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Urenco-Chef Engelbrecht"Politisch motivierte Bedenken"

Der Uran-Anreicherer Urenco soll privatisiert werden. Firmenchef Helmut Engelbrecht sieht darin kein Sicherheitsrisiko. Im Interview erklärt er zudem, warum er zu seiner Atomfabrik in Deutschland steht.Yvonne Esterházy 08.06.2015 - 18:00 Uhr

Urenco-Anlage in Gronau: „Wir werden diese Kapazitäten nutzen, so lange sie uns zur Verfügung stehen.“

Foto: dpa

Urenco ist mit einem Marktanteil von 30 Prozent hinter dem russischen Konkurrenten Tenex das zweitgrößte Unternehmen der Welt, das Brennelemente für Atomkraftwerke herstellt. Der britische und der niederländische Staat, denen je ein Drittel der Anteile gehört, wollen aussteigen – ebenso die beiden deutschen Energiekonzerne E.On und RWE, die je ein Sechstel der Anteile besitzen. Kritiker befürchten, dass durch den Verkauf der staatlichen Anteile an private Investoren Terroristen oder Schurkenstaaten leichter an hoch angereichertes Uran und damit an den Schlüssel zum Bau der Atombombe erhalten könnten.

Das Unternehmen mit Sitz im britischen Stoke Poges betreibt vier Anlagen, die natürliches Uran so weit mit seinen eigenen radioaktiven Bestandteilen anreichern, dass daraus spaltbares Uran entsteht: im westfälischen Gronau, im britischen Capenhurst, im niederländischen Almelo und in Eunice im US-Bundesstaat New Mexico. Die beiden wichtigsten Konkurrenten neben Marktführer Tenex sind der französische Staatsriese Areva und der US-Konzern USEC.

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Der Wert von Urenco wird auf zehn Milliarden Euro geschätzt. Dem Vernehmen nach wurden potenzielle Bieter aufgefordert, bis Ende 2014 ihr Interesse anzumelden. Über das Ergebnis sowie den Verkaufsprozess wahren alle Beteiligten größtes Stillschweigen.

BND prüft potenzielle Käufer

Die Bundesregierung hat auf eine Kleine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ bestätigt, dass es einen „Markttest“ zum geplanten Verkauf der Uranfabriken von Urenco gegeben habe. Allerdings habe sie „keine unmittelbaren Kenntnisse zu dessen Details“. Zu Kaufinteressenten dürften der kanadische Minenbetreiber und Uranreicherer Vameco sowie private Investorengesellschaften gehören. Auch ein Börsengang gilt nach Angaben der Bundesregierung als möglich.

Nach Auskunft des Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium Rainer Baake sind Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz mit Blick auf möglicherweise vorliegende Erkenntnisse über potenzielle Anteilserwerber an den Sondierungen zum Verkauf beteiligt.

Helmuth Engelbrecht ist seit 2005 Chef von Urenco.

Foto: WirtschaftsWoche

Urenco wurde 1970 von Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien gegründet. In dem Vertrag erklären die Staaten, dass Urenco kein hoch angereichertes atomwaffenfähiges Uran herstellen darf und dabei von einem Gemeinsamen Ausschuss der drei Regierungen überwacht wird. Die Bundesregierung will ihren Sitz in dem Gremium auch nach einem Verkauf behalten.

Wirtschaftlich ist das Unternehmen eine Goldgrube: Urenco steigerte 2014 den Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 6,4 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro und den Nettogewinn um 20 Prozent auf 404,5 Millionen Euro. Vor Abzug von Steuern, Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) blieben sagenhafte 1,07 Milliarden Euro Gewinn übrig, fast elf Prozent mehr als 2013. Der Auftragsbestand beträgt 16 Milliarden Euro und reicht damit laut Urenco-Angaben über das Jahr 2025 hinaus. Derzeit beliefert Urenco 50 Kunden in 19 verschiedenen Ländern und hat einen Marktanteil von weltweit rund 30 Prozent.

