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GesundheitSo wird die Belegschaft leistungsfähiger

Deutschland fällt im europäischen Vergleich auf: mit hohen Krankenständen und hohen Teilzeitquoten. Was Unternehmen dagegen tun können.Lara Dehari 11.07.2025 - 19:37 Uhr
Oliver Herrmann, Head of Employee Wellbeing bei der Telekom, auf der Bühne der Work in Progress: „Wir müssen mehr über mentale Gesundheit sprechen.“ Foto: Stefanie Hergenröder

Die Deutschen sind zu faul. Das scheint Konsens zu sein in den Chefetagen, in der Wirtschaft ebenso wie in der Politik. Und diese Überzeugung fußt vor allem auf zwei Zahlen: Im europäischen Vergleich absolvieren die deutsche Arbeitnehmer deutlich weniger Wochenstunden. Auch die Krankenstände sind hoch.

Und doch ist dies nur die halbe Wahrheit, die ganze Sache deutlich komplexer.

In Deutschland sind derzeit 2,9 Millionen Menschen arbeitslos, gleichzeitig berichten 86 Prozent aller Unternehmen, dass sie keine Fachkräfte finden. Das zeigen aktuelle Befragungen. Während in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe viele Stellen abgebaut werden, wachsen andere Bereiche, beispielsweise im Gesundheitswesen oder in Teilen der Tech-Branche, stark. „Dieses Paradoxon sehen wir ganz klar in den Zahlen“, sagt Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied bei der Bundesagentur für Arbeit.

Es gebe eine Diskrepanz zwischen dem, was die Unternehmen brauchen, und den Qualifikationen, die Arbeitskräfte mitbringen. „Viele wollen Helferjobs, es werden aber eigentlich Fachkräfte gesucht.“ Deshalb gelte es Antworten auf Fragen zu finden wie diese: Wie bereiten wir die kommenden Generationen auf den Arbeitsmarkt vor? Wie können wir sie früh bei der Berufsfindung unterstützen?

„Mitarbeiter sind erstmal von Grund auf motiviert“, sagte Julia Schorlemmer, Professorin für Psychologie und Beraterin auf der Management-Konferenz Work in Progress von WirtschaftsWoche und Handelsblatt. „Niemand kommt ins Büro und sagt: Heute mache ich mal einen besonders schlechten Job.“ Ein Mangel an intrinsischer, also von innen heraus kommender, Motivation kann sie hierzulande nicht erkennen. Die Gründe für die sinkende Produktivität sind vielseitig: Manchmal sind es die Arbeitsbedingungen, manchmal die Führung, manchmal externe Faktoren wie Stress in der Familie.

Fakt ist: Unternehmen haben eine ganze Menge selbst in der Hand. Und viele Maßnahmen, die sie umsetzen könnten, sind nicht einmal teuer.

Ein anderes Verständnis von Leistung

Eine wichtige Frage: Wie messen wir eigentlich Leistung am Arbeitsplatz? Bisher zumeist über die Wochenarbeitszeit. Doch Experten sind sich einig: Das greift zu kurz, besonders in einer Wirtschaft, die sich weg von der Industrie hin zu mehr Dienstleistungen entwickelt. Was dagegen wirklich wichtig ist, sei, Arbeit grundsätzlich wieder in ein anderes Licht zu stellen, sagt Christina Diem-Puello, Geschäftsführerin des Fahrrad-Leasing-Anbieters Deutsche Dienstrad. Fehlende Motivation resultiere oft aus einem fehlenden Empfinden von Sinnhaftigkeit, sagt Diem-Puello. Arbeit soll in ihren Augen wieder der Mittelpunkt des Lebens werden, nicht eine Pflicht, der man nachkommen muss, um den Geldbeutel zu füllen.

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Ihrer Meinung reden Unternehmer und Politiker oft zu viel über kleine Hebel, die offensichtlichen werden aber nicht angetastet. „Das größte ungenutzte Potenzial in Deutschland sind Frauen“, betont Diem-Puello. Für die müsse sich Leistung mehr lohnen, etwa durch die Abschaffung des Ehegattensplitting – sie verweist auf Schwedens Erfolge – und die Rahmenbedingungen müssten sich verändern, gerade was Betreuungsangebote anbelangt. Aber auch auf Arbeitnehmerseite müsse sich etwas ändern. Fleißige Menschen gebe es in ihren Augen nicht mehr genug in Deutschland, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern.

So können Führungskräfte vorangehen

Psychologin Julia Schorlemmer sieht nicht nur die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Pflicht, mehr zu leisten. Auch Führungskräfte müssten einen besseren Job machen. Die Frage, die sie sich stellen sollten, müsse nicht sein: „Wie kann ich motivieren?“ Sondern: „Wie kann ich aufhören zu demotivieren?“ Und Schorlemmer hat auch eine Antwort darauf. Der Anspruch an Führung sei in der heutigen Zeit, individueller mit Teammitgliedern zusammenzuarbeiten, sich auf das Zwischenmenschliche zu konzentrieren, dafür vielleicht fachlich auch mal was liegen zu lassen. Also etwa mehr Gespräche zu führen als aktiv zum Output des Teams beizutragen. Eine Führungskraft, so die Beraterin, die den ganzen Tag nur in Meetings sitze, könne das kaum leisten. Doch in ihren Coachings zeige sich: die wenigsten Führungskräfte schaffen es in der Praxis, Platz für die zwischenmenschliche Arbeit zu schaffen, selbst wenn sie das eigentlich möchten.

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Der Wunsch nach Anerkennung, erläutert Schorlemmer, sei bei Mitarbeitern ein wichtiger. Teamleiter, die ihn erfüllen, motivieren ihre Mannschaft stärker. Und unterstützen sie mental. In Zeiten, in denen die  Krankmeldungen aufgrund von psychischen Beschwerden steigen, ist dies ein wichtiger Punkt.

Führungskräfte, betont Oliver Herrmann, zuständig für Employee Wellbeing bei der Telekom, sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein: Sie können einiges dazu beitragen, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren. Viele Mitarbeiter, so seine Erfahrung, würden sich nicht trauen Vorsorge- oder Unterstützungsangebote anzunehmen. Aus Angst vor Stigmatisierung oder Scham. Ein Chef, der selbst einen Kurs zum Stressmanagement belegt oder darauf achtet, im Urlaub wirklich abzuschalten, setze damit ein wichtiges Zeichen.

Diese Angebote sollten Unternehmen auf die Bedürfnisse der Belegschaft anpassen. Herrmann rät ab von Pflichtschulungen. Dagegen sei ein Gesundheitstag im Unternehmen sinnvoll. Das sei ein niedrigschwelliges Angebot – und eines mit Symbolcharakter. Es zeige: Deine mentale Gesundheit ist uns wichtig.

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