Handelskonflikt: Warum Trumps Handelsstrategie und mit ihr die Weltwirtschaft wackelt
Die Schreiben kamen mit Ansage. „Präsident Trump wird Briefe an einige unserer Handelspartner schicken, in denen er ihnen mitteilt, dass sie am 1. August wieder zu den Zöllen vom 2. April zurückkehren werden, wenn sie sich nicht bewegen“, so US-Finanzminister Scott Bessent Anfang Juli. „Ich denke also, dass wir sehr schnell eine Reihe von Abkommen sehen werden.“ Die Verhandlungsstrategie der US-Administration beschrieb er mit nur zwei Worten: maximaler Druck.
Zumindest in dieser Frage hielt Donald Trump Wort. In der vergangenen Woche begann das Weiße Haus, mit Drohungen gespickte Briefe an enge Verbündete der Vereinigten Staaten zu schicken, um den teils seit Monaten laufenden Handelsgesprächen einen finalen Push zu geben.
Welcher Logik die Auswahl der Empfänger der ersten 25 Drohschreiben folgt, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Kanada und Mexiko, die über ein von Trump ausverhandeltes Freihandelsabkommen mit den USA verbunden sind, erhielten entsprechende Nachrichten. Das Gleiche gilt für die EU, mit der die Vereinigten Staaten ein großes Handelsdefizit verbuchen, sowie für Brasilien, mit dem die Amerikaner einen Handelsüberschuss ausweisen. Eine klare Linie ist damit nicht erkennbar. Klar ist nur eins: Die Zeit drängt.
In etwas mehr als zwei Wochen läuft die von Trump verkündete Aussetzung der von ihm am sogenannten „Liberation Day“ verhängten Zölle aus. Spätestens dann könnten die USA weite Teile der Welt mit teils horrenden Importaufschlägen belegen – und damit die Weltwirtschaft ins Taumeln bringen. Mit dieser Drohung hatte der Republikaner bereits im April versucht, Amerikas Handelspartner an den Verhandlungstisch zu holen – eine riskante Strategie, die sich allerdings auszahlen würde, versprach die Administration.
Handelsminister Howard Lutnick versprach „90 Deals in 90 Tagen“. Trump selbst verkündete zeitweise, bereits 200 Handelsabkommen geschlossen zu haben. Mehr, als es Länder auf dem Planeten gibt. Doch heute, da die erste Aussetzungsfrist bereits abgelaufen ist, fällt die Bilanz deutlich bescheidener aus.
Drei statt 90
Gerade einmal drei Abkommen konnte das Weiße Haus bislang verkünden. Und deren Inhalt enttäuschte so manchen Handelsexperten. Viel mehr als Rahmenpapiere seien nicht zustande gekommen, heißt es. Zwischenschritte, aus denen sich womöglich noch etwas entwickeln könnte, aber keine großen, transformativen Deals.
Beispiel Vereinigtes Königreich: Der Sonderzoll in Höhe von zehn Prozent, den die Trump-Administration im April auf Exporte aus Großbritannien und Nordirland verhängt hatte, bleibt weitestgehend in Kraft. Aber es gibt Ausnahmen. Britische Flugzeugteile sind jetzt von den Aufschlägen ausgenommen – ein wichtiger Erfolg für London. Auch senkte das Weiße Haus die Zölle auf die ersten 100.000 Autos aus britischer Produktion, die in die USA verschickt werden, von 27,5 Prozent auf zehn Prozent. Zudem strich Washington die Zölle auf Stahl und Aluminium aus dem Vereinigten Königreich. Im Gegenzug strich London die Zölle auf amerikanisches Ethanol und senkte die Aufschläge auf Rindfleisch. Ein umfassendes Abkommen ist das nicht – zumal die Details dieser Vereinbarung längst nicht feststehen.
Immerhin: Trump und der britische Premierminister Keir Starmer sind sich einig über den Inhalt des Abkommens. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt das Beispiel Vietnam. Anfang Juli verkündete der US-Präsident auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social, dass sich die USA mit der Volksrepublik über einen Handelsvertrag geeinigt hätten. Die US-Zölle, die das Weiße Haus im April verhängt hatte, würden damit von 46 Prozent auf 20 Prozent gesenkt werden, während amerikanische Waren zollfrei nach Vietnam geschickt werden könnten.
Das, wiederum, war eine Überraschung für die Regierung in Hanoi. Dort hatte man sich auf Aufschläge in Höhe von rund elf Prozent auf vietnamesische Exporte eingestellt. Hinzu kommt, dass Trump auch einen Aufschlag von 40 Prozent auf Waren verkündete, die womöglich in anderen Ländern als Vietnam ihren Ursprung hatten – eine Provision, die gegen China gerichtet scheint. Doch welche Produkte davon genau betroffen sein werden, ist völlig unklar. Entsprechend groß ist die Verunsicherung – zumal Details zu dem vermeintlichen Abkommen bislang noch nicht veröffentlicht wurden. Auch eine offizielle Bestätigung aus Hanoi steht noch aus.
Womit wir beim dritten – und vermeintlich wichtigsten – Abkommen der vergangenen 90 Tage wären: dem mit China. Zeitweise hatten sich Washington und Beijing mit absurd hohen Zöllen belegt, Raten, die in den Worten von Finanzminister Bessent eher einem „Embargo“ näherkamen als einem Handelsdisput.
Zumindest diese Eskalationsspirale scheint durchbrochen. In den vergangenen Monaten meldeten beide Seiten regelmäßig Durchbrüche in den Gesprächen. Derzeit verhängt China Zölle in Höhe von zehn Prozent auf US-Importe, während die Vereinigten Staaten chinesische Einfuhren mit Aufschlägen von 30 Prozent belegt.
Auch in anderen Fragen gibt es Fortschritte: So erklärte sich Beijing bereit, den Kauf von Seltenen Erden durch US-Unternehmen nicht länger zu blockieren, die USA lockerten ihre Exportkontrollen. Es gibt also durchaus Fortschritte zu verzeichnen. Trotzdem sind die Handelsbeziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt heute schlechter als sie es vor Trumps Amtsantritt waren.
Vereinigtes Königreich, Vietnam, China: Selbst die drei Erfolge, auf die das Weiße Haus verweist, weisen bei näherer Betrachtung Lücken auf. Und mit dem Rest der Welt stocken die Verhandlungen. Kein Wunder also, dass Trump es jetzt mit Druck versucht. „Die Deals sind schon gemacht“, so der Präsident am Montag. „Die Briefe sind die Deals“.
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