lässt.

Gelingt das Ansinnen, wäre es ein Signal an den Rest der Welt: Nachhaltiges Wirtschaften ist möglich, die Transformation kann gelingen, das Klima ist vielleicht doch noch irgendwie zu retten, theoretisch zumindest. Ganz praktisch bedeutet eine solche Finanzierung für Unternehmen eine ganze Menge Arbeit – und auch gut zweieinhalb Jahre, nachdem Henkel diesen Weg gegangen ist, lässt der Siegeszug solch nachhaltiger Kredite noch auf sich warten. 

„Auf einen ESG-linked Loan zu setzen, war für uns mit deutlich mehr Aufwand verbunden als bei einer gewöhnlichen Kreditlinie. Es gab damals in Deutschland dafür noch keine Blaupause“, sagt Henkel-Manager Wetzold heute rückblickend. Henkel gilt als das erste große Unternehmen in Deutschland, das damals eine solche Finanzierung gewählt hat. 15 Banken beteiligten sich an der Kreditlinie. Dazu gehörten etwa die Bank of America, die BNP Paribas und die Deutsche Bank

Ob sich ein an ESG-Kriterien verknüpfter Kredit auch für einen Mittelständler lohnt, hängt vor allem von dem Aufwand ab, den er für die eigene Datenerfassung braucht. „Entwickeln sich die im Kreditvertrag vereinbarten Kennzahlen in die richtige Richtung, so verbessern sich die Kreditkonditionen. Dann können sie auch attraktiver werden, als bei einem Kredit, der nicht an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt ist“, sagt Marcus Thiel. Er ist seit Oktober 2020 innerhalb der Unternehmensfinanzierung der Deutschen Bank zuständig für nachhaltige Finanzierungen. „Verfehlt das Unternehmen die vereinbarten Ziele, so verschlechtern sich die Kreditkonditionen im Gegenzug. In der Regel muss dann das Unternehmen eine bestimmte Summe an eine vorher festgelegte NGO-Organisation zahlen.“

Für ein so großes Unternehmen wie Henkel ist ein solcher Kredit noch vergleichsweise einfach zu organisieren. Die drei Ratingagenturen, die Henkel ausgewählt hat, liefern regelmäßig Einschätzungen dazu, wie nachhaltig das Unternehmen aufgestellt ist. Die Daten, an denen sich die Nachhaltigkeit von Henkel messen lässt, muss die Firma ohnehin über kurz oder lang erheben. Spätestens der neue EU-Standard zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmen, die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), wird viele Firmen künftig dazu zwingen, die entsprechenden Informationen zu sammeln. 

„Das Thema wird Wirtschaft, Banken und Versicherungen immer stärker beschäftigen“, sagt Marcus Thiel. „Teilweise ist noch immer viel Pionierarbeit zu leisten“. Denn beim Mittelstand sind ESG-Linked Loans oft noch nicht richtig angekommen. Das könnte sich bald als Fehler herausstellen. Denn die EU will die gesamte Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit bewegen, krempelt dafür auch den Bankensektor ordentlich um. Den Druck, den Banken durch neue EU-Vorgaben erhalten, werden sie an die Unternehmen weitergeben. 

Dabei gäbe es auch für Mittelständler schon einfachere Wege, eine solche Finanzierung zu erhalten, als Henkel ihn gewählt hat, sagt Thiel. Denn um die Nachhaltigkeitsperformance zu messen, können Firmen statt auf ESG-Ratingagenturen zu setzen, einzelne Kennzahlen zusammen mit einer Bank vereinbaren. Das kann zum Beispiel der CO2-Ausstoß sein, eine Diversitätsquote im Unternehmen, die Anzahl meldepflichtiger Arbeitsunfälle oder die Vermeidung von Plastikmüll. „Es gibt eine ganze Reihe von bestehenden Daten, die Mittelständler dafür ohne viel Aufwand nutzen können“, sagt der Experte der Deutschen Bank. 

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Bei Henkel werden sie den Nachhaltigkeitspfad wohl nicht mehr verlassen. „Der Weg zurück ist sicherlich nicht der richtige für uns. Wir werden zukünftig auch weiter auf nachhaltige Finanzprodukte setzen“, sagt Finanzmanager Wetzold. „Im Juli 2020 haben wir auch unseren ersten Green Bond in Höhe von 100 Millionen Euro begeben, um damit Maßnahmen zur Reduzierung von Kunststoffabfällen in unserer gesamten Wertschöpfungskette zu finanzieren.“ Aber das ist ein Finanzierungsinstrument für eine andere Geschichte.

Mehr zum Thema: Fondsmanager und Banker, getrieben von der Finanzaufsicht, verstehen Nachhaltigkeit zunehmend als Handlungsauftrag: Sie setzen Unternehmen unter Druck. Kapital soll etwas bewirken und Rendite bringen. Mit ausgewählten Fonds können Anleger an dem Trend verdienen.

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