Zur Person
Helmut Engelbrecht hat in der Energiebranche Karriere gemacht. Bei Preussen Elektro stieg der studierte Ingenieur und Nukleartechniker 1998 zum Entwicklungschef auf. Im Jahr 2000 wurde er Direktor bei E.On Benelux, bevor er 2003 als "Strategic Delevopment Director" zu Urenco wechselte. Seit 2005 leitet er die Geschäfte von Urenco.

Herr Engelbrecht, ursprünglich sollte Urenco vor den Wahlen in Großbritannien privatisiert werden. Wie groß sind die Chancen, dass es nach der Wiederwahl der Konservativen in diesem Jahr noch dazu kommt?
Der Verkaufsprozess wird nach wie vor von allen Eignern gewünscht, also von der britischen und der niederländischen Regierung sowie von den deutschen Energiekonzernen RWE und E.On. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

In Deutschland gibt es große Bedenken gegen den Verkauf von Urenco, weil dadurch Unbefugte an den Stoff kommen könnten, aus dem man Atombomben baut.
Ich halte die Bedenken der Gegner für politisch motiviert und aus unternehmerischer Sicht für nicht begründet.

Bald dampft es nicht mehr: Das unrentable AKW Grafenfeld in Bayern soll Ende Mai 2015 stillgelegt werden - sieben Monate früher als von der Bundesregierung geplant. Das Kraftwerk wurde 1981 fertig gebaut und hat eine Leistung von 1345 Megawatt. Der Betreiber ist die E.ON. Kernkraft GmbH mit Sitz in Hannover.

Foto: Creative Commons

Das Kernkraftwerk Gundremmingen ist mit der elektrischen Leistung von 2 x 1344 Megawatt das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Deutschland. Das Kraftwerk befindet sich im schwäbischen Landkreis Günzburg in Bayern. Der Betreiber ist RWE. Der erste A-Reaktor wurde bereits 1977 stillgelegt. Der B-Reaktor soll spätestens bis Ende 2017, der C-Reaktor bis Ende 2021 vom Netz.

Foto: dpa/dpaweb

Auch das Kernkraftwerk Philippsburg bestand aus zwei Reaktoren, bis 2011 der ältere Siedewasserreaktor heruntergefahren wurde. Der neue Druckwasserreaktor wird noch bis Ende 2019 seinem Betreiber EnBW Geld bringen. Seine elektrische Brutto-Leistung beträgt 1468 Megawatt.

Foto: dpa

Spätestens bis Ende 2021 sollen gleich drei Kernkraftwerke heruntergefahren werden, die insgesamt 4254 Megawatt Energie brutto leisten. Dem Kernkraftwerk Brokdorf, das 1986 in Betrieb kam und von E.ON und Vattenfall betrieben wird, entsprechen 1480 Megawatt davon. Brokdorf liegt im Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein und wird von E.ON und Vattenfall betrieben.

Foto: dpa

Gleichzeitig mit Gundremmingen und Brokdorf soll bis Ende 2021 auch das Kernkraftwerk Grohnde stillgelegt werden. Das niedersächsische Kernkraftwerk in der Gemeinde Emmerthal, im Landkreis Hameln-Pyrmont, wurde 1986 in Betrieb genommen und erzeugt 1430 Megawatt brutto. Eigentümer sind E.ON und Stadtwerke Bielefeld.

Foto: dpa

Noch bis Ende 2022 darf der zweite Druckwasserreaktor des Kernkraftwerks Neckarwestheim im Betrieb bleiben. Der erste Block wurde bereits 2011 heruntergefahren. Das Kraftwerk befindet sich in Besitz von EnBW und produziert 1400 Megawatt Energie brutto.

Foto: dpa

Von drei Kernkraftwerken, die voraussichtlich bis 2022 stillgelegt werden, leistet Isar II am meisten - 1485 Megawatt brutto. Der Meiler befindet sich in Niederbayern und wird von E.ON und den Stadtwerken München betrieben.

Foto: dpa

Zu den Kernkraftwerken, die voraussichtlich als letzte - spätestens bis Dezember 2022 - stillgelegt werden, gehört auch das Kernkraftwerk Emsland, nahe Lingen, in Niedersachsen. Das Kraftwerk produziert 1400 Megawatt Energie brutto. Emsland hat gleich zwei Besitzer: Hauptbesitzer RWE und E.ON.

