Kinder, Küche, Karriere #18: „Ohne einen Kalender, auf den meine Kinder Zugriff haben, würde es nicht laufen“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Thomas ist 55 Jahre alt, Senior Manager Global Digital Marketing bei einem Sanitärhersteller und seit zehn Jahren alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Seine älteste Tochter (21) ist inzwischen zum Studium in eine andere Stadt gezogen. Die zwei Jahre jüngere wohnt noch zu Hause in Baden-Württemberg.
WirtschaftsWoche: Thomas, deine Töchter sind erwachsen. Eine wohnt noch zu Hause, die andere ist jetzt ausgezogen. „Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen“, würdest du das unterschreiben?
Thomas: Große Sorgen habe ich zur Zeit Gott sei Dank nicht, aber das kann natürlich noch kommen (lacht). Es sind jetzt einfach andere Themen, die anstehen. Meine ältere Tochter macht zum Beispiel bald ein Auslandssemester, da geht es dann um so praktische Dinge wie Versicherungen und nicht mehr um Organisatorisches wie „Wann ist der nächste Kieferorthopädentermin?“ und „Wie passt das in meine Meetingstruktur hinein?“. Das verlagert sich ein bisschen.
Vor zehn Jahren starb deine Frau und du wurdest alleinerziehender Vater. Damals waren deine Töchter 11 und 9 Jahre alt. Wie lange hat es gedauert, bis ihr wieder einen geregelten Alltag hattet?
Wir haben versucht, relativ zeitnah wieder in eine Struktur hineinzufinden. Einfach, um uns ein Treppengeländer rechts und links zu zimmern … Es gab da Hilfsplanken für uns. Wir haben zum Beispiel über einen Verein eine Haushaltshilfe bekommen. Das hält den Rücken frei und hilft, den Alltag wieder Schritt für Schritt zurückzuerobern. Aber es dauert natürlich seine Zeit. Es ist schwer zu beziffern, weil es ja auch nachwirkt. Ich würde sagen, jahrelang. Das ist wahrscheinlich noch nicht mal übertrieben.
Hattest du denn Unterstützung aus deinem Umfeld?
Verwandtschaft in der Nähe hatten wir nicht, weil wir aus beruflichen Gründen nach Baden-Württemberg gezogen sind. Wir wohnten dort noch nicht lange. Das Netzwerk vor Ort hielt sich also in Grenzen. Aber es gab dann schon viele helfende Hände – angefangen beim Krankenhaus und dem dortigen Sozialdienst über die Haushaltshilfe bis zur Schule. Und Nachbarn, Freunde, Bekannte und Klassenkameraden.
Gibt es etwas, das du dir im Nachhinein noch gewünscht hättest?
Schwer zu sagen. Ich glaube aber, ich würde im Nachhinein eine längere berufliche Auszeit nehmen. Mein Arbeitgeber hatte es mir sogar angeboten. Es wäre klug gewesen, etwas stärker auf die Bremse zu treten, um sich selbst zu ordnen. Wir hatten eine kleine Durchschnaufphase von etwa sechs Wochen und dann haben wir versucht, wieder Routine zu bekommen. Immer unter der Prämisse, dass ich meine Töchter von der Schule abholen kann, wenn es ihnen nicht gut geht.
Wieso hast du keine längere Auszeit genommen? Hattest du Sorge vor finanziellen Auswirkungen oder den Folgen für deine Karriere?
Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Aber ich hatte das Gefühl, es hilft uns, wenn wir uns nicht nur in unser Schicksal zurückziehen, die Kinder wieder in ihrem Freundeskreis sind und nicht nur zu Hause hocken und trauern. Es gab auch Dinge, die anstanden, zum Beispiel der Übergang meiner Tochter in die weiterführende Schule. Das war ein wichtiges Thema, mit dem wir uns beschäftigen mussten.
Welcher Zeitraum wäre gut gewesen?
Drei Monate, würde ich schätzen. Man muss ja wieder zurück ins Leben finden, auch wenn es hart ist und man solche Dinge nicht abschütteln kann, will und soll.
Was können Arbeitgeber in so einer Situation noch tun, um zu unterstützen?
Mein direkter Vorgesetzter hat mich sehr schnell angerufen und sein Chef ebenso. Da war direkt die Frage an mich: „Was brauchst du?“ Bei meinem Arbeitgeber gibt es eine Sozialberatung. Und es hat mir geholfen, dass ich keinen Druck verspürt habe, mich festzulegen, wann ich wieder arbeite. Ich war zu der Zeit Teamleiter und mir wurde auch eine Besprechung mit meinem Team vor der Rückkehr angeboten. Das war sehr gut organisiert. Dafür bin ich sehr dankbar.
