Wirtschaftskriminalität: Die Jäger der Wirtschaftsbosse
Josef Ackermann, November 2006
ehemals Vorstandschef Deutsche Bank
Der Fall: Bei der Mannesmann-Übernahme 2000 durch Vodafone segnete der Aufsichtsrat 60 Millionen Mark Extra-Prämien und Abfindungen für Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser und weitere Manager ab.
Die Folgen: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf erhob Anklage wegen schwerer Untreue beziehungsweise Beihilfe dazu. Nachdem der BGH die erstinstanzlichen Freisprüche kassiert hatte, stellte das Landgericht Düsseldorf 2006 gegen Geldauflagen die Verfahren ein. Ackermann zahlte 3,2 Millionen Euro, Esser 1,5 Millionen, Ex-Aufsichtsratschef Joachim Funk eine Million und Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel 60.000 Euro.
Foto: dpaKlaus Zumwinkel, Januar 2009
Ex-Vorstandschef Deutsche Post
Der Fall: Steuerhinterziehung in Höhe von einer Million Euro.
Die Folgen: Gegen Hinterlegung von vier Millionen Euro entging Zumwinkel der U-Haft. Das Landgericht Bochum verurteilte ihn 2009 zu zwei Jahren auf Bewährung und zu einer Geldauflage von einer Million Euro.
Foto: dpaHeinrich von Pierer, März 2010
Ehemals Siemens-Vorstandschef
Der Fall: Siemens hatte von 1999 bis 2006 rund 1,3 Milliarden Euro Schmiergeld für Auslandsgeschäfte gezahlt und heimlich die Betriebsräteorganisation AUB finanziert.
Die Folgen: Von Pierer zahlte 2010 ohne Schuldeingeständnis 250.000 Euro Geldauflage, weil er laut Staatsanwaltschaft München seine Aufsichtspflicht fahrlässig verletzt hatte. Andere Manager erhielten Bewährungsstrafen, zahlten Millionenbußgelder und saßen in U-Haft – Ex-AUB-Chef Wilhelm Schelky zwei Jahre und vier Monate.
Foto: dapdStefan Ortseifen, Januar 2010
Ehemaliger Vorstandschef der IKB-Bank
Der Fall: Die Bank machte mit US-Subprime- Papieren desaströse Verluste.Ortseifen hatte behauptet, sie sei kaum betroffen.
Die Folgen: Das Landgericht Düsseldorf verurteilte Ortseifen 2010 wegen vorsätzlicher Marktmanipulation zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und zu 100.000 Euro Geldbuße.
Foto: dpaJohann-Friedrich Haun (mitte), Dezember 2011 (Archivbild)
Ehemals Vorstand bei Ferrostaal
Der Fall: Ferrostaal hatte bei U-Boot-Deals im Ausland mit rund 62 Millionen Euro geschmiert.
Die Folgen: Rüstungsmanager Haun saß mehrere Monate in U-Haft. Im Dezember 2011 verurteilte das Landgericht München ihn wegen Bestechung zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung und zu Geldauflagen. Ferrostaal zahlte 140 Millionen Euro Geldbuße. Gegen Ex-Vorstandschef Matthias Mitscherlich, der die Vorwürfe zurückweist, laufen Ermittlungen.
Foto: dpaGerhard Gribkowsky, Juni 2012
Ehemals Risikovorstand der BayernLB
Der Fall: Als die BayernLB 2005 ihre Formel-1-Anteile für 840 Millionen Dollar an den von Bernie Ecclestone präferierten Investmentfond CVC Capital Partners verkaufte, kassierte Gribkowsky verdeckt 44 Millionen Euro.
Die Folgen: Wegen Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung verurteilte das Landgericht München Gribkowsky im Juni zu achteinhalb Jahren Haft. Sein Vermögen von geschätzt 25 Millionen Euro wird als Schadensersatz verwertet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Ecclestone, der die Vorwürfe bestreitet, wegen Bestechung. Von ihm fordert die BayernLB gut 300 Millionen Euro, weil sie laut Gribkowsky für die Formel-1-Anteile deutlich mehr hätte erlösen können.
Foto: REUTERSAnton Weinmann, September 2012
Ehemals Vorstandschef MAN-Nutzfahrzeuge
Der Fall: MAN zahlte von 2002 bis 2009 im Vertrieb Millionenschmiergelder.
Die Folgen: Zehn Monate Haft auf Bewährung und 100.000 Euro Geldauflage für Weinmann. Gegen Ex-MAN-Chef Håkan Samuelsson und Ex-Finanzchef Karlheinz Hornung, die eine Schuld bestreiten, wird wegen Beihilfe zur Bestechung ermittelt.
Foto: dpaWenn Modezar Albert Eickhoff in seiner Wirtschaftswunder-Villa im Düsseldorfer Nobelvorort Meerbusch Gäste empfängt, haben die in der Regel Glamour: Schauspielerin Iris Berben etwa oder Moderatorin Sabine Christiansen. Die fünf Herren und eine Dame hingegen, denen der Luxusmodehändler am vergangenen Montag um halb neun im Bademantel die Tür öffnete, trugen Stangenware und wollten nicht plaudern. Die Crew der Staatsanwaltschaft Bochum klingelte, um den verschwiegenen Zinserträgen der Stiftung Buschbad nachzuspüren, die der 76-Jährige vor 35 Jahren bei der Schweizer Bank UBS eingerichtet hatte. Von Eickhoffs dunklem Geheimnis wussten die Fahnder durch eine der drei CDs mit Informationen über rund 500 diskrete UBS-Konten von Deutschen, die NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) Mitte des Jahres angekauft hatte.
Wieder mal ein Unternehmer im Visier von Ermittlungen. Durchsuchungen, Anklagen, Urteile gegen einst unantastbar erscheinende Manager sind heute an der Tagesordnung. Allein in diesem Jahr kassierte Ex-BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky achteinhalb Jahre Haft, der frühere Telekom-Sicherheitsmanager Klaus Trzeschan dreieinhalb Jahre und der ehemalige MAN-Konzernvorstand Anton Weinmann zehn Monate auf Bewährung. Ermittlungen laufen gegen Dutzende Firmenlenker, darunter Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, Ex-Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking und der frühere MAN-Chef Hakan Samuelsson. Die Manager bestreiten sämtliche Vorwürfe.