Quelle: „Kkw ems pano2“ von Smial, lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons

Foto: Creative Commons

Untergräbt der Ausstieg des Staates nicht die Aufsicht durch die internationale Atomenergiebehörde und das Verbot der Weiterverbreitung der Atomwaffentechnologie?
Der Vertrag von Almelo, den 1970 die deutsche, britische und niederländische Regierung unterschrieben haben, legt fest, dass alle drei sich im Hinblick auf die Sicherheit und die Non-Proliferation, also die Nicht-Weitergabe von Technologie, um das Geschäft von Urenco kümmern müssen. Das alles wird auch in Zukunft so bleiben.

Die lange Suche nach einem Atommüllendlager
Am 11. November 1976 bringt der niedersächsische Wirtschafts- und Finanzminister Walther Leisler Kiep (CDU) laut eigenen Aufzeichnungen Gorleben ins Spiel. Zuvor waren die Salzstöcke Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst (alle Niedersachsen) favorisiert worden.
Die niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) beschließt, in Gorleben an der Grenze zur damaligen DDR ein nukleares Entsorgungszentrum zu gründen. Ein transparentes Auswahlverfahren fehlt - die Hoffnung ist auch, dass der arme Kreis Lüchow-Dannenberg durch Investitionen der Atomindustrie einen Aufschwung erfährt.
Tiefbohrungen beginnen, um den Salzstock auf seine Eignung als Atommüllendlager zu erkunden.
Die Bauarbeiten für das oberirdische Zwischenlager Gorleben starten. Es liegt nur einige hundert Meter entfernt vom Salzstock.
Die Erkundung des Salzstocks unter Tage beginnt. SPD und Grüne werfen der Regierung von CDU-Kanzler Helmut Kohl vor, politischen Einfluss bei der Durchsetzung von Gorleben genommen zu haben. 2010 wird dazu ein Bundestags-Untersuchungsausschuss eingerichtet.
Von massiven Protesten begleitet, trifft im oberirdischen Zwischenlager der erste Castor-Behälter mit Atommüll ein.
Nach dem Regierungswechsel richtet Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AK End) ein. Er soll Ideen für ein neues Suchverfahren entwickeln.
Im Atomkonsens vereinbart die rot-grüne Bundesregierung mit den Stromversorgern den Ausstieg aus der Kernenergie. Die Erkundung in Gorleben wird bis spätestens 2010 ausgesetzt.
Trittin legt einen Entwurf für ein Standortauswahlgesetz vor: In einem bundesweiten Verfahren sollen neben Gorleben auch andere Standorte untersucht werden. Die Neuwahl lässt den Plan scheitern.
Nach der Wahl vereinbart die große Koalition, das Problem „zügig und ergebnisorientiert“ zu lösen. Während die Union an Gorleben festhält, fordert Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ein neues Auswahlverfahren. Es gibt keinen Fortschritt.
Norbert Röttgen (CDU), Bundesumweltminister in der seit 2009 amtierenden schwarz-gelben Bundesregierung, teilt die Aufhebung des Erkundungsstopps mit. Gorleben habe weiter „oberste Priorität“.
Am 30. Juni 2011 beschließt der Bundestag den Atomausstieg bis 2022. Über Gorleben hinaus sollen andere Endlager-Optionen geprüft werden. Bayern und Baden-Württemberg zeigen sich offen für eine neue Suche.
Bei zwei Spitzentreffen von Bund und Ländern gibt es Fortschritte. Eine Einigung scheint zum Greifen nahe.
Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird für den CDU-Spitzenkandidaten Röttgen zum Debakel. Er wird von Kanzlerin Angela Merkel entlassen. Nachfolger wird Peter Altmaier (CDU).
SPD und Grüne werfen Altmaier vor, eine Lösung zu verzögern - aber beide Parteien lähmen selbst den Prozess, weil sie uneinig sind, was den künftigen Umgang mit Gorleben betrifft.
Am 27. September 2012 weist Merkel vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss Vorwürfe zurück, sie habe in ihrer Zeit als Umweltministerin in den 1990er Jahren versucht, Gorleben als Endlager durchzudrücken.
Am 20. Januar 2013 gewinnt Rot-Grün die Landtagswahl in Niedersachsen, SPD und Grüne in Hannover wollen ein Aus für Gorleben durchsetzen.
Am 24. März 2013 gelingt Altmaier ein vorläufiger Durchbruch: Bis 2015 soll eine aus 24 Personen bestehende Enquetekommission Grundlagen und Vergleichskriterien für die Suche erarbeiten. Gorleben soll im Topf bleiben - Niedersachsen setzt aber auf ein rasches Ausscheiden. In einem Suchgesetz soll festgelegt werden, dass am Ende zwischen den beiden besten Optionen entschieden wird. Atommülltransporte in das Zwischenlager Gorleben soll es vorerst nicht mehr geben.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat in einem Schreiben erklärt, dass er den neuen Eigentümern von Urenco nicht nur strategische und finanzielle Vorgaben machen, sondern auch in Firmenentscheidungen eingreifen und notfalls Vorstände entlassen können will. Insgesamt will er 13 Vorgaben machen. Ist damit die Privatisierung nicht tot?
Ich habe den Brief von Minister Gabriel gelesen und es gibt andere Briefe im Umfeld der niederländischen Regierung, die ähnliche Überlegungen äußern. Ich möchte das nicht kommentieren.

