Weltordnung im Wandel: Europas strategische Bewährungsprobe
Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden geopolitischen und geoökonomischen Wandel. Mit den Machtverhältnissen verschieben sich auch die Spielregeln der internationalen Ordnung. Inmitten dieser Umbrüche wirkt die deutsche Politik mitunter so, als klammere sie sich an vertraute Muster und handele weniger aus strategischer Überzeugung – möglicherweise aus dem Bestreben, kurzfristig Zustimmung in der Bevölkerung zu sichern.
Doch das bisherige Koordinatensystem – geprägt von westlicher Dominanz, verlässlichen Märkten und stabilen Partnerschaften – existiert in dieser Form nicht mehr. Der Wandel ist nicht neu: Die globalen Kräfteverhältnisse verschieben sich seit Jahren sichtbar. Während Europa und die USA in den 1960er Jahren noch rund 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung stellten, liegt ihr Anteil heute bei etwa 40 Prozent – Tendenz sinkend.
Unter diesen Bedingungen ist die Hegemonie der USA nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Vereinigten Staaten fordern daher seit Jahren mehr sicherheitspolitisches Engagement von ihren europäischen Partnern. Die globale Neuordnung zeigt sich mittlerweile in vielfältigen Entwicklungen – von regionalen Kriegen über zunehmende Handelskonflikte bis hin zur Erosion multilateraler Institutionen.
Schwellenländer, allen voran China, sind wirtschaftlich und militärisch auf Aufholjagd. Viele – insbesondere asiatische – Länder werden folgen. Ihre Wirtschaftsleistung steigt ebenso wie ihre Technologiekompetenz. Staaten, die lange als kostengünstige Produktionsstandorte und Wachstumsmärkte dienten, entwickeln sich zunehmend zu ernstzunehmenden Wettbewerbern – wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch. Die Wirtschaftsbeziehungen mit ihnen bleiben aber zentral für Europas wirtschaftliche Prosperität und für die Lösung gemeinsamer Probleme, etwa beim Klimaschutz.
Russland und auch der Nahe Osten rüsten auf. Ein simpler Vergleich der Militärausgaben trügt, denn das gleiche Budget übersetzt sich in diesen Ländern in deutlich mehr militärische Schlagkraft. Die Stärke wird nicht nur militärisch ausgespielt. Immer erfolgreicher zielt die Propaganda – etwa über die sozialen Medien – darauf ab, den westlichen Rückhalt innerhalb der demokratischen Staaten zu schwächen.
Während die Ukraine kommunikativ oft erfolgreich dagegenhält und die westliche Unterstützung weitgehend Bestand hat, fehlt es im Fall Israels zunehmend an strategischer Klarheit. Dabei ist Israel nicht nur ein demokratischer Partner, sondern ein sicherheitspolitisch zentraler Akteur im Nahen Osten – auch im Interesse Europas. Wer in geopolitischen Kategorien denkt, sollte bereit sein, solche Partnerschaften auch dann zu stützen, wenn sie politisch oder kommunikativ herausfordernd sind. Europas Glaubwürdigkeit als geopolitischer Akteur bemisst sich auch daran, ob es seine Partner nicht nur rhetorisch, sondern konkret und verlässlich unterstützt – selbst in komplexen Konfliktlagen.
In den westlichen Demokratien kommt es regelmäßig zu einem Aufschrei, wenn existenziell bedrohte Länder strategisch für ihre Interessen eintreten. Viele Gesellschaften im Westen tun sich schwer mit Ambivalenz und Härten, die sicherheitspolitisch notwendig sein können. Polarisierung und moralische Überforderung treffen auf gezielte Desinformation durch russische und islamistische Propaganda. Diese hat es perfektioniert, die Empörung gezielt dorthin zu lenken, wo sie dem Kampf gegen den aufgeklärten Westen dienlich ist.
Die wenigen Beispiele illustrieren: Die Phase relativer geopolitischer Stabilität und wirtschaftlicher Sicherheit, von der Europa jahrzehntelang profitierte, ist beendet. Es ist höchste Zeit für eine geopolitische und geoökonomische Strategie, die diesen Wandel ernst nimmt – und ihm nicht mit Illusionen begegnet. Drei Elemente sind für Europa zentral: wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und internationale Partnerschaften.
