Leben mit Aktien: Wie Anleger ins Wettrennen um KI-Infrastruktur einsteigen können
Lange ging es im Rennen um künstliche Intelligenz (KI) vor allem um eines: möglichst leistungsfähige Modelle zu entwickeln. Doch inzwischen verlagert sich der Fokus. Immer mehr Unternehmen investieren in die Infrastruktur hinter der KI.
Ganz vorne dabei ist OpenAI. Das Unternehmen hat sich über eine strategische Partnerschaft mit dem amerikanischen Soft- und Hardwarehersteller Oracle große Mengen an Rechenleistung gesichert. Oracle stellt im Gegenzug spezialisierte Cloud-Kapazitäten bereit – rund ein Viertel der aktuellen US-Rechenzentrumsleistung.
Der Deal ist Teil des Projekts „Stargate“: ein von US-Präsident Donald Trump initiiertes Joint Venture zur Entwicklung leistungsstarker KI. Daran beteiligt sind neben OpenAI und Oracle die japanische Holdinggesellschaft Softbank und die Investmentfirma MGX aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ziel der Kooperation ist der Aufbau großer Rechenzentren für das Training und den Betrieb von KI-Modellen. Hunderte Milliarden Dollar sollen in den nächsten Jahren in neue Rechenzentren fließen – aufgebracht primär von den an „Stargate“ beteiligten Unternehmen.
Deal or no Deal: Schicksalswochen für den Welthandel
Auch Microsoft, Google, Amazon und spezialisierte Unternehmen wie der KI-Cloud-Anbieter CoreWeave investieren massiv. Die neue Investitionsfreude ist nicht ohne Risiken: „Wenn so viele gleichzeitig in dasselbe investieren, gibt es irgendwann Überkapazitäten – und irgendwer geht kaputt“, sagt Christian W. Röhl, Chefökonom von Scalable Capital, in der aktuellen Folge des Podcasts „Leben mit Aktien“.
Die gigantischen Investitionen in KI-Infrastruktur sind eine Wette auf die Zukunft. Dass sich die Investitionen auszahlen werden, ist keineswegs Konsens. Manche Unternehmen bleiben bewusst auf Distanz. Der US-Technologiekonzern IBM etwa hält das Infrastruktur-Wettrennen für überzogen und mietet lieber Kapazitäten an, statt selbst Milliarden zu investieren. Dahinter steht die Hoffnung, dass die Kosten für die Nutzung von KI-Modellen deutlich sinken werden.
Wer wird recht behalten? Jene, die Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren – oder jene, die das ganz bewusst nicht tun? Diese Frage ist auch für Anleger relevant. Abschließend beantworten lässt sie sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Aber ein Blick auf die Strategien der Unternehmen gibt einen Eindruck davon, nach welchem Kalkül sie vorgehen.
Oracle: Rasant auf Wachstum gedreht
Lange hinkte Oracle im KI-Wettrennen hinterher. Der Konzern war ursprünglich auf Datenbank- und Unternehmenssoftware spezialisiert, entwickelte sich weiter zum Anbieter von „Software as a Service“ (SaaS) – und setzt inzwischen auf IaaS als neuen Wachstumstreiber. Hinter dem Kürzel steht für „Infrastructure as a Service“, Infrastruktur als Dienstleistung. „Das ist ein Paradigmenwechsel für Oracle“, sagt Röhl. „KI hat das Unternehmen gewissermaßen wachgeküsst.“
Der Kurswechsel zeigt sich bereits in den Zahlen: Zwischen 2012 und 2022 stieg der Jahresumsatz von Oracle nur marginal, von 37 auf 42,4 Milliarden Dollar. Seit 2022 hat sich das Blatt gewendet. Schluss mit Stagnation: In nur drei Jahren legte der Umsatz um 34 Prozent auf 57,4 Milliarden Dollar zu. Bis 2027 erwarten Analysten sogar ein Plus von mehr als 60 Prozent.
Die Frage ist, ob Oracle das rasante Wachstum stemmen kann, und mit welchen Mitteln. Der Konzern will allein dieses Jahr 25 Milliarden Dollar in neue Infrastruktur investieren – mehr, als der operative Cashflow hergibt. Es muss also Geld her. Oracle ist aber schon jetzt deutlich höher verschuldet als viele andere Techkonzerne.
Anleger betrachten den neuen Wachstumskurs bisher trotzdem wohlwollend: Die Oracle-Aktie hat von ihrem Tief im Frühjahr 2023 aus gut 80 Prozent zugelegt. „Das ist schon eine heiße Wette“, sagt Röhl. Aber der Deal mit OpenAI eröffne Oracle durchaus die Chance, in seine inzwischen reichlich hohe Bewertung hineinzuwachsen. Eine „Mondbewertung“ wie zu Zeiten der Dotcom-Blase sieht Röhl hier nicht – wohl aber die Gefahr, dass durch die Milliardeninvestitionen anderer Konzerne letztlich Überkapazitäten am Markt entstehen.
Microsoft: Neue Lust am Geldausgeben
Microsoft hat mit seiner Beteiligung an OpenAI und dem Ausbau seiner Cloud-Computing-Plattform Azure zum KI-Cluster früh auf künstliche Intelligenz gesetzt. Nun will der Konzern auch in KI-Infrastruktur investieren, und zwar in beispiellosem Umfang. Vergangenes Jahr kündigte Microsoft an, 50 Milliarden Dollar in Rechenzentren zu investieren – mehr als jeder andere Techkonzern. „Wir bauen nicht nur Rechenzentren, wir bauen eine neue KI-Infrastruktur für die Weltwirtschaft“, erklärt CEO Satya Nadella selbstbewusst.
