China und USA senken Zölle: Einigung im Handelskrieg? „Das Grundproblem wird man nicht wegbekommen“
China und die USA haben im laufenden Handelsstreit eine Senkung ihrer gegenseitigen Zölle beschlossen. Wie aus einer gemeinsamen Erklärung hervorgeht, gilt die Regelung vorübergehend für 90 Tage. Demnach sinken US-Zölle auf chinesische Importe auf 30 Prozent. Zuvor lagen diese bei 145 Prozent. Die Aufschläge Pekings gegen Einfuhren aus den Vereinigten Staaten gehen von 125 Prozent auf 10 Prozent zurück.
Eine endgültige Einigung ist das aber nicht. Daher bleibt aus Sicht des Investors Hendrik Leber die Unsicherheit bestehen. In einer ersten Reaktion auf die Erklärung der beiden Länder sagte er gegenüber der WirtschaftsWoche, er sehe den Prozess noch weit von einem Abschluss entfernt. „Die Frage ist, wie hoch bleiben die Zölle. Das Grundproblem, dass die Amerikaner zu viele Waren aus China konsumieren, wird man nicht wegbekommen.“ Würden die Zölle zwischen den USA und China schlussendlich bei 80 Prozent liegen, wäre aus Sicht des Experten noch nicht viel gewonnen – selbst bei 20 Prozent wäre es für die Amerikaner weiterhin teuer.
USA und China: Gespräche in Genf
Der jetzt verkündeten Einigung zwischen China und den USA gingen am vergangenen Wochenende Beratungen in Genf voran, Delegationen beider Seiten waren hierzu in die Schweiz gereist. Zur Veröffentlichung der gemeinsamen Erklärung sagte US-Finanzminister Scott Bessent in Genf, man sei sich bei den Gesprächen schnell einig gewesen, dass keine Seite an einer Entkopplung der Volkswirtschaften interessiert sei. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer sagte, der vereinbarte Gesprächskanal werde verhindern, dass sich eine Eskalation mit Zöllen und Gegenzöllen wie seit April wiederhole.
In Peking verwies das Außenamt in seinem täglichen Briefing zunächst auf die gemeinsame Erklärung. Nach Angaben des Handelsministeriums in Peking wollen sich die USA und China nun in engem Kontakt weiter austauschen. Teil dessen sollen regelmäßige Beratungen in China und den USA oder einem Drittstaat sein. China hoffe, dass die USA dieses Treffen als Grundlage nutzen würden, um die „fehlerhafte Praxis der einseitigen Zölle gründlich zu korrigieren“, hieß es.
Laut Vize-Ministerpräsident He Lifeng, der die Delegation der Volksrepublik in Genf anführte, war das Treffen ein wichtiger Schritt, um die Meinungsverschiedenheiten durch Dialog zu lösen und die Grundlage zur Vertiefung der Zusammenarbeit zu legen, wie das Staatsfernsehen nach den Gesprächen berichtet hatte.
An den Gesprächen in Genf nahmen unter anderem US-Finanzminister Scott Bessent und der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer teil. Mit China und den USA streiten sich die beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Unter den zuvor herrschenden Zöllen war ein Handel zwischen beiden Ländern faktisch nicht mehr möglich, was sich auch auf die Weltwirtschaft ausgewirkt hatte.
Darauf verwies auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, von der Einigung zeigte er sich erleichtert: „Das ist eine gute Nachricht. Ohne diese Pause wäre der direkte Handel zwischen den USA und China nahezu zum Erliegen gekommen. Das hätten beide Seiten sich nicht lange leisten können.“ Den USA hätte sonst Stagflation oder sogar eine Rezession bei gleichzeitig steigender Inflation gedroht, erklärt Schmieding weiter.
Erleichterung an den Finanzmärkten
Die Nachricht von der Einigung wurde an den Märkten am Montag besonders positiv aufgenommen. So stieg der Aktienkurs des dänischen Reedereiriesen Maersk im frühen Handel zunächst um rund 10 Prozent. Der Dax legte zum Wochenbeginn auf einen Rekordwert zu. Kurz nach dem Börsenstart sprang der deutsche Leitindex um 1,54 Prozent auf 23.861,01 Zähler hoch. Auch die Märkte in Asien bauten ihre Gewinne nach den Neuigkeiten deutlich aus.