Deutschlands Staatsanwälte verfolgen Wirtschaftsverbrechen also immer gnadenloser? Der schöne Schein der Zeitungsfotos von Razzien bei den Reichen und Mächtigen trügt. Zwar bringen einige unerschrockene Großwildjäger Bosse vor Gericht und demonstrieren so Handlungsfähigkeit. Das sei aber „kaum mehr als eine Show“, sagt ein hessischer Staatsanwalt im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Die solle mögliche Straftäter abschrecken, täusche aber darüber hinweg, wie ramponiert das Rechtssystem tatsächlich sei.
Burn-Out des Rechtssystems
Personaleinsparungen und Überlastung durch immer mehr und komplexere Fälle lähmen bundesweit die Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten. Allein zwischen 2008 und 2010 stieg die Zahl der registrierten Wirtschaftsverbrechen von 84.550 auf 102.813, die Schäden kletterten von 3,4 auf 4,7 Milliarden Euro. Zugleich wurde das Personal in den Staatsanwaltschaften reduziert. Bohren engagierte Staatsanwälte trotzdem dicke Bretter, sind die Ressourcen schnell verbraucht. Dann liegen andere Fälle bis zur Verjährung oder werden vorschnell eingestellt.
Und schon rollt im Nachgang der Finanzkrise eine neue Klagewelle auf die Justiz zu, die sie überfordern wird.
Übersicht zur Prozesswelle nach der Finanzkrise (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheBundesweit habe sich die Zahl der Verfahren infolge der Finanzkrise „vervielfacht,“ sagt Anwalt Wolf Bussian von der Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells in Frankfurt. Um die Flut von Verfahren zu bewältigen, müssten, so ergeben interne Berechnungen der Länder, allein in Nordrhein-Westfalen rund 700 Richter und Staatsanwälte eingestellt werden, in Bayern 400.
Nähmen die Justizminister der Länder den in ihrem Auftrag entwickelten Personalschlüssel ernst, müssten sie bundesweit rund 3000 zusätzliche Staatsanwalts- und Richterstellen schaffen, sagt der Freiburger Oberstaatsanwalt und Vorsitzende des Deutschen Richterbundes Christoph Frank. Die dritte Gewalt könne mit der heutigen Ausstattung den Anspruch der Bürger auf schnelle und ausgewogene Urteile nicht mehr erfüllen, wenn „sie weiter ausgezehrt wird“. Vom „Risiko für den Rechtsstaat“ spricht Frank und von „beträchtlichen gesellschaftspolitischen Folgeschäden“.
Auch andere Staatsanwälte geben ihre beamtenhafte Zurückhaltung auf und warnen vor dem Burn-out des Rechtssystems. „Der Mangel an qualifiziertem Personal hat uns an den Rand des Ruins gebracht“, schlägt der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Hans Richter Alarm, dessen 42-köpfiges Team zu den angesehensten Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität gehört. Auf jeden der Stuttgarter Strafverfolger kämen durchschnittlich über 40 Verfahren. Gleichzeitig träfen „fast jeden Tag neue Anzeigen infolge der Finanzkrise ein“. Sollten in Stuttgart, wie vom baden-württembergischen Justizministerium geplant, Stellen gestrichen werden, drohe „eine Katastrophe“.
Hans-Jürgen Karge, der bis 2006 als Generalstaatsanwalt von Berlin 350 Staatsanwälten vorstand, prophezeit angesichts der Masse an Fällen, die die Fahnder nicht adäquat oder gar nicht anpacken, gar den Justiz-GAU: „Wir müssen eingestehen, dass wir Wirtschaftskriminalität nicht wirksam bekämpfen können. Die Justiz hat in den vergangenen Jahrzehnten vieles versucht, ist aber letztlich gescheitert.“
Die Folgen treffen viele Beteiligte. Geschädigte Bürger und Unternehmen müssen fürchten, nicht zu ihrem Recht zu kommen. Unschuldige Manager, gegen die ermittelt wird, warten oft jahrelang auf eine Klärung der Vorwürfe – da sind Ruf und Karriere meist schon ruiniert. Und mancher Übeltäter in Nadelstreifen kommt durch einen Deal mit Staatsanwälten und Richtern glimpflich davon, während die Justiz die Vergehen einfacher Gesetzesbrecher bis zum Ende verfolgt. Das birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Auch die Wirtschaft ist auf eine funktionierende Strafverfolgung angewiesen.
Übersicht zur Höhe der Schäden durch Wirtschaftskriminalität (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheTadellos ist der Ruf des deutschen Rechtssystems nicht mehr, es gerät international unter Beschuss. So fordern die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die OECD und ein G20-Gipfel 2010 in Seoul von Deutschland, endlich Hinweisgeber (Whistleblower) besser zu schützen. Die Vereinten Nationen mahnen zudem eine bessere Korruptionsbekämpfung an.
Kritik aus dem Ausland und immer offensichtlichere Missstände haben jetzt die Politik auf den Plan gerufen. Die Justizminister der Länder fordern von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), mit einem Bündel von Maßnahmen Wirtschaftskriminalität wirksamer zu bekämpfen und Staatsanwälten neue Instrumente an die Hand zu geben.
So sollen Whistleblower rechtlich besser geschützt und so ermutigt werden, Straftaten anzuzeigen. Auch soll es künftig möglich sein, nicht nur Personen, sondern auch Unternehmen wegen Straftaten vor Gericht zu zerren. Einen entsprechenden Vorstoß des Landes Nordrhein-Westfalen gab es vergangene Woche in der Justizministerkonferenz in Berlin.
Bei Ordnungswidrigkeiten ist es jetzt schon möglich, Unternehmen mit Bußgeldern zu belegen. Diese Bußgelder will die Bundesregierung zur Abschreckung von bisher maximal einer auf zehn Millionen Euro erhöhen. Das Gesetz wurde am 18. Oktober vom Bundestag verabschiedet.
