Riedls Dax-Radar: Warum die Börsen trotz Schuldenexzess und schwachem Dollar gut laufen
In Amerika mehren sich die Anzeichen einer wirtschaftlichen Stabilisierung. Das Jobwachstum war im Juni stärker als erwartet, die Zahlen für Mai und April werden nach oben revidiert. Der Anleihemarkt reagiert prompt: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die vor wenigen Tagen bis auf 4,2 Prozent abgerutscht ist, springt auf 4,35 Prozent. Sie erreicht damit den oberen Rand ihrer kurzfristigen Abwärtsbewegung.
Dazu kommt die Unsicherheit über das gerade verabschiedete Haushaltsgesetz von Donald Trump, auf das die US-Märkte wegen des Feiertags am 4. Juli nicht direkt reagieren können. An den Futures-Börsen überwiegen moderate Abgaben bei den Aktienindizes. Der Dollar ist wenig verändert, Anleihen anderer Dollarwährungen wie zum Beispiel kanadische Staatsanleihen ziehen leicht an, die Renditen geben etwas nach. Dennoch, die Unsicherheit ist groß, ob die Entspannung am Bondmarkt, die Ende Mai begonnen hat, sich nun wieder in Luft auflöst.
Im Zuge der Schuldendebatte sind die US-Renditen von April bis Mai von 4,0 auf 4,6 Prozent gestiegen. Zugleich wuchs damit die Angst, die Kurse am Bondmarkt kippen ab und könnten die amerikanische Wirtschaft schwer belasten. Die bisherige Entspannung bei den Renditen war deshalb besonders wichtig.
Verkehrte Welt: Aktienkurse steigen auch bei steigenden Zinsen
Indes, an den Aktienmärkten vollzieht sich seit einigen Monaten eine bemerkenswerte Entwicklung. Obwohl die Renditen in den USA von April bis Mai kräftig angezogen haben, kam es in Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq zu hohen Kursgewinnen. Hintergrund dafür war die Hoffnung auf eine Entspannung in der Zollfrage. Und entgegen der typischen Erwartung, dass Aktien bei anziehenden Zinsen gedrückt werden, klettern Aktien und Renditen gleichzeitig: Der Dow Jones hat fast sein altes Hoch erreicht, S&P und Nasdaq sind dynamisch in neue Höhen vorgedrungen.
Besonders bemerkenswert ist dabei die jüngste Stärke der Technologieaktien, die vielfach als besonders zinssensitiv gelten. Diese Stärke bedeutet, dass sich die Aktienmärkte von der Zinsangst befreit haben und derzeit andere Kriterien für die Kurse entscheidend sind.
Statt der Schuldendiskussion, die in den USA ohnehin nicht die Bedeutung hat wie in Europa, werden positive Konjunktursignale für Aktien wichtiger. Und genau da passen zuversichtliche Daten von der allgemeinen Konjunktur und Indikationen über einen guten Geschäftsverlauf der Unternehmen zusammen.
Aufschlussreich ist hier die Entwicklung der Oracle-Aktie. Auf der einen Seite wird das Unternehmen durch die Megatrends Cloud und Künstliche Intelligenz beflügelt; auf der anderen Seite wird es durch die angespanntere Finanzlage, die für dieses Wachstum notwendig ist, von der Ratingagentur S&P im Ausblick von „stabil“ auf „negativ“ herabgesetzt.
Die Reaktion des Aktienkurses zeigt, was die Börsen von dieser Ambivalenz halten: Mit einem Anstieg auf bis zu 237 Dollar, einem neuen Allzeithoch und einer Verdopplung seit April – was einem Wertzuwachs von 320 Milliarden Dollar entspricht – ist Oracle seit Frühjahr eine der erfolgreichsten Aktien weltweit.
Börsen setzen auf gute Ergebnisse der anstehenden Berichtssaison
Die Diskussion über die steigende amerikanische Verschuldung verliert für die Aktienbörse ihren Schrecken. Wenn sich die Geschäftsergebnisse und Prognosen der führenden US-Unternehmen, die in den nächsten Tagen und Wochen veröffentlicht werden, als robust erweisen sollten und es dazu wie im Fall Oracles positive Geschäftsperspektiven gibt, dann dürften die US-Aktienmärkte die Hausse der vergangenen Wochen durchaus fortsetzen.
Die Fragen, ob die Fed dann auf ihrer nächsten Sitzung Ende Juli oder Mitte September die Zinsen senkt oder wie lange ihr bisheriger Chef Jerome Powell noch substanziell im Amt ist, treten dabei in den Hintergrund. Selbst die Debatte um US-Zölle und mögliche Besteuerung amerikanischer Unternehmen ist an der Börse bisher kein Hindernis für die Kurse.
Das gilt auch für die Schwäche des US-Dollars, der für die großen US-Aktiengesellschaften derzeit kein Problem ist, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Der niedrigere Dollar passt dabei nicht nur ins Kalkül von Donald Trump; er dürfte auch ein Grund dafür sein, warum amerikanische Aktien seit einigen Wochen besser laufen als europäische und deutsche Aktien.
Schwacher Dollar bremst den Dax, dreht den Trend aber nicht
Im Gegensatz zu S&P und Nasdaq hat der Dax bisher sein bisheriges Allzeithoch vom 5. Juni, das per Tagesschlussstand bei 24.324 Punkten lag, noch nicht wieder erreicht. In der gesamten Anstiegsphase seit dem 19. Juni entwickelt er weniger Dynamik als in der direkt vorangegangene Abwärtsbewegung der ersten Junihälfte. Das ist zwar kein Verkaufssignal, aber schon eine Warnung.
