Erholung im Urlaub: Warum ein Tag am Strand nicht das Wohlbefinden verbessert
WirtschaftsWoche: Herr Grant, Sie haben kürzlich untersucht, wie sich Urlaub auf das Wohlbefinden auswirkt. Muss man das wirklich erforschen? Ist Urlaub nicht per Definition erholsam?
Ryan Grant: Tatsächlich ist sich die Forschung in der Frage uneins, wie erholsam Urlaub wirklich ist. Vor mehr als 15 Jahren kam eine ähnliche Metaanalyse wie unsere zu dem Schluss, dass ein Urlaub nur kleine Vorteile für das Wohlbefinden bietet. Und die verpuffen schnell, sobald man wieder daheim ist. Die Meta-Analyse damals hatte nicht so viele Studien zur Verfügung wie unsere. Wir konnten Urlaube also detaillierter untersuchen. Und: Viele Studien haben das Wohlbefinden damals vor und nach dem Urlaub gemessen – nicht aber währenddessen. Wir wollten die Fragen, wie förderlich Ferien für Gesundheit und Zufriedenheit sind und ob es sich lohnt, Urlaub zu nehmen, präziser beantworten. Immerhin ist das ein sehr aktuelles Thema.
Inwiefern?
Hier in den USA beobachten wir, dass sich Beschäftigte immer weniger Urlaub nehmen. Gleichzeitig sehen wir, dass weltweit der Stress und die Arbeitsanforderungen zunehmen. Menschen bräuchten also mehr Pausen, um sich zu erholen. Aber sie nehmen weniger in Anspruch, wenn sie diese am meisten bräuchten.
Was zeigt Ihre Forschung? Wie wichtig sind Urlaube?
Wir haben festgestellt, dass sie das Wohlbefinden vor allem während des Urlaubs stark steigern. Nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz nimmt die Entspannung zwar ab – aber nicht so stark, wie bisher angenommen. Unsere aktuellen Daten deuten darauf hin, dass das Wohlbefinden 43 Tage nach der Rückkehr zur Arbeit wieder auf das Vor-Urlaubs-Niveau zurückkehrt.
Welche Rolle spielt die Vorfreude auf einen Urlaub?
Das konnten wir nicht ermitteln, weil uns die Studien dazu fehlen. Aber: Es gibt zwei Studien, die sich mit dieser positiven Erwartungshaltung in der Zeit vor einem Urlaub befasst haben. Bei der einen zeigte sich, dass das Wohlbefinden kurz vor dem Urlaub sogar abnimmt. Das könnte daran liegen, dass man sich um die Planung der Anreise kümmern muss und gleichzeitig noch arbeitet. Die andere Studie hat feststellen können, dass die positiven Emotionen vor einem Urlaub ansteigen. Abschließend ist diese Frage in der Forschung aber nicht geklärt.
Was sollte ich bei der Urlaubsplanung beachten, um besonders erholt zurückzukommen?
Die größte Rolle spielte in unserer Studie der gedankliche Abstand zum Job. Das war der einzige Faktor, der sowohl während des Urlaubs als auch unmittelbar nach der Rückkehr mit einem stärkeren Wohlbefinden einherging. Es ist wirklich wichtig, während des Urlaubs nicht über die Arbeit nachzudenken. Das ist in einer Welt, in der wir dank SMS, E-Mails, Teams oder Slack ständig erreichbar sein könnten, natürlich schwierig.
Was hilft denn?
Ich würde empfehlen, alles zu vermeiden, was Sie an die Arbeit denken lässt. Kommunizieren Sie nicht mit Kollegen, erledigen Sie keine Arbeit, checken Sie Ihre E-Mails nicht. Wenn Sie selbst nicht im Urlaub sind, dann kontaktieren Sie nicht die Kollegen, die freihaben. Wenn Sie im Urlaub zu viel an die Arbeit denken, ist das, als wären Sie gar nicht im Urlaub: Ihr Gehirn und Ihr Körper können nicht unterscheiden, ob Sie im Urlaub oder bei der Arbeit sind. Die Erholung setzt nicht ein.
Was sollte ich im Urlaub selbst noch beachten?
Wir haben festgestellt, dass körperliche Aktivität am stärksten mit einem gesteigerten Wohlbefinden während des Urlaubs einherging. Also eine Runde Fahrradfahren, eine Wanderung, stundenlanges Sightseeing. Auch soziale Aktivitäten wie ein Essen mit Freunden sind gut, aber nicht so sehr wie die körperlichen Aktivitäten. Bei Entspannung konnten wir gar keinen Zusammenhang zum Wohlbefinden feststellen. Sie war weder gut noch schlecht.