Welche Rolle hattest du denn als Vater vor dem Tod deiner Frau? Hast du Elternzeit genommen, als die Kinder klein waren?
Heute ist das bei jüngeren Kollegen ein No-Brainer, aber ich habe damals keine Elternzeit genommen. Ich konnte immer schon viel von zu Hause aus arbeiten und dadurch, dass mein Arbeitgeber über Ziele führt und nicht über physische Anwesenheit, konnte ich auch Dinge wie zum Beispiel die U-Untersuchungen der Kinder übernehmen. Meine Frau war freie Journalistin und hat von zu Hause aus gearbeitet. Wir haben uns ganz gut aufgeteilt – sicher nicht fifty-fifty, aber ich würde mich als sehr präsenten Vater bezeichnen. Auch heute noch arbeite ich nur ein, zwei Tage am Unternehmenssitz und bin den Rest der Woche im Homeoffice.
Wenn du vorher nicht so ein präsenter Vater gewesen wärst, wäre die Umstellung zum Alleinerziehen wahrscheinlich schwieriger geworden, oder?
Auf jeden Fall, denn als Alleinerziehender ist man Mama und Papa in einer Person …
Wie schaffst du das?
Ich weiß, das klingt jetzt sehr kalt, aber Strukturierung ist alles. Ohne mein Handy und den Kalender, auf den meine Kinder Zugriff haben, würde es nicht laufen. Ich habe auch Excel-Listen, zum Beispiel eine Checkliste für den Urlaub. Denn das Problem ist nicht, wenn alles nach Plan läuft, sondern, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Organisatorische Kniffe helfen dann, damit der Laden einigermaßen läuft und keine groben Fehler passieren. Ich würde sagen, das Rezept lautet Projektmanagement plus emotionale Wärme plus Spontaneität.
Hat dir eher die Erfahrung aus dem Job beim Familienleben geholfen oder umgekehrt?
Ich glaube beides. Selbstorganisation hilft, wenn man es mit Blick auf einen Job gelernt hat, auch im Familienleben. Speziell, wenn man beides miteinander kombinieren muss. Hinzu kommt: Ich habe Glück, dass ich eher ein ruhiger, gelassener Typ bin und von Natur aus ein relativ hohes Energielevel habe. Außerdem ist es wichtig, auch wieder „herunterfahren“ zu können.
Wie denn?
Man sollte sich zumindest kleine Auszeiten verschaffen. Man neigt ja dazu, die ganze Aufmerksamkeit beim Arbeitgeber und den Kindern zu haben. Dabei sollte man sich selbst nicht komplett aus den Augen verlieren. Damit ist niemandem geholfen. Das Tückische ist, dass man das manchmal zu spät bemerkt. Bei allem Perfektionismus muss man wissen oder erahnen, wo es auch die 80-Prozent-Lösung tut – und auch mal ertragen, wenn die Schmutzwäsche mal ein paar Tage länger in der Ecke liegt.
Was für Pausen schaffst du dir?
In der Mittagspause zu Hause höre ich gerne Musik. Ich kenne auch Kollegen, die Entspannungs-Apps nutzen oder Yoga praktizieren. Auch einfach mal gezielt den Stift wegzulegen, tut gut. Es muss nicht immer eine lange Pause sein. Und man sollte keine falsche Scheu haben, sich Hilfe zu holen. Wenn man zum Beispiel eine Reinigungskraft hat, muss man die Zeit nicht nur für die Arbeit oder die Kinder nutzen, man kann auch einfach mal auf dem Sofa sitzen und regenerieren.
Hast du auch Zeit, Freunde zu treffen oder mal was alleine zu unternehmen?
Ja, die versuche ich, mir bewusst zu nehmen. Ich bin abends auch oft platt, muss ich zugeben. Ich könnte nicht jeden zweiten Tag Abendtermine wahrnehmen. Man muss es aber regelmäßig versuchen, sonst geht man ein wie eine Primel. Man braucht soziale Kontakte und andere Themen als Kinder, Alltag und Staubwischen. An freien Abenden versuche ich auch, mal etwas zu lesen, damit ich nicht immer um die gleichen Themen kreise.
Du hast neulich auf LinkedIn über deinen Alltag als alleinerziehender Vater berichtet. Woher kam der Impuls dazu?
Ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie komplex der private Alltag – nicht nur bei Alleinerziehenden – aussieht. Ich habe eine alleinerziehende Kollegin, mit der ich mich gerne austausche, und staune jedes Mal, was sie alles schafft. Um das mal exemplarisch aufzuzeigen, habe ich aufgeschrieben, wie mein Alltag aussieht – den der anderen kenne ich ja nicht so gut. Es hat mich dann doch überrascht, wie viele den Post gelesen haben und wie viele Nachrichten ich bekommen habe. Es hat die Leute offensichtlich bewegt.
Wie hast du es im Job gemacht, wenn du spontan mit einem Kind zum Arzt musstest oder aus anderen Gründen kurzfristig gefragt warst?
Mit voller Transparenz: Wenn ich weiß, es steht ein Termin an, blocke ich ihn im Kalender und kommuniziere auch, wieso ich vorübergehend nicht zu erreichen bin. Das machen bei uns alle so. Wir haben lange Arbeitszeiten und wenn dann mal ein Termin tagsüber ansteht, ist das auch okay. Wenn etwas Unvorhergesehenes mit dem Kind ist, hat das halt Priorität.
Wie hast du die Kinder an Büro-Tagen versorgt?
Ich konnte das recht flexibel organisieren und auch mal erst mittags ins Büro gehen oder vom Büro ins Homeoffice wechseln.
Für alle, die deinen LinkedIn-Post nicht gelesen haben: Wie würdest du einen normalen Tag bei euch beschreiben?
Der Tag beginnt bei mir um fünf Uhr. Da räume ich die Spülmaschine aus und füttere unsere Katzen. Ich schmiere Schulbrote und werfe schon mal einen Blick in die Mails. Meine Tochter steht um sechs Uhr auf, um sieben Uhr fährt ihr Bus. Ich verlasse dann auch das Haus oder setze mich ins Homeoffice. Im Büro bin ich meistens gegen acht Uhr und dann nimmt der Tag seinen Lauf.
Wann hast du Feierabend, was den Job und die Carearbeit angeht?
Inzwischen habe ich nach dem Abendessen keine großen Aufgaben mehr, da reden wir eher darüber, wie unser Tag war. Ich klappe manchmal noch den Laptop auf und erledige Dinge für meine Aufgaben in einem Aufsichts- und einem Verwaltungsrat. Von 2020 bis 2023 habe ich zudem berufsbegleitend promoviert. In der Zeit musste ich noch ein bisschen früher aufstehen und ein bisschen später ins Bett gehen.
Wie hast du denn nebenbei noch eine Promotion gestemmt?
Ich bin eine Stunde früher aufgestanden, habe die Spülmaschine mal links liegen lassen und abends mit Open End gearbeitet. Und am Wochenende: Samstags haben die Kinder ausgeschlafen, ich habe mich online in das Doktoranden-Seminar eingewählt, mittags einen Teller Pasta gekocht und gegen 14, 15 Uhr war es vorbei und Zeit für einen Wocheneinkauf. Interviews konnte ich zum Glück mit Zustimmung meines Arbeitgebers tagsüber führen. Aber dass es nach drei Jahren zu Ende war, war dann auch okay. (lacht) Es war schon wichtig, dass es ein überschaubarer Zeitraum bleibt.
Warst du nicht überlastet?
Es war einerseits ein Freiraum, mich nochmal intensiv mit einem anderen Thema zu beschäftigen. Andererseits war es natürlich eine zusätzliche Belastung. Aber es hat meinem Ego gut getan. Und ich wusste ungefähr, worauf ich mich einlasse, weil ich vor dem Tod meiner Frau berufsbegleitend meinen MBA gemacht hatte.
Wenn die Kinder jünger gewesen wären, hättest du wahrscheinlich nicht promovieren können, oder?
Genau, ich habe auch mit ihnen gesprochen und mir extra einen Anbieter herausgesucht, bei dem es gut passte. Da hat mir die Pandemie fast schon in die Hände gespielt, denn dadurch konnte ich alles komplett remote machen und hatte keinen einzigen Präsenztermin, abgesehen von der Verteidigung am Ende.
Hast du mal darüber nachgedacht, in Teilzeit zu arbeiten?
Nein. Aber das hätte ich ohne zu zögern getan, wenn ich gemerkt hätte, die Kinder brauchen mich. Beim geringsten Verdacht, dass es mit Vollzeit-Job nicht funktioniert, hätte ich sofort mit meinem Arbeitgeber geredet. Das gilt auch heute noch.
Hatte die Vaterschaft negative Auswirkungen auf deine Karriere?
Nein. Aber wenn das anders gewesen wäre, wäre es auch okay. Wir sind mit Glück, Zufall, ein bisschen Geschick und Organisation den Umständen entsprechend gut durch die Situation gesegelt. Abzusehen war das nicht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im Juni 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.
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