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Personalentwicklung Umstrittener KI-Trend in der Weiterbildung

Quelle: Getty Images/iStock

Was passiert, wenn eine Künstliche Intelligenz festlegt, welche Fortbildung als Nächstes ansteht? Verschiedene Start-ups bieten so einen Software-Service bereits an. Aber die Automatisierung ist umstritten.

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Wie Weltmarktführer und Gründer zusammenarbeiten, was sie voneinander lernen können und was regelmäßig schief läuft, beleuchtet die WirtschaftsWoche in einer Artikel-Serie.

Wer seine Mitarbeitenden weiterbilden will, steht vor einem Problem. Das passende Seminar oder den passenden Online-Kurs unter einem schier unermesslichen Angebot zu finden, kostet Zeit und Nerven. In manchem Betrieb kommen auf 1000 Angestellte drei Personaler, sagt Elisa Hertzler, Gründerin des Berliner Start-ups Peer Solutions. Die müssten gemeinsam mit der jeweiligen Führungskraft entscheiden, wer welche Weiterbildung machen soll. Zeitlich sei das gar nicht machbar. Deshalb werde häufig einer ganzen Abteilung einfach das gleiche Seminar vorgeschlagen. „Weiterbildung findet mit der Gießkanne statt. Und einmal im Jahr wird gegossen“, kritisiert Hertzler.

Eine passgenauere Methode verspricht Peer Solutions mit Selena. Hinter dem Namen verbirgt sich eine Künstliche Intelligenz (KI), die das Start-up anbietet. Sie erstellt automatisiert individuelle Lernpfade mit Präsenz- oder Online-Weiterbildungskursangeboten verschiedener Firmen. Vorhandene Fähigkeiten werden unter anderem aus den Unternehmensdaten zu den jeweiligen Mitarbeitenden ermittelt. Auf der anderen Seite legen Personaler und Führungskräfte Zeit, Kosten und das Lernziel fest.

Mit diesem Ansatz ist Peer Solutions nicht alleine. Eine ähnliche Lösung bietet etwa das Münchener Start-up Cobrainer an. Und auch der Branchenriese WBS Gruppe entwickelt gerade einen KI-gestützten Weiterbildungs-Marktplatz. „Am Megatrend Künstliche Intelligenz kommt man nicht vorbei“, sagt Claudia Zaviska, die am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die Entwicklungen am Weiterbildungsmarkt beobachtet. Die Technologie sei eine Chance, den Dschungel der Angebote zu lichten. „Der Weiterbildungsmarkt ist sehr intransparent.“

Neun von zehn Unternehmen bilden weiter

Die Nachfrage nach Schulungen und Seminaren ist riesig: Fast 90 Prozent aller Unternehmen hierzulande bilden weiter. Im Durchschnitt investieren sie dafür 1.236 Euro je Mitarbeiter. Das geht aus einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Jahr 2019 hervor. Einen Knick gab es durch Corona: Im vergangenen Jahr wurden laut BIBB mehr als drei Viertel der geplanten Veranstaltungen verschoben oder ersatzlos gestrichen. „Nach dem Pandemiebeginn haben viele Unternehmen ihre Ausgaben für Weiterbildung reduziert“, sagt Zaviska.

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    Die Start-ups hoffen darauf, dass sich der Markt rasch wieder erholt, die Zeichen dafür stehen gut. Schließlich hat Corona offenbart, wie groß der betriebliche Weiterbildungsbedarf in Sachen Digitalisierung ist: Laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom von Ende November setzen 61 Prozent der Unternehmen auf die Weiterbildung der Beschäftigten zu Digitalthemen. Und angesichts des Fachkräftemangels wird es immer wichtiger, Mitarbeiter für neue Technologien und Aufgaben fit zu machen. Auch der Bund fördert die Weiterbildung von Beschäftigten, wenn sie etwa vom digitalen Strukturwandel betroffen sind.