Am 14. April 2015 liefert ein Roboter erstmals Bilder aus dem tiefsten Inneren eines der Unglücksreaktoren in der Atomruine Fukushima. Nach Angaben des Atombetreibers Tepco sind im Sicherheitsbehälter des zerstörten Reaktors Nummer 1 nahe einer Öffnung zum Tiefgeschoss keine größeren Hindernisse gesichtet worden.

Foto: dpa

Dass der Roboter problemlos hineinkommen konnte, gilt als positives Zeichen für die weitere Suche nach den geschmolzenen Brennstäben. Die von dem Roboter gemessene Strahlendosis erreichte bis zu 9,7 Sievert pro Stunde. Ein Mensch würde bei einer solchen Strahlung innerhalb einer Stunde sterben.

Foto: dpa

Die Temperatur lag den Angaben nach zwischen 17,8 und 20,2 Grad. Nachdem das Gelände - insbesondere mithilfe des Kameraroboters - erkundet ist, hoffen Tepco und die japanische Regierung, 2020 mit der Bergung des Brennstoffs beginnen zu können.

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Sonnenaufgang am 11. März 2015 in Tomioka in der Präfektur Fukushima: Auch vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe sind die Aufräumarbeiten nicht beendet.

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Ein zerstörtes Sturmflutsperrwerk in Namie. Das Unglück, bei dem ein Erdbeben einen Tsunami auslöste und in der Folge im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi drei Kernschmelzen stattfanden, kostete insgesamt fast 19.000 Menschen das Leben und verwüstete die Region Fukushima.

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In der Kumamachi-Grundschule in Okuma liegen noch die Wörterbücher auf den Schultischen.

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In Namie, fünf Kilometer nördlich des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, legen Mitarbeiter der Post Blumen an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz nieder.

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Durch eine zerbrochene Fensterscheibe sind die Reste des Atomkraftwerks zu erkennen.

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Die Reste der ehemaligen Nuklearanlage aus der Luft.

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Aufräumarbeiten in Namie im Februar 2015: Unmengen von Schrott bedecken den Boden.

Foto: REUTERS

In einem Bambuswald wird die oberste Bodenschicht abgetragen und in Plastiksäcke verpackt: Die radioaktive Verstrahlung des Landstrichs soll so reduziert werden.

Foto: REUTERS

In den schwarzen Plastiksäcken befinden sich radioaktiv verstrahlte Erde, Blätter und Trümmerteile. Der radioaktive Abfall soll im Gebiet der Stadt Tamioka zwischengelagert werden. Anwohner sind darüber besorgt, dass diese Zwischenlagerung nicht vorübergehend sein wird, sondern die insgesamt 30 Millionen Tonnen strahlenden Mülls auch nach der angekündigten Zeitspanne von 30 Jahren etwa auf verlassenen Reisfeldern, Parkplätzen und sogar in Hinterhöfen von Anwohnern lagern werden.

