1. Startseite
  2. Politik
  3. Konjunktur
  4. Wirtschaftspolitik: „Die Wirtschaftsweisen sollten zum Ökonomie-TÜV werden“

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will neue Wirtschaftsberater um sich versammeln Foto: IMAGO/Mike Schmidt

Wirtschaftspolitik„Die Wirtschaftsweisen sollten zum Ökonomie-TÜV werden“

Auf welche Ökonomen hört die Regierung – und wie gut ist die wissenschaftliche Politikberatung in Deutschland? Der Ökonom Rudi Bachmann kritisiert Wildwuchs und fordert Reformen.Bert Losse 12.06.2025 - 06:04 Uhr

WirtschaftsWoche: Herr Bachmann, die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will in ihrem Haus ein neues wirtschaftspolitisches Beratungsgremium installieren – mit liberalen Köpfen wie Veronika Grimm, Justus Haucap und Volker Wieland. Eine gute Idee? 
Rüdiger Bachmann: Ja und nein. Ganz neu ist diese Idee ja nicht. Der ehemalige Finanzminister Christian Lindner hatte sich meinen liberalen Kollegen Lars Feld als Berater ins Haus geholt, der neue Finanzminister Lars Klingbeil setzt auf die Dienste des SPD-freundlichen Jens Südekum. Da ist es schon ein Fortschritt, dass sich Frau Reiche zumindest von mehreren Personen ökonomisch beraten lässt. Jeder Wissenschaftler hat ja inhaltlich blinde Flecken.

Aber? 
Ein Ökonomenstab, der Politiker zielführend beraten will, braucht fachliche und inhaltliche Diversität. Die fachliche Diversität scheint mir in dem neuen Gremium gegeben: Justus Haucap ist Wettbewerbsökonom, Volker Wieland ist Makroökonom und Geldtheoretiker, Veronika Grimm kennt sich mit Experimentalökonomie und Umweltökonomie aus. Was aber womöglich fehlt, ist inhaltliche Diversität. Ich glaube nicht, dass Sachdiskussionen in diesem – dezidiert liberalen – Kreis besonders lange dauern. Insofern scheint hier eine beengte Form der Beratung zu entstehen, bei der die Berater das sagen, was die Ministerin hören will und als Argumentationshilfe nutzen kann.

Ökonom Rüdiger Bachmann Foto: picture alliance / teutopress
Zur Person
Rüdiger „Rudi“ Bachmann ist deutsch-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, sein Forschungsschwerpunkt ist die Makroökonomie. Er lehrte zunächst an den Universitäten von Aachen und Frankfurt am Main, seit 2014 ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Notre Dame im Bundestaat Indiana in den USA. Er war außerdem Gastprofessor an den Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften der University of Pennsylvania, der University of Michigan, der Harvard University und der Yale University.

Das Wirtschaftsministerium hat bereits einen wissenschaftlichen Beirat. Braucht man den jetzt noch? 
Das ist eine berechtigte Frage. In diesem Gremium sitzen natürlich honorige Personen, aber die Arbeitsweise und die Besetzung des Beirats passen nur noch schwer zum politischen Alltagsgeschäft – und überhaupt nicht zu Krisenzeiten.

Was meinen Sie damit? 
Der Beirat ist ein sehr langsam arbeitendes Gremium. Man trifft sich ein paar Mal im Jahr und veröffentlicht ab und zu ein Gutachten. Zudem leidet der Beirat unter personeller Gerontokratie: Seine Mitglieder werden in der Regel auf Lebenszeit berufen. Das heißt: Ein Teil des Gremiums besteht aus seit Jahren emeritierten Wissenschaftlern, die nicht mehr am Puls der Zeit und auf dem Stand der Forschung sind. Eine Ad-hoc-Konferenz per Videoschalte dürfte für Ministerin Reiche mit ihrem neuen Beraterstab deutlich einfacher werden.

Erleben wir in Deutschland eine schleichende Hinwendung zum US-Modell der Politikberatung? In den USA holen sich die Präsidenten ja seit jeher politisch nahestehende Ökonomen in die engsten Stäbe.
Ja, aber das lässt sich institutionell nicht vergleichen. Vor allem bezweifle ich die vielfach geäußerte These, in den USA hätten Ökonomen wegen ihrer Nähe zur Politik mehr Einfluss auf konkrete Entscheidungen. Das traf unter Barack Obama noch zu, unter Joe Biden schon nicht mehr. Und bei Donald Trump ist wirtschaftspolitische Beratung ohnehin sinnlos.

In welchem Zustand sehen Sie allgemein die ökonomische Politikberatung in Deutschland? 
Es gibt in der wissenschaftlichen Politikberatung kein rationales Institutionengefüge mehr – sondern Wildwuchs.

Welche Rolle spielt dabei der – personell zerstrittene – Sachverständigenrat (SVR)?
Der Rat hat derzeit ein sehr schlechtes Image, bedingt durch die unsäglichen internen Querelen. Aber er ist besser als sein Ruf. Seine Aufgaben erfüllt der SVR noch erstaunlich gut. Ich finde es richtig, dass sein Hauptgutachten nicht mehr so dick ist und es ein separates Frühjahrsgutachten gibt. Es war auch eine vernünftige Entscheidung, mit Ulrike Malmendier erstmals eine Ökonomin zu berufen, die in den USA arbeitet und somit einen Außenblick auf Deutschland hat.

Welche institutionellen Reformen der Politikberatung schlagen Sie vor? 
Bei den wissenschaftlichen Beiräten sollte man die Amtszeit begrenzen und zum Beispiel die Mitgliedschaft bei Emeritierung auslaufen lassen. Ich würde auch, da man ja jetzt immer mehr direkt politikerberatende Gremien hat, den SVR anders aufstellen. Und zwar als Ergänzung, sozusagen in die andere Richtung gehend, komplett politikfern. Man könnte ihn in eine Art „Ökonomie-TÜV“ umbauen, der wichtige wirtschaftspolitische und soziale Fragen für die Öffentlichkeit wissenschaftlich seziert. Ein solches Gremium der „Volksberater“ müsste vom Bundestag nach öffentlichen Anhörungen berufen werden und nicht von der Exekutive.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick