Riedls Dax-Radar: Wie tief der Dax nach dem Zoll-Schock noch sinken kann
Die Zoll-Exzesse des amerikanischen Präsidenten Donald Trump wirbeln die weltweiten Kapitalmärkte durcheinander. Am stärksten erwischt es die ehemaligen Favoriten im amerikanischen Hightech-Index Nasdaq, der seit Mitte Februar bisher 16 Prozent verloren hat. Im klassischen Dow Jones sind zehn Prozent Verlust aufgelaufen.
Doch auch der Dow sieht mit einem typischen Doppelhoch, das die Notierungen seit Herbst vergangenen Jahres zwischen 41.500 und 44.900 Punkten gebildet haben, und dem Rutsch unter die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage, ein Wegweiser des mittel- bis langfristigen Trends, ziemlich angeschlagen aus.
Geht es nach den Regeln klassischer Kursanalyse, haben die US-Märkte durch den Trump-Schock die seit Anfang 2022 laufende Aufwärtsbewegung mit einer Trendwende beendet. Damit wächst die Gefahr, dass es entweder zu einer ausgeweiteten Korrektur an den Börsen kommt, wenn nicht sogar zu einer längeren Baisse.
Hinter der brisanten Verfassung der Aktienmärkte stehen vor allem drei fundamentale Entwicklungen:
+Die US-Wirtschaft verliert seit Monaten an Kraft und ihr droht durch Trumps überraschend heftige Zollpolitik eine zusätzliche Belastung. Die jüngste, scharfe Abwärtsreaktion an den Börsen zeigt, dass die Märkte dies bisher noch nicht auf der Rechnung hatten. Dieses Risiko muss erst noch verarbeitet werden.
+Die Gefahr steigender Zinsen, noch vor wenigen Wochen das schlimmste Übel für die Börsen, ist verflogen. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen ist mittlerweile sogar unter die Marke von 4,0 Prozent gerutscht. Normalerweise sind sinkende Zinsen gut für Aktien. Doch jetzt herrscht Krisenmodus, da sind die Verhältnisse umgedreht: Die Renditen sinken, weil Investoren massiv Geld in Anleihen schieben. Der Zinsrückgang ist damit das Zeichen einer Vertrauenskrise und zugleich möglicher Vorbote einer weiteren Konjunkturabschwächung.
+Große, tragende Trends, besonders der Hype um künstliche Intelligenz, werden entzaubert. Ähnlich wie beim Elektroauto, das erst belächelt wurde, dann als Erlösung der Mobilitätsfrage galt, um letztlich auf dem Boden der Tatsachen zu landen, muss sich nun auch für künstliche Intelligenz die wirtschaftliche Bedeutung erst Schritt für Schritt einpendeln. Durch die drastische Korrektur der Chipaktien, die hier führende Branche, ist dieser Prozess seit Wochen im Gang. Er betrifft Top-Aktien wie Nvidia, Krisenwerte wie Intel, Ausrüster wie ASML und Dax-Werte wie Infineon. Geht es nach dem Zyklus der Chipwerte, ist der Markt mit den bisherigen Schwankungen noch nicht bereinigt.
Jetzt trifft es europäische Aktien
Im Gegensatz zur ausgeprägten Abwärtswende an den US-Märkten waren die europäischen Börsen zunächst vergleichsweise stabil. Lange Zeit verlief der Euro Stoxx 50, der wichtigste Aktienindex der EU, über seiner zentralen Unterstützungszone bei 5000 bis 5100 Punkten.
Auf diesem Niveau liegen die Hochspitzen des Jahres 2024, hier verlaufen die 200-Tagelinie sowie die untere Begrenzung der seit 2022 bestehenden Aufwärtsbewegung. Doch nun, nach der jüngsten Abwärtsphase, ist diese Barriere gefallen – kein gutes Zeichen für die nächsten Wochen.
Der Dax sieht noch etwas stärker aus. Trotz der jüngsten, heftigen Verluste behauptet sich das deutsche Aktienbarometer noch über der 200-Tagelinie, die derzeit bei knapp 20.000 Punkten verläuft.
Aus der bisherigen Korrektur im Dax ist nun, ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, ebenfalls eine hektische Abwärtsbewegung geworden. Nachdem China am Freitag hohe Gegenzölle gegen US-Produkte verhängt hatte, brach der deutsche Aktienindex deutlich ein.