Foto: REUTERS

Beweist Gabriels Brief nicht, dass die Privatisierung von Urenco für ihn ein beachtliches Sicherheitsrisiko darstellt?
Ich glaube, dass Urenco das Gegenteil ist – denn durch unsere multinationale Zusammenarbeit sind wir ein Modell dafür, wie man global mit derart sensitiven Technologien umgehen sollte. Urenco wird von drei Regierungen kontrolliert sowie von der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom- und der Internationalen Atomenergiebehörde überwacht.

Wie stark mischt sich die Politik aktuell in ihre Geschäftsführung ein?
Wir berichten den drei Regierungen zweimal im Jahr, aber sie haben normalerweise keinen Einfluss auf unsere geschäftliche Strategie. Wenn diese aber Elemente enthalten sollte, die im Zusammenhang mit Technologiesicherheit oder der Nicht-Verbreitung Anlass zu Besorgnis geben sollte, dann haben die Regierungen das Recht, sich einzumischen.

Atommüll-Endlager Gorleben

"Ich bin relativ desillusioniert"

von Niklas Dummer

Wie oft passiert das?
Wenn wir einen neuen Kunden beliefern wollen, müssen wir vorher mit den Regierungen darüber reden, ob der akzeptabel ist. Alles, was mit angereichtem Uran und mit der Anreicherungstechnologie zu tun hat, ist Gegenstand der Überwachung und der Kontrolle durch die Regierungen.

Wie wirksam die Überwachung ist, zeigte sich in den 1970er Jahren, als der pakistanische Forscher Abdul Kadir Khan das Wissen aus der Tätigkeit bei Urenco genutzt haben soll, um seinem Heimatland den Bau von Atomwaffen zu ermöglichen.
Es ging damals um eine Technologie, die in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren in Russland entwickelt wurde. Wie sie funktioniert, ist heute im Internet nachlesbar.

Japan

Im Mai 2012, rund ein Jahr nach der Atomkatastrophe von Fukushima, schaltete Japan seinen letzten Nuklearreaktor ab und kappte damit die Versorgung mit Atomstrom. Im Juli hatte dann der Energieversorger Kansai Electric Power zwei der 50 kommerziellen Reaktoren Japans wieder in Betrieb genommen. Dieser Schritt hatte zu heftigen Protesten in der Bevölkerung geführt.

Trotzdem forderte der Chef des Reaktorherstellers Mitsubishi Heavy Industries nach dem Wahlsieg der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) in Japan eine schnelle Rückkehr zur Atomenergie. Die abgeschalteten Atomkraftwerke (AKW) sollten wieder ans Netz gehen, sagte Hideaki Omiya. "Japan muss wirtschaftlich wachsen, und die Energiepolitik spielt dabei eine große Rolle", sagte der CEO von Mitsubishi Heavy. Dabei habe Sicherheit Vorrang. "Die (Reaktor-)Hersteller müssen alles tun, was sie können, um zu sagen: 'Wenn wir es machen, ist es sicher'."

Mit der Inbetriebnahme weiterer Reaktoren wird nicht vor Sommer 2013 gerechnet. Zunächst müssen neue Sicherheitsbestimmungen in Kraft treten.

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Das Kernkraftwerk Isar

Foto: dapd

Schweiz

Auch die Schweiz hatte 2011, ausgelöst von dem Unglücksfall in Fukushima, sämtliche Bewilligungsverfahren für neue Atomkraftwerke gestoppt und bei allen bestehenden Atommeilern die Sicherheit überprüft. Wegen eines Zwischenfalls wurde im Frühjahr 2012 einer von insgesamt fünf Reaktoren, das 42 Jahre alte Kernkraftwerk Beznau, abgeschaltet.

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Finnland

Statistiken der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) besagen, dass es weltweit in 30 Ländern 437 Atomreaktoren gibt, die eine jährliche Gesamtleistung von 371.762 Megawatt (MW) haben. Weitere 64 Reaktoren befänden sich gerade in der Bauphase.

