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Größter Wirtschaftskrimi der Internet-Szene: Kino.to - die Geschichte eines Millionenreibachs

11. Januar 2013
Der Hauptschuldige - Dirk B. war der Kopf von Kino.to. Er bekennt sich schuldig und erhält 2012 eine Gefängnisstrafe von fast fünf Jahren. Quelle: dpaBild vergrößern
Der Hauptschuldige - Dirk B. war der Kopf von Kino.to. Er bekennt sich schuldig und erhält 2012 eine Gefängnisstrafe von fast fünf Jahren. Quelle: dpa
von Thomas Stölzel

Das Online-Portal Kino.to steht für den größten Wirtschaftskrimi der deutschen Internet-Szene. Akten und Zeugenaussagen zeigen erstmals, wie die Verurteilten zu Werke gingen. Die Story einer kriminellen Vereinigung.

Wenn morgens kurz nach acht der Wecker von Michael Hatscher klingelt, blickt er auf eine gelb angestrichene Wand und Gitterstäbe vor den Fenstern. Hatscher sitzt im Gefängnis, teilt sich zwei 15 Quadratmeter kleine Zimmer mit einem weiteren Häftling. Hier, hinter Stacheldraht in einem Backsteinbau im Zentrum der sächsischen Stadt Zwickau, verbringt der 48-Jährige seine Nächte. Tagsüber darf der gelernte Einzelhandelskaufmann raus, um zu arbeiten – einige Hundert Meter entfernt, von 10 bis 19 Uhr, in einem Handyladen in der Fußgängerzone. Danach hat er noch ein paar Minuten, um bei Rewe um die Ecke Getränke zu kaufen. Spätestens um 19.30 Uhr muss er wieder im Gefängnis sein.

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Seit dem 21. März dieses Jahres ist das Hatschers Tagesablauf. Und es soll noch bis Juni 2015 so gehen. Es sei denn, er wird vorzeitig auf Bewährung entlassen.

Vor eineinhalb Jahren noch führte Hatscher ein komfortableres Leben. Er war einer der Köpfe von Kino.to, der wohl erfolgreichsten Internet-Seite Deutschlands. Das Portal galt als erste Adresse, um kostenlos Kinofilme und Fernsehserien am PC zu schauen. In der Spitze tummelten sich vier Millionen Besucher am Tag auf der Web-Site und genossen einen Streifen nach dem anderen. Zur Auswahl standen zuletzt Kopien von 21 000 Kinofilmen, 107 000 TV-Serien-Folgen und 7000 Dokumentarfilmen.

Die Streaming-Anbieter im Internet

  • Aupeo

    Typ: Radio-Streaming
    Gestartet: 2008
    Sitz: Berlin
    Musikangebot: kein lineares Streming
    Besonderes: Auswahl von Stationen für Musikgattungen und Stimmungen, kostenloses Angebot mit Werbung und Abo-Modell

  • Deezer

    Typ:On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2007
    Sitz: Paris
    Musikangebot: 35 Millionen Titel

  • Last.fm

    Typ: Radio-Streaming
    Gestartet: 2002
    Sitz: London
    Musikangebot: kein lineares Streaming
    Besonderes: Spielt nach Angabe von Lieblingsgruppen Musik von ähnlicher Richtung

  • Pandora

    Typ: Radio-Streaming
    Gestartet: 2000
    Sitz: Oakland, Kalifornien
    Musikangebot: Spielt nach Vorgaben der Nutzer Musik in ähnlicher Richtung, in Deutschland nicht verfügbar

  • MOG

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2005
    Sitz: Berkeley, Kalifornien
    Musikangebot: 16 Millionen Titel. In Deutschland nicht verfügbar

  • Napster

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 1999 als Tauschplattform, seit 2005 als kommerzieller On-Demand-Service
    Sitz: Los Angeles
    Musikangebot: 25 Millionen Titel

  • rara.com

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2011
    Sitz: London
    Musikangebot: mehr als 22 Millionen Titel

  • Rdio

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2010
    Sitz: San Francisco
    Musikangebot: mehr als 30 Millionen Titel

  • Simfy

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2009
    Sitz: Köln
    Musikangebot: mehr als 25 Millionen Titel

  • Spotify

    Typ: On-Demand-Streaming
    Gestartet: 2008
    Sitz: Stockholm
    Musikangebot: über 20 Millionen Titel

Kino.to machte einen Millionenreibach durch Werbung, die auf der Web-Site lief. Hatscher und seine Kollegen hatten ein ganz „neues Medium neben Fernsehen und Lichtspielhäusern“ geschaffen, sollten Ermittler später feststellen. Kino.to arbeitete so erfolgreich, dass seine Macher sogar erwogen, Ableger im Ausland zu gründen.

Startschuss mit Schuhmacher

Das Geschäft hatte nur einen Nachteil: Es war illegal. Die Filme und TV-Serien auf Kino.to waren allesamt unerlaubt kopiert. Am Ende sollte das Unterfangen als größter Urheberrechtsklau in die noch junge Internet-Geschichte Deutschlands eingehen.

