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Gas aus RusslandNordstream 2 – die ewige Versuchung

Noch klingt die Wiederbelebung der Ostsee-Pipeline wie eine abstruse Idee. Aber es wirken starke Kräfte. Und es gilt: Sag niemals nie.Florian Güßgen 01.04.2025 - 08:28 Uhr aktualisiert
Mahnmal in der Ostsee: Das Gasleck in der Nordstream-1-Pipeline 2022. Foto: dpa

Nordstream 2 wiederbeleben? Never, heißt es jetzt aus Berlin. Russisches Pipeline-Gas, so günstig es auch sein mag, ist politisch und ethisch verbrannt. Wie sähe das denn auch aus? Die Röhren, Putins gekappter Tropf für Deutschland, kleinlaut reparieren? Um dann doch wieder ins Geschäft mit Gazprom zu kommen, Putins Krieg gegen die Ukraine und uns zu finanzieren? Nur die allerdümmsten Kälber wählen sich ihren Metzger selber, nicht wahr?

Und trotzdem gilt, wie so oft: Sag niemals nie. Denn Nordstream 2, das russische Gas, ist und bleibt für Deutschland eine stete Versuchung. Ja, den plötzlichen Gas-Entzug 2022 hat das Land besser verkraftet, als es zunächst möglich schien. Gazprom Germania ist jetzt die staatliche Sefe, Uniper, der E.On-Ruhrgas-Erbe, ist auch in Staatshand. Und als Meisterwerke der Ampel-Männer Robert Habeck, Olaf Scholz und Christian Lindner dürfen die LNG-Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel gelten. Deutschlandgeschwindigkeit war das – und doch ist dieser Ruhm schon so verblichen.

Die Unsicherheiten am Gasmarkt sind groß

Denn die Unsicherheit am Gasmarkt ist nach wie vor groß. Auch wenn der Preis im Vergleich zum Horrorjahr 2022 gefallen ist, liegt er immer noch über dem Vorkriegsniveau. Die Schwankungen sind groß – und werden es wohl auch noch bis zum Ende des Jahrzehnts bleiben, wenn Katar und auch die USA ihre LNG-Erzeugungskapazitäten hochfahren. Dazu kommt: Der LNG-Weltmarkt ist tendenziell volatiler als ein paar Pipelines, durch die Moleküle beständig von Ost nach West strömen. Es mag zynisch klingen: Aber sobald die Waffen zwischen Russland und der Ukraine ruhen, und sei es auf Grundlage eines Trumpschen Diktatfriedens, werden auch die Röhren im grünblauen Grund der Ostsee wieder in anderem Licht schimmern, auch aus Sicht von Unternehmen. Gebaut sind sie eh. Sollten wir nicht doch …

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Und so sind die Argumente, die nun wieder gegen einen Neustart von Nordstream 2 in Anschlag gebracht werden, zum Teil schon wieder bemerkenswert heruntergedampft. So sei die Pipeline ja nie zertifiziert worden, heißt es. Stimmt schon. Aber zur Wahrheit gehört auch: Darauf kam es auch nie an. Die Zertifizierung durch die Bundesnetzagentur war immer vor allem ein formales Argument. Um Politik zu rechtfertigen, Nordstream 2 zu verhindern. 2021 etwa hat Annalena Baerbock die Inbetriebnahme der Pipeline mit diesem Argument gebremst. Im Nachhinein war das richtig, auch wenn etwa dieser Autor sie damals dafür kritisiert hat. Aber wo ein echter politischer Wille ist, ist eine Zertifizierung kein Hindernis. Das war damals so, das wird auch in Zukunft so sein.

Sergej Lawrow weiß, wo es weh tut

Und politische wirken schon wieder starke Kräfte. Sergej Lawrow, Putins Außenminister, hat mit seinen Äußerungen zu Nordstream 2 die Folterinstrumente genau dort angelegt, wo sie die Europäer und vor allem die Deutschen am meisten schmerzen. Nordstream, so hat er – übersetzt gesagt – werde zeigen, wie groß der Einfluss Trumps in Europa ist. Es ist eine fast lustvoll-maliziöse Aufforderung an das Weiße Haus, den Druck auf den vermeintlich alten Kontinent zu erhöhen. Die Lust darauf dürfte in Washington groß sein. Die im „The Atlantic“ veröffentlichten Signal-Chats aus der Bomben-Gruppe von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth und Kollegen haben doch vor allem offenbart, wie groß unter den Trumpisten die Abneigung gegenüber Europa ist. Die früheren Verbündeten werden dort lediglich als schwache Schmarotzer gesehen. Der Feind meines verbündeten Feindes ist bekanntlich mein Freund. In diesem Fall wäre das, surprise, Wladimir Putin.