Auf dem Prüfstand
Zugleich steht die grassierende Deal-Praxis beim Bundesverfassungsgericht auf dem Prüfstand. Ein Gutachten, das die Karlsruher Richter dazu bei der Universität Düsseldorf in Auftrag gaben, fiel wenig schmeichelhaft für die Damen und Herren in den schwarzen Roben aus: Die Hälfte aller Deals könnte illegal sein. Ex-Staatsanwalt Karge verwundert das nicht. „Deals“, sagt er, „sind einfach eine Kapitulation vor der Komplexität der wirtschaftlichen Materie. Der Staatsanwalt steigt nicht durch, bekommt aber trotzdem ein Urteil. Das lautet dann meist: zwei Jahre auf Bewährung.“
Die Staatsanwaltschaft München hat Anklage gegen den Geschäftsführer der Formel-1-Holding SLEC Bernhard "Bernie" Ecclestone, erhoben. Der Prozess könnte im Herbst beginnen. Ecclestone soll den ehemaligen BayernLB Gerhard Gribkowsky mit mehr als 33 Millionen Euro geschmiert haben. Eine Verurteilung könnte das Ende seiner Karriere bedeuten. Ecclestone selbst ist der Ansicht, dass er nur eine Haftstrafe das Aus für ihn bedeuten würde. Dann müsse er wohl zwangsläufig abdanken. Gegen Gribkowsky...
Foto: dapd.... ist bereits ein Urteil ergangen. Der ehemalige BayernLB-Manager wurde zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte 44 Millionen Dollar Bestechungsgeld von Formel-1-Inhaber Bernie Ecclestone kassiert und nicht versteuert. Gribkowsky wollte zunächst nichts sagen, doch dann legte er nach acht Monaten Schweigen ein umfassendes Geständnis vor dem Landgericht München ab. Mittlerweile hat er aus dem Gefängnis heraus sein Vermögen freigegeben. Die BayernLB sammelt die Millionen ein und wird somit für den von Gribkowsky verursachten Schaden entschädigt. Es geht um 30 Millionen Euro: Immobilien, Uhren und 900 Flaschen Wein miteingerechnet. Gribkowsky erhofft sich dadurch eine kürzere Haftdauer.
Foto: dapdStaatsanwaltschaft gegen Holger Härter (Porsche)
Urteil: Härter muss einen Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 3500 Euro bezahlen. Richter Roderich sagte, Härter habe bei Kreditverhandlungen mit der französischen Bank BNP Paribas 2009 unvollständige und unrichtige Angaben gemacht. Bei den Verhandlungen ging es um einen 500-Millionen-Euro-Kredit. Zu der Zeit versuchte der Sportwagenbauer den ungleich größeren Volkswagen-Konzern zu schlucken.
Mit der Strafe blieb das Gericht hinter dem von den Strafverfolgern geforderten Strafmaß zurück. Die Staatsanwälte hatte ein Haftstrafe von mindestens einem Jahr gefordert,, die bei einer Bewährungsauflage von einer Million Euro zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe hätte ausgesetzt werden können. Kreditbetrug kann mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden.
Piech und Porsche im Visier
Die juristischen Nachwehen des Machtkampfes zwischen Porsche und VW treffen nun auch die Spitzen des bekanntesten deutschen Autoclans: Die Staatsanwälte in Stuttgart haben neuerdings Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche (beide Foto) im Visier. Die Ermittlungen erfassen den kompletten früheren Aufsichtsrat der Porsche-Dachgesellschaft PSE. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen alle Mitglieder des Gremiums, die zur heißen Phase des Machtkampfes 2008/2009 als Kontrolleure der PSE beteiligt waren. Grund sei der Verdacht auf Beihilfe zur Marktmanipulation, mit der Anleger womöglich getäuscht worden seien.
Laut Geschäftsbericht mit Stand Ende Juli 2008 gehörten damals außerdem Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück dazu sowie Hans Baur, Ulrich Lehner, Wolfgang Leimgruber, Hans Michel Piëch, Ferdinand Oliver Porsche, Hans-Peter Porsche, Hansjörg Schmierer, Walter Uhl und Werner Weresch. Zudem nimmt die Behörde einen weiteren damaligen Porsche-Manager ins Visier: Auch gegen den Ex-Unternehmenssprecher Anton Hunger wird wegen desselben Verdachts ermittelt.
Hintergrund ist der spektakulär gescheiterte Versuch von Porsche, die Macht beim wesentlich größeren VW-Konzern zu übernehmen. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass damals Anleger und Finanzwelt gezielt hinters Licht geführt wurden, als 2008/2009 die heiße Phase der Übernahmeschlacht tobte. In diesem Zusammenhang läuft auch eine Klage gegen den früheren Porsche-Chef Wendelin Wiedeking...
Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Wendelin Wiedeking, Porsche
Vorwurf: Verdacht auf Manipulation des Aktienmarktes
Fast drei Jahre ermittelte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen den einstigen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und den früheren Finanzvorstand des Autobauers, Holger Härter. Im Dezember 2012 erhoben die Staatsanwälte schließlich Klage gegen Wiedeking. Der Vorwurf: Informationsgestützte Markmanipulation. Er habe die Börse im Verlauf der Übernahmeschlacht nicht korrekt über seine Pläne und den aktuellen Stand der Ding informiert. Der Vorwurf der Veruntreuung wurde allerdings fallen gelassen. Wiedeking und Härter hatten sich mit gewagten Aktienoptionsmodellen verspekuliert, was den Sportwagenbauer Milliarden gekostet hat. Allerdings soll die Situation nicht existenzgefährdend gewesen sein, daher wurde von der Anklage in diesem Punkt abgesehen. Das Landgericht Stuttgart muss nun in den nächsten Monaten entscheiden, ob es die Klage zulässt.
Foto: dpaStaatsanwaltschaft gegen Michael Rook (Media Markt)
Instanz: Landgericht Augsburg
Anklage: Bestechung und Bestechlichkeit - Annahme von Schmiergeld.
Ein anderer Angeklagter hat Ende Juni den Empfang von Schmiergeld gestanden und den Ex-Deutschland-Geschäftsführer der Elektronikmarktkette Media Markt, Michael Rook, wegen der Annahme von Schmiergeld mitbeschuldigt. Er und weitere Ex-Top-Manager von Media Markt hatten Schmiergelder für die Vergabe von DSL-Anschlüssen erhalten. Dadurch seien der Wettbewerb ausgehebelt und die Konkurrenten beschädigt worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind mehr als vier Millionen Euro geflossen. Der Ex-Deutschland-Chef von Media Markt soll in 182 Fällen bestochen worden sein.
Aktueller Stand: Die Staatsanwaltschaft glaubt den Beteuerungen Rooks nicht und beantragt eine Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Für den Ex-Regionalmanager beantragte der Staatsanwalt vier Jahre und sechs Monate Gefängnis. (November 2012)
Foto: dpa
Leo Kirch gegen die Deutsche Bank
Vorwurf: Kirch und seine Familie werfen der Deutschen Bank vor, dass der ehemalige Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer mit einem Interview am 4. Februar 2002 im Nachrichtensender Bloomberg den Zusammenbruch der Kirch-Gruppe mitverursacht hat.
Dauer/Instanz: Kirch reichte 2002 die erste Klage ein. Im Dezember 2012 fällt das Oberlandesgericht München das Urteil.
Urteil: Der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht München Guido Kotschy verurteilte die Deutsche Bank auf Schadenersatz. Die Höhe ließ er offen. Die Summe solle von zwei Gutachtern bestimmt werden. Die Kirch-Seite hatte die Bank in diesem Verfahren auf mehr als zwei Milliarden Euro verklagt. Eine Revision gegen das Urteil ist nicht zugelassen. Die Aussagen Breuers in dem umstrittenen Interview seien kein Unfall gewesen, so Kotschy.
Foto: dpaMerckle-Gruppe gegen Porsche
Das Merckle-Unternehmen HWO hat im Oktober 2012 beim Landgericht Braunschweig Klage gegen Porsche eingereicht. Hintergrund der Klage sind Aktiengeschäfte von Adolf Merckle, Gründer von Ratiopharm und Vater des jetzigen Clanchefs Ludwig Merckle. Adolf Merckle, der sich 2009 das Leben nahm, hatte 2008 auf sinkende VW-Kurse gewettet, tatsächlich stieg der Kurs jedoch sprunghaft an – möglicherweise wegen Manipulationen durch Porsche. So verlor Merckle einen dreistelligen Millionenbetrag. Die Schadenssumme der Klage beläuft sich auf 200 Millionen Euro.
In Braunschweig sind mehrere Schadenersatzklagen in Gesamthöhe von rund vier Milliarden Euro gegen Porsche anhängig. Zwei kleinere Klagen mit Forderungen von 3,1 und 1,5 Millionen Euro wies das Landgericht im September ab.
Foto: dpaStaatsanwaltschaft gegen Anton Schlecker
Vorwurf: Bankrott, Untreue und Insolvenzverschleppung.
Nach der Pleite folgte die Razzia: Im Juli 2012 leitete die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren gegen Anton Schlecker ein. 18 Wohnungen und vier Geschäftsräume wurden durchsucht. Schlecker soll unter anderem vor der Insolvenz Teile seines Vermögens in Sicherheit gebracht haben.
Aktueller Stand: Die Ermittlungen laufen noch.
Staatsanwaltschaft gegen Klaus Tzerschan (Telekom)
Instanz: Revision vor dem Bundesgerichtshof
Vorwurf: Verletzung des Fernmeldegeheimnisses und Untreue. Im Jahr 2005 hatte die Telekom mehrere Journalisten und Aufsichtsräte ausgespäht. Auch Redakteure der WirtschaftsWoche gehörten dazu. Der ehemalige Sicherheitschef der Telekom, Klaus Trzeschan, hatte gegen ein Urteil des Landgerichts Bonn eingelegt.
Aktueller Stand: Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen Trzeschan bestätigt. Damit ist die Bespitzelungsaffäre bei der Deutschen Telekom strafrechtlich abgeschlossen. Doch längst nicht alle Fragen sind damit beantwortet.
Urteil: Trzeschan wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Metro gegen Erich Kellerhals
Der Gründer der Elektronikkette Mediamarkt und Saturn, Erich Kellerhals, gibt nicht klein bei. Zuletzt hatte das Oberlandesgericht (OLG) München zugunsten des Mehrheitseigner Metro geurteilt. Der Disput: Metro wollte mittels der Einsetzung eines Beirats die Entscheidung mit einfacher Mehrheit treffen. Dagegen klagte Kellerhals, der lediglich 22 Prozent an seinen gegründeten Marktketten hält. Er wollte die wichtigen Entscheidungen im Gesellschafterversammlung getroffen sehen. Dort darf nur mit 80 Prozent der Stimmen entschieden werden.
Kellerhals wollte die jüngste Entscheidung des OLG nicht anerkennen.
Foto: dpaDas war auch das Strafmaß etwa im Fall des Ex-Postchefs und rechtskräftig verurteilten Steuerhinterziehers Klaus Zumwinkel oder des früheren Ferrostaal-Rüstungsmanagers und Schmiergeldzahlers Johann-Friedrich Haun, die mit ihren Deals längere Verfahren mit ungewissem Ausgang abwenden konnten.
Die Komplexität, die für immer mehr Deals sorgt, sei aber nicht bloß Schicksal, sondern kalte Strategie von Wirtschaftsanwälten, sagt der Aktienrechtler Oliver Maaß von der Münchner Kanzlei Heisse Kursawe Eversheds: „Wenn es um Wirtschaftsstrafrecht, etwa größere Betrugs- und Untreuefälle geht, ist es kein Problem, die Fälle so komplex zu machen, dass der Staatsanwalt aufgibt und gegen geringe Auflagen das Verfahren einstellt.“
Bereits 2006 hagelte es Kritik, als der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und andere frühere Mannesmann-Aufsichtsräte sich so aus den Verfahren wegen unberechtigter Megaabfindungen ans frühere Mannesmann-Management herauskaufen konnten. Jetzt brach erneut ein Entrüstungssturm über die Praxis der Deals los, als sich das Landgericht München im September mit Ex-MAN-Vorstand Weinmann auf zehn Monate und 100.000 Euro Geldauflage einigte.
Doch was, wenn die Verfassungsrichter strikte Grenzen ziehen? Ohne Deals müssten die Staatsanwaltschaften statt der juristischen Abkürzung trotz überstrapazierter Kapazitäten häufiger den langen Verfahrensweg gehen – oder eingestehen, dass sie mit einem Verdacht auf dem Holzweg sind.
Genau diese Größe haben professionelle Ermittler nicht immer. Manchmal verbeißen sie sich so in das Ziel, einen Schuldigen zur Strecke zu bringen, dass ihnen der Blick für dessen Unschuld schlicht fehlt – und vergeuden dabei knappe Kapazitäten.
Übersicht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2011 (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)
Foto: WirtschaftsWoche
Gegen HSH-Nordbank-Vorstandsvorsitzende Dirk Jens Nonnenmacher wurde im Fall "Omega" dieses Jahr Anklage erhoben - Ob sie zugelassen wird, steht noch nicht fest
Foto: dpa
Einen Fall von Ermittlungs-Overkill erlebte Harald Friedrich. Ob der 60-Jährige, der heute freiberuflicher Umwelt-Gutachter ist, Opfer einer politischen Intrige war oder im Wuppertaler Oberstaatsanwalt Ralf Meyer bloß den falschen Gegner hatte, wird wohl nie geklärt werden. Jedenfalls war Friedrich vor sechs Jahren noch grüner Abteilungsleiter im damals christdemokratisch geführten NRW-Umweltministerium. Im Gegensatz zu seinem Minister Eckhard Uhlenberg forderte er wegen der Wasserbelastung mit der Chemikalie PFT eine Nachrüstung der Wasserwerke an der Ruhr. Dann kosteten ihn 2006 plötzlich massive Vorwürfe den Job. Wegen Korruption, Betrug und Untreue wurde gegen Friedrich ermittelt. Angeblicher Schaden für das Land: 4,3 Millionen Euro.
Staatsanwalt Meyer ließ 275 Polizeibeamte 45 Wohnungen in drei Bundesländern durchsuchen, mehr als 1.000 Telefongespräche abhören und steckte Friedrich 22 Tage in Untersuchungshaft. Sämtliche Vorwürfe mussten auf Weisung der Staatsanwaltschaft eingestellt werden. Doch Meyer suchte immer neue Angriffspunkte. Nach gut drei Jahren Ermittlungsqual ging es noch um 40 keineswegs teure Arbeitsessen – unter anderem Salatteller und Currywurst –, zu denen sich Friedrich hatte einladen lassen. Gegen 700 Euro Geldauflage wurden die Ermittlungen eingestellt – Friedrich zahlte, „auch wenn diese Geldbuße nur dazu dient, dass Staatsanwalt Meyer sein Gesicht wahren kann“.
Der Düsseldorfer Generalstaatsanwalt Gregor Steinforth, der mehrfach versucht hatte, die Wuppertaler zu stoppen, weil er unter anderem „Sensibilität und Fingerspitzengefühl“ vermisste, erklärte in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss das Vorgehen seines Kollegen mit einem „Tunnelblick“. Das Phänomen kenne er selbst aus seiner Zeit in der großen Wirtschaftsabteilung, sagte Steinforth: „Da bearbeitet man ein einziges Ermittlungsverfahren nicht nur über Monate, sondern über Jahre hinweg.“ Und dabei komme es halt „gelegentlich vor – und das dürfen Sie niemandem verübeln und auch niemandem zum Vorwurf machen –, dass man den Tunnelblick bekommt“.
Langsam: Der Fall Winkelmann
Ob es daran auch im Fall von Michael Winkelmann lag? Dessen Justiz-Martyrium dauerte von 2004 bis 2010.
2002 geriet die Frankfurter Sparkasse (Fraspa) in Schwierigkeiten, weil sie faule Kredite in den Büchern hatte. Winkelmann, seit vier Jahren Firmenkunden-Vorstand, gab 2004 seinen Posten auf, als der Verwaltungsrat ihm signalisierte, dass man seinen Vertrag nicht verlängern werde. Kurz darauf wurden Winkelmanns Vorstandskollegen auf Druck der Finanzaufsicht BaFin gefeuert. Im November 2004 erstattete die Behörde Strafanzeige gegen alle ehemaligen Vorstände. Sie sollten der Prüfstelle des Sparkassenverbands Hessen-Thüringen, die die Bilanzen checkt, wichtige Unterlagen vorenthalten haben, um so zu verdecken, dass es um einige Kredite viel schlechter stand als dargestellt.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte, befragte Zeugen. Aber erst eineinhalb Jahre nach der BaFin-Anzeige, im Juni 2006, lag den Ermittlern ein Gutachten vor, das die Beschuldigten entlastete: Die Kreditbewertungen waren vertretbar, der Prüfungsverband hatte alle notwendigen Unterlagen.
So steht es um Deutschlands Staatsanwälte (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheBis dahin wurde die Zeit für Winkelmann und seine Frau Ursula zum Spießrutenlauf. Fragen von Bekannten, verletzende Bemerkungen gegenüber der Tochter, und Winkelmann findet keinen Job: „Solange die Ermittlung lief, wollte mich keiner.“ Denn die Affäre war öffentlich, „Bild“ titelte im Sommer 2005: „Razzia in der Fraspa und den Chef-Villen. Bilanzfälschung, Untreue. Wie schuldig sind diese Ex-Vorstände?“ Winkelmanns Foto am rechten Zeitungsrand maß 9,5 Zentimeter.
Wiederum ein Jahr nach Vorlage des Gutachtens dauerte es, bis die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellte – und ein weiteres folgte, diesmal wegen des Verdachts der Untreue. Die Staatsanwaltschaft nahm sieben Kreditengagements unter die Lupe. Winkelmann sollte unter anderem den Kredit für eine Einkaufspromenade nicht wie vom Vorstand beschlossen gekündigt haben. Im September 2007 wurde ein Gutachter beauftragt. Der sollte klären, ob Winkelmann der Sparkasse vorsätzlich geschadet hatte. Der Gutachter wartete fünf Monate auf Kreditunterlagen der Sparkasse. Seine Ergebnisse, die Winkelmann schließlich entlasteten, trudelten dann nach und nach ein. Der Angeklagte hatte das Recht, zu jedem Teilergebnis eine Stellungnahme abzugeben. Es wurden Zeugen gehört. Bis das Verfahren im Februar 2010 eingestellt wurde, vergingen zwei Jahre.
Fünf Staatsanwälte waren im Laufe der Jahre mit beiden Fällen befasst. Zwei Staatsanwältinnen gingen in Mutterschutz, ein Kollege wurde befördert – und die Neuen mussten sich erst einarbeiten. Allein die Gutachten haben die hessischen Steuerzahler 450.000 Euro gekostet. Als das Ganze 2010 ein Ende hat, ist Winkelmann juristisch rehabilitiert, aber 57 Jahre und damit „zu alt, um noch mal eine Anstellung zu bekommen“. Eine Vorstandspension wird er nicht erhalten, dafür war seine Amtszeit zu kurz. Der Banker schlägt sich nun als Berater durch.