Verantwortlich dafür ist die fortgesetzte Schwäche einiger Indexschwergewichte. Allianz und Münchener Rück etwa stecken seit Mai in Korrekturbewegungen, die trotz der jüngsten Avancen der Indizes noch nicht abgeschlossen sind. Die Investmentbank Goldman Sachs etwa stuft die Allianz wegen ihrer fortgeschrittenen Bewertung derzeit als vergleichsweise teuer ein.
Hinter der zuletzt müden Performance der Aktie steht also eher eine Bewertungsfrage und keine operative Schwäche. Bei gut 320 Euro verläuft derzeit die 200-Tagelinie, bei 300 Euro der seit 2022 anhaltende Aufwärtstrend. Beide Linien zeigen dynamisch nach oben. Spätestens im Bereich 320 bis 330 Euro sollte die Aktie damit im Laufe des Sommers wieder nach oben drehen.
Ähnlich sieht es bei der Deutschen Telekom aus. Auch sie war bis Frühjahr Schwergewicht und Indexmotor, bevor es zu einer Korrektur kam. Grund dafür war und ist die Schwäche des amerikanischen Ablegers T-Mobile US, wichtigster Gewinnbringer im Telekomkonzern, der vor allem unter Verkäufen seines Großaktionärs Softbank leidet.
Auch bei der T-Aktie dürfte sich die Korrektur erst einmal fortsetzen. Aktuell kommt es zu Schwankungen um die 200-Tagelinie, die bei knapp 31 Euro verläuft. Der seit dem Corona-Tief anhaltende Trend wird im August 26 Euro erreichen und bis Jahresende dann knapp 28 Euro. Sollten die Korrekturen der T-Aktie ähnlich wie die in den Jahren 2021 und 2023 verlaufen, dürften dem Kurs noch einige schwankungsreiche Monate bevorstehen und danach wieder ein erneuter Anstieg.
Infineon könnte zum Vorreiter für deutsche Aktien werden
Spannend wird es um die durch die Stärke der amerikanischen Hightechs beflügelten Technologiewerte im Dax. Am weitesten ist derzeit Infineon. Von Chipunternehmen wie zuletzt Micron Technologies kamen überraschend positive Prognosen für die nächsten Monate. Auch Infineon könnte nach einigen schwächeren Quartalen den Tiefpunkt seiner operativen Gewinne erreicht haben.
Im laufenden Geschäftsjahr, das bis Ende September geht, sind nach den bisherigen Ergebnissen rund 1,3 Milliarden Euro Nettogewinn möglich. Für 2026 dann rechnen Banken im Zuge des anziehenden Chip-Zyklus mit einem Gewinnschub von mehr als 50 Prozent. Diese Perspektive ist der entscheidende Hintergrund dafür, ob der Aktie in den nächsten Wochen bei 37 bis 38 Euro der Ausbruch aus den seit 2021 anhaltenden Schwankungen gelingt. Auslöser dafür könnten gute Geschäftszahlen und Prognosen von Infineon werden, die für den 5. August angesetzt sind. Und natürlich wäre eine verträgliche Lösung bei den US-Zöllen ein Vorteil.
Fazit für den Dax: Die starke Tendenz der US-Börsen ist auch für deutsche Aktien ein gutes Umfeld. Der seit einigen Wochen schwache Dollar bremst zwar den Anstieg des Dax ebenso wie die bisherigen Korrekturen weit gestiegener Favoriten; eine Trendwende nach unten aber ist bisher nicht in Sicht.
Optimal wäre es, wenn dem Dax kurzfristig der Anstieg bis zum alten Hoch um 24.300 Punkten gelänge. Dann könnten die gesamten Schwankungen seit Mai zu einer mittelfristigen Konsolidierungszone werden, aus der sich danach wie von einer Startrampe ein zweiter, kräftiger Kursschub entwickelt. Das wäre das positive Szenario, hinter dem eine zunehmende Konjunkturerholung in den USA und in Europa steht, verträgliche Abmachungen in der Zollfrage und keine neue Eskalation im Nahen Osten oder in der Ukraine.
Sollte dieses Szenario nicht aufgehen, etwa weil Trump in der Zollfrage extrem stur bleibt, könnte dem Dax ein weiterer Abstieg bevorstehen, der in einigen Wochen womöglich das Niveau um 22.000 erreicht. Selbst dann aber hätte sich an der übergeordneten Aufwärtsbewegung, die seit 2022 besteht, nichts geändert.
Positive Signale kommen derzeit ausgerechnet von der tief gesunkenen Autobranche. Volkswagen etwa überrascht derzeit als besonders innovativ. BMW-Aktien springen regelrecht an, weil das Unternehmen in Amerika selbst stark vertreten ist und die Aktie schlichtweg günstig und hochrentabel ist.
Ohnehin haben sich die Kurse von VW und BMW in den vergangenen, für die Branche krisenhaften Monate, erstaunlich gut gehalten: BMW hat zwischen 65 und 72 Euro vier Tiefspitzen ausgebildet; bei VW sind es drei Tiefspitzen zwischen 80 und 86 Euro. Eine abgeschlossene Bodenbildung ist das in beiden Fällen noch nicht. Doch was passiert mit den Kursen, wenn die Ängste vom tiefen Fall der Konjunktur, von himmelhohen Zöllen, kollabierenden Staatsfinanzen und unverkäuflichen Autos letztlich doch nicht eintreten?
Geht es nach den Aktienmärkten, ist die Chance auf ein weiterhin gutes Jahr 2025 größer als das Risiko eines Absturzes.
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