Seltene Erden: Kollektives Versagen, kollektive Folgen

Auch wenn viele Details zur Einigung zwischen den USA und China bei schweren Seltenen Erden noch nicht bekannt sind, spricht gerade einiges dafür, dass sich die Lage auch für Deutschlands Industrie in den nächsten Wochen etwas entspannen könnte. Waren die primären Ziele der von China verhängten Exportkontrollen doch die USA, ihre Regierung um Donald Trump und die Rüstungswirtschaft des Landes. Doch selbst wenn die Ausfuhren dieser Rohstoffe aus China jetzt wieder anlaufen sollten, muss es für die deutsche Industrie die finale Warnung gewesen sein. Sie muss ihr Rohstoffproblem – besonders bei schweren Seltenen Erden – endlich in den Griff bekommen.
Es kann nicht sein, dass Rohstoffhändler und die Rohstoffagentur des Bundes die deutschen Konzerne seit mehr als zehn Jahren ermahnen, sich Reserven aufzubauen. Und dann, nachdem China Anfang April Exportkontrollen für Dysprosium, Terbium, Yttrium & Co. verhängt hat, stellen die Konzerne fest, dass ihre Lagerbestände nur für einen oder anderthalb Monate reichen. Das ist auch unverantwortlich gegenüber den eigenen Aktionären.
Es kann nicht sein, dass Vorstände die langfristige Arbeitsfähigkeit von Unternehmen kurzfristigen Gewinnzielen opfern. Seltene Erden stecken heute etwa in der Autoindustrie überall – in der Servolenkung, in Fensterhebern, in elektrisch verstellbaren Sitzen und natürlich in den Antrieben von E-Fahrzeugen. Der koreanische Autohersteller Hyundai macht vor, dass eine Vorsorge hier möglich ist. Er verfügt über einen Jahresvorrat dieser kritischen Rohstoffe.
Es kann nicht sein, dass die Bundesregierungen der vergangenen Jahre keine ausreichende Vorkehrung getroffen haben, um langfristig sicherzustellen, dass Deutschlands Industrie die Seltenen Erden nicht ausgehen. Vor allem, weil neben der Autoindustrie und den Maschinenbauern auch die Rüstungsindustrie aus heutiger Sicht nicht ohne solche Rohstoffe auskommen kann. So spielt etwa Yttrium eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die Außenhaut von Kampfjets und Lenkflugkörpern stabil und hitzebeständig zu machen.
Lehmboden vs. Fels
Dem Staat muss seit Jahren klar gewesen sein, dass er es nicht der Privatwirtschaft allein überlassen konnte, außerhalb von China und Myanmar Bergwerke für schwere Seltene Erden aufzubauen. Denn in den zwei Ländern lagern die Rohstoffe im Lehmboden, direkt unter der Oberfläche. Dort lässt sich das Material billigst abbauen, indem man eine sonst als Düngemittel verwendete Flüssigkeit in den Boden leitet und wieder abpumpt. Anderswo müssen die schweren Seltenen Erden aus felsigem Gestein gesprengt und gelöst werden, was sehr viel teurer ist.
Hier muss die Regierung mittels Anreizen jene wahrscheinlich unrentablen Bergwerke im Westen zumindest so wirtschaftlich und skalierbar machen, dass sie im Notfall schnell einspringen können. Die USA hatten das erkannt und immerhin bei leichten Seltenen Erden (Neodym) in Kalifornien den Tagebau Mountain Pass wiederbelebt, obwohl auch hier China billiger war und diesen Jahre zuvor aus dem Markt gedrängt hatte. Dass das am Ende hilft, zeigt zurzeit die Tatsache, dass China Neodym nicht unter die Exportkontrollen gesetzt hat – mutmaßlich auch, um Mountain Pass keinen Schub zu geben.
Und dann ist da die Veredelung der Materialien. Europa und Deutschland haben zugelassen, dass diese Prozesse vollständig nach China abgewandert sind und dass einst hier vorhandenes Know-how verloren ging. Das muss rückgängig gemacht werden. Deutschland und Europa brauchen eigene Verarbeitungen.
Ja, eine globale arbeitsteilige Wirtschaft ist der Idealzustand, den jeder Marktwirtschaftler anstrebt. Doch seit mindestens zehn Jahren haben sich auch dessen Risiken immer klarer gezeigt. Und natürlich sind viele der jetzt notwendigen Maßnahmen nicht einfach umzusetzen und kosten Geld. Doch ohne bestimmte Seltene Erden droht hier nicht nur der Kollaps ganzer Industrien. Es wäre auch ein Sicherheitsrisiko, das sich Deutschland und Europa heutzutage nicht leisten können.