1975
Der 1944 geborene Anton Schlecker, Sohn eines Fleischwarenfabrikanten, eröffnet in Kirchheim unter Teck seinen ersten Drogeriemarkt. Schleckers Strategie: Er eröffnet die Läden an
strukturell wenig attraktiven Standorten in Wohngebieten. Die Filialen sind klein und spartanisch ausgestattet. Schlecker handelt mit Lieferanten beste Konditionen und lange Zahlungsziele aus, um so die Expansion zu finanzieren. Und seine Kette expandiert schnell: Schon zwei Jahre später zählt Schlecker mehr als 100 Filialen, 1984 gibt es bereits 100 Drogeriemärkte.
1987
Die Kinder der Schleckers, Lars (r.) und Meike (nicht im Bild) werden am 22. Dezember entführt. Ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen D-Mark herunter, die Summe, über die er versichert ist. Kurz vor Heiligabend können sich die Kinder selbst befreien. Die Täter werden 1998 gefasst.
Foto: dpa Picture-Alliance1987-1998
Im Jahr 1987 eröffnet Schlecker die ersten Filialen im Ausland. Er expandiert wie im Rausch: 1995 kommt Schlecker bereits auf 5800 Filialen und beschäftigt rund 25.000 Mitarbeiter.
Doch Schleckers Image als Arbeitgeber leidet: 1994 wird der Familie vorgeworfen, Scheinarbeitsverhältnisse zu betreiben und unter Tarif zu bezahlen. Auch die Gründung von Betriebsräten soll systematisch blockiert worden sein. 1998 werden Anton Schlecker und seine Ehefrau Christa zu jeweils zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Grund: Das Amtsgericht Stuttgart sieht es als erwiesen an, dass das Ehepaar seinen Mitarbeitern tarifliche Bezahlung vortäuschte
Foto: imago images2007 kauft die Drogeriekette den insolventen Konkurrenten Ihr Platz. 700 Standorte kommen auf einmal dazu, Schlecker zählt 14.400 Ableger in 17 Ländern. Ein Höhepunkt.
Foto: dapd2011 holt Anton Schlecker seine beiden Kinder Lars (links) und Meike (rechts) in die Unternehmensführung. Zuvor war die Drogeriekette wieder einmal wegen dem Umgang mit den Mitarbeitern in die Kritik geraten. Laut Medienberichten überwachte Schlecker seine Mitarbeiter, auch der Vorwurf der schlechten Bezahlung wurde erneut erhoben. Viele Medien sehen die neue Familiengeneration an der Spitze als Ablenkungsmanöver.
Foto: dapdMit einer Marketingkampagne wollte das Unternehmen sein angeschlagenes Image 2011 wieder aufpolieren. Doch der Denglisch-Spruch „For you. Vor Ort.“ stößt bei Sprachwächtern auf Kritik. Ein Sprecher des Unternehmens rechtfertigt sich in einem Brief damit, dass die Kunden ein „niedriges Bildungsniveau“ hätten – der Brief gerät an die Öffentlichkeit und löst einen Shitstorm aus.
Gleichzeitig machen sich die Bilanzprobleme immer stärker bemerkbar. Noch im selben Jahr werden 600 Filialen geschlossen, weitere sollen 2012 folgen.
Foto: imago imagesFor You. Vor Ort. Vorbei.
Doch es kommt noch schlimmer: Am 23. Januar 2012 meldet Anton Schlecker Insolvenz an. Da Privat- und Firmenvermögen nicht getrennt sind, ist er auch persönlich pleite. Rund 2400 Läden sollen geschlossen werden. Die Subunternehmen von Schlecker müssen ebenfalls dran glauben: Neben Tankstellen ist das u. a. der Drogeriemarkt Ihr Platz. Alle Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.
Foto: dapdDer Mann, der das Schlecker-Schlachtfeld aufräumen muss, heißt Arndt Geiwitz. Der Insolvenzverwalter muss nicht nur weitere Filialen schließen, er kündigt auch die Entlassung von mehr als 11.700 Mitarbeitern an. Doch nicht nur die geschäftlichen Beziehungen Anton Schleckers gerieten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auch die Frage nach dem Vermögen der Familie erhitzen die Gemüter. Geiwitz nimmt sich auch den Gründer persönlich vor und fechtet unter anderem die Vermögensübertragungen von Anton Schlecker an Familienangehörige an.
Foto: dpaSchnell wird der Ruf nach der Politik laut. Doch die Bundesländer sind gespalten: Während Baden-Württemberg Geld für eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter bereitstellen will, lehnt Niedersachen (im Bild: der damalige FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode) jegliche Hilfen ab. Auch der Bund verweigert eine Beteiligung der Kfw an einer solchen Gesellschaft. Am Ende scheitern die Auffangpläne am Veto der FDP in Bayern. 25.000 Schlecker-Mitarbeiter, größtenteils weiblich, verlieren ihren Job.
Foto: dpaEin Investor kann trotz längerer Suche nicht gefunden werden. Als Grund für die Schlecker-Pleite gelten nicht nur interne Probleme, sondern auch die starke Konkurrenz von Drogeriemärkten in Deutschland. Dazu zählen der Marktführer dm sowie Rossmann und Müller. Sie profitieren von der Insolvenz der Konkurrenz: Rossmann etwa fährt nach den Schlecker-Schließungen ein hohes Umsatzwachstum ein.
Foto: dapdInsgesamt werden durch die Insolvenz Schleckers mehr als 25.000 Menschen arbeitslos. Für den Unternehmensgründer bleibt die Insolvenz auch ein persönlicher Makel: Der Name Schlecker steht heute für eine der größten Unternehmenspleiten in der deutschen Geschichte.
Foto: imago imagesVier Jahre nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker erhebt die Staatsanwaltschaft Stuttgart im April 2016 Anklage gegen den Gründer Anton Schlecker (im Bild), seine Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars.
In ihrer 262-seitigen Anklageschrift werfen die Ermittler Schlecker vor, der ehemalige Milliardär habe angesichts der drohenden Insolvenz seines Konzerns Vermögen beiseite geschafft. Gleich dreizehn dieser „Bankrott“-Straftaten soll Schlecker „in besonders schwerem Fall“ begangen haben. Das Gesetz sieht hierfür jeweils eine Höchststrafe von bis zu zehn Jahren vor. Die Strafverfolger werfen Schlecker zudem vor, er habe falsche Angaben in Bilanzen gemacht und eine Falschaussage an Eides statt abgegeben.