„Durch eine Einigung zwischen China und USA wird das Leben für die deutsche Autoindustrie erheblich stressfreier“, sagte der Direktor des Bochumer Autoinstituts CAR, Ferdinand Dudenhöffer. „BMW und Mercedes produzieren SUV in den USA, die auch nach China exportiert werden.“ Das helfe, die Kosten zu stabilisieren - was wiederum wichtig für Erfolg auf dem zentralen Markt China sei, sagte Dudenhöffer. Im ersten Quartal hatten die deutschen Autobauer vor allem wegen Problemen in China deutliche Gewinneinbrüche hinnehmen müssen.
Als „sichere Häfen“ bekannte Investments wurden von der chinesisch-amerikanischen Abmachung hingegen belastet. Der Preis für Gold, einer beliebten Investment-Alternative in Krisenzeiten, fiel deutlich. Am Morgen sank die Notierung für eine Feinunze (etwa 31,1 Gramm) auf rund 3.233 US-Dollar und wurde damit etwa 91 Dollar tiefer gehandelt als am Freitag.
Noch nicht ausgestanden
Vorsicht ist jedoch weiter angebracht, sagt Leber. Er sieht in der Nachricht eine Erleichterung, aber kein Ereignis, das dem zuvor existierenden Status quo entspricht. Er sieht mittelfristig wenig Handlungsspielraum für die Wirtschaftsakteure. „Stimmen die Berichte, wonach aktuell keine Schiffe von Shanghai aus unterwegs sind, wird es mindestens vier Wochen dauern, bis neue Lieferungen starten. In dieser Zeit haben wir enorme Disruptionen.“
Eine schnelle Einigung auf ein umfängliches Handelsabkommen hält er mit Blick auf ähnliche Verhandlungen für unwahrscheinlich, Handelsabkommen wie TTIP oder Mercosur hätten bis zu zehn Jahre in Anspruch genommen. Auch vor dem Hintergrund der Vereinbarung zwischen den USA und dem Vereinigten Königreich sagte Leber: „Das sind für mich keine echten belastbaren Deals. Und der Schaden ist angerichtet. Die Entscheidungen der Wirtschaftsakteure stehen jetzt unter stärkerer Unsicherheit.“
Insgesamt sieht Hendrik Leber einen Vertrauensbruch der USA, der anhaltenden Schaden verursacht hat. „Wäre ich China, wäre ich jetzt einfach vorsichtig. Ich würde den Amerikanern nicht mehr trauen.“ Für die Lieferung von Sojasprossen würde er sich beispielsweise nach alternativen Lieferanten in Südamerika umsehen.
Die aktuelle Politik der USA hat seinen Worten nach auch bei ihm Spuren hinterlassen: Der Investor habe sich aus Sorge um seine Daten bewusst gegen die Cloud-Lösung von Microsoft entschieden. Er gehe davon aus, dass ähnliche Überlegungen aktuell weit verbreitet sind und Manager hierzulande der Ansicht sind: „Wer weiß, was die Amis sich als Nächstes einfallen lassen?“
Streit im April eskaliert
US-Präsident Donald Trump will mit Zöllen dafür sorgen, dass Firmen ihre Produktion in die USA verlagern und damit den Standort stärken. Besonders China warf er unfairen Handel vor. Auch die chinesische Wirtschaft sei unausgewogen, sagte Finanzminister Bessent und sprach zudem von Überproduktion.
Peking und Washington hatten seit der Eskalation im Handelsstreit im April jeweils demonstrativ Stärke signalisiert. Doch jüngste Wirtschaftsdaten Chinas zeigten bereits, dass der Handel mit den USA im April eingebrochen war, die Container-Buchungen in die USA stark fielen. Die Stimmung im produzierenden Gewerbe trübte sich ein.
China kämpft ohnehin schon länger mit wirtschaftlichen Problemen im Inland, obwohl die herrschende Kommunistische Partei für dieses Jahr erneut ein ambitioniertes Wachstumsziel von rund fünf Prozent anpeilt. Das drängendste Problem ist der schwache Konsum, den Peking bislang kaum in Gang bekommt. Zudem plagt das Land eine hohe Arbeitslosenrate unter jungen Menschen.
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