Nord Stream: Wie es zu den beiden Ostsee-Gasleitungen kam
In Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Russlands Präsident Wladimir Putin unterzeichnet ein Konsortium großer Energiekonzerne eine Vereinbarung zum Bau von Unterwasser-Leitungen durch die Ostsee. Polen, die Ukraine und Weißrussland sehen in den Plänen eine Konkurrenz zu ihren Landleitungen und fürchten um Einnahmen aus Transitgebühren.
Der Bau des ersten von zwei Strängen der Pipeline Nord Stream 1 auf einer Länge von 1224 Kilometern beginnt. Jede der zwei Leitungen besteht aus jeweils 100.000 Einzelrohren, die mit Hilfe mehrerer Schiffe in der Ostsee verlegt werden.
Im November 2011 strömt erstes Gas durch die erste Leitung von Nord Stream 1 vom russischen Wyborg bis ins deutsche Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Russlands Präsident Dmitri Medwedew nehmen die Trasse symbolisch in Betrieb. Umweltverbände warnen vor nicht absehbaren Folgen für Flora und Fauna in der Ostsee.Im Oktober 2012 geht der zweite Strang von Nord Stream 1 an den Start. Das insgesamt 7,4 Milliarden Euro teure Projekt kann fortan eine Menge von 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren.
Der Gesellschaftervertrag für das Projekt Nord Stream 2 wird unterzeichnet. Einziger Anteilseigner ist formal Russlands Energiekonzern Gazprom. Dazu kommen mehrere „Unterstützer“ - darunter auch deutsche Energieunternehmen.
Der Bau der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 beginnt. Die Gasleitung soll weitgehend parallel zu Nord Stream 1 verlaufen und noch einmal soviel Gas transportieren können. In zwei Strängen sollen wieder jeweils 100.000 Einzelrohre verlegt werden. Ursprünglich geplanter Start der Pipeline ist Ende 2019, der sich jedoch mehrfach wegen fehlender Baugenehmigungen verzögert.
Im Dezember 2019 stoppen die Bauarbeiten abrupt. Die beiden Schweizer Verlegeschiffe werden wegen Sanktionsdrohungen der USA abgezogen. Die USA argumentieren, dass sich Deutschland mit der Pipeline in Abhängigkeit von Moskau begeben würde. Russland wirft den USA vor, sie würden eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen und ihr Flüssiggas verkaufen wollen. Russische Schiffe übernehmen die Arbeiten.Im September 2021 ist Nord Stream 2 nach Angaben von Gazprom fertiggestellt, aber noch nicht in Betrieb. Die Baukosten belaufen sich auf über zehn Milliarden Euro.
Angesichts eines drohenden Kriegs in der Ukraine legt die deutsche Bundesregierung Nord Stream 2 auf Eis. Offizieller Grund ist, dass die Freigabe durch die zuständigen Behörden fehlt, also die Pipeline nicht zertifiziert ist. Kurz danach beginnt Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Im Juli 2022 wird der Gasfluss in Nord Stream 1 mit Hinweis auf Wartungsarbeiten unterbrochen.
Ende August 2022 stellt der russische Staatskonzern Gazprom den Gasfluss vollständig ein. Ende September 2022 werden drei der vier Versorgungsstränge bei einem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines durch Sprengungen zerstört. Der vierte Strang wurde stillgelegt. Aktuell sind alle Leitungen außer Betrieb (Stand: 26. Juli 2023).

Zweitens aber hat Lawrow von einer „normalen Energieversorgung“ Europas gesprochen. „Normal“ ist für Moskau, dass Europa abhängig ist, im Kern unfrei, in der Traumwelt Putins und Trumps einerseits vom russischen Erdgas, andererseits bitte von amerikanischem Flüssigerdgas. Eine Aufteilung der Welt in die Einflusssphären natürlicher Ressourcen. So einfach ist das. Dazu weiß Lawrow, wie süß günstige Energiepreise schmecken – deutschen Unternehmen, aber auch der Berliner Politik. „Normal“ hieße auch, sich ein Stück vorzugaukeln zu können, die Zeitenwende sei nur ein Alptraum gewesen. Es ist gut, dass Berlin diesen Köder bislang nicht schluckt.

Alte Deutschlandlangsamkeit beim LNG

Gleichzeitig ist es auffällig, dass die Diskussion über die richtige Gasversorgung im Spannungsfeld von Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit derzeit wieder so an Fahrt gewinnt. Die Infrastruktur etwa für LNG-Importe wird derzeit nicht mehr mit der Verve und der „Deutschlandgeschwindigkeit“ vergangener Tage verfolgt. In Stade ist die Inbetriebnahme des schwimmenden LNG-Terminals an der Elbe vorerst gestoppt, weil der staatliche Betreiber sich mit Hanseatic Energy Hub darüber zankt, wer da jetzt welche Anlagen nicht richtig gebaut hat. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) dringt darauf, Uniper mit einzubeziehen, weil das Unternehmen doch in Wilhelmshaven gezeigt habe, dass es das könne mit den LNG-Terminals. Andererseits hat sich in Wilhelmshaven auch die Inbetriebnahme eines zweiten LNG-Terminals verzögert. Statt wie geplant im ersten Quartal soll das jetzt offenbar erst im April oder Mai geschehen.

Und hinter allem steckt das Problem, dass die bestehende Import-Infrastruktur nicht ausgelastet ist. Am meisten importiert Deutschland immer noch Pipeline-Gas, vor allem aus Norwegen, aber auch aus Belgien und den Niederlanden, der LNG-Anteil ist gering. Und die Frage lautet: Brauchen wir diese ganzen Terminals überhaupt?

Für Robert Habeck gab es daran keinen Zweifel. Nur Überkapazitäten, so sein Credo, schaffen Sicherheit. Er hatte recht. Die Herausforderung für die neue Regierung wird darin bestehen, Kurs zu halten auf das Ziel einer möglichst großen Energie-Unabhängigkeit Deutschlands. Das wird schwerer, je mehr neue und neue alte Optionen sich anbieten.

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