So wie das finnische Riesenkernkraftwerk in Olkiluoto, dass sich seit 2005 in der Bauphase befindet und dessen Inbetriebnahme immer noch weiter nach hinten geschoben wird. Schuld daran sind neben vielen Unfällen und Baumängeln auch die Unstimmigkeiten zwischen dem französischen Kernkraftbauer Areva und Siemens wegen der erheblichen Verzögerungen.

Den Kraftwerken, die sich derzeit im Bau befinden und denen, die bereits oder noch aktiv sind, stehen dafür 125 Reaktorblöcke gegenüber, die bis zum Jahr 2011 abgeschaltet worden sind.

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Großbritannien

Insgesamt sind in Europa in 18 Ländern 93 Kernkraftwerke am Netz und produzieren 179.384 Megawatt Strom. Im Bau sind weitere elf Reaktorblöcke. Allein in Großbritannien sind 19 Atomreaktoren in Betrieb, von denen viele bereits 30 Jahre oder älter sind. Statt sich stärker auf Regenerative Energien zu konzentrieren, sollen alte Reaktoren in den nächsten 15 Jahren durch elf neue Nuklearanlagen ersetzt werden.

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Russland

Derzeit sind in Russland zehn Kraftwerke mit 30 Reaktorblöcken am Netz, die rund ein Zehntel des landesweiten Stromverbrauchs liefern. Moskau hält an seinen Atomplänen fest: Ausbau heißt das Ziel, Exportweltmeister für Kraftwerkstechnologien ist der angestrebte Titel. Um das auch bei der russischen Bevölkerung eher miese Image der Atomkraft aufzupolieren, setzt die nationale Atomholding Rosatom auf verschiedene Kampagnen wie die der Wahl zur "Miss Atom".

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Polen

Genauso hält die polnische Regierung an der Atomkraft fest: Sie will den Atomeinstieg für ihr Land. Der Bau des ersten polnischen Atomkraftwerkes soll 2016 beginnen, bis 2030 sind insgesamt zwei AKW mit einer Gesamtleistung von 6000 Megawatt geplant. Am Bau der Kraftwerke beteiligen wollen sich auch Estland, Lettland und Litauen, die seit der Schließung eines litauischen Kraftwerks von russischen Ölexporten abhängig sind. Estland denkt sogar über den Bau eines eigenen Kraftwerks nach.

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Südeuropa

Die spanische Spanien Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado hatte nach dem Unfall in Japan vor übereilten Reaktionen gewarnt. "Wir sollten uns bei den Entscheidungen über die Nutzung der Kernenergie nicht von besonderen Vorkommnissen (wie in Japan) leiten lassen", sagte sie. Trotzdem befindet sich das Land, das etwa ein Fünftel des Energieaufkommens mit Atomstrom deckt, im Ausstieg. Zwei Reaktoren wurden bereits abgeschaltet, acht sind noch in Betrieb.

Anders sieht die Lage in Italien aus, wo nach der Katastrophe von Tschernobyl 1987 sämtliche Reaktoren abgeschaltet worden sind. Seit dem ist das südeuropäische Land abhängig von Energie-Importen. Geht es nach den Plänen der ehemaligen Berlusconi-Regierung soll jedoch bereits 2013 der Grundstein für neuen Atomkraftwerke gelegt werden.

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Frankreich

In Frankreich, dessen Strom zu 80 Prozent aus Kernkraftwerken kommt, soll 2016 das AKW Fessenheim an der deutschen Grenze abgeschaltet werden. Bis zum Jahr 2025 soll der Anteil des Atomstroms auf 50 Prozent gesenkt werden. Bis dahin sollen Stresstests und regelmäßige Instandsetzungen die Reaktoren sicher machen.

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Schweden

Schweden dagegen wechselt des Öfteren seine energiepolitische Meinung: 1980 hatten sich die Schweden in einer Volksabstimmung für einen Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2010 ausgesprochen, zwei der zwölf Kraftwerke wurden stillgelegt. Im Land sind jetzt nur noch zehn Kernkraftwerke im Dienst, die rund die Hälfte des Stroms liefern. Ende der Neunziger änderte die Regierung jedoch ihren Kurs und strich das Ausstiegsdatum 2010. Im Jahr 2003 entschied sich Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt für den Ausstieg aus dem Ausstieg. Zumindest ist kein weiterer Ausbau geplant.

