Trump gegen Harvard: Amis, macht doch rüber

Wer die Welt mit bahnbrechender Forschung voranbringen will, für den sind die USA oft die erste Wahl. Kein anderes Land lockt mehr Studierende und Wissenschaftler an. Kein anderes Land hat so viele Universitäten, die Nobelpreisträger hervorbringen. Kein anderes Land bietet bessere Chancen, es vom Mensa-Tisch zum Milliardär zu schaffen.
Viele der internationalen Studierenden bleiben nach ihrem Abschluss im Land, sie steigen bei Konzernen ein – oder gründen selbst ein Unternehmen, das auf ihren Forschungserkenntnissen basiert. Google-CEO Sundar Pichai, Microsoft-Chef Satya Nadella und Tesla-Chef Elon Musk sind nur drei von Tausenden, die Technologien revolutioniert und Amerikas Wachstum vorangebracht haben. Wissenschaftskraft und Wirtschaftsmacht, das ging in den USA bisher Hand in Hand.
Vom „Brain Drain“ zum „Brain Gain“
Doch jetzt treibt Trumps Regierung die Top-Talente aus dem Land – und Deutschland könnte davon profitieren. Damit aus Amerikas „Brain Drain“ ein „Brain Gain“ für die Bundesrepublik werden kann, muss die Regierung andere Prioritäten setzen. Denn wer sich für Harvard entscheidet, denkt bisher nicht an Hannover oder Heilbronn als Alternative.
Seit der Amtsübernahme attackiert Trumps Regierung Forschungsinstitutionen: Milliarden-Förderungen werden gestrichen, politische Vorgaben für Projekte gemacht, doch am Donnerstag kam es nun zu einem bisher einzigartigen Eklat.
Die Harvard-Universität soll keine ausländischen Studierenden mehr aufnehmen dürfen. Wer bereits eingeschrieben ist, muss die Uni wechseln – oder die USA verlassen. Eine Vergeltungsmaßnahme, weil Harvard angeblich Washingtons Forderungen nicht erfüllt, etwa zum Kampf gegen Antisemitismus. Die Universität bestreitet die Vorwürfe.
Harvard klagte am Freitag postwendend gegen die neue Schikane der Trump-Regierung. Mit Erfolg: Eine Bundesrichterin hat dem Vorhaben per einstweiliger Verfügung einen Riegel vorgeschoben – vorerst. Schon vorher hatte sich die Uni vehement gegen immer neue Auflagen gewehrt, doch der Präsident will sie offenbar in die Knie zwingen – und damit andere Unis einschüchtern, bevor sie sich dem Widerstand anschließen. Der Exmatrikulations-Zwang dürfte die Wissenschaftswelt in den Vereinigten Staaten jedoch schon jetzt nachhaltig erschüttern.
Denn selbst wenn Washington die Anordnung zurücknimmt, erreicht die Regierung ihr offensichtliches Ziel: die größtmögliche Verunsicherung. Welche Drohungen und Drangsalierungen folgen als Nächstes? Welche Mittel werden noch gestrichen? Welche Wörter dürfen noch benutzt werden, damit der Forschungsantrag nicht gleich geschreddert wird? Klimawandel und Diversität? Wohl eher nicht.
Dagegen aufbegehren? Das trauen sich bisher nur die wenigsten Unis und Wissenschaftler. Und nach dem Harvard-Eklat werden es womöglich noch weniger sein – aus Angst, dass auch sie ins Visier geraten.
Erste Top-Forscher verlassen bereits das Land
Wissenschaftsfreiheit? Sieht anders aus – was umso bemerkenswerter ist, nachdem US-Vizepräsident JD Vance noch bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar den Deutschen vorgeworfen hatte, dass bei ihnen keine Meinungsfreiheit herrsche.
Erste Top-Forscher haben die USA bereits verlassen, weitere könnten nach den neuesten Drohungen folgen. Um sie über den Atlantik zu locken, wird der Verweis auf Deutschlands verfassungsrechtlich garantierte Wissenschaftsfreiheit nicht reichen – sondern die Bundesregierung muss den Wissenschafts- und Forschungsstandort zur Priorität machen. Auch finanziell. Was das heißt?
Nur 539 Millionen Euro für deutsche Top-Unis
Ein Beispiel: Statt jährlich acht Milliarden Euro in die Ausweitung der Mütterrente und die Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie zu investieren, sollte das Geld in die Innovationskraft des Standorts gesteckt werden. Denn die klugen Köpfe werden sicher nicht deshalb nach Deutschland kommen, weil die Schnitzel günstiger sind – sondern dann, wenn die Forschungsinstitute exzellent ausgestattet und die Gehälter wettbewerbsfähig sind.
Für ihre neue Exzellenzstrategie wollen Bund und Länder aber gerade einmal 539 Millionen Euro ausgeben, wie die neue Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) am Donnerstag mitteilte. 539 Millionen Euro für 70 Exzellenzcluster an 43 deutschen Universitäten – verteilt auf sieben Jahre. Aber vier Milliarden Euro für eine günstigere Gastro-Steuer, die womöglich nicht einmal an Restaurant-Kunden weitergeben wird? Das ist die falsche Prioritätensetzung, wenn es um die Zukunftsfähigkeit des Landes geht.
Doch Geld allein reicht ohnehin nicht, damit der „Brain Gain“ gelingt. Überbordende Bürokratie muss abgebaut, Verfahren müssen beschleunigt werden. Allein in der Frankfurter Ausländerbehörde stapeln sich derzeit 14.000 unbearbeitete Fälle. Mit einer „Work-and-stay-Agentur“ will die neue Regierung jetzt die Fachkräftegewinnung digitalisieren und Tempo machen. Richtig so! Aber bitte nicht wieder im Föderalismus verheddern, weil am Ende jedes Land seine eigene Plattform bauen will.
„Choose Germany!“ – das muss Friedrich Merz’ Motto für Investoren wie für Top-Talente sein. Dieser Satz darf aber kein hohler Slogan bleiben, sondern er muss ein Versprechen werden, dass sich die Entscheidung für Deutschland lohnt. Wenn das gelingt, könnte die Bundesrepublik Washingtons absurde Schikane in ihren Vorteil verwandeln.
Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.