Dass die Talfahrt dennoch nicht so tief gehen sollte wie in Amerika, dafür könnte die Trendstärke zahlreicher Top-Aktien sorgen:
+Die Allianz zieht unabhängig von Zollrisiken dank der Aussicht auf neue Rekordgewinne ihrem langfristigen Ziel in Richtung 400 Euro entgegen. Selbst kurzfristige Rückschläge bis in den Bereich um 300 Euro würden nichts an dieser langfristig starken Verfassung ändern. Münchener Rück und Hannover Rück entwickeln sich ähnlich stabil.
+Rheinmetall, mit 60 Milliarden Euro Marktkapitalisierung mittlerweile die Nummer sieben in der Gewichtung des Dax, dürfte dank rekordhoher Aufträge und enormer Rüstungsinvestitionen seinen langjährigen Aufwärtstrend weiter fortsetzen.
Vorübergehende Kurskorrekturen könnten bis in den Bereich um 1000 Euro gehen, ohne an dem robusten Bild der Aktie etwas zu ändern.
+Die Deutsche Börse, ebenfalls unter den Top-Ten in der Dax-Gewichtung, profitiert von ihrer Spitzenstellung als führende Handelsplattform der EU und als krisenresistenter Wachstumswert.
Gerade hektische Phasen an den Börsen erhöhen den Bedarf an Absicherung – und der Handel mit Derivaten an der Terminbörse Eurex ist eine wichtige Einnahmequelle für die Börse.
+E.On, mit 38 Milliarden Euro Börsenwert bisher Mittelgewicht, wird als größter Energienetzbetreiber und als dividendensichere Aktie wiederentdeckt.
Nach 13 Jahren Bodenbildung gibt die Aktie ein langfristiges Kaufsignal. Auch in den jüngsten Turbulenzen ist die Aktie vergleichsweise stabil.
+Bei der Deutschen Telekom läuft nach hohen Kursgewinnen in den vergangenen Monaten eine moderate Konsolidierung. Mit ihrem Ableger T-Mobile US ist die Telekom zwar eng mit den USA verknüpft, als Dienstleister aber nicht direkt von Zöllen betroffen.
+SAP und Siemens, die Schwergewichte im Dax, könnten zwar im Zuge schwacher US-Technikaktien ebenfalls deutlicher in die Knie gehen.
Mögliche Kursverluste aber dürften weniger ein Zeichen von Schwäche dieser Unternehmen sein, sondern vor allem eine technische Reaktion auf die in den vergangenen Jahren erzielten hohen Kursgewinne. Vor allem für SAP gilt dieser Effekt.
Fazit für den Dax: Die Zollpolitik Trumps, die im Dax vor allem die Exporteure von Gütern trifft, hinterlässt an der deutschen Börse tiefe Spuren. Nachdem sich der Dax in einer ersten Reaktion noch vergleichsweise robust gezeigt hat, kommt es nun zu massiven Verkaufstendenzen.
Bisher standen 16 Prozent Verlust an der Nasdaq-Börse 7 Prozent Verlust im Dax gegenüber, ein Verhältnis von 2,3 zu 1. Seit der Verkaufswelle vom Freitag aber verliert der Dax immer mehr an relativer Stärke. Sollte der Nasdaq-Index in den nächsten Wochen noch auf die zentrale Unterstützung bei 17.000 Punkten abrutschen, wären dies insgesamt 23 Prozent Abschlag vom Top.
Sollte sich im Dax das Stärkeverhältnis zur Nasdaq-Börse auf 1,5 zu 1 verschlechtern, ergäbe dies für die Deutsche Börse ein rechnerisches Gesamtminus von rund 15 Prozent.
Ein solcher Rückschlag würde gerade noch zu einem Korrekturszenario passen, in dem der Dax bis auf die wichtige Auffangzone um 20.000 Punkten abrutscht. Kurz darunter, bei 19.940 Punkten, verläuft aktuell die 200-Tagelinie. Spätestens hier sollten wieder vermehrt Käufer kommen.
Lesen Sie auch: Europas schärfste Waffe? Die Regulierung der US-Tech-Konzerne