    KI optimiert Weiterbildungskosten

    Peer Solutions lockt zudem mit Kostenersparnissen. Der vorgeschlagene Lernpfad soll möglichst günstig und nicht zu zeitaufwendig sein. „Ich muss heutzutage kein Tagesseminar mehr für 1000 Euro buchen, wenn ich den Inhalt zur gleichen oder besseren Qualität auch in zwei bis drei E-Learning-Stunden für 200 Euro bekommen kann“, erklärt Hertzler. Mittelfristig will das Start-up die Software noch ausbauen. Dann sollen auch das Lernverhalten und irgendwann auf Basis fragebogenbasierter, psychometrischer Typindikatoren die jeweiligen Charaktereigenschaften in die Empfehlungen einfließen.

    Zehn bis zwanzig vorwiegend mittelständische Kunden nutzen bereits die KI von Peer Solutions. Darunter ist der ehemalige Arbeitgeber von Hertzler – das Ditzinger Industrieunternehmen Trumpf. Zuvor hatte sie ihre Geschäftsidee in einem internen Inkubator-Programm des Maschinenbauers entwickelt. Dessen Wagniskapitaltochter Trumpf Venture ist auch bei Peer Solutions investiert. Seit diesem Jahr sind weitere Kapitalgeber an Bord. Bei der letzten Finanzierungsrunde sammelte das Start-up unter anderem vom Software-Investor Fortino Capital und vom Gründerinnenfonds Auxxo insgesamt drei Millionen Euro ein.



    Konkurrent Cobrainer hat kürzlich elf Millionen Euro von Investoren eingesammelt. Unter den Kunden sind Großunternehmen wie Telefónica und Porsche. Das Start-up wirbt damit, das interne Recruiting voranzubringen. Dazu gleichen Algorithmen die für das jeweilige Projekt gesuchte Jobrolle mit internen Mitarbeiterprofilen ab und machen entsprechende Vorschläge, wer sich wohin weiter entwickeln könnte. „Das kann langfristig dann auch zu mehr Umschulungen und Abteilungswechseln führen“, sagt Gründer Hanns-Bertin Aderhold.

    Geld verdienen die Start-ups zum einen damit, dass sie Softwarelizenzen an die Unternehmen verkaufen. Zum anderen bauen sie Provisionsmodelle mit Weiterbildungsanbietern auf. So kooperiert Peer Solutions etwa mit der Haufe Akademie, ProLearn oder der Ecademy von Cornelsen. Cobrainer will Schnittstellen zu großen internationalen Weiterbildungsanbietern wie Udemy oder Udacity aufbauen.

    Weg vom Frontalunterricht

    Doch auch die Bildungsanbieter selbst treiben die Digitalisierung voran. Ein Beispiel ist die WBS Gruppe. Das Berliner Unternehmen will zusammen mit dem Bildungsplattform-Anbieter Courseticket und der Hochschule Schmalkalden einen eigenen Marktplatz aufbauen. Kleinere und mittlere Unternehmen sollen die Software in ihre eigenen Lernumgebungen einbinden können. „Das Ziel ist es, eine Art KI-gestütztes Amazon für Bildungsangebote zu schaffen“, sagt Courseticket-Geschäftsführer Alexander Schmid.

    Die Künstliche Intelligenz soll dabei nicht nur individuelle Weiterbildungsinhalte auf den Laptop ausspielen. Auch die Art, wie jeweils gelernt wird, könnte künftig personalisiert werden. „Viele verbinden mit Lernen noch immer eine Frontalsituation“, sagt Ulf Seegers, Manager Digital Journey UX/LX bei WBS Training. Auch im virtuellen Raum stehe eine Seminarleiterin vorne und präsentiere allen die gleichen Lehrinhalte. Eine Analyse des jeweiligen Lernverhaltens könne stattdessen helfen, künftig Selbstlern- und Gruppenphasen sowie Eins-zu-Eins-Gespräche jedem Seminarteilnehmer individuell zur richtigen Zeit einzusetzen.

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