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Digitalisierung bei der Allianz Die Angst der Vertreter

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Modularisierte Produkte

Die teils prekäre Situation vieler Agenturinhaber zeigen auch Umfragen der Allianz-Vertretervereinigung. Etwa einem Drittel der Vertreter, die ihren Geschäftsplan 2012 noch erfüllt haben, ist dies im Jahr darauf nicht mehr gelungen, ergibt eine Erhebung unter 3600 Vertretern aus dem vergangenen Jahr. 56 Prozent der befragten Vertreter verbuchten mit ihrer Agentur 2013 einen Gewinnrückgang. Rund die Hälfte der Befragten, die ihre Agentur seit 10 bis 15 Jahren betreiben, hat mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen und finanziert den laufenden Betrieb vielfach mit Krediten. Auch für Peters wird das Geschäft immer schwieriger: „Bekäme ich eine Abfindung, würde ich aufhören.“

In München stellt man sich darauf ein, dass der Konzern langfristig mit deutlich weniger Vertretern wird auskommen können. Für die Zukunft schweben Bäte flexible, modularisierte und gleichzeitig vereinfachte Produkte vor, die sich der Kunde selbst im Internet schneidern kann.

Gedacht ist etwa an eine kombinierte Familienversicherung aus privater Haftpflicht-, Rechtsschutz-, Hausrat- und Gebäudeversicherung, bei der sich der Kunde die Schwerpunkte der Deckung individuell zusammenbauen kann. In Italien gibt es so ein Produkt zum Preis von einer Tasse Kaffee am Tag bereits. Allianz1 heißt es, entwickelt von jungen Mitarbeitern, darunter vielen Frauen, die alle mal ein paar Jahre im Ausland gearbeitet haben. Bäte setzt auf Diversity und will diese in Zukunft auch in Deutschland stärker fördern.

Nicht mehr Massenware von der Stange, sondern individuell konfektionierte Produkte – damit will die Führung in Zukunft punkten. „Wir könnten allen Kunden, die in einem Gebiet mit hoher Zeckengefahr wohnen, im Sommer automatisch eine Versicherung gegen die Folgen von Zeckenbissen anbieten“, sagt Vorstand Vollert.

Neben dem Großprojekt Digitalisierung müssen Bäte und seine Vorstandskollegen das Dauerproblem Niedrigzinsen angehen. Die Allianz hat zahlreiche Lebensversicherungskunden, denen sie noch vier Prozent Mindestverzinsung garantiert hat. Staatsanleihen bringen aber nur noch Mickerrenditen von weniger als einem Prozent. Beliebig mehr Geld in Aktien anlegen kann das Unternehmen nicht, hier schiebt der Regulierer einen Riegel vor. Die Allianz versucht darum, verstärkt in Infrastrukturprojekte wie etwa Windparks zu investieren. Doch hier gibt es bisher viel zu wenig geeignete Projekte. Außerdem mahnt die Assekuranz verlässlichere gesetzliche Rahmenbedingungen für Engagements in solche Projekt an. In Zukunft, da sind sich fast alle Experten einig, dürfte sich der Anlagenotstand eher noch verschärfen.

Nicht leichter wird Bätes Job durch die Turbulenzen bei der Kapitalanlagetochter Pimco in Kalifornien. Als der in der Branche als Anleiheguru gefeierte Gründer und Chef Gross nach internen Querelen 2014 entnervt zum Konkurrenten Janus Capital wechselte, zogen Anleger binnen Wochen Milliardensummen aus dem Fonds ab. Der Fonds schmolz bis heute von 293 auf 117 Milliarden Dollar zusammen. Zwar gewinnt Pimco inzwischen auch wieder Kundengelder. Doch für das Gesamtjahr dürfte der Fonds weiter Nettoabflüsse verzeichnen. Einen Verkauf der US-Tochter schließt die Allianz trotz der Probleme aus.

Kultureller Wandel

Um die Herausforderungen zu meistern, wird Bäte einen mentalen Wandel herbeiführen und die Kultur in Richtung dynamischer und innovativer Unternehmen wie Google oder dem Elektroautohersteller Tesla entwickeln müssen – und das in einem Konzern, der „noch auf das alte Ökosystem gepolt ist“, wie es jemand beschreibt, der Bäte und die Allianz sehr gut kennt.

In Arbeit
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Kann der Neue das? „Bei McKinsey galt Bäte stets als der trockene Analytiker, der vor allem komplexe Zusammenhänge schnell durchschaut“, sagt ein enger Wegbegleiter. Doch Bäte hat beides: Er ist ein Mann der Zahlen, ganz der nüchterne Analytiker, den es braucht, um eine komplexe Organisation wie die Allianz mit sicherer Hand und chirurgischer Präzision umzubauen. Bäte ist aber auch der neugierige, empathische Macher und begeisterungsfähige Bauchmensch, der stets weit über den eigenen Tellerrand hinausblickt und den Konzern für neue Ideen öffnet, damit der auch übermorgen noch ganz vorne mitspielen kann.

Dass Bäte bodenständig geblieben ist, schadet ihm bei seinen neuen Aufgaben sicher nicht. Statt in Kitzbühel oder am Starnberger See verbringt der neue Allianz-Chef seine Freizeit lieber in der alten Heimat Köln, wo er am Wochenende auch mal unbehelligt durch die Fußgängerzone laufen kann, ohne ständig angesprochen zu werden.

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