Foto: dpa

Tschechien und Bulgarien

Sowohl Tschechien als auch Bulgarien wollen die Zahl ihrer Kraftwerke steigern. In Bulgarien ist derzeit nur ein Kernkraftwerk mit zwei Reaktorblöcken aktiv, vier ältere Reaktoren sind still gelegt worden. Das verbleibende Kraftwerk deckte 2011 rund 33 Prozent der gesamten Stromerzeugung. Auch die zwei tschechischen Kraftwerke decken mit ihren 3.834 Megawatt etwas mehr als Zweidrittel des Energiebedarfs ab. Zwei weitere Reaktoren sind bereits in Planung, für einen dritten gibt es eine Absichtserklärung.

Foto: AP

Vereinigten Staaten von Amerika

Eine noch expansivere Atompolitik betreibt die USA, die massiv auf den Ausbau der Technologie setzt. Derzeit sind dort 104 Reaktoren in Betrieb, einer befindet sich gerade im Bau. Allein für das Jahr 2012 waren im Haushalt Bürgschaften in Höhe von 36 Milliarden Dollar für die amerikanische Atomindustrie eingeplant, um den Bau neuer Kraftwerke zu unterstützen. Bis zum Jahr 2020 sollen acht neue Anlagen gebaut werden und ans Netz gehen.

Neben den USA, Frankreich, Russland und Finnland bauen auch Argentinien, Brasilien, Indien, Pakistan, die Slowakei, Südkorea, Taiwan, die Ukraine und China ihre Kraftwerke aus. Gerade in Indien und China deckt Atomstrom noch einen sehr geringen Teil (zwei bis drei Prozent) des wachsenden Energiebedarfs ab.

Foto: dpa

Südafrika

Selbst Südafrika setzt auf den Ausbau und hat bereits Absichtserklärungen für den Bau von sechs weiteren Reaktoren abgegeben. Das bereits bestehende Kernkraftwerk mit seinen zwei Reaktorblöcken ist seit 1984 in Betrieb und deckt rund fünf Prozent des Energiebedarfs.

Foto: dapd

Niederlande und Belgien

Während sich Belgien, wie auch Deutschland und die Schweiz, gerade im Atomausstieg befindet, haben die Niederlande eine Absichtserklärungen für den Bau neuer Reaktoren erteilt. Allerdings sind konkrete Baupläne für einen zweiten Block am Standort Borssele aus wirtschaftlichen Gründen vorerst zurückgestellt worden. Derzeit liefert ein aktiver Reaktor mit einer Leistung von 515 Megawatt rund vier Prozent des Stroms der westlichen Nachbarn.

In Belgien sind derzeit noch zwei Kernkraftwerke mit sieben Reaktorblöcken am Netz., die 54 Prozent des Stroms liefern.

Foto: dpa

Iran und Armenien

Der Iran ist in Sachen Atomenergie noch grün hinter den Ohren: Das Kernkraftwerk Buschehr ging erst im September 2011 ans Netz, der kommerzielle Betrieb begann Ende Juli 2012. Zwei weitere Kraftwerke sollen noch hinzukommen. Im benachbarten Armenien dagegen sichert die Energie des bestehenden Kernkraftwerks Mezamor 42 Prozent des Stroms.

Foto: dpa

Kanada

In Kanada liefern fünf Kernkraftwerke mit 18 Reaktorblöcken insgesamt 13,4 Gigawatt pro Jahr. Das reicht, um 16 Prozent des Energiehungers der Kanadier zu stillen. Drei weitere Kraftwerke sollen noch gebaut werden, um die Stromversorgung zu gewährleisten. Bis 2011 sind zwei Kernkraftwerke mit sieben Reaktorblöcken stillgelegt worden.

Foto: REUTERS

Mexiko

Auch Mexiko wünscht sich mehr günstigen Strom, die Regierung verkündete bereits die Absicht, zwei neue Reaktoren bauen zu wollen. Bisher sorgt nur ein Kernkraftwerk mit zwei Reaktorblöcken für jährlich rund 1,36 Gigawatt - das entspricht einem Anteil von knapp vier Prozent der Energieproduktion.