Warum das?
Ein Grund dafür könnte sein, dass man im Urlaub für eine Weile vom Arbeitsstress befreit ist, mehr Energie hat, sodass man diese Zeit wahrscheinlich lieber mit sozialen oder aktiven Dingen verbringt oder tatsächlich etwas unternimmt, anstatt den ganzen Tag am Strand zu sitzen. Ich sage nicht, dass es schlecht ist, den ganzen Tag am Strand zu sitzen. Das ist völlig in Ordnung. Aber wir haben festgestellt, dass es nichts am Wohlbefinden ändert.
Wenn ich nur am Strand liege, ist es leichter, an die Arbeit zu denken.
Ja, es gibt Studien, die zeigen, dass körperliche Aktivitäten im Alltag dazu beitragen, sich besser zu entspannen und einen psychologischen Abstand zu der Arbeit zu gewinnen.
Wie lang sollte der optimale Urlaub dauern?
Wir haben herausgefunden, dass das Wohlbefinden der Studienteilnehmer stärker stieg, je länger sie im Urlaub waren. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Bei Menschen, die einen längeren Urlaub machten, ging das Wohlbefinden stärker und schneller zurück, nachdem sie wieder zur Arbeit zurückgekehrt waren. Dessen sollte man sich bewusst sein.
Kann ich diesen Effekt hinauszögern?
Planen Sie nach dem Urlaub eine Pufferzeit von zwei oder drei Tagen ein, ehe Sie wieder zur Arbeit gehen, um sich wieder an das normale Leben zu gewöhnen. Bei einem langen Urlaub gewöhnen Sie sich an die positiven Erfahrungen, an das geringe Stresslevel. Kommen Sie dann am Sonntagabend am Flughafen an und müssen am nächsten Tag direkt wieder an den Schreibtisch, ist das ein viel größerer Schock. Weil die Arbeitsumgebung ganz anders ist als die positiven Erfahrungen, an die Sie sich während eines Urlaubs gewöhnen. Das wäre eine Strategie.
Welche Lehren hält Ihre Studie für Firmen bereit?
Unternehmen sollten eine Kultur schaffen, die Urlaube fördert. Menschen dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie dafür bestraft oder negativ bewertet werden, wenn sie Urlaub nehmen. Vorgesetzte und Kollegen sollten nicht mit Urlaubern über Dinge sprechen oder schreiben, die etwas mit der Arbeit zu tun haben. Führungskräfte können Vorbilder sein, indem sie ihren gesamten Urlaub auch in Anspruch nehmen und während ihres Urlaubs auch wirklich abschalten – und nicht ins Tagesgeschäft eingreifen oder ihre Erreichbarkeit demonstrieren. So könnten auch andere Mitarbeiter im Unternehmen Verhaltensweisen an den Tag legen, die Ihnen helfen, Ihren Urlaub optimal zu nutzen und wirklich abzuschalten.
Spielt denn die Anzahl der Urlaubstage eine Rolle?
Ja. Wir haben festgestellt, dass Beschäftigte in Ländern mit mehr vorgeschriebenen Urlaubstagen einen größeren Anstieg des Wohlbefindens verzeichneten. Also etwa in Dänemark und Schweden, wo den Beschäftigten vergleichsweise viele Urlaubstage zustehen. Wir hatten eigentlich die gegenteilige Hypothese aufgestellt: Dass Länder mit weniger Urlaubstagen mehr davon profitieren würden, weil diese eher als etwas Seltenes und Besonderes angesehen werden. So ist es aber nicht. Wir haben hier in den USA ja etwa keinen gesetzlichen Mindestanspruch auf Urlaubstage.
Wo haben Sie Ihren letzten großen Urlaub verbracht?
Ich war über die Weihnachtstage mit meiner Verlobten und der Familie einige Wochen in Italien: in Rom und in Florenz. Das war mitten in einer sehr intensiven Arbeitsphase, aber es war sehr erholsam und wohltuend. Ich habe die Ergebnisse unserer Studie in der Praxis umgesetzt und die gesamte Zeit über nicht an die Arbeit gedacht.
Planen Sie Ihre Urlaube jetzt anders mit all dem Wissen aus der Forschung?
Ja, ich werde mir in Zukunft definitiv einen Puffer zwischen Rückreise und erstem Arbeitstag gönnen und dafür sorgen, dass ich so gut wie möglich von der Arbeit abschalte.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im Juli 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.
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