Foto: dapdIm März 2017 beginnt der Prozess vor dem Landgericht in Stuttgart. Im Zentrum des Prozesses steht diese Frage: Wann drohte die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens? War tatsächlich erst Anfang 2012 klar, dass das Unternehmen seine Rechnungen nicht mehr würde bezahlen können? Oder stand das bereits Monate, wenn nicht Jahre früher fest, wie die Staatsanwaltschaft behauptet. Demnach drohte Schlecker nämlich bereits Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit.
Foto: dpaAm 27.11.2017 endet der Strafprozess vor dem Stuttgarter Landgericht. Das Urteil: Während Anton Schlecker mit einer Geld- und Bewährungsstrafe davon kommt, müssen seine Kinder Lars und Meike in Haft. Bei dem 73-Jährigen sehen die Richter nur den Tatbestand des vorsätzlichen Bankrotts erfüllt, bei den Kindern unter anderem Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott. Die Beiden treten ihre Haftstrafe im Sommer 2019 in Berlin an und werden 2021 vorzeitig entlassen.
Foto: imago images
Rene Obermann, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom - 2010 wurde gegen ihn wegen Verdachts der Korruption ermittelt
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Mit dem Aufbau von fast zwei Dutzend Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität und Korruption hat die Justiz in den vergangenen Jahrzehnten versucht, die Strafverfolgung zu verbessern und Verfahren zu beschleunigen. Das System sei im Prinzip gut, meinen Insider, aber es fehle an Staatsanwälten mit Betriebswirtschaftskenntnissen, am Willen der Staatsanwälte, sich über Monate in hoch komplexe internationale Geschäfte einzuarbeiten, und an kompetenten Polizisten, die sie unterstützen.
Bei Ermittlungen wegen Gewaltkriminalität legt die Polizei – wie man es aus dem „Tatort“ kennt – dem Staatsanwalt meist fertige Ermittlungsberichte auf den Tisch. Bei Wirtschaftsstraftaten sei der Staatsanwalt bei der Recherche dagegen oft auf sich gestellt, sagt einer von ihnen: „Wenn ich eine Razzia bei einem Unternehmen mache und 300 Aktenordner beschlagnahme, stellt die Polizei sie mir vor das Büro und wünscht mir viel Glück.“ Deshalb verwundert es nicht, dass die meisten Staatsanwälte nicht in den Wirtschaftsbereich wollen.
Abschreckend dürften für Anwälte mit Wirtschaftskenntnissen auch die Gehälter in der Justiz sein. In großen Wirtschaftskanzleien können sie nach einigen Berufsjahren 150.000 Euro und mehr verdienen, im Staatsdienst gerade mal ein Drittel. Wirtschaftsstaatsanwälte, die große Fälle gewinnen wollen, trifft man oft nachts und am Wochenende in der Behörde an – ohne Mehrgehalt versteht sich. Überstunden sehen die Vergütungstabellen nicht vor.
Bundesweites Vorbild
Für Linderung der Not sollen Wirtschaftsexperten sorgen, die den Staatsanwälten zuarbeiten. Doch dabei handelt es sich häufig um frühere Wirtschaftsprüfer oder Steuerfahnder. „Die können zwar Bilanzen lesen“, sagt Ex-Staatsanwalt Karge, „aber echte Wirtschaftskriminalität können sie nicht aufdecken.“
Besser ist die Lage in Stuttgart, wo fünf Einheiten mit je 20 Wirtschaftsspezialisten der Polizei aufgebaut und den fünf Abteilungen der Wirtschaftsstaatsanwaltschaft zugeordnet wurden. Dieses Modell gilt bundesweit als Vorbild. Verwaltungsirrsinn pur: Im Rahmen einer Neuorganisation der Polizei durch das baden-württembergische Innenministerium droht die Auflösung dieser Polizeieinheiten – und die Staatsanwälte raufen sich die Haare.
Die Steuerfahndungen in Deutschland, sagt Rechtsanwalt Dieter Graefe von der Berliner Kanzlei Wollmann & Partner, seien „viel besser besetzt, weil ihre Betriebsprüfer sichtbar was in die Kasse bringen“. Bei Staatsanwälten, so der 76-Jährige, der bis 1998 selbst zur Fahnder-Zunft gehörte, „ist der Ertrag nicht so zählbar und ihr Kampf um Personal ein Trauerspiel“.
Hat ein Staatsanwalt trotz aller Hürden ermittelt und Anklage erhoben, kann er noch an einem weiteren Nadelöhr scheitern: an überforderten Richtern. „Wenn ich weiß, dass sich beim Gericht die Fälle auf den Fensterbänken stapeln“, sagt ein Staatsanwalt in Nordrhein-Westfalen, „muss ich mir zweimal überlegen, ob Ermittlungen sinnvoll sind. Es hat ja keinen Sinn, dass die Tat verjährt, während die Akte ungeöffnet bei Gericht liegt.“
Und auch wenn wenige Großverfahren ganze Staatsanwaltschaften lahmlegen, bleiben andere Fälle auf der Strecke.
Dass ehemalige Vorstände der HSH Nordbank mit einem riskanten Investitionsgeschäft namens „Omega 55“ 158 Millionen Euro versenkt und sich damit möglicherweise der Untreue im besonders schweren Fall schuldig gemacht haben, hält seit Monaten die Hamburger Justiz in Atem. Die Folgen bekommt jeder in der Hansestadt zu spüren, der mit Wirtschaftsstrafverfahren zu tun hat – als Täter oder als Opfer. Denn Omega ist ein Mammutverfahren. Es soll ans Licht bringen, ob die früheren Vorstände die Risiken hätten erkennen können und einen Schaden für das Kreditinstitut in Kauf nahmen.
Zwei Staatsanwälte, zwei Wirtschaftsreferenten und bis zu 14 Polizisten haben dafür eine ehemalige Polizeiwache in Beschlag genommen, in der sie sich durch die Aktenberge der Bank wühlen. 45 Zeugen wurden in den vergangenen bald dreieinhalb Jahren vernommen, 1100 Mails ausgewertet, und Anfang 2012 wurde Anklage erhoben: gegen Ex-Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher, seinen Vorgänger Hans Berger und vier weitere Ex-Vorstände. Die Banker bestreiten die Vorwürfe der Fahnder. Ob die Anklage zugelassen wird, ist noch offen.
Die Abteilung von Oberstaatsanwalt Henry Winter hat für Omega keinen zusätzlichen Staatsanwalt bekommen. „Wenn ich am Wochenende mal einen Tag nicht im Büro bin, kann ich schon zufrieden sein“, sagt er. Und damit sei er nicht allein. Selbst mit Überstunden lasse sich der normale Betrieb aber nicht am Laufen halten. Andere Fälle seien liegengeblieben, sagt Winter: „Das ist nicht zu verhindern.“
Vorteil für Schuldige durch Mangelverwaltung
Besonders schlimm ist das für zu Unrecht Verdächtigte. Er sei sich dessen bewusst, sagt Winter und versteht, wenn Verteidiger Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Staatsanwälte einreichen, weil Verfahren nicht in angemessener Zeit bearbeitet werden können. Ändern kann er an der Lage aber nichts. Und verrückt machen will er sich auch nicht: „Das darf nicht so weit gehen, dass einem die liegengebliebenen Verfahren wie kleine grüne Männchen nachts auf der Bettdecke herumtanzen.“ Vorteilhaft ist die Mangelverwaltung ausgerechnet für jene, die schuldig sind und später verurteilt werden. Denn „das Strafmaß“, so Winter, „schmilzt wie Schnee in der Sonne, je länger ein Verfahren dauert“. Ein Teil der Strafe gilt bei der Verurteilung dann bereits als vollstreckt.
Bei Kompetenz und Härte gibt es in den deutschen Staatsanwaltschaften eine breite Spanne. Verdächtige berichten schon mal, Ermittler hätten bei ihnen Computer beschlagnahmt und dann nach den Passwörtern gefragt, weil sie nicht in der Lage gewesen seien, sie zu knacken.
Zu den Stars der deutschen Ermittler-Szene gehört Manfred Nötzel, der in seiner Staatsanwaltschaft München I großkalibrige Fälle wie die Korruptionsaffären von Siemens und MAN juristisch aufarbeitete. Bochums Wirtschaftsstaatsanwaltschaft unter der Regie von Hans-Ulrich Krück hat seit den Ermittlungen gegen Zumwinkel den Ruf, ungnädig mit Wirtschaftspromis umzugehen. Aufsehen erregt auch die Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft Köln unter ihrem Leiter Hanns-Joachim Wolff mit dem Großverfahren um die Bank Sal. Oppenheim.
Es kommt aber auch vor, dass Staatsanwälte Ermittlungen aus politischen, karrieretechnischen oder anderen Erwägungen ausbremsen. So dürfen in Bonn Vertreter großer Konzerne auf schonenderen Umgang hoffen.
Den 31. August 2010 wird Deutsche-Telekom-Chef René Obermann nicht vergessen. Fahnder der Bonner Staatsanwaltschaft mit Friedrich Apostel an der Spitze durchsuchten Büros und Wohnungen von Obermann und sieben weiteren Managern – Amtshilfe für die US-Börsenaufsicht SEC. Die ermittelte wegen des Verdachts der Korruption bei Telekom-Töchtern in Mazedonien und Montenegro. Dass auch Obermann unter Verdacht stand, wollte Apostel geheimhalten. Tage später berichtete die WirtschaftsWoche aber exklusiv, dass in großem Umfang Material beschlagnahmt worden war. Trotzdem bestätigte Apostel die Razzia bei Obermann nicht offiziell.
Rechtsanwälte, die Strafanzeigen gegen die Telekom und führende Manager erstatteten, wundern sich seit Jahren über den „Kuschelkurs“ der Bonner Strafver-folger. Um Mitarbeiter aufzuspüren, die Konzerninterna an die Presse gaben, hatte die Telekom 2005 und 2006 gegen das Fernmeldegeheimnis verstoßen und illegal Handys und Festnetzanschlüsse von Aufsichtsräten, Betriebsräten und kritischen Journalisten bespitzelt. Rechtskräftig verurteilt wurde nur ein Manager der Konzernsicherheit. Die Bespitzelungsskandale – und auch die Rolle des Ex-Vorstandschefs Kai-Uwe Ricke und seines obersten Kontrolleurs Zumwinkel – „sind nicht vollständig aufklärt“, prangerten der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum und Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin als Anwälte der Betroffenen die „ungenügenden Aufklärungsbemühungen der Staatsanwaltschaft“ an.
Manche der Fahnder wollen nicht ermitteln, viele können nicht: Schon 2003 klagte etwa die SPD in Baden-Württemberg über „dramatische Ermittlungsdefizite“ bei der Wirtschaftskriminalität, sprach von einem „Ermittlungsnotstand“. Trotzdem wurde und wird weiter gespart – etwa beim Justizpersonal, das die Fahnder unterstützt. „Statt zu fahnden und Fälle zu prüfen“, sagt ein Staatsanwalt aus Baden, „tippen wir Briefe und buchen Bahntickets.“
Die gegensteuernden Initiativen der Politik könnten die Staatsanwälte auf lange Sicht wieder schlagkräftiger machen. Für die Aufklärung der Finanzkrise kommen die neuen Gesetze aber wohl zu spät. Das einzige Finanzkrisen-Urteil in Deutschland erging bisher gegen Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen – aber nicht wegen der eigentlichen Investitionen in wertlose US-Subprime-Papiere, sondern wegen der irreführenden Information der Bank, sie sei von dem Problem kaum betroffen.
Wie blamabel diese Bilanz ist, zeigen die USA: Dort wurden 16 Banken verklagt, rund 60 Banker verurteilt und 200 Milliarden Dollar Strafe verhängt. Die US-Bundespolizei FBI bekam zusätzlich 1.000 Fahnder, die sich ausschließlich um die Folgen der Finanzkrise kümmern.
Es liege an der „Zurückhaltung der Staatsanwaltschaften“, dass in Deutschland die rechtliche Aufarbeitung der Finanzkrise nicht vorankomme, wettert der prominente Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate. „Die Finanzkrise ist längst Historie“, sagt Strate. „Die Täter haben nichts mehr zu befürchten.“