Erstens: Wirtschaftskraft. Europa wird nur dann international mitgestalten können, wenn es gelingt, Wachstum neu zu entfachen – nicht auf Pump und nicht durch Umverteilung, sondern durch Abbau hemmender Regulierung, die Schaffung eines attraktiven Umfelds für Unternehmen sowie öffentliche Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Bildung. Nur wenn Europa seine eigene Wirtschaftskraft ins Zentrum stellt, wird es den globalen Herausforderungen auch politisch gewachsen sein.
Zweitens: Technologieführerschaft. Europa muss sein Technologiepotenzial voll ausspielen und dabei mit seinen Partnern kooperieren. Dazu gehören insbesondere auch Israel und die Ukraine, die große Stärken im militärischen Bereich entwickelt haben, von denen wir lernen können. Regulatorische Hemmnisse müssen beseitigt werden und die Forschungsstrategie sollte mehr auf den Hochtechnologiebereich abzielen (nach dem Prinzip „High Risk – High Return“). Regulatorische Hemmnisse für den technischen Fortschritt, etwa bei Gentechnik, Nukleartechnik oder KI, müssen konsequent abgebaut werden.
Drittens: die EU stärken. Zu oft wird die EU in Frage gestellt. Aber kein Mitgliedstaat hat in dieser Transformationsphase die Zeit oder die Kraft, um außerhalb der Gemeinschaft besser zu bestehen als im Verbund. Es ist daher das Gebot der Stunde, in wichtigen Bereichen wie Verteidigung, Forschung, Kapitalmarkt und Binnenmarkt gemeinsam voranzugehen und darüber hinaus die Regulierungsdichte deutlich zu reduzieren.
Viertens: strategische Allianzen. Europa wird perspektivisch von Importen abhängig bleiben, etwa bei Rohstoffen oder bei Energie. Daher gilt es, zu diversifizieren und gezielt Handelsbeziehungen mit Ländern in Asien, Lateinamerika und Afrika auszubauen. Rohstoffpartnerschaften, Investitionen in kritische Infrastrukturen und Gegenseitigkeit müssen Leitlinien der Außenwirtschaftspolitik werden. Der europäische Protektionismus, etwa im Agrarbereich, und die Überfrachtung von Handelsabkommen mit dem Export unserer Wertvorstellungen und Regulierung sollten aufgegeben werden.
Eine strategisch ausgerichtete Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik ist in Zukunft unverzichtbar. Handelsbeziehungen mit gleichgesinnten Demokratien in Südamerika, Afrika oder Asien können nicht nur wirtschaftlich stabilisierend wirken, sondern auch zur geopolitischen Resilienz beitragen. Der Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist dabei ein zentraler Hebel, um mittelfristig die wirtschaftliche Macht zugunsten der westlichen Demokratien und ihrer Partner ausgewogener zu verteilen – und so auch Einfluss auf die Gestaltung der künftigen Weltordnung zu nehmen.
Gerade im Verhältnis zu Afrika ist ein strategischer Neustart überfällig: Statt paternalistischer Ansätze braucht es echte Partnerschaften – etwa bei Energie, Migration und Digitalisierung. Europa darf das Feld nicht länger China überlassen.
Schließlich sollte Europa seine Handlungsfähigkeit auch nutzen, um globale öffentliche Güter aktiv zu gestalten – etwa im Klimaschutz. Da die USA sich zunehmend aus dieser Rolle zurückziehen, liegt es an Europa, internationale Institutionen zu stärken und Kooperationen mitzugestalten.
Die vor Europa liegenden Aufgaben sind gewaltig – einfache Antworten gibt es nicht. Wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität, strategische Allianzen: All das sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern ambitionierte Ziele, die konsequentes Handeln, politisches Durchhaltevermögen und Risikobereitschaft verlangen. Noch fehlt es vielerorts an der Bereitschaft, klare Prioritäten zu setzen – und an der Ehrlichkeit, den Bürgerinnen und Bürgern die Tiefe des Umbruchs offen zu vermitteln.
Doch wer jetzt zögert oder sich mit symbolischer Politik begnügt, riskiert nicht nur den Verlust an globalem Einfluss. Europa droht, wirtschaftlich abgehängt, sicherheitspolitisch abhängig und geopolitisch marginalisiert zu werden – getrieben und möglicherweise zerrieben von den Entscheidungen anderer, statt selbst gestaltend zu wirken. Die Welt sortiert sich neu – mit oder ohne Europa.
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