Es ist nach 19.30 Uhr, eigentlich müsste Hatscher längst zurück im Knast sein. Doch heute sitzt er, in Jeans und Hemd gekleidet, in einer Bierkneipe in der Zwickauer Innenstadt und nippt an einer Cola. Er darf länger frei herumlaufen, weil die WirtschaftsWoche der Vollzugsanstalt auf einem Formular bestätigen wird, dass Hatscher seine und die Geschichte von Kino.to erzählt haben wird. Eineinviertel Jahre zuvor, im Februar 2010, hatte die WirtschaftsWoche erstmals Details der Jagd nach Hatscher und seinen Kollegen geschildert.

Hatscher kann sich an jenen Tag, als Kino.to binnen Stunden zusammenbrach, nur noch verschwommen erinnern. Es war Mittwoch, der 8. Juni 2011, als bewaffnete Polizisten seine dreistöckige Luxuswohnung in einer Zwickauer Villa stürmten und der Staatsanwalt Kino.to ein für alle Mal abschaltete. Rund ein halbes Jahr später, am 21. Dezember 2011, verurteilte das Amtsgericht Leipzig Hatscher zu dreieinhalb Jahren Haft.

Wie der Sachse und seine Komplizen es so weit bringen konnten, wie es ihnen gelang, Millionen Deutsche zu Schwarzsehern zu machen, was das runde Dutzend beteiligter Männer und Frauen antrieb und wie sie zu Werke gingen, all das blieb bis heute unter Verschluss. Hatschers Schilderungen sowie die Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft zeichnen nun erstmals ein vollständiges Bild dieser großen Online-Bambule gegen die internationale Film- und Fernsehindustrie: eine Melange aus Naivität, Geltungssucht, krimineller Energie und Überheblichkeit, die den Beteiligten am Ende zum Verhängnis wurde.

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Kommentare | 6Alle Kommentare
  • 10.11.2013, 20:15 Uhranonym

    "Im Internet wurden sonst gratis erhältliche Computerprogramme wie OpenOffice, Adobe Reader oder Irfanview von einem angeblich in den Emiraten ansässigen Unternehmen "Blue Byte" unter der Adresse mega-downloads.net hingegen kostenpflichtig angeboten.
    ...
    Die Seite kino.to, auf der Raubkopien von Filmen gezeigt wurden, gehörte bis zur Sperrung zu den Top 50 der meistgeklickten deutschen Seiten. Als Schlüsselfigur gilt hier und auch in dem Hannoveraner Verfahren ein ebenfalls angeklagter Wiener Geschäftsmann."

    Quelle:
    http://www.nw-news.de/owl/kreis_herford/top_news_kreis_herford/9612181_Abofallen-Bande_prellt_30.000_Opfer.html

  • 17.01.2013, 19:20 Uhranonym

    Interview mit Dr. Robert F. (Wien) über die (andere) Abofalle "www.simsen.de" in der Sendung "Kassensturz" des Schweizer Fernsehens vom 21.02.2006:

    http://www.srf.ch/player/tv/kassensturz/video/sms-dienste-hunderte-tappen-in-die-abo-falle?id=0116d31b-6479-4cb0-9c40-37c93011874f

    Info der Wettbewerbszentrale über die SMS-Abofalle "www.simsen.de" und die Usenet-Abofalle "www.firstload.de" vom 01.02.2008 (PDF):

    http://www.wettbewerbszentrale.de/media/getlivedoc.aspx?id=28220

    Wettbewerbsrechtliches Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg vom 08.04.2009:

    http://rechtsprechung.hamburg.de/jportal/portal/page/bshaprod.psml?showdoccase=1&doc.id=KORE507182009&st=ent

    "LKA ermittelt im Internet-Fall ... Megadownloads"

    Quelle:
    http://www.nw-news.de/lokale_news/herford/herford/5023657_LKA_ermittelt_im_Internet-Fall.html

  • 17.01.2013, 00:13 Uhranonym

    "Für Ermittlungen zu Zweigen des komplizierten Firmengeflechts hinter kino.to in Dubai würde es wahrscheinlich keine Rechtshilfe geben. Es fehlt ein Abkommen mit dem Emirat."

    Quelle:
    http://www.l-iz.de/Leben/F%C3%A4lle%20und%20Unf%C3%A4lle/2012/06/Kino.to-Betreiber-darf-auf-offenen-Vollzug-hoffen-42249.html

    "Allein im ersten Jahr zahlt eine Blue Byte FZE 1,5 Millionen Euro für Firstload-Werbung auf kino.to, über die Verimount FZE LLC gibt es 21.000 Euro für archiv.to. In den folgenden Jahren fließt noch viel mehr Geld."

    Quelle:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/die-geschichte-von-kino-to-wer-mit-den-raubkopien-verdiente-a-838816.html

    Als Betreiberin der Abofalle "Mega-Downloads.net" war im Jahr 2008 diese "Blue Byte FZE" in Dubai angegeben (mit Wiener Telefonnummer).

    Quelle:
    http://forum.computerbild.de/attachments/internet-abzocke/aerger-megadownloads-net-4468d1217257061-mega1.jpg

    Via:
    http://forum.computerbild.de/internet-abzocke/aerger-megadownloads-net_15234-51.html#post198917

    Video eines Google-Werbelinks zur Abofalle (Suchbegriff z.B. "open office"):
    http://www.youtube.com/watch?v=qQ3Ygaemm5c

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