Leitwährung: War’s das mit dem starken Dollar?
Obwohl ich nicht mehr täglich mit den Märkten zu tun habe, habe ich wichtige Lektionen früh als Wirtschaftswissenschaftler in der Finanzbranche gelernt und nie vergessen. Die erste: Es ist viel einfacher, falsch zu liegen als richtig.
Nehmen wir eine der großen, frühen Überraschungen des Jahres 2025. Ende letzten Jahres, nach dem Wahlsieg von Donald Trump, stieg der US-Dollar stetig an und spiegelte die weit verbreiteten Erwartungen eines relativ robusten US-Wirtschaftswachstums, zusätzlicher fiskalischer Anreize und neuer oder etwas höherer Zölle wider, die den Dollar angeblich weiter stärken würden. Stattdessen ist der Dollar stark gesunken.
Die Konsensmeinung hinterfragen
Eine weitere Erkenntnis: Angesichts der Größe und Tiefe des Devisenmarktes, wo alle bekannten Informationen sehr schnell eingepreist werde, zahlt es sich aus, gegenüber überwältigenden Konsensmeinungen skeptisch zu sein. Oft erweisen sich einige Elemente der Konsensprognosen als ziemlich fragwürdig. Ich fand es zum Beispiel seltsam, dass so viele Prognostiker die Zölle als positiv für den Dollar und als wenig störend für die US-Wirtschaft ansahen, obwohl sie für die US-Verbraucher unter dem Strich negativ sind.
Hinzu kommt, dass einige von Trumps engsten Wirtschaftsberatern offen darüber gesprochen haben, dass andere Währungen stärker sein müssen. Deshalb haben sie eine neue Version des berühmten Plaza-Abkommens von 1985 vorangetrieben. Damals erklärten sich Japan und Deutschland bereit, ihre eigenen Währungen gegenüber dem Dollar zu stärken, um die Vereinigten Staaten zu beschwichtigen.
Die so genannte Mar-a-Lago-Vereinbarung soll dasselbe bewirken. Mir scheint klar zu sein, dass sich die Trump-Administration auf die US-Produktion und ihre eigene Definition von Wettbewerbsfähigkeit konzentriert. Beides ist keine gute Grundlage für die Erwartung eines anhaltend stärkeren Dollars.
Ist Amerika wirklich „außergewöhnlich“?
Es stimmt, das übliche Gegenargument lautet, Zölle seien notwendig, weil die Aufwertung des Dollars angesichts der unübertroffenen Vorzüge der „außergewöhnlichen“ US-Wirtschaft nicht aufgehalten werden kann. Amerika ist „außergewöhnlich“. Es verfügt über tiefe, liquide Finanzmärkte und Spitzentechnologie, ist in Sicherheitsfragen führend und in Bezug auf das Gesamtwachstum seinen Konkurrenten überlegen. Wenn die relative Schwäche des Dollars im Jahr 2025 lediglich eine Preiskorrektur ist, werden diese modischen Argumente wahrscheinlich wieder auftauchen und den Dollar wieder nach oben treiben.
Dennoch gibt es zyklische, strukturelle und sogar systemische Faktoren, die eine weitere Abschwächung des Dollars wahrscheinlicher machen könnten. Was die Konjunktur betrifft, so deuten die jüngsten Hochfrequenzdaten auf eine kurzfristige Abschwächung der US-Wirtschaft hin, wobei der vielbeachtete GDPNow-Tracker der Federal Reserve Bank of Atlanta für das erste Quartal dieses Jahres ein negatives Wachstum prognostiziert. Natürlich ist es noch zu früh, um zu wissen, ob sich dies bewahrheiten wird. Aber auch wenn es sich nur um ein vorübergehendes oder technisches Artefakt der Daten handeln könnte, ist es kaum das einzige Warnzeichen.
Auch die jüngsten Umfragen zum Unternehmens- und Verbrauchervertrauen geben Anlass zur Sorge. Darüber hinaus werden auch Menschen außerhalb der Finanzbranche immer unruhiger, was die künftige Inflation angeht. Die jüngste Umfrage der University of Michigan zu den fünfjährigen Inflationserwartungen (einer meiner bevorzugten Indikatoren) zeigt einen Anstieg auf 3,9 Prozent - den höchsten Stand seit mehr als 30 Jahren. Wenn dieser Trend anhält, sollten Sie aufpassen. Einige Analysten sind der Meinung, dass dieser Index nicht mehr so zuverlässig ist wie früher, da sich die Umfragemethode geändert hat und der Verdacht besteht, dass demokratische Wähler eher dazu neigen, zu antworten als Republikaner und Unabhängige.
Staaten verringern ihre Abhängigkeit
Professionelle Meinungsforscher wissen jedoch, wie man solche Diskrepanzen ausgleicht, und solange die tatsächliche Berechnung nicht in irgendeiner Weise zugunsten der Demokraten verzerrt ist, ist dieses Argument nicht überzeugend. In jedem Fall sprechen plötzlich viel mehr Kommentatoren über die Stagflation in den USA, also eine Kombination aus Inflation und geringem bis keinem Wirtschaftswachstum, und aufgrund von Trumps unberechenbarem und aggressivem Verhalten bleiben andere Länder nicht einfach stehen. Die politischen Entscheidungsträger in vielen Ländern - insbesondere in Europa, aber auch in China - erkennen, dass sie Veränderungen vornehmen müssen, um die Abhängigkeit ihrer Volkswirtschaften von den USA zu verringern.
All diese Entwicklungen in den USA und weltweit können für den jüngsten Rückgang des Dollars verantwortlich sein. Aber es gibt auch ein grundlegenderes Problem, das über den „zyklischen“ Rückgang hinausgeht. Wenn Trump an den Zöllen festhält und diese die Inflation in den USA erhöhen und Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben, wird der längerfristige Gleichgewichtswert des Dollars wahrscheinlich niedriger sein als er sein könnte. Auch dies würde eine Anpassung des Dollarkurses rechtfertigen - und vielleicht eine ziemlich große, wenn Trump seinen derzeitigen Ansatz weiterverfolgt.
Damit sind wir bei der systemischen Dimension angelangt. Es gibt eine lange akademische Debatte darüber, warum der Dollar so lange stark geblieben ist. Einige argumentieren, dass sein Wert mit der Macht der USA als Sicherheitsgarant und als dominierender Akteur in den multilateralen Institutionen der Nachkriegszeit zusammenhängt. Wenn die USA diese Rollen nun aufgeben, werden andere gezwungen sein, für sich selbst einzutreten, und die unbestrittene Vorherrschaft des Dollars könnte endgültig zu Ende gehen.
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