Gas-Bonanza: Drill, Baby, drill! Erst in Bayern – dann im Bund?
„Hier ist eine lustige Nachricht“, sagt der Fernseh-Schauspieler Hannes Jaenicke in seinem Video-Beitrag auf Instagram. Im Freistaat Bayern solle nach Gas gebohrt werden – „Ich präzisiere das: nach fossilem Gas. Im 21. Jahrhundert.“ Wer das „ähnlich unerträglich dämlich“ finde wie er, solle doch zur Demo kommen. Nach Reichling in Oberbayern. „Vielleicht können wir diesen Quatsch noch verhindern.“
Die Demo – sie hat Anfang Mai mit dem bekannten Fernseh-Schauspieler stattgefunden – wird das Projekt wohl nicht mehr verhindern können. In den kommenden Tagen will die Lech Kinsau 1 GmbH in Reichling mit Probebohrungen für das „Energieprojekt Lech“ beginnen. Sind die Tests erfolgreich, möchte die Firma Gas aus 3400 Metern Tiefe fördern. Um die 500 Millionen Kubikmeter Methangas vermuten die Mitarbeiter des Unternehmens unter der Erde von Reichling.
Das Projekt scheint ganz im Sinne der neuen Bundesregierung zu sein. Die Koalitionäre haben nämlich in ihrem Koalitionsvertrag Folgendes vereinbart: „Wir wollen Potenziale konventioneller Gasförderung im Inland nutzen.“
Es geht um einen Rohstoff, von dem viele gar nicht wissen, dass er in Deutschland noch gefördert wird. Der so günstig geworden ist, dass sich die Förderung in Deutschland kaum lohnt. Oder doch? Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Deutschland neue Gaslieferanten gefunden – in Norwegen, in Katar. Die Abhängigkeit bleibt. 94 Prozent werden importiert. Es schien klar, dass nach dem Kohleausstieg der Gasausstieg kommt. 2045 will Deutschland klimaneutral sein. Doch: Gas deckt immer noch rund ein Viertel des deutschen Energiebedarfs.
Am Beispiel der Probebohrung im bayerischen Reichling zeigt sich allerdings, dass die Förderung heimischen Gases vor allem eins bringt: Ärger.
Das Bergamt Südbayern hat die Probebohrung genehmigt, bald könnte es losgehen. „Derzeit koordinieren wir Termine mit beteiligten Dienstleistern unter Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Material, des mobilen Bohrturms und der Mannschaft“, erklärt der Pressesprecher des Unternehmens.
Der Mann, der hinter dem Projekt steht, will sich nicht gegenüber der WirtschaftsWoche äußern: Eckhard Oehms, ein Geologe, der über 30 Jahre für Konzerne wie Wintershall nach Öl und Gas gesucht, in Abu Dhabi, Norwegen, Russland, Aserbaidschan und Katar gearbeitet hat.
Seine Vita und die Gesellschafterstruktur seines Unternehmens allein dürften viele Aktivisten schon in Wallung bringen: An dem Projekt in Reichling ist nämlich das börsennotierte Unternehmen MCF Energy aus Kanada beteiligt. Dessen Chef ist die selbsternannte „Vier-Milliarden-Dollar-Energie-Legende“ Ford Nicholson. Größter Anteilseigner ist der kanadische Milliardär Frank Giustra, der sein Vermögen mit Gold und Öl gemacht und auch mal Filme wie „American Psycho“ produziert hat. Jetzt wittern beide das große Geschäft in Europa – wollen sich als Alternative zur Abhängigkeit von russischem Gas anbieten.
Das nächste Ziel, das der kanadische Investor im Visier hat, erklärt vielleicht auch, warum Schauspieler Hannes Jaenicke zusammen mit den Reichlingern protestiert hat: Gas-Pionier Nicholson will im Gebiet „Lech-Ost“ nach Gas bohren, das Areal erstreckt sich über eine Fläche von 100 Quadratkilometern nördlich und östlich von Reichling; bis hin zum Ammersee. Dort wohnt TV-Star Jaenicke.
„In Reichling bietet sich die Chance, die heutigen Abhängigkeiten von klimaschädlichen Importen zu reduzieren und gleichzeitig auf eine regionale, bezahlbare Energiequelle zu setzen“, erklärt der Sprecher des Projekts. Haben die Proteste etwas an der Planung geändert? „Nein, denn die Fakten, die für regionale Energiequellen sprechen, liegen auf der Hand.“
„Koa Gas!“
Eigentlich sollten die Probebohrungen schon im vergangenen Jahr starten. „Der Termin wurde dann immer wieder verschoben. Natürlich haben wir die Hoffnung, dass es wegen der Proteste ist“, sagt Saskia Reinbeck, Energie-Expertin von Greenpeace Bayern. Mehrfach hat sie mit Anwohnern und anderen Aktivisten gegen das Projekt protestiert. Sie haben sich mit Transparenten wie „Koa Gas!“ auf das Reichlinger Feld gestellt, sind mit Papp-Bohrtürmen vors bayerische Wirtschaftsministerium gezogen. So haben sie den Fall in die Öffentlichkeit gebracht. „Unser Einsatz ist ein Erfolg für die Klimaschutzbewegung. Die Förderung von Gas in Deutschland ist ein Rückschritt. Wir müssen aus der fossilen Energie aussteigen“, sagt Reinbeck.
Dass die neue Regierung die Potenziale heimischen Erdgases nutzen will? „Das bestätigt unsere Befürchtung, dass es mit einer Probebohrung nicht vorbei sein wird. Es drohen für Bayern und darüber hinaus weitere Gasbohrungen.“
Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erklärt: „Der Koalitionsvertrag enthält den Auftrag, die Potenziale konventioneller Gasförderung im Inland zu nutzen.“ Die heimische Rohstoffförderung biete gegenüber dem Import entscheidende Vorteile: Sie sei in der Regel sicherer, kosteneffizienter, klimafreundlicher und sorge für Wertschöpfung in Deutschland. Allerdings sei die Gasförderung in Deutschland seit langem rückläufig. Auch bei den Reserven sei der Trend rückläufig. „Grundsätzlich kann die heimische Förderung somit nur sehr begrenzt zur Gasversorgungssicherheit beitragen.“ Sind schon konkrete Projekte geplant? „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir in dieser frühen Phase zu konkreten Maßnahmen und Initiativen noch keine Aussagen machen können“, sagt die Sprecherin.
Ob in Reichling wirklich Gas gefördert wird – das steht längst noch nicht fest. Auf dem Gelände wurde Anfang der 1980er-Jahre schon mal probegebohrt, es gibt bereits ein Bohrloch. Dieses dürfen die Investoren aus Nordamerika laut der Genehmigung „reaktivieren“ und bis zu 1000 Meter tief bohren. Von dort dürfen sie neu bis in eine Tiefe von 3400 Metern bohren – und messen, ob sich die Förderung lohnt. Für die Förderung brauchen sie allerdings eine weitere Genehmigung. Und gegen eine mögliche Genehmigung kündigt Greenpeace-Aktivistin Reinbeck schon mal heftigen Widerstand an. Der Protest habe die Probebohrungen nicht verhindern können, sagt sie: „Aber wir haben trotzdem die Hoffnung, dass das Unternehmen abspringt. Weil es ihnen zu unbequem wird.“
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