Mit den neuen Investitionsplänen zeichnet sich, wie bei Oracle, auch bei Microsoft eine strategische Wende ab: Lange war Microsoft als ein Unternehmen bekannt (und bei Anlegern beliebt), das mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz hohe Gewinne erzielt. Angesichts der geplanten Investitionsausgaben sind diese Zeiten passé.
Anleger sehen es positiv: Die Microsoft-Aktie stieg zuletzt auf ein neues Rekordhoch und kratzte an der Marke von 500 Dollar. Investoren setzen offenbar darauf, dass die hohen Vorleistungen langfristig in Gewinne umgewandelt werden können und Microsoft zu den großen Profiteuren der KI-Infrastruktur zählt. Angesichts der Marktmacht und der Historie des Konzerns könnte dieses Kalkül aufgehen.
CoreWeave: Von Krypto-Mining zu KI
Der spezialisierte Anbieter für GPU-basierte Rechenzentren ist einer der spannendsten Neuzugänge am Markt. Gestartet im Jahr 2017 als Krypto-Mining-Unternehmen, setzt CoreWeave inzwischen auf Dienstleistungen im Bereich künstliche Intelligenz. Zuletzt sammelte das Unternehmen mehr als 8,5 Milliarden Dollar ein, um KI-Rechenzentren zu bauen.
Der Börsengang im Mai 2024 lief nicht ganz nach Plan, wurde aber nicht abgesagt, sondern durchgezogen – mit reduziertem Volumen und Preis. Seither hat sich die Aktie von CoreWeave mehr als verdreifacht. Den Rückenwind vom Kapitalmarkt nutzt das Unternehmen, um weiter zu expandieren.
Dabei setzt das Unternehmen auch auf Zukäufe. Gerade hat CoreWeave Core Scientific übernommen, einen der größten Rechenzentrenbetreiber in den USA. Dessen Rechenzentren wurden ursprünglich, wie früher bei CoreWeave, vor allem zum Schürfen von Krypto-Coins genutzt. Aber Rechenleistung für KI bereitzustellen, ist offenbar lukrativer.
CoreWeave hat mehr als elf Milliarden Dollar Schulden, bei einem Umsatz von nicht einmal zwei Milliarden Dollar im Jahr 2024. Die Aktie ist eine besonders riskante Wette auf den KI-Trend. Immerhin haben Anleger, die sich an den Titel heranwagen, einen namhaften Investor an ihrer Seite: Chipgigant Nvidia hält sieben Prozent von CoreWeave.
SAP: Kleckern statt klotzen
SAP geht einen anderen Weg als die Amerikaner. Der deutsche Softwareriese beteiligt sich nicht am Infrastruktur-Wettrüsten – und hält auch wenig von Europas Versuch, mit eigenen KI-Gigafactorys aufzuholen. „Fünf neue Rechenzentren sind nicht das, was wir brauchen“, sagte SAP-Chef Christian Klein kürzlich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Europa habe schlicht nicht die Skaleneffekte oder die Infrastruktur, um hier mit den USA oder Asien mitzuhalten. Auch die Strompreise seien nicht wettbewerbsfähig.
Die Walldorfer konzentrieren sich deshalb auf Anwendungen, die nah an den Geschäftsprozessen der Kunden sind – etwa branchenspezifische KI-Lösungen auf bestehenden Softwareplattformen. Anleger stört es zumindest nicht: Anfang 2023 stand die SAP-Aktie bei rund 95 Euro, aktuell steht sie bei 267 Euro. Das dürfte zwar eher den guten Zahlen aus anderen Geschäftsbereichen geschuldet sein. Aber: Investoren sind wohl auch nicht zwingend der Meinung, dass sich SAP engagierter ins KI-Rennen einbringen müsste.
IBM: Flexibilität geht vor
Arvind Krishna, Chef des US-Technologiekonzerns IBM, hält die milliardenschweren Investitionen in KI-Infrastruktur für überzogen: „Wir werden so viel Geld nicht investieren. Wir werden die Kapazität lieber mieten, um flexibel zu bleiben.“ Krishna geht davon aus, dass die Kosten für die Nutzung von KI-Modellen in fünf Jahren nur noch ein Prozent des heutigen Niveaus betragen werden.
Ist das nun Weitsicht oder Zweckoptimismus? Mit rund 50 Milliarden Dollar Nettoschulden wäre IBM in keiner guten Position, um viel Geld für KI auszugeben. Der Konzern versucht allerdings, aus der Not eine Tugend zu machen: Er setzt auf kleinere, branchenspezifische Modelle und hybride Cloudlösungen, bei denen ein Teil der Daten beim Kunden verbleibt.
Abgesehen von der hohen Verschuldung ist IBM finanziell recht stabil. Im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete das Unternehmen nach Ausgaben und Investitionen knapp 13 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln. Dieses Jahr dürfte der freie Cashflow ungefähr auf demselben Niveau liegen, bei einem moderaten Umsatzwachstum von vier bis fünf Prozent. IBM ist damit eine vergleichsweise defensive Wahl für Anleger, die ins Wettrennen um KI-Infrastruktur einsteigen wollen.
Mehr über die gewaltigen Investitionen der Konzerne in KI-Infrastruktur, sowie zu den Mustern hinter den Handelsabkommen mit den USA und deren Folgen für Anleger, erfahren Sie in der aktuellen Folge von „Leben mit Aktien“.
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