Grenzkontrollen: „Diese Grenzkontrollen sind ein Akt der Frustration“
Als Polen vergangene Woche begann, die Grenze zu Deutschland zu kontrollieren, schlugen Branchen- und Wirtschaftsverbände Alarm: Mitarbeiter würden nicht rechtzeitig zur Arbeit kommen können; für Lkw-Fahrer fielen Überstunden an; wichtige EU-Lieferketten würden unterbrochen.
Doch nach Inkrafttreten der neuen Regelung ist die Lage entspannt. „Wir merken von den Grenzkontrollen nichts“, sagt etwa ein Sprecher der Firma Alstom, einer der führenden Hersteller für Schienenfahrzeuge mit Standorten in Görlitz und Bautzen. Die Kontrolleure würden sich an den Nummernschildern orientieren. Sei erkennbar, dass ein Auto aus der Grenzregion stammt, dürfe es problemlos passieren.
Ähnliches ist vom Industriekonzern Siemens Energy zu hören, der ebenfalls eine Produktion in Görlitz betreibt. Auch dort spüre man keinerlei Auswirkungen. Die Anzahl der polnischen Mitarbeiter sei aber auch überschaubar.
Keine Probleme beim Warenverkehr
Bezogen auf den Warenverkehr sind ebenfalls keine größeren Probleme bekannt. So teilt ein Sprecher des Logistikkonzerns Dachser mit, dass sich die Grenzkontrollen nur geringfügig auf die Lieferketten ihrer Kunden auswirkten. Weil Dachser nicht als Just-in-Time-Logistiker arbeitet, kann das Unternehmen auf Ereignisse flexibler reagieren. Der Transportkonzern Kühne und Nagel äußert sich in gleicher Weise. Weder Mitarbeiter noch Lkw, die die Grenze passieren müssen, sind beeinträchtigt.
Auch kleinere Speditionen aus Eisenhüttenstadt, Görlitz und Frankfurt an der Oder nahe Polen können ihren Betrieb ungestört weiterführen. „Unsere polnischen Jungs hatten eine längere Wartezeit schon eingepreist und konnten am Montag alle pünktlich losfahren“, sagt beispielsweise die Spedition Partnertrans-Schlesien. Der ADAC bestätigt, dass es an den Grenzen bisher zu keinen großen Verkehrsproblemen gekommen ist.
Alle Aufregung umsonst also? Auf der anderen Seite der Grenze gibt es aber durchaus Unmut über die Kontrollen. Der polnische Unternehmer Andrzej Szajna leitet als stellvertretender Geschäftsführer den Softwareentwickler Digital Technology Poland (DTP). „Diese Grenzkontrollen sind ein Akt der Frustration: erst von Deutschland, jetzt von Polen“, sagt Szajna.
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DTP hat seinen Sitz in der polnischen Kleinstadt Zielona Góra eineinhalb Autostunden östlich von Cottbus und ist mittlerweile ein Tochterunternehmen der deutschen Friedhelm-Loh-Gruppe.
Unternehmer: EU-Politik motiviert zu Alleingängen
Um den Kontakt zum deutschen Management zu pflegen, fahren Szajna und weitere Mitarbeiter wöchentlich nach Deutschland. Ursprünglich wollte er am Dienstag wieder über die Grenze. Doch aus Sorge, im Stau stecken zu bleiben, hat er den Trip um eine Woche verschoben. Szajna glaubt nicht, dass er der einzige Unternehmer ist, der seine Pläne durch die Kontrollen geändert hat. „Die Grenzkontrollen behindern den freien Verkehr der Wirtschaft“, sagt er.
Für Szajna sind die Kontrollen Folge einer schwachen EU-Migrationspolitik, die ihre Nationalstaaten zu Alleingängen motiviert. „Wir sollten uns besser auf EU-Ebene koordinieren, doch da kommen wir nicht voran“, sagt der Unternehmer.
Polen hat mit den am 7. Juli in Kraft getretenen Kontrollen auf die deutsche Politik reagiert. Bereits seit Oktober 2023 kontrolliert die deutsche Polizei stichprobenartig an der polnischen Grenze, um Asylsuchende zurückzuweisen. Die Gewerkschaft der Polizei hatte den Aufwand für die Grenzkontrollen wiederholt als unverhältnismäßig erklärt. Trotzdem hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt im Mai 2025 angekündigt, die Präsenz der Bundespolizei an den Übergängen nach Polen noch weiter zu verstärken.
Im Juni erklärte ein Berliner Verwaltungsgericht die Zurückweisung dreier Asylbewerber an der deutschen Grenze für rechtswidrig. Der Innenminister hat das Urteil bisher ignoriert. Eine verschärfte Migrationspolitik gehört zu den zentralen Versprechen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Trotz seines engen Verhältnisses zum polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk hatte man die Maßnahmen Deutschlands in Warschau als unfreundlichen Akt aufgenommen. Die polnischen Grenzkontrollen sollen aktuell bis zum 5. August befristet sein.
Zwischen Polen und Brandenburg pendeln täglich rund 14.000 Menschen. Allein im Tesla-Werk in Grünheide (Oder-Spree) sind nach Unternehmensangaben Menschen aus 150 Nationen beschäftigt – viele von ihnen kommen aus Polen.
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