Foto: dapd

Trotzdem fragt man sich, wie Sie sicherstellen, dass etwas Ähnliches nicht wieder passiert, wenn zum Beispiel ein Finanzinvestor Urenco übernimmt.
Die Urananreicherung ist eine komplexe Technologie, die nicht spontan entwickelt werden kann. Ihre Prinzipien sind zwar weltweit bekannt. Jeder weiß, wie eine Zentrifuge funktioniert, die den Anteil des radioaktiven Urans am natürlichen anreichert. Doch wenn Sie die Technologie zur kommerziellen Reife zu bringen wollen, kostet das erhebliche finanzielle Mittel und viel Zeit...

... was die Weitergabe der Technologie zum Bau der Atombombe aber grundsätzlich nicht verhindert.
Die Sorge ist unbegründet, denn die Verträge von Almelo machen klar, dass diese Technologie nur mit Regierungsgenehmigung anderen zur Verfügung gestellt werden kann.

Nach dem Atomausstieg gibt es in Deutschland die Forderung, das es hier auch keine Uran-Anreicherung mehr geben soll. Was bedeutet das für Urenco?
Deutschland hat beschlossen, auf die Kernenergie zur Produktion von Strom zu verzichten, aber nicht, aus der Kernenergie auszusteigen. Wir betreiben in Deutschland weiter nukleare Grundlagenforschung und nukleare Entwicklung für medizinische Zwecke. Und wir produzieren weiter Komponenten für die Nutzung der Kernenergie außerhalb Deutschlands. So bauen wir Brennelemente in Lingen im Emsland oder reichern Uran im westfälischen Gronau an.

Wie lange werden Sie ihre Anlage in Gronau noch nutzen können, obwohl Deutschland sich von der Atomenergie verabschiedet?
Gronau ist Anfang 2009 noch mit einer Genehmigung durch eine rot-grüne Bundesregierung und eine rot-grüne Landesregierung ausgebaut worden. Wir werden diese Kapazitäten nutzen, so lange sie uns zur Verfügung stehen. Ich sehe keine rechtliche Grundlage, auf der Gronau gestoppt werden könnte.

Aktuell auf Kritik stößt Ihre neue Lagerhalle für 60.000 Tonnen angereichertes Uran in Gronau. Bleibt es bei der für 2015 geplanten Inbetriebnahme?
Das Lager ist genehmigt, gebaut und hat keinerlei Probleme. Einige interessierte Parteien wollen das aus politischen Gründen zu einem nuklearen Endlager hochstilisieren, aber das ist völlig überzogen. Hier lagern wir jedoch nur Tri-Uran-Oktoxid, das sogenannte U308. Das ist eine Uranverbindung, die man auch in der Natur findet...

... die trotzdem gesundheitsschädlich ist.
Wir haben ihr einen erheblichen Anteil ihrer radioaktiven Komponenten entzogen, bevor wir sie lagern.

Frankreich will den Anteil des Atomstroms reduzieren, Deutschland ist ausgestiegen, in Japan gibt es Streit um die Wiederanschaltung der Meiler. Wie zukunftssicher ist das Geschäft von Urenco angesichts dessen überhaupt noch?
Dass nach dem Unfall von Fukushima immer noch viele japanische Reaktoren nicht in Betrieb sind, ist nicht geschäftsfördernd für Urenco. Unser Schicksal steht und fällt mit der internationalen Nutzung der Kernenergie. Wie das Beispiel Deutschland zeigt, gibt es politische Bedenken. Doch die Prognosen gehen davon aus, dass die Kernenergie weiter stark wächst. Weltweit werden heute mehr als 30 Reaktoren gebaut.

Wo rechnen Sie sich die besten Chancen aus?
Überall wo Kernkraftwerke gebaut werden: etwa in China. Die Ukraine, die bisher ihren Brennstoff fast ausschließlich aus Russland bezog, hat sich jetzt hilfesuchend an westliche Lieferanten gewandt. Hier tun sich neue Möglichkeiten auf.

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